The Piano Tuner (Der Klavierstimmer)

  Sonnabend, 17. Oktober 2026 - 20:30 bis - 22:20
Kategorien: Kanada
Treffer: 640



arteshot (6 Minuten)
Filmgespräch zwischen Roderich Fabian und Axel Timo Purr:

 


Eintritt: 7,50 Euro

Kanada 2026   
Kinostart: 2. Juli 2026
108 Minuten
FSK: ab 14 Jahren

Regie/Drehbuch: Daniel Roher   

Darsteller:
Leo Woodall (Niki White) · Dustin Hoffman (Harry Horowitz) · Havana Rose Liu (Ruthie) · Jean Reno (Marius Maissner) · Lior Raz (Uri) · Tovah Feldshuh (Marla) · Nissan Sakira (Benny) · Gil Cohen (Yoni) · C.S. Lee (Yong) · Ellyn Jameson (Ellyn) · Jean Yoon (Dr. Madeline Richard) 
 
Wikipedia  

Ein Krimi, den man hören muss 

Eigentlich hätte Niki White Pianist werden sollen. Er besitzt das absolute Gehör, kann jeden Ton erkennen und hat das Zeug zu einer großen musikalischen Karriere. Doch dann entwickelt er eine extreme Geräuschüberempfindlichkeit. Lärm wird für ihn zur Qual, und selbst Musik kann er nicht mehr unbeschwert hören. Niki muss seinen Berufswunsch aufgeben und arbeitet nun als Klavierstimmer in New York.

Gemeinsam mit Harry Horowitz, einem alten Freund seines verstorbenen Vaters, fährt er von Kunde zu Kunde. Harry, gespielt von Dustin Hoffman, ist viel mehr als sein Chef: ein väterlicher Freund, ein bisschen Mentor und jemand, der seinen jungen Kollegen behutsam ins Leben zurückschubsen möchte. Die beiden bilden ein ungewöhnliches Gespann. Ihre Begegnungen mit den oft skurrilen Besitzern der Klaviere geben dem Film zunächst den Ton einer leisen Buddy-Komödie. Der Filmdienst hebt gerade diesen kauzigen Humor und Dustin Hoffmans Spiel hervor.

Dann entdeckt Niki, dass sein außergewöhnliches Gehör noch für etwas anderes taugt. Er kann nicht nur die feinsten Unterschiede zwischen Klaviertönen wahrnehmen, sondern auch das kaum hörbare Klicken von Zahnrädern in einem Safeschloss. Ausgerechnet seine vermeintliche Schwäche erweist sich als besondere Begabung.

Damit öffnet sich für Niki eine neue Welt – und „The Piano Tuner“ beginnt, sich ganz allmählich zu verändern.

Daniel Roher, der für seinen Dokumentarfilm „Nawalny“ mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, erzählt seinen ersten Spielfilm nicht als geradlinigen Krimi. Er verbindet vielmehr verschiedene Tonlagen: Buddy-Komödie, Liebesgeschichte, Musikfilm und Heist-Thriller. epd Film lobt gerade diesen eleganten Wechsel der Genres.

Eine wichtige Rolle spielt dabei Ruthie, eine junge Kompositionsstudentin, die Niki kennenlernt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zunächst etwas kratzbürstige, dann zunehmend zarte Beziehung. Niki beginnt sich ihr gegenüber zu öffnen – und damit erfahren auch wir mehr über den jungen Mann, dessen Leben durch seine besondere Wahrnehmung aus den Fugen geraten ist. Der SPIEGEL beschreibt die daraus entstehende Liebesgeschichte als anrührend und klug erzählt.

Doch das eigentlich Bemerkenswerte an „The Piano Tuner“ ist seine Tonspur.

Nikis Hyperakusis wird nicht einfach erklärt. Wir hören die Welt zunehmend so, wie er sie erlebt: Hupen, Stimmen, Bohrmaschinen, Sirenen und andere Alltagsgeräusche können plötzlich übermächtig werden. DIE ZEIT nennt die Tonspur den eigentlichen Star des Films und beschreibt ihn als eine Art „akustischen Krimi“.

Dadurch wird etwas, das man sonst nur schwer vermitteln könnte, unmittelbar erfahrbar. Man versteht, warum Niki sich mit Kopfhörern und Gehörschutz von seiner Umgebung abschirmt – und warum sein außergewöhnliches Gehör zugleich Fluch und Gabe ist.

Auch New York wird dadurch zu einem anderen Ort. Die Stadt ist nicht nur Kulisse, sondern ein Klangraum: laut, hektisch, manchmal überwältigend und dann wieder voller Musik. Zwischen Pianoakkorden, Jazz und den Geräuschen des Alltags entwickelt der Film eine ganz eigene Atmosphäre.

Natürlich ist „The Piano Tuner“ auch ein Kriminalfilm. Niki gerät in Kontakt mit Menschen, die seine besondere Fähigkeit für ihre Zwecke nutzen wollen. Doch anders als in einem klassischen Thriller geht es hier weniger um Action als um die Frage, wie weit ein eigentlich gutmütiger Mensch geht, wenn er jemandem helfen möchte. Die Krimihandlung bleibt eng mit Niki, Harry und Ruthie verbunden.

Gerade deshalb funktioniert der Film auch dann, wenn man – wie wir im achteinhalb – normalerweise eher einen Bogen um Thriller und Krimis macht.

Denn seine eigentliche Spannung entsteht nicht durch Gewalt oder spektakuläre Action. Sie entsteht aus Nikis ungewöhnlicher Wahrnehmung, aus der Atmosphäre und aus der Frage, wie dieser junge Mann seinen Platz in einer Welt finden kann, die für ihn oft schlicht zu laut ist.

Leo Woodall, bekannt aus „The White Lotus“, trägt den Film mit einer zurückgenommenen, verletzlichen Präsenz. Dustin Hoffman wiederum nutzt seine kleinere Rolle als Harry für eine wunderbar kauzige Mischung aus Lebenserfahrung, Charme und Zuneigung. Auch die FAZ hebt das Zusammenspiel der beiden und die Qualität der Heist-Szenen hervor.

Nicht alles an dem Film ist vollkommen. Einige Kritiker sehen Schwächen vor allem in der Konstruktion einzelner Handlungselemente. Aber selbst die zurückhaltenderen Besprechungen erkennen die besondere Atmosphäre und die ungewöhnliche Verbindung von Musik, Kriminalgeschichte und Liebesdrama.

Und deshalb machen wir im achteinhalb diesmal eine Ausnahme.

Wir zeigen normalerweise kaum Krimis und eigentlich keine Thriller. Bei „The Piano Tuner“ hat uns aber gerade interessiert, wie Daniel Roher aus einem Kriminalstoff etwas Eigenes macht: einen Film, in dem man nicht nur zusieht, sondern immer wieder zuhört.

Vielleicht passt deshalb ausgerechnet der Gedanke des Klavierstimmers so gut zum ganzen Film: Beim Stimmen eines Klaviers gehe es nicht darum, einen einzigen perfekten Ton zu finden. Entscheidend sei das Zusammenspiel der 88 Tasten – darum, Harmonie ins Chaos zu bringen.

Ein ungewöhnlicher, atmosphärischer und musikalisch sehr reizvoller Film – mit Leo Woodall, Dustin Hoffman und einer Tonspur, die man am besten im Kino erlebt.

Kritiken: 
Kritik von Anke Sterneborg für EPD-Film (5 von 5 Sternen)
Kritik von Michael Ranze für den Filmdienst (4 von 5 Sternen) 
Kritik von Ursula Kähler für den Cicero 
Kritik von Bianka Piringer für Kino-Zeit.de (von 5 Sternen) 
Kritik von Oliver Armknecht für Filmrezensionen.de (7 von 10 Sternen) 
Kritik von Oliver Kube für Filmstarts.de 
Kritik von Dieter Oßwald für Programmkino.de 
Kritik von Corinna Götz für THE SPOT 
Kritik von Antje Wessel für Wessels Filmkritik 
Kritik von Barbara Schweizerhof für die taz 
Kritik von Bettina Dunkel für NDR-Kultur 
Kritik von Pamela Jahn für Kunst und Film (4 von 6 Sternen) 
Kritik von Anke Sterneborg für Chrismon 
Kritik von Maria Wiesner für die FAZ 
Kritik von Katja Nicodemus für die Zeit 
Kritik von Florian Kaindl für die Süddeutsche Zeitung 
Kritik von Wolfgang Höbel für den Spiegel 
Kritik von Ljubiša Tošić für den Wiener Standard 
Kritik von Jörg Brandes für die CZ (RND/Madsack/HAZ) 

Trailer (1 Minute): 

   

Filmkritik von Robert Hofmann (6 Minuten)
 

Ausführliche Kritik von Michael Ranze für den Fi
lmdienst: 
Kriminaldrama um einen Klavierstimmer mit überempfindlichem Gehör, der sich auch als begnadeter Safeknacker erweist.

Beim Stimmen eines Pianos gehe es nicht um den einen perfekten Ton, sagt der Klavierstimmer Niki White (Leo Woodall) zu einer jungen Pianistin. Zudem lasse sich Perfektion nie erreichen. Es gehe vielmehr um das Zusammenspiel mit den anderen 87 Tasten. „Ein Piano zu stimmen, bedeutet, Harmonie ins Chaos zu bringen.“ Ein bisschen gilt das auch für „The Piano Tuner“. Der Dokumentarfilmer Daniel Roher, der 2023 einen „Oscar“ für „Nawalny“ gewann, erzählt in seinem Spielfilmdebüt ein Drama, eine Liebesgeschichte und einen Krimi. Dabei verknüpft er die einzelnen Handlungsstränge geschickt zu einem unterhaltsamen Ganzen, weshalb man am Ende zufrieden das Kino verlässt.

Safeknacken mit absolutem Gehör

Niki ist ein schüchterner junger Mann, der an einer besonderen Krankheit leidet. Seine Ohren sind so empfindlich, dass er zu jeder Tageszeit Kopfhörer tragen muss, um sich vor Lärm zu schützen. Deswegen musste er eine vielversprechende Karriere als Pianist aufgeben. Er hat jedoch das absolute Gehör; er kann jede Note, auch in einem Akkord, auf Anhieb erkennen. Als Pianostimmer ist er darum ein Vollprofi, der für jedes Problem eine Lösung findet. Zusammen mit seinem väterlichen Freund Harry Horowitz (Dustin Hoffman) fährt er, in einer schnellen Abfolge von kurzen Szenen, von Kunde zu Kunde. Als Harry einmal die Kombination für seinen Privatsafe vergisst, knackt ihn Niki wie selbstverständlich, dank seines übersensiblen Gehörs.

Es ist eine Entdeckung, die ihn mit osteuropäischen Safeknackern, die sich zunächst frech als Sicherheitsexperten ausgeben, in Kontakt bringt. Sie folgen einer eigenwilligen Philosophie: Ihre Opfer seien so reich, dass sie gar nicht merken, wenn im Safe etwas fehle. Man dürfe nur nicht alles nehmen. Zwischenzeitlich hat Niki die brillante Pianistin Ruthie (Havana Rose Liu) kennengelernt, die für eine wichtige Prüfung übt und eine Komponistin werden will. Vom neuen Hobby ihres Freundes ahnt sie nichts. Als Zuschauer aber weiß man, dass das Abgleiten in die Kriminalität nicht unentdeckt bleiben kann.

Ebenso ungewöhnlich wie originell

Ein junger Mann versucht, sein Privatleben mit seinen kriminellen Aktivitäten in Einklang zu bringen. Was zunächst nach vertrautem Genremuster klingt, entfaltet unter der Regie von Daniel Roher einen ganz eigenen Charme. Die Erzählprämisse eines zwar behinderten, gleichwohl genialen Klavierstimmers ist ebenso ungewöhnlich wie originell, und das Kennenlernen zwischen Niki und Ruthie sprüht nur so vor Kratzbürstigkeit. Die kurzen Vignetten reicher, aber desinteressierter oder schlecht gelaunter Pianobesitzer sind an Ironie kaum zu überbieten. Zudem verleiht ihnen der Cutter Greg O’Bryant einen fast schon schlafwandlerischen Rhythmus und hält die Erzählfäden geschickt zusammen.

Mit dem Auftritt der osteuropäischen Gangster, die keinen Spaß verstehen, bekommt der Film dann eine düstere, sogar brutale Note. Niki hat sich zwar auf die schiefe Bahn begeben, doch er versucht, mit Nina Simones berühmtem Song „Sinnerman“ auf der Tonspur, seine Fehler wieder einzurenken. Darum kann man sich weiter mit ihm identifizieren, was auch am klug geschriebenen Drehbuch liegt. Übrigens brauchen auch berühmte Pianisten einen Klavierstimmer; deshalb ist die 86-jährige Jazzlegende Herbie Hancock kurz in einer Szene zu sehen.

Mit kauzigem Humor

„The Piano Tuner“ ist überdies eine anrührende Hommage an Dustin Hoffman, der 2027 seinen 90. Geburtstag feiert und dann auf 60 Jahre im Filmgeschäft zurückblickt. Wie er hier in einer schönen Nebenrolle seinem jungen Kollegen einfach das Feld überlässt, mit kauzigem Humor brilliert und auch als Katalysator für die Liebesgeschichte fungiert („Jetzt trag ihr doch endlich die Bücher nach Hause!“), ist umwerfend gespielt. Hoffman ist so etwas wie der bescheidene Star dieses Films, und darum ist sein dreidimensionales Konterfei gelegentlich als Wackeldackel im Firmenwagen zu sehen.