Alte Liebe (Der neue Film von Andreas Dresen mit Dagmar Manzel und Joachim Król)
Eintritt: 7,50 Euro
Deutschland 2026
Kinostart: 8. Oktober 2026
110 Minuten
FSK: ab 14 Jahren
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Andreas Dresen und Laila Stieler
Vorlage: Elke Heidenreich / Bernd Schroeder (Roman "Alte Liebe")
Darsteller:
Dagmar Manzel (Lore) · Joachim Król (Harry) · Anna von Seld (Laura) · Liane Düsterhöft (Leni)
Filmwebseite, alle Daten zum Film auf Filmportal.de
Gedanken zum Film auf Basis der hier verlinkten Filmkritiken:
Wann hat das eigentlich aufgehört?
Lore und Harry sind seit fast 40 Jahren verheiratet. Sie kennen die Gewohnheiten und Schwächen des anderen. Morgens trinken sie Kaffee, gehen ihren Beschäftigungen nach und streiten zwischendurch. Vieles ist vertraut, manches zur Belastung geworden. Sind sie noch glücklich miteinander?
Harry ist pensioniert, verbringt viel Zeit im Garten, meckert über die Welt und möchte seine Ruhe haben. Lore arbeitet weiterhin als Bibliothekarin, organisiert Lesungen und kümmert sich um ihre demente Mutter. Sie fragt sich, was sie mit ihrem Leben noch anfangen könnte. Für Zündstoff sorgt die dritte Hochzeit ihrer Tochter: Harry ist vom wohlhabenden zukünftigen Ehemann wenig begeistert und möchte nicht zur Feier fahren. Lore sieht das anders. Alte Vorwürfe kommen wieder zur Sprache.
Der Alltag als Schauplatz
Andreas Dresen interessiert sich für die kleinen Vorgänge, aus denen sich eine lange Beziehung zusammensetzt. Ein gemeinsamer Kaffee, ein beiläufiger Satz, ein Streit über eine Kleinigkeit: Solche Situationen können komisch sein und zugleich etwas über die Beziehung verraten.
Harry bereitet morgens sorgfältig den Kaffee zu. Lore findet ihn „ein bisschen lasch“. Für Harry ist das eine Enttäuschung. Sie küsst ihn auf die Wange und geht zur Arbeit. Routine, Zuneigung und Gedankenlosigkeit bestehen nebeneinander.
Der Film spielt überwiegend im Haus und Garten, die Handlung ist über ein Jahr und die vier Jahreszeiten gegliedert. Wiederkehrende Situationen prägen den Rhythmus. Einige Kritiken sehen darin eine Stärke; andere empfinden die Erzählweise als statisch, die Dialoge mitunter als kreisend. Ob diese Ruhe lebensnah oder ermüdend wirkt, hängt auch davon ab, wie viel man aus unspektakulären Momenten herauslesen möchte.
Was bleibt von der Liebe?
Wie viel Nähe bleibt, wenn die Partner einander längst auf die Nerven gehen? Lore und Harry sind kein harmonisches Paar, das sich nach vier Jahrzehnten selbstverständlich versteht. Sie verletzen einander, halten sich alte Geschichten vor und sehen den anderen oft durch das eigene, längst vertraute Bild.
Dabei geht es auch darum, ob man im Alter noch etwas verändern kann. Lore möchte nicht in einen Ruhestand zu zweit gleiten, in dem jeder Tag dem vorherigen gleicht. Ihre Arbeit gibt ihr Aufgabe und Kontakte; Harry hat sich im Garten eine eigene Welt eingerichtet. Dass Lore weiterhin arbeitet, während er zu Hause bleibt, ist für ihn weniger selbstverständlich, als es zunächst scheint.
Harry kann mürrisch und ungerecht sein; Lore ist nicht immer die geduldige, vernünftige Partnerin. Gerade deshalb wirkt ihre Beziehung nicht wie ein Idealbild. Sie haben sich eingerichtet, sind aber nicht fertig miteinander. Nähe zeigt sich mitunter darin, dass einer auf den anderen achtet, obwohl beide kaum miteinander auskommen.
Eine Geschichte aus dem Osten
Andreas Dresen und seine langjährige Drehbuchpartnerin Laila Stieler haben den Roman von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder ins ostdeutsche Milieu verlegt. Aus dem westdeutschen Ehepaar der Vorlage wurden Menschen mit DDR-Biografie und Wendeerfahrung. Harry reagiert empfindlich auf den Westen und den wohlhabenden zukünftigen Schwiegersohn aus Hamburg. Die Auftritte der Schriftsteller Christoph Hein und Clemens Meyer geben den Bibliotheksszenen eine zusätzliche, teils selbstironische Note.
Blicke, Gesten und Worte
Viele Kritiken heben Dagmar Manzel und Joachim Król hervor. Hinter den Wortgefechten werden Verletzlichkeit, Zuneigung, Enttäuschung und die Angst sichtbar, dass sich nichts mehr ändern wird. Ursula Kähler lobt im Cicero das natürliche Zusammenspiel, die Süddeutsche Zeitung den trockenen Humor und die feine Ironie.
Andere Kritiken finden die Dialoge mitunter zu literarisch: Was sich auf einer Buchseite gut liest, entfaltet auf der Leinwand nicht automatisch dieselbe Wirkung. Auch die ruhige Form überzeugt nicht alle.
Eine Geste, ein Blick oder eine kleine Fürsorge kann dann mehr über ihre Beziehung verraten als das nächste Wortgefecht.
Kritiken:
Kritik von Anke Sterneborg für EPD-Film (4 von 5 Sternen)
Kritik von Kira Taszman für den Filmdienst (3,5 von 5 Sternen)
Kritik von André Pitz für Kino-Zeit.de (4 von 5 Sternen)
Kritik von Dörthe Gromes für Kunst und Film (3 von 6 Sternen)
Kritik von Ursula Kähler für den Cicero
Kritik von Axel Timo Purr für artechock film
Kritik von Peter Osteried für Programmkino.de
Kritik von Bianka Piringer für Spielfilm.de (4 von 5 Sternen)
Kritik von Michael Meyns für Filmstarts.de (4 von 5 Sternen)
Kritik von Michael Gasch für uncut.at (4 von 5 Sternen)
Kritik von Anna Wollner für NDR-Kultur
Kritik von Martina Knoben für die Süddeutsche Zeitung
Kritik von Barbara Schweizerhof für die taz
Kritik von Gunnar Decker für das Neue Deutschland (nd)
Kritik von Peter Kümmel für die Zeit
Kritik von Sophia Coper für die FAZ
Kritik von Antje Wessels für Wessels Filmkritik
Interview von Lena Schneider mit Regisseur Andreas Dresen und Dagmar Manzel für den Tagesspiegel
Interview mit Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieler für Weltexpresso
Interview von Katja Weber mit Regisseur Andreas Dresen für den rbb
Interview von Steven Sowa mit Regisseur Andreas Dresen für t-online
Trailer (116 Sekunden):
Dagmar Manzel, Joachim Król und Andreas Dresen im Interview (5 Minuten):
arteshots – Filmgespräch zwischen Axel Timo Purr und Felicitas Hübner (8 Minuten):
Ausführliche Kritik von Kira Taszman für den Filmdienst:
Verfilmung des gleichnamigen Romans um ein älteres Ehepaar als intime Studie über eine lange Ehe.
Harry (Joachim Król) und Lore (Dagmar Manzel) zelebrieren morgens ein Ritual. Bevor sie in den Tag starten, kosten sie gemeinsam den ersten Kaffee des Tages. Zwar bringt eine neue Kaffeemaschine die Technik des Zubereitens zwischenzeitlich durcheinander. Aber das gemeinschaftliche Abschmecken bleibt. Dabei betätigen sie sich als Hobby-Sommeliers und schlürfen den ersten Schluck mit Bedacht. Manchmal haben sie sogar das gleiche Geschmackserlebnis, finden ihn gut oder nicht so gelungen. Ansonsten hat sich viel Routine in ihre vierzigjährige Ehe geschlichen. Unterschiedliche Temperamente und Einstellungen, aber auch Ressentiments brechen sich Bahn, nicht zuletzt, weil Harry bereits im Ruhestand ist, während Lore noch in einer Bibliothek arbeitet.
Nicht immer einer Meinung
Harry kümmert sich in seinem Haus irgendwo im Nordosten Berlins vor allem um den Garten. Manchmal geht er Golf spielen, obwohl das ein „Reichensport“ ist. Vor allem aber meckert er viel, sehr zum Verdruss von Lore. Ihr schlägt Harrys beständig schlechte Laune aufs Gemüt. Neuerlicher Stein des Anstoßes ist die bevorstehende Hochzeit der einzigen Tochter mit einem reichen Wessi aus Hamburg. Die Feier wird allerdings in Leipzig stattfinden, wo der Schwiegersohn in spe entgegen der Bauvorschrift auf seinem Grundstück einen Tennisplatz hat errichten lassen. Harry als ehemaligen Mitarbeiter des Bauamts empört dies besonders. Natürlich will er die Hochzeit schwänzen.
Es ist der aktuelle Hauptstreitpunkt des Paares in „Alte Liebe“, das sich aber auch sonst bei vielen Gelegenheiten zu beharken scheint. Als eine gemeinsame Bekannte stirbt, muss Lore darauf herumreiten, dass Harry früher in sie verliebt gewesen sei. Sie wittert gar eine Affäre. Harry wiederum wirft Lore vor, als Betreuerin von Lesungen in der Bibliothek vor etlichen Jahren in einen um einiges jüngeren Literaten verknallt gewesen zu sein. So gibt ein Wort das andere, und die Stimmung im Haus bleibt angespannt. Erfüllung findet Lore eigentlich nur in ihrer Arbeit. Doch manchmal muss sie den Autoren buchstäblich hinterherrennen, wie etwa Christoph Hein, den sie auf einem S-Bahnhof für eine Lesung abholen will.
Regisseur Andreas Dresen hat bei seiner Adaption des gleichnamigen Romans von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder den Ort der Handlung in den Osten verlegt – vom Ruhrgebiet nach Ost-Berlin. So macht er Ostbiografien sichtbar, was sich auch in den Referenzen des Ehepaars widerspiegelt. Harry schimpft über Westler und den Westen generell. Auch die Autoren, mit denen Lore zu tun hat, stammen nun aus Ostdeutschland. Veranstaltet Lore im Buch eine Lesung mit Martin Walser, gibt es im Film amüsante Cameos von Christoph Hein und – einem sturzbesoffenen – Clemens Meyer.
Eine Kummerkastentante
Die 33-teilige Kapitelstruktur des Buches wandelt der Film in einen Aufbau mit vier Jahreszeiten um. So erstreckt sich die Handlung über rund ein Jahr. Dresen setzt dabei auf sich wiederholende narrative Elemente. Nach der Einblendung der jeweiligen Jahreszeit fliegt ein Flugzeug über das Einfamilienhaus der Eheleute. Das Leben des Paares ist von Konstanten geprägt. Sie schlafen in getrennten Zimmern, essen aber gemeinsam. Vor allem schwelgen sie in Erinnerungen, die sie erwartungsgemäß unterschiedlich interpretieren. Man zieht sich gegenseitig auf, verschweigt sich Dinge, macht der besseren Hälfte Vorwürfe. Als Kummerkastentante, die nicht widersprechen kann, dient beiden Lores demente Mutter, die in einem Pflegeheim lebt.
Hauptschauplatz des Films ist das Haus, das inzwischen abbezahlt ist. Es ist Rückzugsort und Käfig in einem, denn insbesondere Lore macht der ständig mürrische Ehemann zu schaffen. Abwechslung bringt die verwöhnte Enkelin, die für einen Kurzbesuch auftaucht. Ansonsten inszeniert Dresen vor allem eingespielte Abläufe im Haushalt sowie Konversationen. Doch wie inszeniert man die Monotonie des Alltags, ohne dass die Ereignislosigkeit sich beim Publikum als Langeweile manifestiert? Immer will das nicht gelingen; mitunter zieht sich der Film durch die relative Statik von Ort und Handlung.
Aufgefangen wird das allerdings durch das sehenswerte Schauspielerduo Manzel und Król. Vor allem Dagmar Manzel kann die innere Zerrissenheit ihrer Figur transportieren. Zwischen Stillstand und Sehnsucht nach mehr Harmonie geht die lebenslustigere der beiden Partner tapfer ihrem Alltag nach. Doch irgendwann erfolgt durch ein trauriges Ereignis eine Wende im Ton sowie in der Beziehung der Eheleute. Dann fühlt man wieder eine alte Verbundenheit, ja sogar sich neu manifestierende Liebe: durch Blicke, Gesten und Worte.
Mit elliptischer Kunst
Dabei spielt auch Dresens elliptisches Erzählen eine Rolle. Wichtige Ereignisse und ihre Schauplätze werden nicht gezeigt. Stattdessen sieht man das Paar im Nachhinein darüber reflektieren. Denn nicht alles muss auserzählt werden. Das bringt genauso wenig, wie ein Problem zu zerreden. Beide Partner werden sich allmählich einig, dass sie in gewissen Punkten uneinig sind.
Paradoxerweise birgt der Weg zu mehr Harmonie in der Beziehung aber auch eine gewisse Spannung. Das Publikum traut dem Frieden nicht – zu Recht, wie sich herausstellt. Die finale Wendung ist dann allerdings nicht Dresen geschuldet, sondern dem Roman, dem der Regisseur in seinem Wesen treu bleibt.