Spaziergang nach Syrakus (mit Lina Beckmann und ihrem Ehemann Charly Hübner) – Fernweh, Freiheit und ein Weg zurück nach Hause

  Freitag, 25. September 2026 - 20:30 bis - 22:05
Treffer: 637



Eintritt: 7,50 Euro

Deutschland 2026
Kinostart: 20. August 2026
97 Minuten
FSK: ab 14 Jahren

Regie: Lars Jessen 
von Lars Jessen lief im achteinhalb bislang "Mittagsstunde"
Drehbuch: Heide Kersten · Andreas R. Kersten  
nach der Erzählung "Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus" von Friedrich Christian Delius

Wikipedia über Johann Gottfried Seume  

Darsteller:
Charly Hübner (Paul Gompitz) · Lina Beckmann (Anne Gompitz) · Thorsten Merten · Tom Jahn · Mélanie Fouché (Nina) · Christian Näthe · Anjorka Strechel · Anna Unterberger · Clemens Bobke (Grenzer Micha) · David Bredin (Grenzer Kurt) · Peter Erhard Knirsch (Mann von Anne 2006) · Jens Münchow (Bootsmann Peter) · Rainer Frank (Rüdiger Sellhorn) · Dagmar Sachse (Irmela) · Björn Grundies (Manfred Martens) · Lukas Spisser (Alberto) · Nina Vorbrodt (Petra Brendel) · Björn Jung (Wolfi) · Tim Ehlert (Grenzer) · Penelope Frego (Francesca) · Ela Cosen (Kundin Buchladen) 
  
Filmwebseite, Wikipedia  
alles Daten zum Film auf Filmportal.de  

Gedanken zum Film auf Basis der hier verlinkten Filmkritiken:

Fernweh, Freiheit und ein Weg zurück nach Hause

Was, wenn man ein Land verlassen möchte, ohne es für immer verlassen zu wollen?

Paul Gompitz lebt Anfang der 1980er-Jahre in Rostock. Er arbeitet als Kellner auf einem Schiff, liest Johann Gottfried Seumes Reisebericht über den Weg nach Syrakus – und fasst einen Entschluss: Er möchte selbst nach Sizilien. Nicht, weil er aus der DDR weg will. Er möchte Italien sehen, etwas von der Welt erfahren und anschließend wieder nach Hause zurückkehren. Nur leider gibt es für diesen Wunsch im Jahr 1982 keine offizielle Genehmigung.

Also beginnt Paul zu planen. Und zwar gründlich. Besuchsreise, Völkerfreundschaft, Studienreise – nichts funktioniert. Schließlich lernt er segeln und entwickelt einen Plan, der ihn über die Ostsee nach Dänemark führen soll. Sechs Jahre lang bereitet er seine Reise vor. Dabei muss er nicht nur die Behörden täuschen, sondern auch Menschen, die ihm nahestehen. Denn wer von seinen Plänen weiß, kann selbst in Schwierigkeiten geraten.

Regisseur Lars Jessen erzählt diese Geschichte nicht als klassischen Fluchtthriller. Das ist wichtig zu wissen – und gerade darin liegt die Eigenart des Films. Die Flucht ist nicht der große dramatische Höhepunkt, auf den alles zuläuft. Viel interessanter ist die Frage, was Paul antreibt und was seine Sehnsucht mit ihm und den Menschen macht, die er liebt. Der Filmdienst beschreibt den Film deshalb weniger als spannendes Fluchtabenteuer denn als Geschichte innerer Entfremdungsprozesse.

Denn Paul will nicht einfach „raus“. Er möchte frei sein und gleichzeitig dazugehören. Er will die Welt sehen und doch seinen Platz an der Ostsee behalten. Und vor allem möchte er Anne nicht verlieren. Lina Beckmann spielt seine Frau mit einer Mischung aus Liebe, Geduld und wachsender Verunsicherung. Zwischen ihr und Charly Hübner entsteht dabei eine sehr besondere Nähe. Es ist die Beziehung zweier Menschen, die sich lieben, aber nicht dieselben Vorstellungen davon haben, wie ein erfülltes Leben aussehen kann.

Charly Hübner macht aus Paul keinen klassischen Helden. Er ist eigensinnig, manchmal naiv, manchmal stur und gerade deshalb so menschlich. Seine große Stärke ist die Beharrlichkeit, mit der er an seiner Idee festhält. Der SPIEGEL beschreibt ihn als einen Mann, der eine fixe Idee mit „trotzköpfiger Beharrlichkeit“ verfolgt – und findet gerade darin den sympathischen Kern der Geschichte.

Doch Pauls Wunsch nach Freiheit hat einen Preis. Je konkreter seine Pläne werden, desto mehr muss er Menschen, die ihm nahestehen, im Unklaren lassen. Besonders für Anne wird seine Sehnsucht nach Italien zu einer Belastung. Der Film interessiert sich deshalb nicht nur für die spektakuläre Seite einer Flucht, sondern auch für die Frage, was ein großer persönlicher Traum mit einer Beziehung machen kann.

Und genau hier wird „Spaziergang nach Syrakus“ interessanter, als es die Geschichte eines waghalsigen Fluchtplans zunächst vermuten lässt.

Es geht um Freiheit – aber ebenso um Zugehörigkeit. Um die Sehnsucht, die Welt zu sehen, und um die Frage, was ein Zuhause eigentlich ausmacht. Paul möchte seine Heimat nicht verlassen, sondern sie aus einer anderen Perspektive sehen. Gerade diese ungewöhnliche Verbindung macht seine Geschichte so besonders.

Mit dem Ehepaar Charly Hübner und Lina Beckmann in den Hauptrollen erzählt Lars Jessen eine warmherzige, manchmal wunderbar skurrile Geschichte über Fernweh, Freiheit und Liebe – und über einen Menschen, der sich einen Traum erfüllt, ohne vorher wissen zu können, wohin dieser Traum ihn führen wird.

Kritiken: 
Kritik von Swantje Seberg für Kunst und Film (5 von 6 Sternen)
Kritik von Jannek Suhr für EPD-Film (3 von 5 Sternen)
Kritik von Ulrich Kriest für den Filmdienst (3 von 5 Sternen)
Kritik von Harald Mühlbeyer für Kino-Zeit.de (4 von 4 Sternen) 
Kritik von Bianka Piringer für Filmrezensionen.de (5 von 10 Sternen) 
Kritik von Björn Schneider für Filmstarts.de 
Kritik von Walli Müller für NDR-Kultur 
Kritik von Gaby Sikorski für Programmkino.de 
Kritik der dpa 
Kritik von Martin Schwickert für die Augsburger Allgemeine 
Kritik von Edo Reents für die FAZ 
Kritik von Cosima Lutz für die Welt 
Kritik von Lars-Olav Beier für den Spiegel 
Kritik von Margret Köhler für RND 
 
Trailer (132 Sekunden): 

     

Interview mit Charly Hübner (13 Minuten): 
   

Interview mit Lina Beckmann (7 Minuten): 
  

Interview mit Charly Hübner und Regisseur Lars Jessen (3 Minuten): 
  

Johann Gottfried Seume – Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 (3 Minuten): 
  

Ausführliche Kritik von Ulrich Kriest für den Filmdienst
Ein Drama um einen Kellner auf einem Ostsee-Schiff, den Anfang der 1980er-Jahre die Sehnsucht nach einer Italienreise packt und über Jahre seine Flucht aus der DDR vorbereitet. 

Es ist scheinbar auch nach Jahrzehnten ein immergrünes Thema für Filme: „Republikflucht“ aus der DDR zu Lande („Durchbruch Lok 234“, „Der Tunnel“), zu Wasser („Wir wollten aufs Meer“, „Jenseits der blauen Grenze“) und in der Luft („Ballon“). „Spaziergang nach Syrakus“ legt noch einmal eine Schippe Bildungsbürgertum drauf, gönnt sich aber gleichzeitig Abzüge in der Spannungsnote, weil der Film mit Bildern aus Italien und auf Italienisch beginnt: „Raccontami la tua historia, Paolo!“ – „Erzähl von deinem kleinen Deutschland!“ Aus heutiger Sicht, so heißt es zum Auftakt, sei vieles im kleinen Deutschland schwierig zu verstehen.

Ein Spaziergang, der keiner ist

Der Regisseur Lars Jessen bedient sich in „Spaziergang nach Syrakus“ bei Motiven von F.C. Delius’ Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ (1995), die wiederum auf einer wahren Begebenheit basiert, in der Johann Gottfried Seumes Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus“ (1803) eine nicht ganz durchsichtige Rolle spielt, denn Seumes Reisebericht beschreibt die Verhältnisse in Italien nicht gerade einladend, sondern als chaotisch und anarchisch. „Spaziergang“ ist aber sowohl bei Seume wie auch bei Delius und nun auch in Jessens Verfilmung als ein Euphemismus zu verstehen. Doch Paul Gompitz (Charly Hübner) aus Rostock, der 1982 auf einem Schiff der Weißen Flotte zwischen Rügen und Hiddensee als Kellner arbeitet, hat die Lektüre von Seumes Reisebericht einen Floh ins Ohr gesetzt. Er ist entschlossen, seinerseits zu einem Spaziergang nach Sizilien aufbrechen. So, wie sich nach Pauls Verständnis Seume 1801 „einfach“ die Freiheit dazu genommen hat.

Überhaupt: Paul hätte gerne studiert. Literatur, Philosophie, Geschichte. Aber er durfte nicht einmal Abitur machen. Wenn bei der Arbeit an Bord Kollegen sich beklagen, dass sie nicht länger auf große Fahrt gehen dürfen, sehen sie diese Einschränkung als Konsequenz, dass andere diese Möglichkeit zur „Republikflucht“ genutzt haben. Für Paul impliziert das, dass er bei seinen Plänen stets die strafrechtlichen Konsequenzen für andere, aber auch für sich selbst bedenken und nach Möglichkeit minimieren muss. Ohnehin ist die irrationale Sehnsucht des Paul Gompitz eine Leerstelle des Films. Das Leben an der Ostseeküste wirkt entspannt wie Ferien für immer. Paul argumentiert mit seinem Anspruch auf eine Bildungsreise, aber die Realität der DDR der 1980er-Jahre gewährt diese nur als doppelte Bildungsreise. Paul muss sich bilden, um nach Italien zu gelangen.

Versuchen, möglichst nicht verdächtig zu wirken

Zunächst einmal stellt Paul sich naiv und sucht einfache Wege gen Süden via Verwandtenbesuch und Völkerfreundschaft. Beides schlägt fehl, letzteres macht verdächtig. Die erhoffte „geistige Durchdringung Italiens“ ohne das Bedürfnis nach einer physischen Erfahrung Italiens klingt offenkundig nach einer Ausflucht. Paul sucht nach Alternativen, die für ihn und seine Frau, die Ärztin Anne (Lina Beckmann), Freunde und Kollegen berechenbare Risiken beinhalten. Die beste Lösung lautet: allein, ohne Geld, übers Wasser. Doch je mehr Pläne Paul schmiedet, desto fremder wird ihm die DDR. Lockt Italien oder verstößt ihn die DDR? Und nicht nur das: Anne und einige Freunde bemerken, dass Paul etwas ausbrütet. Darauf angesprochen, lügt er zwar nicht, aber er sagt auch nicht die Wahrheit, weil er diejenigen, die er liebt oder schätzt, vor Mitwisserschaft schützen will. Er lernt das uneigentliche Sprechen und versucht, möglichst nicht verdächtig zu wirken.

Was schon schwierig ist, wenn man versucht, sich notwendige Informationen zu beschaffen. Verdächtig, wenn man sich im Buchladen für Bücher zu Themen wie Segeln, Nautik und Radartechnik interessiert. Verdächtig, wenn man sich als Vierzigjähriger um die Aufnahme in einen Segelverein bemüht. Verdächtig, wenn man in der Bahn Westdeutsche anspricht, ob sie vielleicht Devisen in den Westen schmuggeln könnten, damit Paul nach der gelungenen Flucht in den Westen seine Italienreise finanzieren kann. Als er einmal fast beim Devisenschmuggel erwischt und verhaftet wird, bricht es aus Paul heraus: „Was für ein Staat! Niemandem konnte man trauen. Immer nur einschüchtern und demütigen. Ein Land in Agonie!“ Dazu muss man wissen, dass Paul seine Geschichte rückblickend erzählt, aus der Perspektive von 2006, den Wochen des „Sommermärchens“. Das erklärt vielleicht den melancholischen Grundton des Films.

Ein Fluchtplan mit zahlreichen Unterpunkten

Wieder in der DDR der 1980er-Jahre, macht Paul aus seiner Italophilie privat keinen Hehl. Er hört italienische Musik, kocht Pasta à la Paolo und hat sogar Tricks drauf, Parmesan auf Edamerbasis zu zaubern. Punkt für Punkt, aber mit großer Geduld hakt Paul seine Fluchtvorbereitungen ab, organisiert sich privat praktischen Segelunterricht bei Günter (zuverlässig nuanciert: Thorsten Merten), findet neue Jobs erst auf Rügen, dann auf Hiddensee. Weil der Film von vornherein auf die übliche Spannungsdramaturgie zugunsten von inneren Entfremdungsprozessen verzichtet hat, fällt auch die Flucht nach Dänemark schließlich recht unspektakulär und nicht triumphal aus. Nach sechs Jahren Vorbereitungszeit wird Paul Gompitz von dänischen Grenzern mit freundlicher Bewunderung begrüßt. Passiert ja nicht alle Tage, so was.

Während Paul kurz bei der Verwandtschaft in Bochum vorbeischaut, bekommt Anne derweil die Konsequenzen von Pauls Flucht zu spüren. Weil er genau das nicht wollte, sucht er die Ständige Vertretung der DDR auf, um noch einmal zu betonen, dass es sich bei seiner Ausreise nicht um eine Flucht, sondern eher um eine Art von Ausflug handle. Er werde nach Abschluss der Reise nach Rostock zurückkehren. Eine sofortige Rückreise mit einer vom Staat bezahlten Karte lehnt Paul, nach kurzer Rücksprache mit seinen Wessi-Verwandten, ab, weil er dann die Lebensjahre der Fluchtvorbereitung verschenkt hätte. Es folgt der lange geplante Spaziergang nach Syrakus, allerdings aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse ohne größere soziale Kontakte.

Immerhin: Paul bekommt jetzt erstmals richtigen Parmesan zu seiner Pasta, aber das ist auch schon fast der emotionale Höhepunkt der folgenden Wochen. Weil Paul bemerkt, dass er seine Erfahrungen und Erlebnisse ohne ein Gegenüber nicht adäquat kommunizieren kann, bleibt es bei einer Abfolge touristischer Stationen, die auf Postkarten festgehalten werden, die er an Anne nach Rostock schickt.

Noch nie so frei gefühlt?

Von Seume ist längst nicht mehr die Rede und wenn Paul am Rande seiner „ertrotzten Bildungsreise“ davon spricht, sich noch nie so frei gefühlt zu haben, sprechen die Bilder dazu eher von Solo-Pauschaltourismus an menschenleeren Orten. Aufgrund einer naiven Nachlässigkeit ist es dann auch bald vorbei mit der Bildungsreise. Kurz darauf erreicht Paul die Nachricht vom Fall der Mauer. Die verschwundene DDR gönnt ihm nicht einmal mehr die Strafe für sein egoistisches Aufbegehren. Und hatte Paul zu Beginn noch über den Sinn des Lebens befunden, es gehe darum, durch die Welt zu reisen und einen Ort zu finden, wo man hingehöre, dabei aber diesen Ort immer an der Seite von Anne gesehen, ist die nun aufgebrochen zu ihrer eigenen Reise. Entsprechend erscheint die Bilanz der Bildungsreise von Paul Gompitz unterm Strich eher widersprüchlich. Der Spaziergang nach Syrakus hat ihn zum Zaungast seines Lebens werden lassen.