Everytime (der deutsche Oscar-Kandidat)
Eintritt: 7,50 Euro
Deutschland/Österreich 2026
Kinostart: 6. August 2026
124 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Regie/Drehbuch: Sandra Wollner
Kamera: Gregory Oke
Darsteller: Birgit Minichmayr (Ella) · Lotte Shirin Keiling (Melli) · Tristán López (Lux) · Carla Hüttermann (Jessie) · Hermann Beyer (Hermann) · Eva Weißenborn (Eva) · Knut Berger (Gerry) · Lilly Marie Tschörtner (Jelena) · Mila El-Ahmad (Nuri)
Internationale Filmfestspiele von Cannes 2026:
Auszeichnung als bester Film der Sektion Un Certain Regard
Filmwebseite, Wikipedia, Deutsche Filmakademie
alle Daten zum Film auf Filmportal.de
Artikel von Felix Knorr für den Filmdienst: Die Kamera in „Everytime“ von Sandra Wollner
Gedanken zum Film auf Basis der hier verlinkten Filmkritiken:
Ein Film, den man nicht erklären sollte
Es gibt Filme, über die man vor dem Kinobesuch möglichst viel wissen möchte. Und es gibt Filme, bei denen genau das Gegenteil der Fall ist.
„Everytime“ gehört eher zur zweiten Sorte.
Deshalb soll hier nicht versucht werden, die Handlung vollständig zu erklären. Einige Dinge, die den Film besonders machen, sollte man besser selbst entdecken.
Die 17-jährige Jessie lebt mit ihrer Mutter Ella und ihrer jüngeren Schwester Melli in Berlin. Kurz vor einer gemeinsamen Reise verbringt sie die Nacht mit ihrem Freund Lux. Dann geschieht ein Unglück. Ein Jahr später holen Ella, Melli und Lux die geplante Reise nach Teneriffa nach.
Doch Sandra Wollner interessiert sich weniger dafür, was nach einem Todesfall passiert, als für die Frage, wie sich Wirklichkeit für Menschen verändert, die einen solchen Verlust erlebt haben.
Jessie ist ein Jahr später nicht einfach verschwunden. Sie ist in Fotos und Videos auf dem Handy, in Erinnerungen, Orten und Geräuschen. Und manchmal scheint sie auf eine Weise wieder anwesend zu sein, die sich nicht mehr eindeutig von Erinnerung oder Vorstellung unterscheiden lässt.
Wollner selbst spricht davon, dass ihre Filme immer wieder mit Realität, Vorstellung und dem Auf- und Abbauen von Erinnerung zu tun haben.
Besonders lohnt es sich, darauf zu achten, wie weit die Kamera von den Menschen entfernt bleibt. Kameramann Gregory Oke filmt zentrale Situationen häufig aus großer Distanz. Ein wichtiger Moment wurde sogar aus ungefähr einem Kilometer Entfernung aufgenommen. Die Kamera drängt sich den trauernden Menschen nicht auf, sondern bleibt gewissermaßen „in Deckung“.
Bei einem Film über Trauer könnte man erwarten, dass die Kamera möglichst nah an die Gesichter geht und die Gefühle der Figuren unmittelbar ausstellt. „Everytime“ macht häufig das Gegenteil.
Die Menschen sind klein im Bild. Die Welt um sie herum ist groß. Das Leben geht weiter. Sandra Wollner hat diese Distanz ganz bewusst gewählt. Für einen selbst kann gerade etwas Unvorstellbares geschehen sein – und trotzdem scheint draußen die Sonne weiter. Die Welt reagiert nicht.
Die Sonne spielt in „Everytime“ eine auffällige Rolle. Der Film beginnt mit einem Sonnenaufgang, später kehrt dieses Motiv wieder. Wollner sagt, sie habe schon beim Schreiben gewusst, dass die aufgehende Sonne der letzte Eindruck sein sollte, den Jessie mitnimmt. Gleichzeitig ist die Sonne für sie ambivalent: Sie kann tröstlich sein, weil sie immer wieder da ist – oder geradezu zynisch, weil sie einfach weiter scheint, egal was geschehen ist.
Auch die Leerstellen sind wichtig: Nach Jessies Tod überspringt der Film die unmittelbare Zeit der Trauer. Wir sehen nicht, wie Ella zusammenbricht und langsam wieder ins Leben findet. Wollner wollte eine solche Darstellung vermeiden, weil sie schnell voyeuristisch werden könne.
Stattdessen setzt der Film später wieder ein. Die Trauer ist bereits Teil des Alltags geworden.
Wir müssen uns als Zuschauer selbst vorstellen, was zwischen den Bildern passiert ist. Der Filmdienst hebt gerade diese erzählerischen Ellipsen und die daraus entstehenden Irritationen hervor.
Gregory Oke war der Kameramann von „Aftersun“. Sandra Wollner war von diesem Film begeistert. Nicht nur wegen seiner Bilder, sondern wegen der Haltung, die darin spürbar wird: Die Kamera versucht nicht, den Menschen ihre Geheimnisse abzuringen.
Auch inhaltlich gibt es eine Verbindung. Beide Filme beschäftigen sich mit Erinnerung und mit Bildern, deren Bedeutung sich erst nach und nach verändert.
Eine weitere Ebene sind die digitalen Bilder. Fotos, Videos und Nachrichten gehören inzwischen ganz selbstverständlich zu unserem Gedächtnis. Menschen, die gestorben sind, können dadurch in gewisser Weise weiterhin auf unseren Geräten anwesend sein.
Das Handy wird in „Everytime“ zu einem Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart nebeneinander existieren.
Was bedeutet es, wenn ein Mensch zwar tot ist, seine Bilder, seine Stimme, seine Nachrichten und seine digitalen Spuren aber weiterhin bei uns sind?
Ein Film über Trauer – aber kein klassischer Trauerfilm
„Everytime“ ist kein Film, der uns möglichst eindringlich zum Weinen bringen möchte. Der Filmdienst lobt gerade den unpathetischen Umgang mit Verlust, Trauer und Tod. Die Kamera hält Abstand, die Geschichte lässt vieles offen und auch der Humor bekommt seinen Platz.
Es gibt alltägliche Gespräche. Kinder unterhalten sich über Dinge, die scheinbar überhaupt nichts mit dem großen Thema des Films zu tun haben. Menschen essen, feiern, fahren Auto, gehen schwimmen. Das Leben hört eben nicht auf. Auch dann nicht, wenn für einen selbst gerade alles aufgehört hat.
Wollner zeigt uns nicht, wie traurig Trauer ist, sondern lässt uns spüren, wie seltsam es sein kann, wenn die Welt einfach weitermacht.
„Everytime“ gewann bei den Filmfestspielen von Cannes den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard. Wenige Tage nachdem wir den Film für das achteinhalb geliehen hatten, wurde er zum deutschen Oscar-Kandidaten für 2027 ausgewählt.
German Films gab am 25. August 2026 den deutschen Oscar-Kandidaten bekannt. Eine unabhängige, neunköpfige Jury hat sich zwischen elf eingereichten Filmen für „Everytime“ entschieden.
Die Jury lobt, dass Sandra Wollner es schafft, Trauer mit rein filmischen Mitteln als eine aus den Fugen geratene Welt erfahrbar zu machen – und das mit einer überraschenden Leichtigkeit.
Hervorgehoben wird außerdem die herausragende Kameraarbeit. Sie erschaffe eine schimmernde, teilweise geradezu ätherische Atmosphäre, ohne in die Figuren einzudringen. Auch das Ensemble wird für seine Natürlichkeit gelobt; die Figuren seien präzise und zugleich ambivalent gezeichnet.
Wollner spiele elegant mit Form und erzählerischen Ellipsen. Der Film erkunde die Zwischenräume des Schmerzes über einen Verlust. Erinnerung und Gegenwart sowie Realität und Vorstellung gingen dabei nahezu unmerklich ineinander über. Die Jury bezeichnet „Everytime“ deshalb als eine ausgesprochen poetische Kinoerfahrung. Unter der flirrenden Sonne Teneriffas beginnen Erinnerung und Gegenwart untrennbar ineinanderzugreifen.
Die Produzenten und Sandra Wollner sehen darin eine Bestätigung ihres Glaubens an ein Kino, das eigenständige Stimmen und den Mut zu einer eigenen Form braucht.
Kritiken:
Kritik von Cosima Lutz für den Filmdienst (5 von 5 Sternen)
Kritik von Jens Balkenborg für EPD-Film (5 von 5 Sternen)
Kritik von Holger Heiland für Kunst und Film (4 von 6 Sternen)
Kritik von Heike Angermaier für The Spot
Kritik von Dunja Bialas für artechock
Kritik von Amelie Hochhäusler für artechock
Kritik von Rüdiger Suchsland für artechock
Kritik von Katrin Doerksen für Kino-Zeit.de (4 von 4 Sternen)
Kritik von Oliver Armknecht für Filmrezensionen.de (9 von 10 Sternen)
Kritik von Michael Meyns für Programmkino.de
Kritik von Maximilian Steinborn für critic.de
Kritik von Christoph Petersen für Filmstarts.de (5 von 5 Sternen)
Kritik von Rüdiger Suchsland für SWR-Kultur
Kritik von Anna Wollner für NDR-Kultur
Kritik von Tobias Obermeier für die taz
Kritik der dpa
Kritik von Lukas Foerster für den Perlentaucher
Kritik von Marie-Luise Goldmann für die Welt
Kritik von Daniel Kothenschulte für die Berliner Zeitung
Kritik von Philipp Bovermann für die Süddeutsche Zeitung
Kritik von Sabine Horst für die Zeit
Kritik von Daniel Kothenschulte für die Frankfurter Rundschau (Bezahlschranke)
Kritik von Hannah Pilarczyk für den Spiegel
Kritik von Bert Rebhandl für die FAZ
Kritik von Jens Balkenborg für die FAZ
Kritik von Martin Schwickert für die CZ/HAZ/RND
Schulpädagogisches Material von Visionkino
Interview von Anke Sterneborg mit Regisseurin Sandra Wollner für EPD-Film
Interview von Dunja Bialas mit Regisseurin Sandra Wollner für artechock
Interview von Oliver Armknecht mit Regisseurin Sandra Wollner für Filmrezensionen.de
Interview von Kamil Moll mit Regisseurin Sandra Wollner für den Filmdienst
Trailer (153 Sekunden):
Die Filmanalyse von Wolfgang M. Schmitt (19 Minuten):
Ein zeitgenössisches Meisterwerk: EVERYTIME – Kritik & Analyse
Ausführliche Kritik von Cosima Lutz für den Filmdienst:
Elliptisches Drama um den Tod einer Jugendlichen und die Trauer ihrer Angehörigen, die bei einem gemeinsamen Urlaub mit einer gespenstischen Begegnung konfrontiert wird.
Wer sich noch an Sandra Wollners irritierenden Film „The Trouble With Being Born“ (2020) erinnert, wo ein Androidenkind Leerstellen in den Leben von Erwachsenen ausfüllt, wartet in „Everytime“ ziemlich lange auf das Kippen des Realistischen ins Gespenstische. Nur um irgendwann zu verstehen, dass man schon lange mittendrin ist in einer Geistergeschichte und gar nicht so genau sagen kann, wann sie eigentlich angefangen hat.
Um eine Leerstelle geht es auch in „Everytime“, und darum, welche Welten Angehörige sich bauen, um mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen. Noch ganz beiläufig wie in einem Sozialdrama dahingemurmelt wirken die ersten Sätze im Film, wenn die 17-jährige Jessie (Carla Hüttermann) beim gemeinsamen Mathelernen ihrem Freund Lux (Tristán López) die Vorzeichenregeln von Plus und Minus erklärt, während die nervige kleine Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling) die Szene immer wieder unterbricht. Es sind Ferien, die Koffer müssen gepackt werden, denn am nächsten Morgen wollen die Schwestern mit ihrer Mutter Ella (Birgit Minichmayr) in den Urlaub fliegen.
Damit es wieder Plus ergibt
Erst im Nachhinein scheint im fragmentierten dialogischen Anfangsrauschen des Films ein akkurates Wissen gespeichert zu sein über das, was kommt, was war und was von der üblichen Erzählrichtung abweichen muss, um wieder Plus zu ergeben. Geredet wird fast nur in wiederkehrenden, reduzierten Formeln wie „Komm“, „Hallo“, „Was macht ihr“ oder „Guck mal“, Sprech-Pixeln, die Welten bedeuten können. So wie man in „Minecraft“, dem Lieblings-Computerspiel der Schwestern, Landschaften aus unzähligen Würfeln erschafft.
Ein Jahr später steht Ella vor Jessies Grab. Sie trauert, sagt das Bild. Doch als sie sich umdreht, sieht und hört man, dass sie mit einem Arbeitskollegen ein pragmatisches Telefonat über Fehlbuchungen und Fehlzeiten führt. Menschen sind im selben Moment anwesend und abwesend, auf dem Friedhof und bei Wollner gilt das für die Lebenden wie für die Toten. Die in Deckung bleibende Kamera von Gregory Oke lässt Jessies Grab und Ella hinter dem gleichen Grün verschwinden.
Schon in ihrem Debüt „Das unmögliche Bild“ (2016) suggerierte die Österreicherin im dokumentarischen Stil Alltagsrealismus, nur um diesen durch Ellipsen zu untergraben und ein verblüffendes Oszillieren innerhalb langer Kamera-Bewegungen. Immer wieder erzeugt Wollner eine Verunsicherung darüber, ob die Kamera gerade den Blick einer Figur wiedergibt, den einer übergeordneten Erzählinstanz oder gar den einer unheimlichen Entität.
Auf dem Hochhausdach
So geschieht es auch in der blendend präzise inszenierten Schlüsselszene von „Everytime“. Jessies Tod kommt jäh, obwohl mit ihm längst zu rechnen ist. In einer mehr als sechsminütigen Einstellung zoomt die Kamera zunächst langsam über die morgendlichen Dächer Berlins, dann – aus einem Kilometer Entfernung, wie Wollner im Presseheft erklärt - auf die zunächst kaum zu erkennenden winzigen Gestalten Jessie und Lux. Nach einer durchtanzten Nacht liegen sie zugedröhnt auf einem Hochhausdach. Ihr kichernder Dialog ist trotz der großen Distanz nah zu hören.
Es beginnt ein schwindelerregendes (Ab-)Gleiten: Jessie fotografiert, was sie zu sehen glaubt. Wie bei Rotkäppchen der Wolf habe ihr Freund plötzlich riesige Ohren und ein Gesicht wie ihre Großmutter, lacht sie. Ihre Bilder, es werden die letzten ihres Lebens sein, sieht man jedoch erst später. Die Kamera, die beide beobachtet, schweift ab, über die noch schlafenden Häuser, hin zur aufgehenden Sonne. Weiter ist dabei aus dem Off Jessie zu hören, wie sie zwischen Pausen sagt: „Schau mal, die Sonne. Wow.“ Als man gerade nicht hinschaut, sondern vermeintlich mit ihr die Stadtlandschaft betrachtet, gerät Jessie über die Dachkante. Ihr Fallen geschieht schnell, lautlos und nur am Rande, wie in jenem berühmten Renaissance-Gemälde „Landschaft mit dem Sturz des Ikarus“, das Pieter Bruegel dem Älteren zugeordnet wird: Es zeigt den jungen Himmelsstürmer als winzige Figur am Bildrand, halb schon im Meer versunken. Auch er war der Sonne zu nahe gekommen.
Nach dem Unglück schneidet Wollner auf das letzte Handybild und dann in eine sommerliche „Minecraft“-Hügellandschaft. Hier sind Wolken, Berge, Bäume und die Sonne würfelförmig, auch der steile Abgrund am Ende. Wer spielt hier gerade, und zu welcher Zeit? Bei „Minecraft“ gibt es einen Cheat, also ein Kommando, mit dem sich die Zeit anhalten lässt. „Everytime“ wird sich an diese Möglichkeit erinnern.
In seinem medial hochgerüsteten Umkreisen von Verlust und Trauer ähnelt Wollners Werk dem Erinnerungskino Atom Egoyans: Beide interessieren sich dafür, wie Video, Foto oder Sprachaufnahmen den Trauerzustand überhaupt erst strukturieren. Doch das Gespenstische, das daraus erwachsen kann, wirkt bei Wollner völlig unpathetisch und selbstverständlich. Mit großer Unverfrorenheit zieht sie das Irritierende auf allen ästhetischen Ebenen durch. Wie die Synthesizer-Arpeggien aus dem Videospiel, die sich zunehmend in die reale – wirklich die reale? – Welt fräsen; oder wie die wiederkehrenden Orange- und Grüntöne, etwa in Streulichteffekten, „Ghost Flares“ genannt, wie man sie beim Betrachten von Handyvideos auszublenden gewohnt ist.
Als die Patchwork-Familie zu Jessies Gedenken an den Strand ihrer Kindheit reist, der aus den alten Homevideos bekannt ist und der bald ins Licht einer nicht untergehenden, würfelförmigen Sonne getaucht wird wie im Computerspiel, wird eine grüne Plastiktüte zum beiläufigen Echo der alten Kindheitsbilder, zum „Ghost Flare“ oder Geisterbild, das sich im Realen verfangen hat.
Ein Traum auf Droge?
Für Melli scheinen diese Grenzziehungen zwischen den Sphären überwindbar zu sein. Sie schreibt der toten Schwester weiterhin Glückwünsche per Messenger, und die drei Punkte, die anzeigen, dass geantwortet wird, bewegen sich zu ihrer Überraschung einmal tatsächlich. Oder nicht? Auffällig wie von Kinderhand gemalt sehen die Torten- und Luftballon-Emojis aus, die Melli an Jessie geschickt hat. Ist womöglich der ganze Film nur ein (gemeinsamer) Traum auf Droge? Schließlich kosteten alle von demselben Zeug: Lux, um seine Schuldgefühle zu betäuben, Ella, um besser zu verstehen, welchen letzten Weg ihr Kind gegangen ist, und Melli aus Versehen – sie spuckt die halb angeknabberte Pille, die sie aus Lux’ Tasche gemopst hat, wieder aus.
Auf dem gemeinsamen Trip kehrt Jessie als kleines Mädchen zu ihren Angehörigen zurück, im selben Bild, mit denselben roten Haaren und im selben T-Shirt mit orangener „Teneriffa“-Aufschrift wie in den Homevideos. Mutter und Schwester wundern sich nicht, sondern gehen auf ihren Sonnenliegen sofort zu ruhigen Alltagshandlungen über, während in genialer Umkehrung der Trauererfahrung der Rest der Welt um sie herum in Panik verfallen ist: Zwei Kinder sind verschwunden – Melli und Klein-Jessie. Wer sind hier die Gespenster?
In seiner Beschwörung der Wiederkehr geliebter Menschen erinnert „Everytime“ an „Petite Maman - Als wir Kinder waren“ von Céline Sciamma (2021), und in seiner virtuosen Verschachtelung unheimlicher Blick-Regimes auch an Ayşe Polats Mystery-Thriller „Im toten Winkel“ (2023). Nicht zufällig kommt auch in diesen beiden Filmen der Figur des kleinen Mädchens eine Schlüsselrolle im Erkennen des Wahren zu. Lotte Shirin Keiling füllt in „Everytime“ diese Rolle mit einer Mischung aus altersloser Abgeklärtheit und kindlicher Hingabe aus, mit einer ernsten und freien Präsenz, die mit Sciammas Zwillingen aus „Petite Maman“ mithalten kann.
Bei aller Trauer viel Humor
In der Montage der langen Einstellungen von Hannes Bruun vollziehen sich jene Übergänge, die jenseits eines ausbuchstabierten Plots vom Tod wissen und zugleich von seiner Rücknehmbarkeit fantasieren. In Dämmerungen geschieht das oft, beim Wachliegen, beim Schwimmen. Am Strand von Teneriffa, wo eine Mauer die Badenden vor der tödlichen Brandung schützt, rennen Kinder weit draußen auf den Felsen herum; ein Mädchen aus der Gruppe schießt mit Leuchtmunition auf die Sonne. Die wird daraufhin ein gigantischer „Minecraft“-Würfel und verharrt über dem Horizont. Die Erde bleibt stehen, wenigstens für eine Weile, so, wie sich das fürs Universum gehört, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist.
In „Everytime“ schlummert bei aller Trauer auch viel Humor. Das Leben und die Be-Geisterung dafür suchen sich ihren Weg, Medien und Körper bieten einige oft übersehene Durchlässigkeiten. Und sei es ein Darmwind, der alle, die vorher vereinzelt trauerten, für Momente im Lachen vereint.