Blue Moon

  Freitag, 24. April 2026 - 20:30 bis - 22:10



Blue Moon (1934) ist eines der ikonischsten Lieder von Lorenz Hart und Richard Rodgers
überhaupt. Viele Versionen, z. B. von Frank Sinatra, Elvis Presley, Billie Holiday oder Rod Stewart.
 
 
My Funny Valentine (1937) ist ein in absoluter Evergreen, besonders die Versionen von Frank Sinatra, Ella Fitzgerald, Chet Baker oder Miles Davis (instrumental):
 

The Lady Is a Tramp (1937) – Schwungvoll und frech, berühmt durch Frank Sinatra, Ella Fitzgerald oder Lady Gaga:
 
 

Eintritt: 7,50 Euro

USA 2025
Kinostart: 29. März 2026
101 Minuten
FSK: ab 12 Jahren

Regie: Richard Linklater  

Darsteller:  
Ethan Hawke (Lorenz Hart) · Margaret Qualley (Elizabeth Weiland) · Bobby Cannavale (Eddie) · Andrew Scott (Richard Rodgers) · Patrick Kennedy (E.B. White) · Simon Delaney (Oscar Hammerstein II) · Jonah Lees (Morty Rifkin) · David Rawle (George Roy Hill) · Giles Surridge (Sven) · Cillian Sullivan (Stevie Sondheim

WIKIPEDIA 
     

Kritiken: 
Kritik von Britta Schmeis für EPD-Film (4 von 5 Sternen)
Kritik von Matthias Heine für die Welt 
Kritik von Susan Vahabzadeh für die Süddeutsche Zeitung 
Kritik von Marius Nobach für den Filmdienst (3 von 5 Sternen)
Kritik von Luise Bruche für Filmrezensionen.de (9 von 10 Sternen)
Kritik von Markus Solty  für Spiefilm.de (4 von 5 Sternen) 
Kritik von Frank Schmidke für Kunst und Film (4 von 6 Sternen)
Kritik von Joannis Kiritsis von für critic.de
Kritik von Peter Kümmel für die Zeit
Kritik von Barbara Schweizerhof für die taz
Kritik von Thomas Willmann für artechock film 
Kritik von Alexander Soyez für NDR-Kultur
Kritik von Antje Wessels 
Kritik von Karl Gedlicka für den Wiener Standard
 
Trailer (136 Sekunden):

     

ausführliche Kritik von Marius Nobach für den Filmdienst:
Biografische Tragikomödie um den psychisch instabilen Songtexter Lorenz Hart am Abend der Premiere des Musicals „Oklahoma!“ im Jahr 1943. 

Lorenz Hart (Ethan Hawke) leidet. Während um ihn herum das Publikum bei der Uraufführung des Musicals „Oklahoma!“ einen fröhlichen Abend erlebt, windet sich der Songtexter bei jedem Lasso-Knallen und „Yeeow!“ im Sessel des Broadway-Theaters. Am schlimmsten wiegt für Hart, dass es für ihn eine Premiere der besonderen Art ist. Zum ersten Mal seit 24 Jahren hat sein musikalischer Partner Richard Rodgers sich mit Oscar Hammerstein II einen anderen Texter für ein Musical gesucht. Rodgers hatte zuerst durchaus Hart gefragt. Doch als der das sentimentale Cowboy-und-Farmer-Material von sich wies, verfolgte der Komponist die Pläne anderweitig. Lorenz Hart fasst dies als besondere Kränkung auf, umso mehr, als er den beispiellosen Erfolgsweg vorausahnt, der vor „Oklahoma!“ liegt. Wenn er das Theater schnellstmöglich verlässt und kundtut, dass er einen Drink benötige, kommt dies aus tiefstem Herzen.

Am Abend der „Oklahoma!“-Premiere

Regisseur Richard Linklater und der Drehbuchautor Robert Kaplow haben für ihren Film „Blue Moon“ mit dem 31. März 1943 jenen Tag gewählt, der das Musicalgenre vielfach veränderte. Mit „Oklahoma!“ feierte nicht nur ein auch acht Jahrzehnte später noch populäres Werk seine Premiere, sondern es markierte auch den Startschuss für das erfolgreichste US-amerikanische Musical-Songwriter-Duo; Rodgers & Hammerstein gelangen mit „Carousel“, „South Pacific“, „The King and I“ und „The Sound of Music“ noch vier weitere Klassiker. In Linklaters Film schwant Hart bereits, dass die Musicals von Rodgers & Hammerstein im kulturellen Gedächtnis bleiben werden, von Rodgers & Hart hingegen nur die Songs. Zu denen gehören allerdings etliche Evergreens, etwa „Isn’t It Romantic“, „My Funny Valentine“, „Manhattan“ oder eben „Blue Moon“.

Der Film stellt die selbstzerstörerische Ader von Lorenz Hart heraus und blendet gleich zu Beginn auf den Tod des Songtexters voraus, der mit nur 48 Jahren wenige Monate nach der „Oklahoma!“-Premiere verstarb. Doch zunächst eilt die Hauptfigur nach der Flucht aus dem Theater zu dem Ort, an dem die Premierenfeier stattfinden soll: das berühmte Restaurant Sardi’s mit seinen Wänden voller Promi-Karikaturen. Es zeugt von einem gehörigen Masochismus, dass Hart ausgerechnet dort warten will; der alkoholabhängige Künstler kann allerdings seine Sucht nicht im Zaum halten. Obendrein hat er akuten Redebedarf. Vom Betreten der Sardi’s-Bar an steht das Mundwerk von Hart nicht mehr still, wenn er sich über die Trivialität von „Oklahoma!“, die Undankbarkeit von Rodgers, aber auch die allgemeine Ungerechtigkeit des Daseins ereifert.

Verbissene Monologe in der Bar

Unfreiwillige Zuhörer sind der gelassene Barkeeper Eddie (Bobby Cannavale), ein klavierspielender US-Soldat auf Urlaub und ein stiller Schreiberling in einer Ecke, in dem Hart nach einiger Zeit den Essayisten E.B. White (Patrick Kennedy) erkennt. Eine kleine Gruppe, die Zeuge von Harts mal verbitterten, mal bissigen, mal selbstmitleidigen Monologen wird, die öfters in sentimentale Reminiszenzen an seine Erfolgszeiten mit Rodgers und seine besten Einfälle umschlagen, für die Hart der Vergleich mit Shakespeare nicht zu hoch gegriffen scheint. Zudem hegt er tatsächlich auch Gefühle der Hoffnung: Für den Abend steht noch eine Verabredung mit der gerade 20-jährigen Schauspielaspirantin Elizabeth Weiland (Margaret Qualley) an, und Hart malt den Anwesenden eine glückliche Zukunft aus. Was Eddie und E.B. White mit wissendem Blick kommentieren, denn Harts Homosexualität ist ein offenes Geheimnis; durch anzügliche Anspielungen konterkariert er zudem selbst sein Werben um Elizabeth. Die dringt im Übrigen nach ihrem Erscheinen vor allem darauf, Rodgers vorgestellt zu werden.

Linklater und Kaplow legen Lorenz Hart als Paradebeispiel eines Künstlers an, der sich selbst im Weg steht. Einerseits präsentiert er sich voller kreativer Ideen, die nur so aus ihm heraussprudeln, andererseits hindern ihn Sprunghaftigkeit und die Leugnung seiner diversen Persönlichkeitsprobleme daran, aus seinen Geistesblitzen anhaltenden Profit zu ziehen. Die Tragik dieses Künstlertyps kostet Ethan Hawke in einer Darbietung voller ausladender Gesten, rasant vorgetragener Wortkaskaden, Imitationen und mitunter auch angestimmter Lieder weidlich aus, was zunächst vor allem im Kontrast zu dem von Bobby Cannavale mit pointiertem Gleichmut gespielten Barkeeper unterhaltsam ist.

Mit hoher Pointendichte

Mit der Ankunft der Premierengäste zur Mitte des Films wandelt sich dieser dann endgültig zur Tragikomödie. Die nach und nach eintreffenden Kritiker-Hymnen auf „Oklahoma!“ steigern Harts Qualen weiter, doch seine Feindseligkeit zielt ins Leere. Rodgers, sehr nuanciert interpretiert von Andrew Scott, zeigt sich keineswegs unversöhnlich, sondern lädt Hart zur nächsten Zusammenarbeit ein und lobt dessen Brillanz; nach zweieinhalb Jahrzehnten mit einem unzuverlässigen Partner will er sich lediglich die Option für andere Kooperationen offenhalten. Und auch Hammerstein würdigt seinen Rivalen ausdrücklich als Vorbild und hält besorgt seinen 12-jährigen Begleiter „Stevie“ zurück, als dieser Hart naseweis zu kritisieren wagt – eine köstliche Szene um Hammersteins wirklichen Schützling, den späteren Musical-Meister Stephen Sondheim.

Diese Begegnungen sind historisch nicht belegbar; nur Harts Anwesenheit bei der Premiere ist gesichert. Der Rest entspringt der Fantasie von Robert Kaplow, der für Linklater auch schon die Vorlage zu „Ich & Orson Welles“ (2008) geschrieben hat. Kaplow treibt die Situation, um die der Film kreist, mit Elan voran und strebt nach einer hohen Pointendichte, was mitunter allerdings auch angestrengt wirkt, wenn der Drang zu eloquenten Auslassungen auch jenseits von Hart überhandnimmt. Namentlich die Gespräche mit Elizabeth, für deren Figur sich Kaplow vom Briefwechsel einer jungen Frau mit Hart inspirieren ließ, wirken eher deplatziert, auch wenn Ethan Hawke dabei die Verletzlichkeit des Texters zeigen kann. Zudem belässt es Linklater bei einer routinierten filmischen Umsetzung der theaterhaften Vorgaben, in der die Dialoge breit ausgespielt werden und auch über die zahlreichen berühmten Songs mehr geredet wird, als dass sie tatsächlich angespielt würden.

Anders als bei Linklaters parallel entstandener Filmkünstler-Hommage „Nouvelle Vague“ hängt der Grad an Vergnügen bei „Blue Moon“ auch stärker vom Vorwissen ab. Kaplow streut reichlich Anspielungen auf Musik-, Film- und Zeitgeschichte ein und setzt auch auf Insiderscherze im Stile von „Zurück in die Zukunft“, wenn Harts freifliegende Inspiration immer wieder Ideen bei anderen Künstlern weckt. In seiner Häufung ist dieser Einfall vielleicht etwas überreizt, aber amüsant und überdies zielsicher auf den universellen Aspekt des Films gerichtet. Wie ein Künstler sich und der Welt verzweifelt zu beweisen versucht, dass er noch viel zu bieten hat, vermittelt sich eindringlich, auch wenn man nicht jedem seiner Gedankensprünge folgen kann.

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Filmbesucherkommentar von Romain Antony | 25.02.2025 :
"Blue Moon" ist der Titel eines Songs, Text Lorenz Hart, genannt Larry. Die Musik stammt von Richard Rodgers. Die beiden hatten in den 30er Jahren viele Hits, waren ein schöpferisches Team, das die Songkultur in den USA  in diesen Jahren von  Kitsch und Klischees befreite. 
Der Film beginnt mit einem betrunkenen Larry (Ethan Hawke), der in einer schmalen Gasse im strömenden Regen hinfällt, liegen bleibt und einige Wochen später an einer Lungenentzündung stirbt. Danach blendet der Film auf den 31. März 1943, der Tag der Premiere von "Oklahoma!", dem äußerst erfolgreichem Musical, das Richard Rodgers (Andrew Scott), Musik, mit einem neuen Partner, Oscar Hammerstein (Simon Delaney), Text, geschaffen hat. Larrry verlässt die Aufführung vorzeitig, begibt sich in die Bar, wo nachher die Premierenfeier stattfindet. 
Gleich wird man beim Betreten Larrys in der Bar in seinen Redeschwall eingesogen, man hört fast ausschließlich Larrys Monologe über Film, Kunst, das Leben, den Sex. Der Bartender und ein Gast, Journalist und Autor, E.B. White - schrieb u.a. das  Kinderbuch Stuart Little -  der Pianist Knuckles, der für die musikalische Untermalung in der Lokalität zuständig ist, ein Blumenbote, den Larry gleich anmacht, als Ambi-Sexueller, wie er sich bezeichnet und zu einer Privatparty bei sich einlädt, sind  die Stichwortgeber, die Larrys Kommentierungen am Laufen halten. Wenn Larry sie fragt, antworten sie kurz und dann übernimmt er wieder, mit sprachlastigen Wortkaskaden. Seine Äußerungen, Kommentare, Einsichten, Selbstbeschreibungen, Zitate aus Filmen, insbesondere "Casablanca", seine angestimmten Songs, sein musikalisches, textliches Fachwissen, mit zahlreichen Redewendungen aus Theater und Literatur, sind sehr interessant anzuhören und sie sind klug bis poetisch. Ethan Hawke versteht es hervorragend, die innere Befindlichkeit, Verletzlichkeit und auch Verzweiflung von Larry hinter seinem Gerede durchschimmern zu lassen. Die Handlung im Film entsteht durch Bewegungen der Protagonisten im Raum, in der Bar, einer schönen, holzgetäfelten Lokalität, ein ästhetisches Lokal, das ich mir direkt neben meiner Wohnung um die Ecke wünschte, dort tränke ich gerne mal einen von Larrys Lieblingswhiskeys. Doch für ein derartig gemütliches und attraktives Lokal, muss man nach Irland fahren. 
Die Gedankenflut dreht sich viel um eine junge 20jährige Frau, eine Studentin, Elisabeth (Margaret Qualley). Gast und Barkeeper rätseln, ob es sich um eine platonische Liebe handelt, oder ob Larry sie vielleicht schon genagelt hat - die sexuellen Anspielungen im Film sind meist recht kräftig. Er verehrt sie, begehrt sie, findet mit Hilfe des Autors den Begriff  "verzückt", um seinen Gefühlszustand zu beschreiben. Er erwartet sie, in a sentimental mood. 
In dem Lokal finden sich dann zunehmend andere Gäste ein, die Aufführung ist beendet, die Premierenparty kann starten. Larry und Richard, die sich weiterhin freundschaftlich verbunden sind, gehen nett miteinander um. Richard geduldig, Larry drängend, seine Idee eines Musicals über die Verliebtheit Marco Polos zu einer sehr jungen Frau vortragend. Doch es ist auch für ihn eigentlich spürbar, dass der Zug abgefahren ist, dass er im abgehängten Waggon sitzt. Nur wahrhaben will er es nicht. Er kämpft um Anschluss, wird abgespeist mit der Perspektive auf ein Revival mit Couplets aus ihrem erfolgreichsten Musical  "A Connecticut Yankee". Larry sprach es natürlich nicht aus, doch  es verletzte ihn sehr, dass sein Freund und künstlerischer Weggefährte über Jahre mit einem anderen Texter zusammenarbeitete. Auch Richard sprach es nicht aus, dass er der Unzuverlässigkeiten, der alkoholbedingten Abwesenheiten und der veralteten Witze in den Texten von Larry überdrüssig geworden war.
Im Hinterstübchen der Garderobe gibt es ein Gespräch. Elisabeth erzählt Larry detailliert von ihrer großen Liebe zu einem gutaussehenden  jungen Mann namens Cooper, mit dem sie am Abend ihres 20. Geburtstag zusammen war. Sexuell lief allerdings nichts ab, der etwas ältere Junge war desinteressiert und nicht in Laune. Er gab ihr einen Gutschein für ein anders Mal, welches dann auch einige Tage später mit einem erfüllenden One-Night-Stand statt fand. Danach hat Elisabeth von ihrer großen Liebe nie mehr etwas gehört. So erzählt sie es und  Larry hängt an ihren Lippen, hört sich die Schilderungen begierig an, identifiziert sich vielleicht mit Cooper. Larrys Wunsch begehrt, geliebt zu werden, ist zu spüren. Sie liebe ihn, aber anders, sagt ihm Elisabeth.  
Der Film ist sorgfältig und dramaturgisch sehr gut konstruiert, baut sich auf vom einsamen Monologisieren zu  dialogischen Klärungsprozessen und  zu einem Gespräch mit seiner Angebeteten. Spätestens in dem Moment bekommt man Mitleid mit Larry, dem Gemochten,  aber nicht Begehrten, dem zum Außenseiter und Alkoholiker gewordenen, den man für seine Erfolge ehrt, aber nicht mehr verehrt.
Wenn meiner Meinung nach Rose Byrne den Bären für die beste weibliche Hauptrolle im Film "If I Had a Leg i'd Kick You" bekommen sollte, dann müsste Ethan Hawke den Bären für die männliche Hauptrolle bekommen. Er hat seine Rolle virtuos und packend gespielt, leicht sei sie ihm gefallen, sagte er in einem Interview, weil die Texte so gut waren. Aber, oh jaaa, I remeber, es gibt ja nur noch einen Bären für die SchauspielerInnenleistung, aus mannfraunichtbinären Gründen. Für allmögliche Sparten gibt es Bären, doch bei den DarstellerInnen - und es gibt viele gute davon in den Berlinalefilmen - da spart man ein, statt die Bärenanzahl zu vermehren. 
Für diesen Film wäre es von Vorteil, etwas mehr zu wissen über die Musicals der 30er und 40er Jahre in den USA. Ich habe mich im Vorfeld nicht kundig gemacht, interessiere mich im Nachgang dafür. Vielleicht habe ich einige Standards der Zeit in meiner Musiksammlung, "Blue Moon" und "My Funny Valentine" sind bestimmt dabei. 
Mangold macht einen ausgezeichneten Film über Dylan, Linklater macht einen noch ausgezeichneteren Film über Lorenz Hart, genannt Larry, die mitleiderregende, im Leben gescheiterte Gestalt, ein Don Quijote der Musikgeschichte. Linklater hat an ihn gedacht.
cf. auch den Filmblog unter: www.filmekommentieren.wordpress.com u.a. mit dem Berlinale Tagebuch 2025