Der Junge muss an die frische Luft (Seite ist unfertig)

  Freitag, 05. April 2019 - 20:30 bis - 22:55
Kategorien: Warner
Treffer: 110

Eintritt: 5,00 €

Libanon 2018
Kinostart: 17. Januar 2019
126 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie/Buch: Nadine Labaki
Kamera: Christopher Aoun 
Musik: Khaled Mouzanar 
Schnitt: Konstantin Bock · Laure Gaudette

Darsteller:
Zain Al Rafeea (Zain) · Yordanos Shiferaw (Rahil) · Boluwatife Treasure Bankole (Yonas) · Kawther Al Haddad (Souad) · Fadi Kamel Youssef (Selim) · Cedra Izam (Sahar) · Alaa Chouchnieh (Aspro) · Nadine Labaki (Nadine)


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Kritiken:
Kritik von Anke Sterneborg im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Gabi Sikorski / Dieter Oßwald auf Programmkino.de
Kritik von Ulrich Kriest in der Filmgazette
Kritik von Günter Platzdasch in der FAZ
Kritik von Philipp Stadelmaier in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Barbara Schweizerhof in der Zeit
Kritik von Manuel Brug in der Welt
Kritik von Frédéric Jaeger / Hannah Pilarczyk im Spiegel
Kritik von Ulrich Amling im Tagesspiegel
Kritik von Katharin Granzin in der taz
Kritik in der Freitag
Kritik in der Frankfurter Rundschau
Konkret


Kritik von Beatrice Behn auf Kino-Zeit.de

Kritik von Lydia Starkulla auf Kunst und Film
Kritik von Rüdiger Suchsland in SWR2
Kritik von Anja Seeliger im Perlentaucher
Kritik von Heidi Strobl auf artechock
Kritik von Knut Elstermann auf mdr Kultur
Kritik von Antje Wessels auf Wessels-Filmkritik.com 
Kritik von Gabi Hift auf Nachtkritik
Kritik von Christine Deggau auf rbb Kulturradio
filmstarts.de
Kritik von Jörg Taszman auf Deutschlandfunk Kultur
Kritik von Oliver Armknecht auf Film-Rezensionen.de
Kritik von Stele auf Filmjournalisten.de
Kritik von Philipp Schwarz auf critic.de
Kritik von Michael Sennhauser auf Sennhausers Filmblog
Kritik von Ronald Pohl im Wiener Standard
Kritik von Thomas Baltensweiler in der Neuen Züricher Zeitung
Kritik von Philipp Stadelmaier auf Filmbuelletin

Vision Kino
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Kurzkritik Filmdienst: 
Dokumentarisch anmutender Spielfilm über einen zwölfjährigen Straßenjungen aus einem Armenviertel in Beirut, der bei einer Flüchtlingsfrau aus Äthiopien Unterschlupf findet und sich um deren kleinen Jungen kümmert. Als die Mutter nicht mehr auftaucht, ist er mit dem Kind auf sich gestellt. Mit großer Zugewandtheit, aber relativ nüchtern schildert das auf intensiven Recherchen beruhende Drama den ausweglosen Kampf ums Überleben. Der von einer großen Menschlichkeit getragene Film konfrontiert mit erschütterndem Elend, hält Sentimentalität wie Zynismus aber gleichermaßen auf Distanz. Ein ebenso bewegender wie kluger, weitgehend von Laienschauspielern grandios gespielter Film.
Sehenswert ab 14
4 von 5 Sternen
Katharina Zeckau

Trailer (118 Sekunden):


ausführliche Kritik Filmdienst
Bewegendes Drama um einen Straßenjungen aus einem Armenviertel von Beirut, der sich plötzlich um ein kleines Kind kümmern muss.

„Capernaum“ heißt das biblische Fischerdorf am See Genezareth, in dem Jesus lebte und wirkte. Im Französischen wie im Arabischen bedeutet das Wort aber auch Tohuwabohu, Chaos – und in diesem Sinne benutzt es die libanesische Regisseurin Nadine Labaki. Tatsächlich ist in der Welt, die der Film vor Augen führt, so ziemlich alles in grober Unordnung. Einmal äußerlich, in Form der provisorisch errichteten Behausungen der Menschen, die notdürftig funktionsfähig gehalten werden. In mehreren Draufsichten auf den Ort der Handlung, die Armenviertel von Beirut, zeigt sich, dass das Chaos aus größerer Distanz nicht weniger wird, auch wenn es leichter zu ertragen ist.

Zain verfügt nicht über diese Option. Der etwa zwölfjährige Straßenjunge existiert nur im permanenten Überlebensmodus. Er kennt weder Struktur noch Ordnung; das Ungeordnete steckt gewissermaßen schon in ihm drin: Für sein Alter hat er einen viel zu dünnen, zu kleinen Körper –  dafür aber den Blick eines Erwachsenen, der schon viel zu viel gesehen hat.

Überforderte Eltern, leidende Kinder

Doch auch das soziale und emotionale Gefüge von Zains Welt ist im permanenten Aufruhr. Zwar gibt es einen Vater und eine Mutter und auch einen Ort, den man „Zuhause“ nennen könnte. De facto aber sind Zain und seine Geschwister auf sich gestellt und verbringen den Großteil des Tages auf der Straße, um mit Handlangerdiensten und Straßenverkauf ein bisschen Geld oder ein paar Packungen Fertignudeln zu ergattern; von einem Schulbesuch können sie nur träumen. Die Beziehung der Eltern zu ihrem Nachwuchs ist von Überforderung und Verantwortungslosigkeit geprägt. Fürsorge oder ein Pflichtgefühl werden von den Kindern selbst besetzt; sie halten sich aneinander fest. Als Zains elfjährige Schwester Sahar an einen Ladenbesitzer verheiratet werden soll, versucht der Junge sie verzweifelt davor zu bewahren.

Als sein Plan misslingt, läuft auch Zain weg. Der Zufall führt ihn zu einem Vergnügungspark, wo er unter freiem Himmel schläft. Dort lernt er die aus Äthiopien stammende Rahil kennen, die illegal im Land ist, als Putzfrau arbeitet und ihren einjährigen Sohn Yonas über die Runden bringen muss. Die warmherzige Frau nimmt Zain, halb aus Mitleid, halb weil sie seine Hilfe gebrauchen kann, mit zu sich. In dem Bretterverschlag füttert und hütet Zain fortan Yonas, während Rahil jobbt. Eines Tages aber kehrt sie nicht zurück. Zain und Yonas sind fortan auf sich gestellt.

Schlau, stark, widerständig

Eine Zeit der Ungewissheit beginnt, nicht nur für die beiden Jungs, auch für den Zuschauer: Nervenzerfetzender kann Kino kaum sein, und zwar ganz ohne Thriller- oder Horroreffekte. Es genügt, ein Kind und ein Baby einer verrohten, von Armut, Mangel und Gewalt geprägten Umgebung auszusetzen. Das mag zynisch klingen, doch der von tiefer Menschlichkeit geprägte Film ist das genaue Gegenteil. Labaki will emotional berühren und zum Nachdenken anregen; doch die Emotionen speisen sich primär aus der erschütternden Story und den Figuren, nicht aus einer erpresserischen Inszenierung: Mit großer Zugewandtheit, aber doch relativ sachlich und nüchtern beobachtet Labaki schlichtweg, wie sich Zain und Yonas durchschlagen. Der grandiose Laiendarsteller Zain Al Rafeea läuft dabei zu großer Form auf; als Zain behauptet er sich mit unglaublicher Stärke und Schläue, aber auch durch Empathie. Diese Widerständigkeit des Jungen, zusammen mit ein paar raren Momenten des Aufatmens, machen das gezeigte Elend überhaupt erst erträglich.

Denn Gefahren für Leib und Leben der beiden kleinen Menschen lauern hinter jeder Ecke: Hunger, Durst, Straßenverkehr, körperliche Gewalt oder emotionale Vernachlässigung bis hin zu Menschenhandel. Die Risiken, die Zain und Yonas bedrohen, werfen auch den Zuschauer von einem Ausnahmezustand in den nächsten. Eine Erlösung ist nicht in Sicht; kein Erwachsener, der sich zuständig fühlen und sich der beiden annehmen würde.

Die Kinder „spielen“ sich selbst

Man kann nicht einmal in die Irrealität der Fiktion flüchten – dafür ist das Geschehen zu realistisch. Im Interview betont Labaki: „Nichts entstammt der Fantasie oder ist erfunden.“ Drei Jahre lang hat sie in den Armenvierteln und Jugendgefängnissen recherchiert und zudem beeindruckend gute Laiendarsteller gefunden, deren wirkliches Leben sehr nahe an den Schicksalen im Film ist. Diese sollten auch gar nicht „spielen“, sondern „sie selbst sein“, ihre eigene Wahrheit zeigen. Zain wird von dem syrischen Flüchtlingsjungen Zain Al Rafeea verkörpert, der nach acht Jahren im Libanon mit seiner Familie jüngst Asyl in Norwegen gefunden hat. Yordanos Shiferaw lebt wie ihr Charakter Rahil ohne Papiere; während das Mädchen Treasure, das Yonas darstellt, während der Dreharbeiten wochenlang von seinen Eltern getrennt war, weil die, wie ihre Film-Mutter Rahil, verhaftet wurden.

Der beim Cannes-Festival 2018 mit dem Preis der Jury sowie dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnete Film wird durch einen Gerichtsprozess gerahmt, in dem Zain seine Eltern verklagt, weil sie ihn in diese Welt gesetzt haben. „Capernaum“ entlässt die Erzeuger nicht aus ihrer Verantwortung. Gleichzeitig zeichnet der Film sie mit großer Subtilität ebenfalls als Opfer, als Gefangene ihrer mangelnden Bildung und eines eher sozial-kulturell denn religiös geprägten Umfelds, das dazu verpflichtet, jede Schwangerschaft als Gottesgeschenk anzusehen – auch wenn man überhaupt nicht in der Lage ist, den Nachwuchs zu versorgen.

Ein Lächeln als Hoffnungsschimmer

Unter den vielen Aspekten von Armut, denen dieser engagierte Film nachspürt, ist das Leben ohne (gültige) Papiere zentral. Eine Tatsache, die Menschen sozusagen für nicht-existent, mindestens aber zu Personen zweiter Klasse erklärt und sie damit einem rechtsfreien Raum überlässt. „Capernaum“ zeigt, wie zerstörerisch die Macht dieses Systems ist. Der ebenso erschütternde wie kluge Film gewährt bei aller Schwere am Ende doch einen kleinen Hoffnungsschimmer – versinnbildlicht in einem Lächeln Zains, seinem ersten und einzigen in diesem Film.

 Eine Kritik von Katharina Zeckau