Block 10

  Donnerstag, 03. Dezember 2026 - 19:30 bis - 21:15
Kategorien: Historienfilm, Camino, Scope, NS
Treffer: 29

 

Eintritt: 7,50 Euro

Deutschland 2026   
Kinostart: 5. November 2026 
108 Minuten
FSK: ab 16 Jahren

Regie: Marcus O. Rosenmüller 
Drehbuch und Produzent: Alice Brauner 

Darsteller: 
Christian Berkel (Dr. Maximilian Samuel) · Axel Prahl (Prof. Dr. Carl Clauberg) · Bibiana Beglau (Dr. Adélaïde Hautval) · Moritz Führmann (Dr. Eduard Wirths) · Johannes Zirner (Dr. Horst Schumann) · Talia Dogan (Bella Mellach) · Voula Doulgkeridou (Aliza Tsarfati) · Lydia Georgantzi (Riketta Aji) · Lena Kalisch (Hanna Ajasch) · Nilofar Khodabakhshi (Buena Bitran) · Milena Straube (Gilda Thirmin) · Marta Sroka (Dr. Alina Brewda) · Michelle Twarowska (Felicja Pleszowska) · Luise Aschenbrenner (Sylvia Friedmann) · Anežka Rusevová (Margit Neumann) · Rafael Stachowiak (Dr. Władysław Dering) · Katharina Dalichau (Hedwig Samuel) · Lea Fassbender (Sara Mayzel) · Gonny Gaakeer (Branco von Thijn) · Robert Besta (Pjotr) · Eef Andriessen (Schewa Melzer) · Olivia Lina Gasche (Rosa Lewi) · Laura Schwickerath (Renée Kraemer) · Ariella Hirshfeld (Hadasa Lerner) · Till Wonka (SS-Sturmbandführer Wagner) · Jörn Hentschel (Engelbrecht) · Robert Schupp (Dr. Johannes Goebel) 
 
Filmwebseite, Wikipedia 
Pressespiegel auf der Seite der Produktionsfirma CCC Cinema und Television GmbH (Berlin)
alle Daten zum Film auf Filmportal.de  

Gedanken zum Film auf Basis der hier verlinkten Filmkritiken: 

 

Kritiken: 
Kritik von Gerhard Midding für EPD-Film (4 von 5 Sternen)
Kritik von Lukas Foerster für den Filmdienst (3,5 von 5 Sternen) 
Kritik von Markus Solty  für Filmrezensionen.de (7 von 10 Sternen) 
Kritik von Susanne Gietl auf Filmstarts.de (4,5 von 5 Sternen) 
Kritik von Stefan Otto für Kino-Zeit.de (3,5 von 4 Sternen) 
Kritik von Thomas Schultze für The Spot 
Kritik von Michael Meyns für Programmkino.de 
Kritik von Rüdiger Suchsland für artechock film 
Kritik von Rüdiger Suchsland für SWR-Kultur 
Kritik von Peter Zander für die Berliner Morgenpost (Bezahlschranke)
Kritik von Christian Schröder für den Tagesspiegel 
Kritik der dpa 
Kritik von Jörg Brandes für die Cellesche Zeitung (HAZ/RND) (4 von 5 Sternen)

WDR-Westart zum Film (4 Minuten) 

Artikel von Katja Iken über Erna Hoffmann für den Spiegel 

Artikel von Hans-Georg Rodek für die Welt: "Ein virtuelles Auschwitz"

rbb-Kultur zum Film 

Jüdische Allgemeine: Filmproduzentin Alice Brauner: Die Erinnerungskultur ist gescheitert 

Interview von Susanne Hermanski mit Alice Brauner für die Süddeutsche Zeitung: 
„Ich muss diesen Film in aller Härte machen“
 
Trailer (121 Sekunden):  

  

Interview mit Regisseur Marcus O. Rosenmüller (12 Minuten):  
 

Interview mit den Produzenten Alice Brauner & Michael Zechbauer (19 Minuten):  


Ausführliche Kritik von Lukas Foerster für den Filmdienst: 

Historiendrama um einen Bereich des Konzentrationslagers Auschwitz, in dem die Nazis grausame Zwangssterilisierungen an jüdischen Frauen durchführen und einen jüdischen Arzt zur Beteiligung zwingen. 

Carl Clauberg schäumt. Schon im „Ruhezustand“, wenn er denn einen hat, neigt der korpulente Gynäkologe zum hektischen Hyperventilieren. Wenn dann auch noch irgendetwas nicht genau so läuft, wie er sich das vorgestellt hat, kennt er kein Halten mehr. Mit heiserer Stimme brüllt er alles zusammen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Seine Kollegen und Assistenten kommen meist mit einer verbalen Abreibung davon. Die jüdischen Frauen, die vor ihm auf den Untersuchungsstuhl geschnallt werden, hören hingegen regelmäßig: „Ab mit dir nach Birkenau!“ Jede weiß, was das bedeutet.

Konfrontation mit den eigenen Vorurteilen

Ist dieser Clauberg, wie ihn Axel Prahl mit vollem Körpereinsatz anlegt, nicht vielleicht ein wenig too much? Eine Karikatur, die eher an einen Operetten-Bösewicht erinnert als an den zynischen Technokraten im NS-Wissenschaftssystem? Dass „Block 10“ ein kluger Film ist, weil er das Publikum mit dessen eigenen Vorurteilen konfrontiert, merkt man unter anderem daran, dass er diese Fragen selbst stellt. Beziehungsweise stellen lässt – und zwar von zwei anderen NS-Ärzten, die sich in einer Szene fragen, ob in den Adern dieses grausamen Hampelmanns, der so gar nicht gängigen Vorstellungen deutscher Herrenmenschlichkeit entspricht, vielleicht doch jüdisches Blut fließen könnte.

„Block 10“ von Marcus O. Rosenmüller ist ein Kammerspiel der klaustrophobischsten Art. Bis auf eine kurze Szene an der Außenrampe des Konzentrationslagers Auschwitz spielt der gesamte Film im titelgebenden Block 10, einem Gebäude, in dem ab April 1943 unter Leitung Claubergs Menschenversuche an weiblichen Häftlingen durchgeführt wurden. Konkret in den Büros der Ärzte, in den Schlafsälen der Gefangenen, vor allem jedoch immer wieder in den sogenannten Untersuchungsräumen, wo Frauen die Eileiter verätzt und gesunde Eierstöcke entnommen werden, im Rahmen von Versuchsreihen, die großflächige Sterilisierungskampagnen vorbereiten sollen.

Das Zentrum des Films ist nicht Clauberg, sondern eine andere historisch verbürgte Figur: Maximilian Samuel, ein jüdischer Arzt, der 1943 vor seiner eigenen Ermordung einige Monate lang als Häftlingsarzt im Block 10 Clauberg und anderen bei ihren Menschenversuchen assistieren und selbst auch Eingriffe weit jenseits jeder medizinischen Indikation vornehmen musste. Der Film interessiert sich den von Christian Berkel gespielten Samuel als Opfer – er trägt durchweg die Auschwitz-Häftlingskleidung –, das gleichzeitig Täter ist. Es geht dabei keineswegs darum, den von Gewissensbissen und Todesangst innerlich zerrissenen Samuel mit den im Bewusstsein ihrer unbeschränkten Handlungsmacht schwelgenden deutschen Ärzten zu kontrastieren. Vielmehr wird der jüdische Arzt in ein weitaus vielfältigeres Figurenpanorama eingebettet, das neben den Ärzten auch aus den Reihen der Gefangenen rekrutierte Wärterinnen und natürlich die unfreiwilligen Versuchspersonen umfasst.

Drahtseilakt zwischen Zeigen und Nichtzeigen

„Block 10“ entfaltet sich als eine Serie szenischer Konstellationen – ebenfalls fast eine Versuchsreihe, aber eine, die die Würde aller Beteiligten intakt lässt –, die immer wieder neu und immer wieder anders Fragen nach der Möglichkeit moralischer Integrität in Extremsituationen sowie den Bedingungen und Grenzen von Handlungsmacht oder auch Solidarität stellen.

Rosenmüller, ein Fernsehroutinier, der nur gelegentlich Ausflüge ins Kino unternimmt, findet für all das Bilder, die man zwar in ihrer blaugrün-kalten Farbgebung und der geschmeidigen, stets figuren- und dialogzentrierten Blickführung zu kennen meint; die aber nie Zuflucht suchen zu rhetorischen Klischees wie etwa auf billiges Mitleid spekulierende Großaufnahmen. Es versteht sich von selbst, dass ein Film wie „Block 10“ einen Drahtseilakt zwischen Zeigen und Nichtzeigen zu vollführen hat. Dem Vorwurf, doch wieder beschämt den Blick abzuwenden vor den im Nachkriegsdeutschland Jahrzehnte verdrängten Nazi-Verbrechen will der Film sich ebenso wenig aussetzen wie dem, statt aufklärerischer Interessen voyeuristische zu verfolgen.

Rosenmüller gelingt dieser Drahtseilakt insgesamt gut. In den Szenen in den Untersuchungsräumen dreht sich die Kamera immer wieder im Halbkreis um den Untersuchungsstuhl – den gepeinigten Frauen blickt sie nicht zwischen die Beine, aber wenn die Ärzte das Skalpell ansetzen, folgt ein Schnitt in die Aufsicht, die nachvollziehen lässt, wie die Klinge die Haut aufreißen und das Innerste der Opfer zum Vorschein kommen lässt.

Kein Film wie jeder andere

Die treibende Kraft hinter dem Film ist dabei nicht Rosenmüller, sondern Alice Brauner, die nicht nur als Produzentin fungiert, sondern auf der Basis eigener Recherchen auch das Drehbuch verfasst hat. Brauner, die seit 2009 die traditionsreiche CCC-Filmkunst leitet, ist ein Kinoprofi, aber „Block 10“ ist auch für sie keineswegs ein Film wie jeder andere. Ihr Vater, der Produzent Artur Brauner (1918-2019), war einer der wichtigsten Persönlichkeiten des westdeutschen Nachkriegskinos. In seinen 1946 gegründeten CCC-Studios entstanden zahllose Musikfilme, Krimis, Heimatfilme, Melodramen. Alle, die im kommerziellen Kino der 1950er- bis 1970er-Jahre Rang und Namen hatten, ob vor oder hinter der Kamera, kamen irgendwann auch mit Brauner in Kontakt.

Gleichzeitig produzierte der in Polen geborene Jude Brauner, der 1940 aus Łódź in die Sowjetunion fliehen konnte und zahlreiche Verwandte im Holocaust verlor, von Anfang an auch Filme, die sich mit dem industriell organisierten Mord an den europäischen Juden auseinandersetzten. Holocaustdramen wie „Morituri“ (1948) oder „Zeugin aus der Hölle“ (1965) waren im damaligen deutschen Kino absolute Ausnahmeerscheinungen; in der Gesamtschau sucht Brauners Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen auf der großen Leinwand seinesgleichen.

Die Banalität des besonders Bösen

Alice Brauner tritt mit „Block 10“ endgültig das Erbe ihres Vaters an – und setzt gleichzeitig eigene Akzente. Das betrifft die Wahl des Themas: Die Menschenversuche in den Konzentrationslagern und, damit verbunden, geschlechtsgebundene Opferschaft im Holocaust, wurden zumindest in Filmen, die auf ein breites Publikum zielen, noch kaum thematisiert. Es betrifft aber auch die Art und Weise, wie sich Brauner der Vergangenheit nähert. Didaktisch ist ihr Film nur selten, sentimental oder gar mystifizierend nie.

Stattdessen setzen die Produzentin-Autorin und ihr Regisseur die Geschehnisse in Claubergs Reich nüchtern als Banalität des besonders Bösen ins Bild, vom großformatigen „Siemens“-Schriftzug auf einem der Geräte, mit dem die Frauen gepeinigt werden, bis zum Gefeilsche um das – in der im Film schonungslos aufbereiteten entmenschlichenden NS-Sprache so bezeichnete – menschliche „Material“. Eine Reichsmark muss Clauberg pro Gefangene, die ihm zur Verfügung gestellt wird, bezahlen. Ein zu hoher Preis, findet er.