Detroit

  Freitag, 12. Januar 2018 - 20:30 bis - 23:15

US-amerikanische Bürgerrechtsunruhen in Detroit 1967
Die Rassenunruhen in Detroit 1967 (1967 Detroit riot oder 12th Street riot) gelten als eine der größten Unruhen in den USA. Sie forderten 43 Todesopfer, 1189 Verletzte und 7000 Verhaftete. Ausgelöst wurden sie am 23. Juli 1967 durch eine Polizeirazzia in einer Bar ohne Ausschankgenehmigung in Detroit. Sie dauerten etwa fünf Tage.
Der englische Begriff „riots“ (dt. Aufstände) steht im Zusammenhang mit den Unruhen 1967, obwohl er hier meist verwendet wird, zur Diskussion. Verschiedene Bevölkerungsgruppen bezeichnen sie als „riot“, „war“ (dt. Krieg), „social unrest“ (dt. etwa ziviler Ungehorsam) oder „rebellion“ (dt. Rebellion).
Im deutschen spricht man in der Regel von "Rassenunruhen" und kaum von "Bürgerrechtsunruhen". Dies alles zeigt auch, wie ungeklärt dieses Ereignis bis heute ist.

Eintritt: 5,00 €


USA 2017
Kinostart: 23. November 2017
144 Minuten
FSK: ab 12; f
FBW: Prädikat besonders wertvoll

Produktion: Kathryn Bigelow 

Regie: Kathryn Bigelow (u.a.: Blue Steel, Tödliches Kommando (Oscar 2010), Zero Dark Thirty)
Kathryn Bigelow ist in der 90-jährigen Geschichte des Oscars bisher die einzige Frau, der der Oscar für die Beste Regie zugesprochen worden istmdabei setzte
sie sich beim Oscar 2010 pikanterweise gegen ihren Ex-Mann James Cameron durch, der in jenem Jahr für "Avatar" ebenfalls nominiert war.

Süddeutsche: Die Frau, die Hollywoods Naturgesetze zum Einsturz brachte: Kathryn Bigelow gewann nicht nur als erste Frau überhaupt den Regie-Oscar. Sie ist auch eine politische Filmemacherin, die Action- und Autorenkino miteinander verbindet. Wie jetzt in "Detroit".

Buch: Mark Boal
Kamera: Barry Ackroyd
Musik: James Newton Howard
Schnitt: William Goldenberg, Harry Yoon

Darsteller:
John Boyega (Dismukes), Will Poulter (Krauss), Algee Smith (Larry), Jacob Latimore (Fred), Jason Mitchell (Carl), Hannah Murray (Julie), Jack Reynor (Demens), Kaitlyn Dever (Karen), Ben O'Toole (Flynn), John Krasinski (Auerbach), Anthony Mackie (Greene), Samira Wiley (Vanessa), Malcolm David Kelley (Michael Clark), Gbenga Akinnagbe (Aubrey Pollard Sr.), Chris Chalk (Officer Frank), Jeremy Strong (Lang), Tyler James Williams (Leon)

Eine Analyse des „Cinematic Journalism“ Filmstils Kathryn Bigelows von Tim Slagemann.


Filmhomepage, Wikipedia, EPD-FilmProgrammkino.de  

Filmkritik von Marietta Steinhart in der Zeit
Filmkritik von Tobias Kniebe in der Süddeutschen Zeitung
Filmkritik von Hanns-Georg Rodek in der Welt
Filmkritik von Andreas Borcholte im Spiegel
Filmkritik von Andreas Busche im Tagesspiegel
Filmkritik von Dominik Kamalzadeh im Wiener Standard
Filmkritik von Susanne Ostwald in der Neuen Züricher Zeitung
Filmkritik von Jan-Philipp Kohlmann im Fluter (Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung)

Videofilmkritik von Verena Lueken in der FAZ


Der Filmdienst ist seit Jahren die führende deutsche Kinofilmfachzeitschrift. Da die Kritiken des Filmdiensts nicht ohne weiteres zugänglich sind, drucken wir sie hier ab, unabhängig ob sie positiv oder negativ ausfallen. Unser Ehrgeiz ist es nicht, Interessierte mit hohlen Versprechungen oder plakativen Etikettierunen wie "Kunstfilm" oder "besonderer Film"  ins achteinhalb zu locken. Die wenigstens Filme erhalten vom Filmdienst eine positive Kritik. Es ist daher durchaus so, dass Filme, die dort nicht so positiv "wegkommen", ansonsten durchweg positive Kritiken erhalten haben und wir auch einige Filme "klasse" gefunden haben, die vom Filmdienst kritisch bewertet worden sind. Es ist halt eine Meinung unter mehreren, aber in der Regel eine fundierte. Die höchste Auszeichnung ist das Prädikat "sehenswert", die Altersempfehlung ist eine pädagogische.
Kurzkritik Filmdienst
Im Sommer 1967 eskalieren in Detroit die Rassenunruhen in fünftägigen Straßenschlachten. Als aus dem überwiegend von Afroamerikanern bewohnten Hotel „Algiers“ Schüsse ertönen, stürmen Polizei und Militär die Anlage und setzen die Bewohner brutal unter Druck. Auf der Basis der Erinnerungen von Beteiligten konzentriert das Drama die Geschehnisse auf die gewaltsame Razzia, wobei es auf Strategien der filmischen Intensivierung setzt, um die schockierende Gewalt und den unüberschaubaren Aufstand erlebbar zu machen. Während die gesellschaftliche oder historische Kontextualisierung in den Hintergrund tritt, wird der thematische Bezug zum Rassismus der Gegenwart umso deutlicherwerter Sommerfrische balanciert. Dabei widersteht die Inszenierung einer forcierten Betonung des Zeitkolorits sowie der Versuchung, jeden Erzählstrang bis zum Ende auszuloten.
Ab 14.
Tim Slagman, FILMDIENST 2017/24

Trailer (157 Sekunden):

ausführliche Kritik Filmdienst
Die Geschehnisse sind 50 Jahre her, doch der traurige Anlass, an sie zu erinnern, liegt nicht an der runden Zahl. Er resultiert aus dem Nachrichtenalltag der USA und dem Rassismus mancher Polizisten; und er erwächst aus der Verfallsgeschichte der titelgebenden Stadt, die in den letzten fünf Jahrzehnten den „American Dream“ gemeinsam mit der Autoindustrie sterben sah, für ziemlich alle ihrer Bewohner, egal ob schwarz oder weiß.

Um diese Perspektive einzunehmen, bräuchte es eine gewisse Distanz, die Regisseurin Kathryn Bigelow und ihr Drehbuchautor Mark Boal dem Publikum aber verweigern. Bis auf einige kurze, erklärende Einblendungen am Ende des Films werfen sie die Zuschauer unmittelbar in die Rassenunruhen hinein, die Detroit im Jahr 1967 aufwühlen – jenes Detroit von Motown Records, in dem das Leben und die Motoren noch brummen. Auf den Fersen eines afroamerikanischen Ermittlers geht es zunächst in einen afroamerikanischen Nachtclub, der von weißen Polizisten gerade geräumt wird; erste Proteste flammen auf. Dem Polizisten begegnet man nicht wieder, dafür aber Melvin Dismukes, dem Angestellten eines Sicherheitsdienstes, der ein Geschäft schützen soll und sich rasch zwischen den Fronten wiederfindet. Und der Soul-Gruppe „The Dramatics“, die kurz vor ihrem Auftritt erlebt, wie der Konzertsaal wegen der Aufstände geräumt wird. Sowie einem Trio weißer Polizisten, dessen Wege sich mit denen der anderen im Algiers Motel kreuzen. Am Ende der Nacht sind drei Hotelgäste, alle Afroamerikaner, tot. Die Polizisten und Dismukes wurden wegen Mordes angeklagt und freigesprochen.

Die Version der Geschehnisse jener Nacht, die Bigelow in „Detroit“ präsentiert, beruht auf intensiven Recherchen und Gesprächen von Mark Boal mit den Beteiligten. Demnach wurden die Opfer vorsätzlich erschossen, manche geradezu hingerichtet. Die Beziehung des Films zur Historie, die, ohne dass die Filmemacher das deutlich aussprechen müssten, auch eine zur Gegenwart ist, entpuppt sich dabei als zweifach paradox: Zum einen füllt das Drehbuch Lücken in der offiziellen Erzählung, die vom Gerichtsurteil offengelassen wurden – was für eine teil-fiktionale Bearbeitung, die sich absichtlich oder unfreiwillig als definitive, eindeutige Version des Themas darstellt, durchaus eine kühne Entscheidung ist. Auf der anderen Seite tun sich andere, dramaturgische Lücken auf: Figuren verschwinden ganz oder für einen langen Teil aus der Handlung. Schicksale, die sich nicht mehr auflösen ließen, bleiben unaufgelöst.

Die multiperspektivische Szenenfolge baut durchaus ungewohnte Muster von Identifikation und Abstoßung auf. Drei Männer fahren zu Beginn im Auto durch ein afroamerikanisches Viertel und gestehen die Schuld der weißen Mehrheitsgesellschaft an der Segregation ein: „We are failing them.“ Oder steht das „wir“ gar für die Polizei?

Wenige Minuten später wird einer der Männer, die sich als Polizisten entpuppen, einen flüchtigen Schwarzen mit einem Schuss in den Rücken töten. Das ist der Auftakt für eine blutige Eskalationsspirale, die Bigelow dennoch lange unter Kontrolle hält. Auf der Straße, bei den Aufständen, rast und wackelt die nervöse Kamera, als hätten die Unruhen sie selbst ergriffen. In der Enge des Algiers Motel aber wird die Kamera sich beruhigen, während die Grausamkeiten zunehmen. Ein frustrierter Bewohner hat eine Schreckschusspistole aus dem Zimmerfenster abgefeuert, was die ohnehin schon aufgepeitschten Ordnungshüter zum Anlass nehmen, das Motel zu stürmen und auf der Suche nach der Pistole jede Zurückhaltung und Menschlichkeit fahren zu lassen. In dieser Szene soll sich komprimieren, was damals und heute an brutaler Ungerechtigkeit gegenüber Afroamerikanern stattgefunden hat. Ob sich die Details je exakt so abgespielt haben, ist dabei nicht mehr als eine Recherche-gestützte Vermutung.

Die Wahrheit über das sensible Thema liegt bei Bigelow allemal in der Intensität des Augenblicks: in der Bewegung, dem schockierenden Gewaltexzess, in handelnden Körpern. Kathryn Bigelow ist keine Regisseurin, die sich Gedanken macht über Kontextualisierungen. Dies mag bei einem historischen Stoff zu kurz greifen – und es mag erklären, warum „Detroit“ von der amerikanischen Rechten ausgesprochen entspannt ignoriert werden konnte.

Tim Slagman, FILMDIENST 2017/24