Rose

  Donnerstag, 28. Mai 2026 - 19:30 bis - 21:05
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arteshot
Filmgespräch zwischen Margret Köhler und Axel Timo Purr (11 Minuten)

 

Die Filmanalyse von Wolfgang M. Schmitt (18 Minuten)
Ein Meisterwerk über die Freiheit: ROSE – Kritik & Analyse

Sandra Hüller ist eine der aufregendsten Schauspielerinnen unserer Zeit. Nun schlüpft sie für „Rose“ in eine Hosenrolle, um einen Soldaten während des Dreißigjährigen Krieges zu spielen, der kriegsmüde geworden ist und sich am Rande eines Dorfes niederlassen möchte. Rose heißt der unbekannte Mann, der keiner ist, was jedoch von den Dorfbewohnern niemand erfahren darf. Auch seine Frau Suzanna (Caro Braun) wird mit einem hölzernen Phallus getäuscht, wird dennoch schwanger. Die österreichisch-deutsche Produktion „Rose“ von Markus Schleinzer spielt zwar vor circa 400 Jahren, spricht jedoch zu uns heute – auch die Figuren bedienen sich einer Sprache, die zwar barocke Anlehnungen aufweist, aber in die Gegenwart verweist. Rose ist ein modernes Subjekt, gewissermaßen eine Künstlerin, die sich selbst entwirft und damit in den Augen der Gemeinschaft zum Feind erklärt werden muss. Dieser Historienfilm bleibt nicht in der Geschichte stecken, vielmehr überbrückt er die Jahrhunderte bis zu uns hin auf erschütternd schöne Weise.
Mehr dazu von Wolfgang M. Schmitt in der Filmanalyse!

 

Eintritt: 7,50 Euro

Österreich/Deutschland 2026
Kinostart: 30. April 2026
94 Minuten
FSK: ab 14 Jahren

Regie/Drehbuch: Markus Schleinzer 

Darsteller: 
Sandra Hüller (Rose) · Caro Braun (Suzanna) · Godehard Giese (Großbauer) · Maria Dragus (Großbäuerin) · Robert Gwisdek (Amtmann) · Sven-Eric Bechtolf (Richter) · Rainer Egger (Doktor) · Augustino Renken (Alter Knecht) · Annalisa Hohl (Schwester 1) · Annika Molke (Magd) · Benedikt Kauff (Gerichtsschreiber) 

Filmwebseite, Wikipedia, Presseheft  
alle Daten zum Film auf Filmportal.de  
 

Kritiken: 
Kritik von Anke Sterneborg für EPD-Film (5 von 5 Sternen) 
Kritik von Dörthe Gromes für Kunst und Film  (6 von 6 Sternen) 
Kritik von Esther Buss für den Filmdienst (4,5 von 5 Sternen)
Kritik von Carl Christian Jamka für critic.de
Kritik von Jochen Werner für den Perlentaucher 
Kritik von Falk Straub für Spielfilm.de (5 von 5 Sternen)
Kritik von Tim Caspar Boehme für die taz 
Kritik von Walli Müller für NDR-Kultur 
Kritik von Daniel Kothenschulte für die Frankfurter Rundschau
Kritik von Dunja Bialas für artechock film 
Kritik von Marie-Luise Goldmann für die Welt 
Kritik von Julia Haungs für SWR-Kultur
Kritik von Joachim Kurz für Kino-Zeit.de (4,5 von 5 Sternen) 
Kritik von Gunnar Decker für das Neue Deutschland (ND – Journalismus von Links)
Kritik von Ursula Kähler für den Cicero
Kritik von Elias Schäfer für Filmrezensionen.de (9 von 10 Sternen) 
Kritik von MDR aktuell 
Kritik der dpa 
Kritik von Lars-Olav Beier für den Spiegel
Kritik von Andreas Kilb für die FAZ
Kritik von Angela Steidele für die FAZ 
Kritik vom 15.2.26 von Peter Kümmel für Zeit
Kritik vom 30.4.26 von Peter Kümmel für Zeit
Kritik von Kathleen Hildebrand für die Süddeutsche Zeitung
Kritik von Michael Meyns für Filmstarts.de (4,5 von 5 Sternen) 
Kritik von Michael Meyns für Programmkino.de 
Kritik von Pamela Jahns für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ)
Kritik von Jörg Brandes für die Cellesche Zeitung (CZ/RND/HAZ)

Audiokritik von Katja Nicodemus für Deutschlandfunkkultur (5 Minuten) 

Interview von Kira Taszman mit Regisseur Markus Schleinzer für den Filmdienst
Interview von Thomas Abeltshauser mit Regisseur Markus Schleinzer für EPD-Film
Interview mit Regisseur Markus Schleinzer in Deutschlandfunkkultur (19 Minuten) 
Interview von Valerie Dirk mit Regisseur Markus Schleinzer für den Wiener Standard 
Interview von Katja Nicodemus mit Sandra Hüller für die Zeit 
Interview von Anke Dürr und Wolfgang Höbel mit Sandra Hüller für den Spiegel 
 
Trailer (100 Sekunden):

     

Interview mit Markus Schleinzer, Caro Braun & Godehard Giese (32 Minuten):
 

"Rose": Sandra Hüller, Caro Braun und Godehard Giese im Interview (5 Minuten)
   

ausführliche Kritik von Esther Buss für den Filmdienst:
Historisches Drama um eine Frau, die sich im 17. Jahrhundert als Mann ausgibt und Anspruch auf einen Gutshof erhebt, aber stets ihre Enttarnung fürchten muss. 

„Es geschah also …“ Ein geheimnisvoller Soldat, der im Dreißigjährigen Krieg ein ganzes Jahrzehnt lang gedient hat, erscheint in einem abgeschiedenen protestantischen Dorf, um Anspruch auf einen verwaisten Gutshof zu erheben. Die Dokumente, die er vorzeigt, sind rechtens, der Mund, von einer Gewehrkugel durchschossen, sitzt schief. „Hat alles ‘ne neue Form jetzt“, so der Fremde, den die allwissende Erzählerin mit märchenhaft intonierter Stimme als Rose vorstellt. Von den Männern der Gemeinde wird Rose argwöhnisch beäugt. Der örtliche Großgrundbesitzer hat Zweifel, ob „er“ der schwierigen Aufgabe gewachsen ist. Doch Rose lässt sich von ihrem Plan nicht abbringen.

Die Rolle des Sonderlings haftet an ihr

„Die wahrhaftige Beschreibung einer Land- und Leutebetrügerin, die, obwohl als eine Weibs-Person geboren dem zu Trotz unter falschem Namen als Manns-Bild sich betragen und viel üble Schandtat hat getrieben.“ So kündigt sich der Film eingangs mit einer Texttafel an. Wenn Roses Geschichte einsetzt, haben sich die Gesten und Haltungen des anderen Geschlechts längst in ihren Körper eingeschrieben. Der breite Gang, die Entschiedenheit im Sprechen – der vernarbte Mund hilft ihr dabei –, das Einstimmen in das Gelächter der Männer nach dem Kirchgang. Sogar das Pinkeln im Stehen. Dennoch haftet die Rolle des Sonderlings an ihr.

Mit dem mutigen Schuss auf einen Bären, der einen Knecht fast in Stücke reißt, beginnt Roses Aufstiegsgeschichte. Zunächst als Bärentöter. Und nachdem sie das Land in unermüdlicher Arbeit wieder fruchtbar gemacht hat, als respektierter Gutsherr. Doch erst die Ehe mit Suzanna, der Tochter des Großgrundbesitzers, verschafft ihr die gewünschte Anerkennung. Just in dem Moment, als die kinderlose Ehe ihre Camouflage in Gefahr bringt, wird Suzanna schwanger, und Rose findet sich wie durch ein Wunder in der Vaterrolle wieder. Für kurze Zeit sieht es so aus, als könne zwischen den „Eheleuten“ etwas Aufrichtiges und Schönes entstehen, denn auch Suzanna, die wie Tauschware gehandelt wurde, hat etwas zu verlieren, wenn Roses Geheimnis an die Öffentlichkeit kommt.

Die Grenzen ihres Geschlechts

„Es geschah also …“ Basierend auf historischen Berichten über Frauen (oder transidentitären Personen), die sich unter anderem für den Zugang zu Arbeit, Militärdienst, Verdienstquellen und dem Ausleben lesbischen Begehrens als Mann ausgaben, entwirft Markus Schleinzer die Geschichte einer „Weibs-Person“, die die Grenzen ihres Geschlechts überwindet und sich eine eigene Biografie erfindet. Der Name der Protagonistin erinnert an eine reale Figur der Vergangenheit: Catharina Margaretha Linck oder Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, wie sie sich selbst nannte. Rosenstengel kämpfte als Soldat bei den Truppen des Kurfürstentums Hannover und im Spanischen Erbfolgekrieg. 1720 wurde sie, nicht etwa wegen Betrugs, sondern – als letzte Frau in Europa – wegen Unzucht mit einer anderen Frau zum Tode verurteilt.

Schleinzer erzählt Roses Geschichte nicht als Historienfilm, sondern als hochkonzentriertes Frauenporträt, das zwischen Fiktion und historischer Genauigkeit changiert. Hier sind kein Wort und keine Geste zu viel. Die Inszenierung beschränkt sich auf Gesichter, Blicke, Haltungen, den Gang und ein paar wenige markante Objekte – etwa der Alkoven, das Wandbett, das nach der Ehe ungeteilt bleibt und wie ein Kerker ins Bild gesetzt wird. Die enge Kadrierung und das karge Schwarz-weiß des Kameramanns Gerald Kerkletz strahlen protestantische Strenge aus, doch Off-Text wie Dialoge setzen einen lyrischen Ton entgegen, der viel Raum lässt; gelegentlich blitzt sogar Ironie auf. Den altertümlichen Worten und der Syntax zum Trotz spricht die Erzählerin mit dem Wissen um Roses Wunsch nach Freiheit und Teilhabe. Sätze wie „Verheimlichen, um zu sein“ leuchten vor emanzipativer Kraft.

In der Hose war mehr Freiheit

Die Titelfigur ist bewusst offen und jenseits identitätspolitischer Zuschreibungen angelegt. Über ihre Vorgeschichte und ihr sexuelles Begehren erfährt man so gut wie nichts. Dabei macht ihre Unbestimmtheit sie umso anschlussfähiger an Fragen nach Identität, Performativität und Geschlecht. Sandra Hüller erspielt sich die Figur ganz aus dem Körper und dem Kleidungsstück, das diesen Körper formt und seine Lesart mitbestimmt: „In der Hose war mehr Freiheit und es ist ja nur ein Stück Stoff. Da bin ich in die Hose“, erklärt sie sich am Ende vor Gericht.

Der letzte Teil ist ein Prozess- und Kerkerstück mit transzendenten Zügen. Den männlichen Autoritäten, die Roses „Vergehen gegen die Wirklichkeit“ mit triumphalem Habitus bestrafen, wird dabei viel Raum gegeben. Andererseits wäre es wohl falsch, die Gewalt der patriarchalen Gesellschaft auszublenden. Zudem trifft Schleinzer kluge Entscheidungen – etwa, wenn er die Hinrichtung als Ablaufprobe inszeniert. Fast sanft trifft das gerollte Schriftstück, das das Schwert simulieren soll, auf die Schulter von Rose. Am Ende wird sie ihre Geschichte aufschreiben – „rein für sich selbst“. Auch die letzten Worte des Films gehören ihr. Auf radikale Weise stellen sie die Gewissheiten der Gesellschaft, die über sie richtet, in Frage.