Swimmingpool am Golan (Regisseurin Esther Zimmering ist heute Abend zu Gast)

  Dienstag, 05. Oktober 2021 - 19:00 bis - 21:30

 

 

 

In Kooperation mit der
Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Celle e.V.
sowie der
Jüdische Gemeinde Celle e.V.

Deutschland 2018
Kinostart: 21. November 2019
93 Minuten
FSK: ab 0; f

Regie: Esther Zimmering
Drehbuch: Friederike Anders · Ruth Olshan · Esther Zimmering 
Kamera: Börres Weiffenbach   
Musik: Matija Strnisa 
Schnitt: Friederike Anders
Produzent: Paul Zischler und Susanne Man

Filmwebseite, Wikipedia, Presseheft  
alle Daten zum Film auf Filmportal.de sowie auf crew united   

Kritiken:
Kritik von Alexandra Wach im Filmdienst (4 von 5 Sternen)
  
Kritik von Lisa-Marie Krosse auf Literaturkritik.de
Kritik von Simon Hauck auf Kino-Zeit.de
Kritik von Luisa Beljan auf Filmrezensionen.de
Kritik von Katharina Granzin in der taz
Kritik von Martin Ramm auf Filmstarts.de
Kritik von Rüdiger Suchsland in der Berliner Zeitung

Interview von Frank Junghänel mit Regisseurin Esther Zimmering in der Berliner Zeitung


Trailer (138 Sekunden):



3 SAT Kulturzeit Kinotipp (59 Sekunden):


 

ausführliche Kritik Filmdienst  

Die Schauspielerin Esther Zimmering begibt sich auf die Suche nach ihrer bislang gänzlich unbekannten jüdischen Verwandtschaft in Israel.

Neun Jahre hat die Fertigstellung dieses Debütfilms gedauert. Die Regisseurin, die Schauspielerin Esther Zimmering, nutzte diese Zeit, um für ihren autobiografischen Dokumentarfilm tief in die Historie ihrer Familien einzutauchen, die ihr bis zu ihrem zwölften Lebensjahr nur in Ansätzen bekannt war. Der Fall der Mauer ließ nicht nur das Land ihrer Kindheit verschwinden. Es konfrontierte sie auf dem Schulhof auch mit Rechtsradikalen, die ihr plötzlich ihre jüdische Herkunft vorhielten.

Das war Grund genug, um an ihren Vater und dessen Schwester Fragen zu stellen, die in der DDR als Kinder eines linientreuen Kommunisten Karriere gemacht haben, als Militärmediziner und Dolmetscherin. Immerhin waren sie souverän genug, das Regime zu hinterfragen, das ihnen den Umgang mit der letzten Überlebenden der Familie untersagte. Dieser jüdische Familienzweig ist es, der im Zentrum von Zimmerings Recherche steht. Ihre nicht-jüdische Mutter taucht nur auf wenigen Foto- und Filmaufnahmen auf.

Turbulente Epoche vor dem Weltkrieg

Je länger die Schauspielerin dabei den Spuren einzelner Verwandter folgt, desto klarer zeichnet sich das Bild einer turbulenten Epoche am Vorabend des Zweiten Weltkriegs ab, in der sich zwei befreundete Berliner Cousinen, die beide in linken Jugendgruppen organsiert waren, für Jahrzehnte aus den Augen verloren. Zimmerings Großmutter Lissy flüchtete 1939 als 19-jährige Betreuerin eines der letzten Kindertransporte nach England. Der Rest der Familie wurde wenige Zeit später nach Auschwitz deportiert.

In London lernte sie Josef Zimmering kennen, den späteren ständigen Vertreter der DDR bei der UN-Wirtschaftskommission für Europa in Genf. Nach einer schweren Migrationszeit in Palästina, wo Zimmering als Kommunist misshandelt wurde, betrachtete er die DDR als Land, das dem neu gegründeten, von den US-Amerikanern unterstützen Israel vorzuziehen sei, und auch ideologisch verteidigt werden musste, selbst wenn das hieß, dass er jeden privaten Kontakt nach Israel zu unterlassen hatte.

Lissys Cousine Lore vertrat hingegen die zionistische Linie. Nach 1933 flüchtete sie in die Niederlande, wo sie im Widerstand kämpfte. Um nicht verhaftet zu werden, floh sie weiter nach Palästina. Sie ließ sich in einem Kibbuz auf den Golan-Höhen nieder und baute mit ihrem ebenfalls deutschen Mann das bis dahin nicht besiedelte Stück Land nach sozialistischen Prinzipien auf.

Großfamilie im Gemeinschaftspool

Nach der Wende besuchte Esther Zimmering ihre Großtante mehrfach und genoss hier mit ihrer neuen Großfamilie den großen Gemeinschaftspool. Sie konnte später auch einen von Lores Enkeln nach Berlin locken, wo sie gemeinsam das Familiengrab auf dem jüdischen Friedhof Weißensee besuchten.

Die Kamera dient Zimmering immer wieder als eine Art Tagebuch, dem sie ihre Gefühle und Einschätzungen anvertraut, wenn sie etwa darüber sinniert, dass sie einen Israeli heiraten müsste, um im Land leben zu können, denn mit ihrer nicht-jüdischen Mutter spricht man ihr die Zugehörigkeit zum Judentum ab. Reisebilder wechseln in der ruhigen Montage mit alten Fotos, Schriftdokumenten und Interviews unter Familienmitgliedern. Über weite Strecken werden die Bilder von israelischer Popmusik untermalt, in der deutsche Sprachfetzen zu hören sind.

Am Ende entscheidet sich Zimmering, in Berlin zu bleiben, weil Israel immer mehr nach rechts rückt und einer von Mauern umgrenzten Festung gleicht. Durch ihr Engagement für Flüchtlinge lernt sie einen Ghanaer kennen und bekommt mit ihm ein Kind. Zu dritt besuchen sie ein letztes Mal die israelische Verwandtschaft, um die nächste Generation vorzustellen.

Eine Fundgrube deutscher Lebensläufe

„Swimmingpool auf dem Golan“ ist eine Fundgrube deutscher Lebensläufe aus der Perspektive einer sich entfremdeten Familie. Zimmerings Motiv ist persönlich; sie will wissen, wer all diejenigen waren, die ihr Vater früher nie erwähnt hat. Das Ergebnis überschreitet allerdings die Grenze des Privaten. Es ist die Würdigung von Existenzen, die von dem Willen zum Überleben geprägt waren und die Verhältnisse schaffen wollten, in denen eine erneute Verfolgung nicht mehr möglich wäre.

Dass Zimmerings Vater irgendwann resigniert eingesteht, dass so viel schiefgegangen sei, auch in Israel, wo die Kibbuz-Idee in eine Krise geraten ist, lässt sich als eine späte Bilanz gescheiterter Utopien lesen – und auch der mitschwingenden Sorge, dass die Kämpfe der Vorfahren vielleicht vergeblich gewesen sind. Was das für die Zukunft bedeutet könnte, spart Zimmering aus. Sie bleibt dem Jetzt verhaftet und löst die gegenwärtigen Spannungen der deutschen Gesellschaft auf ihre Art.

Mehr als eine Geschichtslektion

Mit den über Zeiten und Länder weit verzweigten Strängen skizziert Zimmering unverstellt und mit Mut zur Intimität, wie sich während der Dreharbeiten ihre eigene euphorische Sicht auf Israel verändert hat und wie sie gereift ist, inklusive dem Wunsch nach Sesshaftigkeit und der eigenen Familiengründung.

Vor dem Hintergrund des Holocausts und des in Europa neu aufkommenden Antisemitismus gewinnt diese jugendlich zarte Identitätssuche eine berührende Wärme. Und bietet Stoff für mehr als nur eine Geschichtslektion.


Eine Kritik von Alexandra Wach