Wenn eine Schauspielerin wie Isabelle Huppert eine so gelangweilte wie machtbewusste Erbin und Chefin eines Kosmetikkonzerns spielt, kann das nur ein Festessen der Schauspielkunst werden. Als Marianne Farrère schleppt sie sich in „Die reichste Frau der Welt“ ihren mondänen Haute-Couture-Kostümen mit abwesender Miene auf dem übertrieben weiß gepuderten Gesicht durch ihre an die Filme von Claude Chabrol erinnernden Interieurs und hält in den Firmenkonferenzen mit eiserner Disziplin die Stellung. Nur um anschließend in ihrer einsamen Komfortzone als Hypochonderin zu verwelken, bis ein exaltierter Erbschleicher in Gestalt des Fotografen Pierre-Alain Fantin (Laurent Lafitte) endlich etwas Abwechslung in ihr lähmendes Überflussleben bringt.

Er bringt sie zum Lachen und Tanzen

Während eines Shootings für ein Modemagazin gewinnt er ihr Wohlwollen durch hemmungslose Schmeicheleien, bringt sie zum Lachen und Tanzen. Der lebenslustige Pierre-Alain lebt zwar mit einem Mann, versteht sich aber darauf, auch mit Frauen erotisch aufgeladene Beziehungen aufzubauen, zumal es im Fall der an innerer Leere leidenden Milliardärin finanziell reichlich zu holen gibt. Der neue Freund, den die Umworbene bald „meine Muse“ nennt, widerspricht ihr, übt Kritik an ihrem Äußeren und möbliert ihr Haus ungefragt um. Außerdem lässt er sich seine „Fotokunst“ sponsern, während es Mariannes Ehemann, Tochter, Schwiegersohn und Butler allmählich dämmert, dass der derbe Eindringling zu einer Gefahr für das Konzernvermögen wird.

Regisseur Thierry Klifa ließ sich für diese wie ein gut geöltes Theaterstück mit zugespitzten Dialogen jonglierende Gesellschaftssatire von der Bettencourt-Affäre inspirieren, die in Frankreich in den 2000er-Jahren für Aufregung sorgte und weite politische Kreise zog. Im Zentrum standen Erbschleicherei, Steuerhinterziehung und illegale Wahlkampfspenden im Haus der „L’Oréal“-Firmenerbin Liliane Bettencourt. Während die Beute des Parvenus aufblüht, ihr strenges Gefühlskorsett lockert und Fantins Übergriffigkeit erfrischend findet, droht der Rest der Familie vor seiner unverschämten Art zu kapitulieren. Der Gatte (André Marcon), der sich über die „Genesung“ seiner Frau freut, geizt nicht mit Geldzuschüssen, aber die Tochter Frédérique (Marina Foïs), die von ihrer Mutter nie übermäßig geliebt wurde, leidet unter der Konkurrenz.

Dabei lässt die kluge Marianne keinen Zweifel daran, dass sie sich über Pierre-Alains Absichten im Klaren ist. Da aber seine Anwesenheit lange vermisstes Amüsement bietet, nimmt sie den Streit mit ihrer Tochter, die mit einer Anzeige und Entmündigung droht, in Kauf.

Mal hart, mal zerbrechlich

Als bissige Milieu-Studie in den Kreisen der Pariser Haute Volée bietet der Stoff der Huppert natürlich eine dankbare Bühne, auf der sie ihre mal harte, mal zerbrechliche Figur zwischen Extremen schwanken lässt. Dass ihr vulgärer Kompagnon notorisch Regeln bricht, belohnt sie ganz bewusst mit teuren Geschenken, denn das Verhältnis funktioniert wie eine geschäftliche Abmachung ohne Vertrag, bei der es kein privates Bedürfnis gibt, dass nicht zur Ware werden kann. Inklusive der „Muse“ selbst, die trotz ihrer Vergnügungsdienste austauschbar bleibt.

Am Ende triumphiert das Klassenbewusstsein einer privilegierten Schicht, die seit Generationen die Bodenhaftung verloren hat. Eine messerscharfe Abrechnung, im Finale maskiert als komödiantisches Familiendrama, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt.