Three Billboards outside Ebbing, Missouri (unser Film des Monats März)

  Freitag, 09. März 2018 - 20:30 bis - 22:40

101 Filmpreise plus 191 Nominierungen
Critic Reviews: Metascore 88 von 100
Rotten Tomatoes: 8,5 von 10

FAZ-Video-Filmkritik von Verena Lueken (4 Minuten) - "Bereits jetzt der beste Film des Jahres":


Auch wenn er einige gewaltätige Szenen aufweist, ist es kein gewaltätiger Film. Die sadistische Gewalt in "Shape of Water"
ist dergestalt, dass man den Blick von der Leinwand abwendet, das ist hier nicht der Fall auch wegen der Wendungen, die die
Menschen in diesem Film vollziehen. -  Will sagen, man muss nicht befürchten, sich einem Film voller Gewalt auszusetzen.

 Eintritt: 5,00 €

Großbritannien/USA 2017
Kinostart: 25. Januar 2018
116 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie/Drehbuch: Martin McDonagh
Kamera: Ben Davis
Musik: Carter Burwell
Schnitt: Jon Gregory 

Darsteller:
Frances McDormand (Mildred Hayes) · Woody Harrelson (Sheriff Bill Willoughby) · Sam Rockwell (Officer Jason Dixon) · Abbie Cornish (Anne Willoughby) · John Hawkes (Charlie) · Peter Dinklage (James) · Caleb Landry Jones (Red Welby) · Lucas Hedges (Robbie Hayes) · Clarke Peters (Abercrombie) · Zeljko Ivanek (Desk Sergeant Cedric Connolly) · Kerry Condon (Pamela) · Nick Searcy (Pater Montgomery) · Samara Weaving (Penelope) · Amanda Warren (Denise) · Brendan Sexton III (Kurzhaariger Typ)

Filmhomepage, WIKIPEDIA, EPD-FilmProgrammkino.de, Jury der evangelischen Filmarbeit: Film des Monats Februar

Kritik von Tobias Kniebe in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Verena Lueken in der FAZ
Kritik von  Hannah Pilarczyk im Spiegel
Kritik von Christoph Schröder in der Zeit
"Ein echtes Pointenfeuerwerk. Aber jedes Mal, wenn der Gedanke aufkommt, dass es jetzt gerade etwas zu brillant wird, schlägt die Situation durch eine Geste, einen Gesichtsausdruck, eine neue Wendung um in völlige Ironiefreiheit und zeigt uns die Charaktere nackt und bloß in ihrem ganzen Elend. Das ist Timing und Einfühlungsvermögen vom Feinsten."
Kritik von Hanns-Georg Rodek in der Welt
Kritik von Barbara Schweizerhof in der taz
Kritik von Christiane Peitz im Tagesspiegel
Kritik von Dominik Kamalzadeh im Wiener Standard
Kritik von Lars Penning in kunst + film
Kritik von Beatrice Behn auf kino-zeit.de
Porträt von Susanne Ostwald über Frances McDormand in der Neuen Züricher Zeitung


Der Filmdienst ist seit Jahren die führende deutsche Kinofilmfachzeitschrift. Da die Kritiken des Filmdiensts nicht ohne weiteres zugänglich sind, drucken wir sie hier ab, unabhängig ob sie positiv oder negativ ausfallen. Unser Ehrgeiz ist es nicht, Interessierte mit hohlen Versprechungen oder plakativen Etikettierunen wie "Kunstfilm" oder "besonderer Film"  ins achteinhalb zu locken. Die wenigstens Filme erhalten vom Filmdienst eine positive Kritik. Es ist daher durchaus so, dass Filme, die dort nicht so positiv "wegkommen", ansonsten durchweg positive Kritiken erhalten haben und wir auch einige Filme "klasse" gefunden haben, die vom Filmdienst kritisch bewertet worden sind. Es ist halt eine Meinung unter mehreren, aber in der Regel eine fundierte. Die höchste Auszeichnung ist das Prädikat "sehenswert", die Altersempfehlung ist eine pädagogische.
Kurzkritik Filmdienst
Eine über den Mord an ihrer Tochter verbitterte Frau klagt den örtlichen Polizeichef auf drei großen Werbetafeln der Untätigkeit an, was in der Kleinstadt für Aufruhr sorgt und in einen erbitterten Kleinkrieg mündet. Eine meisterliche Mischung aus Rachethriller, Drama und lakonischer Komödie, in der die eskalierenden Konflikte mit schwarzem Humor und einigen Gewaltspitzen entfaltet werden. In dem Maße, wie die Hintergründe der Figuren deutlicher werden, wandelt sich der Film aber zum berührenden Drama, in dem es weniger um Rache als darum geht, untereinander und für sich selbst so etwas wie Gnade walten zu lassen.
Sehenswert ab 14.
Felicitas Kleiner

Trailer (144 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst
Die drei in knalligem Rot gehaltenen Werbetafeln an einer Zufahrtsstraße zum Örtchen Ebbing, Missouri, sind nicht zu übersehen. In schwarzen Buchstaben formulieren sie eine erbitterte Anklage: „Raped while dying“, „And still no arrests“; „How Come, Chief Willoughby?“.

Die Frau, die mit diesen Plakaten das Versagen des örtlichen Polizeichefs bloßstellt, ist Mildred Hayes, deren Teenager-Tochter vor Monaten vergewaltigt, ermordet und verbrannt wurde. Die Tat geschah während der Nacht und wurde nie aufgeklärt; mittlerweile ist Gras darüber gewachsen. Was die Mutter zutiefst wütend und verbittert macht. Deshalb zerrt sie den Fall mit ihrer spektakulären Aktion zurück ins öffentliche Bewusstsein. Damit entfacht sie neue Wut, die sich allerdings gegen sie selbst richtet. Denn in der kleinen Gemeinde ist Willoughby eine allseits respektierte Autoritätsperson. Hayes hingegen wird für ihre Angriffe als Querulantin angefeindet. Vor allem der nicht allzu helle, dafür aber umso großspurigere Polizist Dixon wirft sich wie ein wütender Kampfhund für seinen Mentor in die Bresche und nimmt Hayes und ihre wenigen Verbündeten brutal in die Mangel. Allerdings ist er dabei an eine Gegnerin geraten, die mindestens ebenso hart zubeißen kann wie er selbst. Von Drohungen und Repressalien lässt sich die trauernde Mutter nicht den Schneid abkaufen, sondern macht ihrerseits den Polizisten nur umso aggressiver Feuer unterm Hintern.

Es hätte bei der diesjährigen "Golden Globes"-Verleihung wohl keinen passenderen Preisträger in der Kategorie "Bestes Drama" geben können, auch wenn der Film des britisch-irischen Regisseurs Martin McDonagh ein Genre-Hybrid zwischen Drama, Rachethriller und absurder Komödie ist, der verschiedene Tonarten zu einem stimmigen Ganzen vereint. Hayes Plakataktion ist sozusagen ein analoges Pendant zur "#MeToo-Debatte": ein öffentlichkeitswirksamer Aufschrei dagegen, dasss sexueller Missbrauch und Gewalt gegen Frauen unter den Teppich gekehrt wird. Die Inszenierung belässt es allerdings nicht dabei, die Courage der verbal und auch sonst unwiderstehlich schlagfertigen Protagonistin (eine Traumrolle für Frances McDormand) ins Zentrum zu stellen. Im Zuge des eskalierenden Streits zwischen Hayes und der Polizei wandelt sich der Thriller um eine wütende Mutter und ihre Forderung nach Sühne zur vielschichtigen und zutiefst menschlichen Tragikomödie darum, ob und wie Mildred nach dem Verlust ihrer Tochter weiter mit den Menschen – vor allem mit den Männern – in ihrer Stadt weiter zusammen leben kann. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Männer sich verändern müssen, hinter deren machohafter Phalanx sich nach und nach Individuen mit eigenen Problemen abzeichnen; auch die Protagonistin selbst, deren Feldzug immer weniger Rücksicht auf Verluste zu nehmen droht, macht eine Entwickung durch.

Trotz aller Lust an der Zuspitzung lässt McDonagh seine Figuren nicht zu Karikaturen gerinnen. Frances McDormand ist als Mildred Hayes zwar die unangefochtene Heldin des Films, mit der man mitleiden und mitfiebern kann, doch Regie und Drehbuch gestehen ihr durchaus Schwächen zu, Schattenseiten ihres unbeugsamen Eigensinns und ihrer Stärke. Und sowohl Woody Harrelson als Willoughby als auch Sam Rockwell als Dixon schaffen es bravourös, zunächst das Feindbild des bornierten, sich für das Maß aller Dinge haltenden „white male“ zu verkörpern, um es dann auf menschliche Dimensionen herunterzubrechen und die verblüffenden Entwicklungen ihrer Figuren glaubhaft zu machen. Veritable „Bad Guys“ interessieren McDonagh nicht. Die Vergewaltigung und der Mord an Hayes’ Tochter werden nicht gezeigt, und auch die Suche nach dem Täter gerät letztlich fast zur Nebensache. Was McDonagh hingegen interessiert, ist die Notwendigkeit, über Verbitterung und Engstirnigkeit hinauszuwachsen und untereinander, aber auch für sich selbst so etwas wie Gnade walten zu lassen - wenn man etwas anderes finden will als den Tod.
Felicitas Kleiner