Hiddensee

  Donnerstag, 22. Oktober 2026 - 19:30 bis - 21:30
Treffer: 133



Eintritt: 7,50 Euro

Deutschland 2026
Kinostart: 20. August 2026
118 Minuten
FSK: ab 14 Jahren

Regie/Drehbuch/Produzentin: Annekatrin Hendel 
 
Filmwebseite    
alle Daten zum Film auf Filmportal.de  

Wikipedia über die Ostseeinsel Hiddensee 

Gedanken zum Film auf Basis der hier verlinkten Filmkritiken:


Hiddensee – ein Sehnsuchtsort voller Widersprüche 

„Wer einmal auf der Insel war, kommt nie mehr oder immer wieder.“

Mit diesem Satz beginnt Annekatrin Hendels Film über Hiddensee. Die Kamera gleitet über das Meer, tastet die Küste ab, nähert sich dem Strand. Man könnte meinen, jetzt komme ein schöner Urlaubsfilm über eine der eigenwilligsten Inseln Deutschlands.

Doch Hiddensee ist mehr als Strand und Meer.

Die gerade einmal 17 Kilometer lange Insel hat seit mehr als hundert Jahren eine besondere Anziehungskraft auf Künstler, Schriftsteller, Schauspieler und Aussteiger. In den 1920er-Jahren wurde sie das „Romanische Café der Ostsee“ oder das „Versteck im Meer“ genannt. Asta Nielsen, Thomas Mann, Gerhart Hauptmann, Else Lasker-Schüler und viele andere kamen hierher.

Für uns Norddeutsche liegt dabei eine Assoziation nahe: Worpswede.

Auch Worpswede steht für die Idee eines besonderen Ortes, an dem sich Künstler und Menschen zusammenfanden, die Abstand vom gewöhnlichen Leben suchten. Hiddensee war allerdings nie nur Künstlerkolonie. Die Insel wurde zugleich zum Sehnsuchtsort für Sommergäste und zum Rückzugsraum – und später, unter ganz anderen politischen Bedingungen, zu einem besonderen Ort innerhalb der DDR.

Annekatrin Hendel selbst entdeckte Hiddensee in den 1980er-Jahren. Für die Ostberliner Künstlerszene und Subkultur war die Insel ein besonderer Ort: Man war noch in der DDR und fühlte sich doch für eine Weile erstaunlich weit von deren Regeln entfernt. Die Punkband Feeling B um Aljoscha Rompe, Paul Landers und Christian „Flake“ Lorenz verbrachte ihre Ferien auf Hiddensee. Flake hat für Hendels Film die Musik komponiert.

Damit treffen verschiedene Hiddensees aufeinander: die Künstlerinsel der 1920er-Jahre, die Insel der DDR-Zeit und das heutige Hiddensee. Bach und Punk. Alte Fotografien und neue Aufnahmen. Menschen, die ihr ganzes Leben dort verbracht haben, und solche, die als junge Leute kamen und wieder gingen.

Hendels Film erzählt diese Geschichte nicht chronologisch. Er arbeitet assoziativ und verbindet Epochen, Generationen und Schicksale. Ursula Kähler bezeichnet ihn deshalb als einen „unkonventionellen Essay“ und hebt besonders die formale Gestaltung hervor: Kamera, Montage, Rhythmus und Musik greifen präzise ineinander.

Schwarz-Weiß und deutsche Geschichte

Besonders auffällig ist das Schwarz-Weiß. Hiddensee ist eigentlich ein Ort, der geradezu nach Farbe verlangt: Meer und Himmel, Sand, Dünen und sommerliches Licht. Hendel verzichtet bewusst darauf. Die historischen Fotografien und Filmaufnahmen verbinden sich dadurch unmittelbarer mit den heutigen Bildern.

Auch die Geschichte der Insel ist weniger idyllisch, als das Bild einer Künstlerinsel vermuten lässt.

Bereits 1922 warb das Dorf Vitte mit einem „judenfreien“ Strand. Künstlerinnen wie Henni Lehmann und Käthe Loewenthal wurden nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten von der Insel vertrieben. Gerhart Hauptmann, der auf Hiddensee sein Sommerhaus hatte, arrangierte sich mit dem NS-Regime; Asta Nielsen zog sich dagegen aus Deutschland zurück.

Später wurde Hiddensee in der DDR erneut zu einem Ort der Widersprüche. Künstler und Staatskünstler, Privilegierte und unangepasste Menschen trafen aufeinander. Für manche war die Insel ein Sommerparadies, für andere ein Rückzugsort und für eine junge Generation aus Ostberlin ein Stück Freiheit. Hendels eigene Erinnerungen sind ausdrücklich Teil des Films.

Deutschland en miniature?

Hier gehen die Kritiken etwas auseinander.

Die FAZ nennt Hiddensee ein „Deutschland en miniature“ – eine kleine, abgeschlossene Welt, auf der sich große gesellschaftliche Spannungen besonders deutlich zeigen.

Ursula Kähler (Cicero) ist vorsichtiger. Sie hält die Vorstellung von Hiddensee als „Brennglas“ oder „Frühwarnsystem“ für die politische Entwicklung Deutschlands für zu pauschal. Hiddensee sei vielmehr ein eigenwilliger Resonanzraum, in dem sich deutsche Geschichte und Gegenwart auf besondere Weise brechen.

Vielleicht muss man sich zwischen diesen beiden Sichtweisen gar nicht entscheiden.

Denn auf Hiddensee lassen sich tatsächlich große deutsche Themen finden: Kunst und Politik, Anpassung und Widerstand, Freiheit und Ausgrenzung, Ost und West. Gleichzeitig ist die Insel natürlich nicht einfach Deutschland im Kleinen. Sie hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Menschen und ihre ganz eigene Atmosphäre.

Und diese Gegenwart interessiert Hendel ebenfalls.

Heute geht es auf Hiddensee um Tourismus, um die Frage, wie sich die Insel verändern darf und soll, um den Umgang mit ihrer Geschichte und um politische Auseinandersetzungen innerhalb der kleinen Gemeinschaft. Bürgermeister und Inselpastor stehen für unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft des Ortes.

Der Tourismus ist dabei ein besonders schönes Beispiel für die Widersprüche der Insel. Die Menschen kommen nach Hiddensee, weil sie Ruhe, Natur und Abstand vom Alltag suchen. Gleichzeitig verändert gerade der Tourismus den Ort. An einer Hauswand steht deshalb die zugespitzte Frage:

„Hauptmann oder Ballermann. Quo vadis, Hiddensee?“

Eine ungewöhnliche Form

Auch formal ist „Hiddensee“ weit entfernt von einer klassischen Dokumentation. Christian „Flake“ Lorenz verbindet elektronische Klänge mit den musikalischen Erinnerungen der Insel. Bach steht neben Punk, der Inselchor neben Feeling B. Historische und neu eingesprochene Aufnahmen werden mit Marionetten des Puppenbauers Christian Werdin szenisch zum Leben erweckt.

So entsteht ein Film, der weniger eine lückenlose Chronik sein möchte als eine assoziative Reise durch die Erinnerungen einer Insel.

Und vielleicht ist das auch der Grund, warum Hiddensee in so vielen verschiedenen Zeiten gleichzeitig existiert.

Künstler kommen und gehen.
Die politischen Systeme wechseln.
Aus Punks werden Eltern und Großeltern.
Aus einem Rückzugsort wird ein touristisches Ziel.

Und trotzdem bleibt die Sehnsucht.

Nach Freiheit. Nach Ruhe. Nach einem anderen Leben.

„Hiddensee“ ist ein eigenwilliger Dokumentarfilm, der nicht jede Verbindung ausbuchstabiert. Vielleicht muss er das auch gar nicht. Denn gerade seine offene, assoziative Form lädt dazu ein, die Geschichte der Insel nicht als abgeschlossene Vergangenheit zu betrachten.

Vielleicht ist Hiddensee am Ende weder „Deutschland en miniature“ noch einfach nur eine Insel.

Vielleicht ist es tatsächlich das, was Ursula Kähler einen Resonanzraum nennt: ein Ort, an dem sich Geschichte, Erinnerungen und Gegenwart auf eigentümliche Weise überlagern.

Und ein Ort, an dem man verstehen kann, warum es heißt:
„Wer einmal auf der Insel war, kommt nie mehr oder immer wieder.“

Kritiken: 
Kritik von Kira Taszman für den Filmdienst (3 von 5 Sternen) 
Kritik von Silvia Hallensleben für EPD-Film (3 von 5 Sternen) 
Kritik von Frank Schmidke für Kunst und Film (4 von 6 Sternen) 
Kritik von Ursula Kähler für den Cicero 
Kritik von Harald Mühlbeyer für Kino-Zeit.de (3,5
von 4 Sternen) 
Kritik von Peter Gutting für Filmrezensionen.de (7 von 10 Sternen) 
Kritik von Rüdiger Suchsland für SWR-Kultur 
Kritik von Elisabeth von Thadden für die Zeit 
Kritik von Juliane Voigt für NDR-Kultur 
Kritik von Kira Taszman für die Jüdische Allgemeine 
Kritik von Wilfried Hippen für die taz 
Kritik von Sandra Kegel für die FAZ 
Kritik im Freitag 
Kritik von Kathleen Hildebrand für die Süddeutsche Zeitung 
Kritik von Gaston Kirsch für Jungle World 
Kritik von Susanne Lenz für die Berliner Zeitung 
Kritik von Oliver Reinhard für die Sächsische Zeitung 
Kritik von Jörg Schieke für den MDR

Interview von Karoline Knappe mit der Regisseurin Annekatrin Hendel für den MDR
 
Trailer (104 Sekunden): 

  

Ausführliche Kritik von Kira Taszman für den Filmdienst:  
Doku über die Ostseeinsel Hiddensee und ihre wechselvolle Geschichte, die im Verlaufe des letzten Jahrhunderts von Natur, Geschichte und Rivalitäten geprägt wurde. 

Die kleine Insel Hiddensee liegt westlich ihres großen Nachbarn Rügen in der Ostsee. Hier ticken die Uhren anders. Auf dem 17 Kilometer langen und an seiner schmalsten Stelle nur 250 Meter breiten Eiland herrscht Ruhe. Es gibt keinen privaten Autoverkehr, dafür Fahrräder und Pferdekutschen. Man erreicht die Insel nur per Fähre. Das macht sie zu einem perfekten Refugium. Als die Dokumentaristin Annekatrin Hendel vor einigen Jahren von einer anhaltenden Fehde zweier Bewohner auf Hiddensee erfuhr, beschloss sie, das kleine Stück Land in der Ostsee nach vielen Jahren der Abwesenheit wieder aufzusuchen.

Für Hendel, viele Teenager, Außenseiter und Künstler war Hiddensee viele Jahrzehnte lang ein Ort der Unbeschwertheit und Freiheit. Die Insel im Norden der DDR lag geografisch nah und ideologisch doch so erfrischend fern. Mit etwas Trickserei konnte man dort für eine Weile stranden. Allerdings mussten die Besucher wegen der strengen Urlaubsformalitäten auf der Insel und weil das Eiland Grenzgebiet war, ein Quartier nachweisen. So drängelten sich auf dem Papier schon mal über zwanzig junge Menschen bei einer Einheimischen, die eigentlich nur ihre Enkelin beherbergen wollte.

Die DDR-Grenzer konnte man trotzdem austricksen – mit aus jugendlichem Übermut veranstalteten Fotoshootings oder wilden Konzerten. Aljoscha Rompe, der Sänger der Ostberliner Anarcho-Punkband „Feeling B, hatte auf Hiddensee ein Haus und ist dort auch begraben. Rompe und seine damaligen Band-Kollegen Paul Landers und Flake Lorenz – heute sind sie Gitarrist und Keyboarder bei „Rammstein“ – tobten sich in der späten DDR musikalisch auf Hiddensee aus. Zudem erkoren sie die Insel zu ihrem privaten Ferienparadies.

Der „judenfreie“ Strand in Vitte

Lorenz hat für „Hiddensee“ jetzt die Filmmusik komponiert. Sie schwingt meist diskret im Hintergrund mit, schwillt aber gelegentlich an und betont so die Widersprüchlichkeit der Insel. Denn schon in den 1920er-Jahren musste Hiddensee Diskrepanzen aushalten. Eine Gruppe deutsch-jüdischer Malerinnen um Henni Lehmann und Käthe Loewenthal gründete dort den „Hiddenseer Künstlerinnenbund– und das auf einer Insel, deren Strand in Vitte sich zur selben Zeit als „judenfrei“ brüstete.

Indem der Film die Geschichte der Inselbewohner und Besucher ab dem Ende des Ersten Weltkriegs erzählt, erforscht er anhand von Fotos, Filmen und Augenzeugenberichten auch ein Jahrhundert deutscher Geschichte. Dazu springt der in ästhetischem Schwarz-weiß gehalten Film essayistisch zwischen den Jahrzehnten hin und her. Hiddensee, das von manchen als Ort „uferloser Ereignislosigkeit“ gescholten wurde, bot Menschen, die in Ruhe gelassen werden oder ihre künstlerische Ader ausleben wollten, einen perfekten Rückzugsort.

Die Frauen des „Hiddenseer Künstlerinnenbunds“ mussten die Insel aber nach der Machtergreifung der Nazis 1933 verlassen. Dass sich selbst ein berühmter Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann, einst Rebell, Jugendschwarm und Autor sozialkritischer Werke, der auf Hiddensee eine prächtige Sommerresidenz besaß, bei den Nazis anbiederte, fächert der Film detailreich auf. Eine Ladung mit hundert Flaschen Wein von Albert Speer nahm der Literaturnobelpreisträger dankend an. Asta Nielsen hingegen, die die von Max Taut entworfene Bauhaus-Villa „Karusel“ bewohnte, suchte Hiddensee zuletzt 1936 auf und kehrte danach nach Dänemark zurück. Sie wollte keine Schauspielerin von Goebbels’ Gnaden sein.

Bei dem Dorf Kloster

Nach dem Krieg nahm die Insel in der neugegründeten DDR weitere Prominente auf. Die Tänzerin Gret Palucca erhielt hier ein Haus und veranstaltete ihre Sommerkurse am Strand. Über die Ambivalenz ihrer Biografie – sie gestaltete die Olympischen Spiele 1936 mit und fiel dann wegen ihrer teils jüdischen Herkunft in Ungnade – sah man genauso hinweg wie über die von Hauptmann; die Gräber der beiden liegen in dem Dorf Kloster, dem kulturellen Zentrum der Insel, nicht weit voneinander entfernt.

Auch eine weibliche DDR-Schauspieldynastie prägte die Insel. Inge Keller, die mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnete Grande Dame des Deutschen Theaters in Berlin, durfte auf Hiddensee trotz eines Baustopps für private Ferienhäuser eine Sommerresidenz errichten. Ihre Tochter Barbara Schnitzler, die ebenfalls lange Schauspielerin am Deutschen Theater Berlin war, erinnert sich. Zusammen mit Kellers Enkelin Pauline Knof beschreibt sie Inge Keller, die immer mehr Diva als Mutter und Großmutter gewesen sei. Auch in dieser angedeuteten Familienbiografie schwingen Widersprüche familiärer und politischer Natur mit und werden zu einem Spiegel der Gesellschaft. Zudem bedient sich Hendel einer Verfremdungstechnik. Einige ihrer Protagonisten werden zwischenzeitlich durch Marionetten dargestellt. Das betont deren eingeschränkte Handlungsfähigkeit, aber auch ihr künstlerisches Wesen.

Neben Avantgarde-Künstlern, Staatskünstlern und Unangepassten profitierten aber auch ganz normale Bürger vom Charme der Insel – bis heute. Auch in Zeiten von Demokratie und Freiheit ist das Leben auf der Insel nicht konfliktfrei. Seit etlichen Jahren liefern sich der örtliche Pfarrer und der Bürgermeister einen erbitterten Streit. Man fühlt sich an Don Camillo und Peppone erinnert, auch wenn die Fehde mit bitterem Ernst ausgetragen wird und der Bürgermeister kein Kommunist ist. Es geht um unterschiedliche Auffassungen von Modernisierung und Tradition, um die Interpretation von Geschichte und um Mitsprache. Beide kommen in dem Film zu Wort, und es obliegt wohl dem Publikum, auch welche Seite es sich schlagen will oder auch nicht. So erscheint Hiddensee auch heute als paradiesisches Eiland, auf dem sich das Tosen der Wellen auch im übertragenen Sinne weiter bemerkbar macht.