Worauf warten wir noch? (geplant) - 20. September

  Montag, 31. Dezember 2018 - 19:31 bis - 21:15

Eintritt: frei

Frankreich 2018
Kinostart: 20. September 2018
119 Minuten
FSK: ab 0; f

Regie: Marie-Monique Robin
Kamera:
Musik:
Schnitt:

Filmhomepage

Kritiken:
Kritik von Michael Meyns auf Programmkino.de
Kritik von Falk Straub auf Kino-Zeit.de
Filmtipp des Tages der Süddeutschen Zeitung
  
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Kurzkritik Filmdienst
In der elsässischen Gemeinde Ungersheim haben engagierte Bürger die Idee der Rettung des Planeten durch lokale Produktionsketten, ökologische Landwirtschaft und Konsumverzicht in die eigenen Hände genommen. Der Film begleitet die Initiative mit viel Sympathie und porträtiert vor Esprit sprühende Menschen, die selbst gezüchtete Getreidesorten aussähen, Photovoltaik-Anlagen errichten oder ein Passivhaus bauen. Ihre mit traditionellen Methoden operierende Aneignung des ländlichen Raums formiert sich als Widerstand gegen eine ressourcenverschlingende Globalisierung, lässt sich politisch aber nur schwer einordnen.
Ab 14.
Arne Koltermann

 

Trailer (132 Sekunden):


ausführliche Kritik Filmdienst
„Ich glaube an das Pferd“, sagte Wilhelm II., als das 20. Jahrhunderts gerade begonnen hatte. „Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Als der preußische König diese legendäre Prognose traf, gehörte die 2000-Seelen-Gemeinde Ungersheim im Elsass noch zum deutschen Reich. Die sprachliche Nähe besteht noch heute, was man nicht nur an den Ortsschildern, sondern auch an manchen Nachnamen erkennt, etwa an dem von Jean-Claude Mensch. Er ist der Bürgermeister von Ungersheim und verbreitet mit seinem unerschütterlichen Lächeln viel Zuversicht. Mensch und andere Bewohner des Städtchens glauben ebenfalls an das Pferd. Das heißt Richelieu, hat braunes Fell, einen blonden Schweif und bringt morgens die Kinder des Ortes in die Grundschule. Immer wenn Richelieu, der auch als Ackergaul herhalten muss, im Film in Erscheinung tritt, ertönt im Hintergrund die Melodie vom „Hottepferd“. Nun ist es eine Sache, Kinder mit einer Kutsche zur Schule zu bringen. Eine ganz andere Herausforderung ist die Rettung des Planeten durch lokale Produktionsketten, ökologische Landwirtschaft und Konsumverzicht. Um nichts weniger als diese Menschheitsmission geht es der Avantgarde der Ungersheimer Bürger, die Regisseurin Marie-Monique Robin für ihren mit zwei Stunden etwas lang geratenen Dokumentarfilm „Worauf warten wir noch?“ mit erkennbarer Sympathie begleitet. Es sind ganz gewöhnliche Bürger, die sich in der Kooperative engagieren. Sie säen selbst gezüchtete Getreidesorten aus, errichten Photovoltaik-Anlagen und bauen ein Passivhaus, für das selbst gedroschenes Stroh als Isoliermaterial dient. Was motiviert diese Menschen, die in gelegentlichen Kurzporträts vor der Kamera aus ihrem Leben erzählen? Da ist der Geist der von den Kindern nur geborgten Erde, die Sorge um die nächste Generation. Ein junges Pärchen hält sein Kind vor die Kamera: „Wir haben gerade ein Mädchen bekommen. Wir haben sie mit unserer Seele und unserem Bewusstsein empfangen.“ Man müsse die Bedürfnisse von den Begierden lösen. Die konsumistische Zurückhaltung ist bewusst missionarisch gemeint, man will ein Beispiel geben, schließlich kann das Verhalten von 2000 Menschen angesichts einer 7,6 Milliarden zählenden Weltbevölkerung wenig ausrichten. Die Ungersheimer haben sogar ein eigenes Zahlungsmittel eingeführt, den „Radis“ (Radieschen), den man im Verhältnis 1:1 gegen Euro tauschen kann. Auf der Bürgerversammlung verkündet der Schatzmeister stolz, wie gut der Radis von den Händlern im Ort angenommen wird. Allerdings seien viele Bürger noch zu desinteressiert. Trotzdem ist es beeindruckend, wie sich die engagiertesten 40 Mitstreiter landwirtschaftliche Techniken aneignen, traditionelle Kulturpraktiken des ländlichen Raums, eine Art „Reclaim the Fields.“ Das Ungersheimer Projekt ist damit auch gegen die real existierende Globalisierung mit ihrem astronomischen Ressourcenverbrauch und den langen Lieferketten gerichtet. Die Idee der Kooperative, in der sich die Menschen wieder gebraucht fühlen, erscheint wie eine in ein besseres Gestern gerichtete Utopie. Es mag für sich allein noch nichts aussagen, dass in Ungersheim bei der Stichwahl um die französische Präsidentschaft 56 Prozent für Marine Le Pen stimmten; das Elsass wählte insgesamt rechts. Dennoch fällt es schwer, das Projekt politisch zu verorten. Im Unterschied zu den früheren Arbeiten von Marie-Monique Robin, die mit investigativen Filmen wie „Todesschwadronen“ (2003) oder „Monsanto, mit Gift und Genen“ einen Namen gemacht hat, fällt hier ihre wohlwollende Anteilnahme ins Auge. „Worauf warten wir eigentlich noch?“ ist ein nicht uninteressantes Porträt engagierter Bürger mit viel Esprit und Gemeinschaftsgeist – auch wenn es fraglich erscheint, ob die Zukunft dem Pferd gehört.
Arne Koltermann