Das Mädchen und die Spinne

  Donnerstag, 16. Dezember 2021 - 20:30 bis - 22:10
Treffer: 229

 

 
Eintritt: 7,50 €

Schweiz 2021
Kinostart: 8. Juli 2021
94 Minuten
FSK: ab 16; f

Regie/Drehbuch: Ramon ZürcherSilvan Zürcher 
von den Zwillingsbrüdern Zürcher lief im achteinhalb "Das merkwürdige Kätzchen"
Kamera: Alexander Haßkerl 
Schnitt: Ramon Zürcher · Katharina Bhend

Darsteller:
Henriette Confurius (Mara) · Liliane Amuat (Lisa) · Ursina Lardi (Astrid) · Flurin Giger (Jan) · André Hennicke (Jurek) · Sabine Timoteo (Karen) · Ivan Georgiev (Markus) · Dagna Litzenberger Vinet (Kerstin) · Lea Draeger (Nora) · Birte Schnöink (Zimmermädchen), Margherita Schoch (Frau Arnold)

Auszeichnungen: Auszeichnung für die Beste Regie und dem FIPRESCI-Preis in der Sektion Encounters der Berlinale
Der Film befindet sich in einer Vorauswahl für den Europäischen Filmpreis 2021
 
Filmwebseite, WIKIPEDIA, Filmseite der Berlinale, alle Daten zum Film auf Filmportal.de und crew united

 

Über die Filme von Ramon und Silvan Zürcher
Artikel von Patrick Holzapfel für das Fachmagazin Filmdienst

 

Kritiken: 
Kritik von Esther Buss im Filmdienst (4 von 5 Sternen)
Kritik von Sascha Westphal im Filmmagazin EPD (5 von 5 Sternen)
Kritik von Jochen Werner für filmstarts.de (4,5 von 5 Punkten)
Kritik von Hannah Pilarczyk im Spiegel
Kritik von Nicolas Freund in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Gunda Bartels im Tagesspiegel
Kritik von Joachim Kurz auf Kinozeit
Kritik von Bianka Piringer für Spielfilm.de
Kritik von Wolfgang Nierlein für die Filmgazette
Kritik von Cornelia Geißler in der Berliner Zeitung
Kritik von Till Kadritzke für critic.de
Kritik von Dunja Bialas für artechock film
Kritik von Urs Bühler für die Neue Züricher Zeitung
Kritik von Dennis Vetter für Filmbulletin.ch
Kritik von Michael Meyns auf Programmkino.de (Gilde deutscher Filmkunsttheater)

Interview von Dominik Kamalzadeh mit den Regisseuren Ramon & Silvan Zürcher für den Wiener Standard

 
Trailer (109 Sekunden):

ausführliche Kritik Filmdienst  
Eine junge Frau zieht aus der Wohngemeinschaft mit ihrer Freundin aus, was auch im Leben benachbarter Menschen Risse hinterlässt. Ein poetisches Panoptikum menschlicher Beziehungsformen.

Ein weißes Blatt Papier, darauf der Grundriss einer Wohnung: Schlafzimmer, Zimmer, Bad, Küche, vier leere Kästchen, symmetrisch angeordnet zum Quadrat. Der Ausdruck, ein Geschenk von Mara an ihre Mitbewohnerin Lisa, die in diese Wohnung einzieht, taucht in „Das Mädchen und die Spinne“ immer wieder auf und ist am Ende nicht mehr derselbe - die leeren Flächen haben sich mit bunten Zeichnungen und cartoonhaftem Gekritzel gefüllt, das Papier ist zerknittert und von Rotweinflecken aufgeweicht. Es gibt noch eine weitere Darstellung der Wohnung, die für die wechselnden Aggregatzustände des Films von Ramon und Silvan Zürcher vielleicht noch bezeichnender ist. Mara erzählt, dass sich das pdf-Dokument des Grundrisses plötzlich „zerschossen“ darstellte, mit chaotisch angeordneten Buchstaben und Linien: „Das war schön“. Kurz darauf sei aber alles wieder an seinem Platz gewesen.

Alles gerät in Bewegung

Bewegungen, die sich als Erschütterungen zeigen und Risse ziehen: Lisa verlässt die gemeinsame Wohngemeinschaft mit Mara, um von nun an allein zu leben. Ihr Auszug durchtrennt nicht nur eine über Jahre gewachsene Einheit, sondern erfasst auch das benachbarte Figurengefüge: von Lisas Mutter über den Umzugshelfer Jan bis zu den Nachbarinnen in der alten wie neuen Wohnung. Schon in ihrem viel beachteten Debütfilm Das merkwürdige Kätzchen (2013) komponierten die Zwillingsbrüder Zürcher eine Alltagsgeschichte als Kettenreaktion von Handlungen auf begrenztem Raum. In „Das Mädchen und die Spinne“ ist die Architektur der Erzählung und der Räume noch ausgreifender, verschachtelter; aber auch die Kräfte von Begehren, Anziehung und Abstoßung präsentieren sich umfassender und heftiger.

Mit nur zwei Filmen haben die Zürchers ihr eigene Form des Erzählens gefunden, ein fast schon Reiz-Reaktion-orientiertes Zusammenwirken von Menschen, Dingen, Blicken, Handlungen, Worten, Klängen und Farben. Die meist statische Kamera von Alexander Haßkerl, die die Bilder eng kadriert, wird mit einer extrem dynamischen Inszenierung kontrastiert. Während Lisas neue Wohnung frisch bezogen wird, reihen sich Aktionen – oder Miniaturen von Aktionen – aneinander. Es wird gebohrt, gehämmert, geputzt und montiert, Figuren bewegen sich durchs Bild, kommen und gehen; wer hier wer ist und wie mit wem verbunden, erschließt sich erst mit der Zeit. Zwischen den Anwesenden, zu denen neben Lisa, ihrer Mutter, Mara und dem Mitbewohner Markus noch weitere Figuren hinzukommen, zirkulieren Blicke und Berührungen, mal zärtlich, mal abweisend und hart. Aber auch Wunden, Schnitte und Scherben spielen eine wiederkehrende Rolle. Zentrales Element der Zürcher’schen Mechanik ist neben den Menschen die Objektwelt. Dinge werden abgestellt, weggeräumt oder an die nächste Figur weitergegeben, Geräusche werden gemacht und Sätze gesagt, die häufig wie abgestellt wirken, manchmal auch grausam: „Die Katze hat das Baby gekratzt“ – „Jetzt ist das Baby tot“.

Ähnlich wie die Dinge im Film, die ständig kaputtgehen und repariert werden, auseinandergenommen und wieder aufgebaut werden, ist auch die Erzählung ein kontinuierlicher Montage- und Demontageprozess. Räumliche Erweiterungen entstehen durch das akustische Off – eine elaborierte Geräuschproduktion aus aufeinander folgenden oder auch synchronen Tönen von Gehämmere und Geklappere, Baulärm, Hundegebell und „sprechenden“ Objekten wie etwa einer hartnäckig fiependen Thermoskanne. Zudem brechen kurze Erinnerungen und Träume in die Erzählung ein und bringen die Handlung vorübergehend zum Stehen. Sie nehmen sich wie Inseln im Gegenwartsraum aus oder anders gesagt: wie kurzzeitig gebündelte Materie, die sich sofort wieder verflüchtigt.

Viele Formen des Begehrens

„Das Mädchen und die Spinne“ ist mal komisch, mal abgründig, mal leicht, mal beschwert, mal magisch und märchenhaft, mal profan und immer besonders. Beiläufigkeit trifft auf Ereignishaftigkeit, Bewegung auf Stillstand, Nähe und geteiltes Erleben auf Distanz und Einsamkeit. Dabei sind die Formen des Begehrens und der Sehnsüchte vielfältig und werden gewollt ambivalent gehalten. Alles ist in Bewegung, pendelt und schwankt und bricht doch nicht ganz aus der Fassung – „als halte eine geheime Kraft die Dinge zusammen“.

Eine Kritik von Esther Buss