Über die Unendlichkeit

  Freitag, 23. Oktober 2020 - 20:30 bis - 22:30

Kino achteinhalb hatte beschlossen, seinen Betrieb am Freitag, dem 13. März, einzustellen und nun, ihn am Freitag, dem 9. Oktober, wieder aufzunehmen. 
Folgende Änderungen haben wir vorgenommen:
Solange die Corona-Vorschriften gelten, haben wir keine Abendkasse, sondern vergeben unsere wenigen Karten via Reservierung. Sie können Ihre Karten entweder über unsere Reservierungsfunktion oder per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! reservieren. Bis 18 Uhr des Veranstaltungstages sind Reservierungen möglich. Laut Verordnung sind Gruppen bis zehn Menschen zulässig, daher können von einer Person maximal zehn Karten reserviert werden. Aufgrund der Abstandsregelung bieten wir weniger Plätze an: Sehr wenige Plätze für den Fall, dass alle einzeln kommen und dementsprechend mehr Plätze, wenn die Leute zu zweit, dritt, viert, etc. kommen, da innerhalb dieser Konstellationen (von 2 bis 10) kein Abstand gewährt werden muss, zwischen den diversen Konstellationen aber schon. Wir haben eine Reihe komplett rausgenommen, so dass insgesamt acht rote Sessel weniger im Kino stehen als vor Corona. Auch wenn wir unter den aktuell gültigen Abstandsregeln maximal 26 Plätze (vorausgesetzt es gäbe genügend Dreier-Gruppen) vergeben dürften, haben wir beschlossen, die maximale Anzahl für das Jahr 2020 auf 18 Karten zu begrenzen. Wenn Sie Ihre Reservierung nicht wahrnehmen können, wäre eine rechtzeitige Absage per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bis spätestens 18 Uhr für uns das Beste. Einlass ist ab 20 Uhr. Ihre Karten zahlen Sie bitte bar im Kino.
Da wir gemäß Verordnung wesentlich weniger Plätze anbieten können als vorher, haben wir den Eintrittspreis von 5 auf 7,50 Euro erhöht.
Im Sitzen besteht in Kinos keine Maskenpflicht; im Stehen und Gehen besteht Maskenpflicht.

Die RWLE Möller Stiftung hat uns für ca. 4.500 Euro einen zertifizierten (EU-Norm EN1822-1) H14-Schwebstofffilter finanziert. (Wir haben ausschließlich Raumluftreiniger in Betracht gezogen, die zertifiziert sind und sich einer neutralen wissenschaftlichen Studie unterzogen haben und somit auch eindeutige Aussagen treffen, über die Filterleistung und wie viel Kubikmeter in der Stunde umgewälzt werden.) Das ist, was Viren, Bakterien, Keime (und Staub!) angeht, effektiver als Lüften, da nachweislich 99,995 % aller Viren aus der Luft herausgefiltert werden. Selbst die besonders schwierig abzuscheidenden Aerosolpartikel zwischen 0,1 und 0,3 µm Durchmesser (also  Viren) werden zu 99,995 Prozent aus der Luft abgeschieden. Mit anderen Worten: von 100.000 Viren verbleibt nur eins in der Luft. Da wir Menschen aber mehrere hundert Viren einatmen können, ohne uns zu infizieren, wäre dieses etwaige eine von hunderttausend verbliebene völlig ungefährlich. Das Gerät verbrennt (als einziges Gerät weltweit), anschließend das Filtersubstrat bei 100 Grad, so dass es nicht als "Virenschleuder" fungieren kann. Der Hersteller Trotec (pikanterweise aus Heinsberg) produziert von diesem Raumluftreiniger ca. 1000 Geräte die Woche, von denen zahlreiche in den Export gehen. Wir sind laut Trotec das erste Kino mit so einem Filter sowie ihr erster Kunde im Landkreis Celle. Entwickelt wurden die Filter über Ostern und sind bereits im Mai in Produktion gegangen. Wir erfuhren davon, als der Heinsberger Landrat Stephan Pusch am 19. März bei Markus Lanz davon erzählte und haben uns dann nach Heinsberg aufgemacht und Trotec besucht. Wir sind laut Trotec das erste Kino mit so einem Filter sowie ihr erster Kunde im Landkreis Celle. Laut Spiegel soll übrigens in Schweden mittlerweile so gut wie jedes Klassenzimmer mit Luftfiltern ausgestattet sein ... Unseres Wissens ist bisher aber eh keine einzige Infektion in Kinos belegt vermutlich da in Kinos weder feuchtfröhlich und laut gesprochen, noch sich sonderlich in den Armen gelegen wird. Das wird auch der Grund sein, warum Kinos und Theater von den Schließungen im September in  z. B. Frankreich oder auch in Hamm nicht betroffen sind.
("Nicht von aktuellen Maßnahmen betroffen sind Kulturveranstaltungen und das Kino sowie alle Sporteinrichtungen inklusive der Bäder. Als Grund führt der OB an, dass diese Orte bislang nicht als Infektionsherde aufgefallen sind." – Westfälischer Anzeiger aus Hamm vom 22. September)
Laut der niedersächsischen Corona-Verordnung vom 25. September ist der Besuch des Kinos nur statthaft, wenn Sie uns Ihre Kontaktdaten anvertrauen. Ihre Kontaktdaten verwahren wir in einem verschlossenen Kuvert, das mit Filmtitel und Tagesdatum sowie dem Datum, an dem es verschlossen geschreddert wird, beschriftet ist. Bei Filmbeginn wird das Kuvert zugeklebt. Wir haben eine Aufbewahrungspflicht von drei Wochen, danach wird das verschlossene Kuvert umgehend geschreddert. Es wäre schön, wenn Sie unser Kontaktformular ausdruckten und ausgefüllt mitbrächten. Wir haben Kopien dieser Formulare natürlich auch im Kino vorrätig.

Artikel der CZ vom 8. Oktober über den Restart des achteinhalbs und den Raumluftfilter
Spiegel vom 17. Oktober: "In Kählers Studie testeten die Forscher den Raumluftfilter eines Gerätes der Firma Trotec und kamen zum Schluss, dass dieser Aerosolpartikel bis auf eine Größe von 0,1 bis 0,3 Mikrometern sehr zuverlässig abfangen kann."


Eintritt: 7,50 €

Schweden 2019
Kinostart: 17. September 2020
77 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie/Drehuch/Schnitt: Roy Andersson
Kamera: Gergely Pálos  

Darsteller:  Martin Serner (Der Pfarrer) · Jessica Louthander (Die Erzählerin) · Tatiana Delaunay (Fliegende Frau) · Anders Hellström (Fliegender Mann) · Jan Eje Ferling (Der Mann an der Treppe) · Bengt Bergius (Der Psychiater) · Thore Flygel (Der Zahnarzt) 

Filmwebseite, WIKIPEDIA     

Kritiken:
Kritik von Patrick Seyboth im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Philipp Rhensius auf Kunst und Film (4 von 6 Sternen)
Kritik von Lucas Barwenczik im Filmdienst (4 von 5 Sternen)
  
Kritik von Michael Meyns auf Programmkino.de (Gilde der Filmkunsttheater)
Kritik Doris Senn im Filmbuelletin (Schweiz)
Kritik von Bert Rebhandl in der FAZ
Kritik von Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Lili Hering in der Zeit
Kritik von Andreas Busche im Tagesspiegel
Kritik von Ekkehard Knörer in der taz

Film der Woche im Freitag

Interview von Thomas Abeltshauser mit Regisseur Roy Andersson in EPD-Film

Besuch bei Regisseur Roy Andersson von Sven von Reden für den Spiegel

Trailer (102 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst  
Ein tragikomischer Erzählteppich des Schweden Roy Andersson über die „conditio humana“, mit kurzen, nur lose verbundenen Szenen zwischen Banalität, Tragik und kleinen Glücksmomenten. 


Selbst die Ewigkeit setzt sich aus Sekunden zusammen; auch Sekunden können sich wie eine Ewigkeit anfühlen. Zwei Phänomene, die in der neuen Tragikomödie von Roy Andersson mit dem Namen „Über die Unendlichkeit“ erfahrbar werden. Zeit war für den schwedischen Filmemacher immer schon Thema und Gestaltungsmittel zugleich. Sie fließt durch seine starren, präzise konstruierten Tableaus, manchmal ist das die einzige Bewegung. Sie lastet als Geschichte auf der Gegenwart und rinnt den Menschen als Leben durch die Finger. Meist gilt: Komödie ist Tragödie plus Zeit; nur kann diese Gleichung auch einfach andauerndes Leid ergeben.

Anderssons Trilogie über das Leben (Songs from the Second Floor, Das jüngste Gewitter, Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach) mag offiziell abgeschlossen sein, doch ihre Ästhetik setzt sich auch im neuesten Film nahtlos fort. Mit jedem Schnitt eröffnet sich ein Fenster in eine elegische Welt, eine hyperreale Version der unseren. Ihre Bewohner sind so leichenblass, als hätten sie nie die Sonne gesehen. Sie wirken abgekämpft, schäbig und traurig, die wenigen Ausnahmen bestätigen spöttisch die Regel. Präsentiert wird eine Sammlung von Momentaufnahmen, vom Alltäglichsten bis hin zur absoluten Ausnahmesituation. Die meisten stehen für sich und werden dann nicht wieder aufgegriffen: Ein Paar beobachtet vorbeiziehende Vögel. Ein Kellner überfüllt ein Weinglas. Ein Ehestreit eskaliert auf offener Straße. Ein Mann wird im Bus von einer Existenzkrise überwältigt, ein anderer wird hingerichtet. Teenager tanzen. Ein Liebespaar schwebt über einer ausgebrannten Stadt. Hitler erlebt seine letzten Stunden im Bunker. Ein Mädchen gießt eine Topfpflanze.

Bewegte Gemälde mit kurzer Einführung

Was ordnet diese fragmentarischen Eindrücke? Andersson lässt sich von den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht inspirieren. Eine junge Frau gibt den bewegten Gemälden aus dem Off jeweils eine Art Überschrift, ihr Voiceover führt jede Szene wie ein Märchen ein. Irgendwo gibt es also eine Institution des Erzählens, eine Scheherazade. Die Texte bleiben vage, die Narration ergibt sich eher aus der Struktur, aus Mustern und Wiederholung, Themen und Motiven. Wie in den früheren Filmen spürt man die unkündbare Beziehung zwischen Gegenwart und Geschichte, die zermürbende Grausamkeit des Alltags und Verantwortung und Schuld des Einzelnen.

Einige Stränge werden mehrfach aufgegriffen und ordnen damit den Film: Ein Priester verliert seinen Glauben und ersucht ausgerechnet seinen desinteressierten Hausarzt um Hilfe. Ein alter Mann ärgert sich über einen Freund aus Schulzeiten und beginnt dadurch auch an seinem eigenen Leben zu zweifeln. Manchmal ist es nur ein einziges Element, dass die Bilder vor und nach dem Schnitt verbindet: Mit demselben Messer kann man morden und Fisch schneiden. Vor der Kneipe, in der gerade ein Mann spekuliert hat, vielleicht wäre ja alles doch nicht so schlimm, fällt derselbe Schnee, durch den sich auch Kriegsgefangene in Sibirien kämpfen.

Andersson überführt menschliches Verhalten in die Absurdität. Oder, von einem anderen Blickwinkel betrachtet: Er macht ihre inhärente Absurdität sichtbar, indem er dem Handeln einen neuen und fremden Rhythmus gibt. Jede Geste wird zerdehnt. Die Menschen sprechen langsam und bedächtig, immer erst nach langen Pausen. Als gäbe es einen Widerstand zwischen den Menschen, der erst mühsam überwunden werden muss. Jede Aktivität wird zum Kraftakt, nahezu jeder Versuch zu kommunizieren misslingt.

Jede neue Szene erfordert Neuorientierung

Der Rhythmus von Anderssons Filmen ist ungewohnt. Der Regisseur orientiert sich deutlicher als die meisten seiner Kollegen an der Malerei, doch ein Gemälde gibt keinen klaren Zeitraum vor, in dem es betrachtet werden kann und muss. So versetzt jede neue Szene erst einmal in die Rolle des aufmerksamen Beobachters. Schaulustig tritt man an einen Ort, ohne zu wissen, was genau hier geschehen soll. Die Konstruktionen sind eindrucksvoll, schon allein handwerklich. An dem Modell des zerstörten Kölns müssen Andersson und sein Team lange gearbeitet haben. Man wartet ab, lässt Raum und Zeit auf sich wirken. Kommt es zu einem großen Umbruch oder bleibt alles, wie es ist? Welche Stimmung wird diese Situation annehmen? Wird sie lustig oder traurig, oder werden beide Tonalitäten so miteinander verwoben, dass man sich fragt, wie man sie je für separate Kategorien halten konnte?

Vor allem aber: wird es eine Pointe geben? Die Erwartungshaltung wird verunsichert. Die Situationen erinnern entfernt an Sketche, und manche schließen auch mit einer überraschenden Wendung. Andere werden durch das Vergehen von Zeit oder durch stetige Wiederholung irgendwann lustig. Es ist das Lachen, das Endlosschleifen und Gefangenschaft erträglich macht. Kein maliziöses, das sich über die Figuren erhebt, gewiss kein verächtliches. Ein Lachen über das Leben, über die Absurdität des Menschseins. Einige Szenen wiederum verharren trotzig in der Tragödie, verwehren sich jeder Vereinnahmung durch unser Bedürfnis nach Katharsis. Sie provozieren ein Gefühl von schmerzlicher Neutralität. Man gelangt an ihr Ende wie an das einer Sackgasse. Nicht jeder Pfad kann zum Ausgang führen.

Vorder- und Hintergrund erzählen je eigene Geschichten

Die in die Tiefe reichenden Kompositionen sind minimalistisch gehalten, doch immer von einer starken inneren Spannung geprägt. Vorder- und Hintergrund erzählen jeweils eigene Geschichten, die gemeinsam eine dritte formen. Wobei es meist eigentlich keinen Vorder- und Hintergrund gibt, sondern immer jene Ebene betont wird, auf die wir uns gerade konzentrieren wollen. Gerade durch die Tiefenschärfe und den starren Zwang zum Schauen entsteht ein demokratisches Seherlebnis.

Der Mann, der im Bus von Tränen übermannt wird, steht vor der bitteren Erkenntnis: „Ich weiß nicht, was ich will.“ Die anderen Fahrgäste reagieren, wie man es erwarten würde, mit Mitleid, Desinteresse, Irritation oder Zorn. Durch die Fenster erkennt man eine Bettlerin, die unter Werbetafeln im Regen sitzt. Schnell beginnen die beiden Ebenen miteinander zu kommunizieren. Ist ihr Leid gleichwertig, wird das Gefühl von innerer Leere durch den Kampf ums Überleben zur Banalität? Was wird die Zeit, die wir jetzt spüren, mit ihnen machen, was wird aus ihren Leben?

Andersson ist kein Regisseur der Antworten und Botschaften. Er ist nicht didaktisch und lehrt doch, weil man einen Teil seines Blicks auf die Welt aus dem Kino trägt. Es drängt ihn zu einer Darstellung der menschlichen Erfahrung, wie er sie wahrnimmt. Jacques Tati und seine wehmütige Kritik an der Moderne sind dabei nie fern. Nicht nur wegen der minutiösen Präzision, sondern auch, weil die Stadträume so schmerzlich anonym und funktional sind. Sie ermöglichen und erlauben kein richtiges Leben. Die Religion gibt keinen Ausweg, die Utopien sind gescheitert.

Kino, das an sich selbst glaubt

Was bleibt dann? Nun, sein Kino glaubt an die Kunst; an die Malerei und an sich selbst. Daran, dass durch den konzentrierten Blick auf komplexe Bilder ein Einfühlen und Verstehen, ein Begreifen und Deuten stattfindet. Seine Trompe-l’œil-Hintergründe funktionieren nur, wenn man genau die richtige Perspektive einnimmt. Ein kleiner Schritt zur Seite, und diese starren Welten würden auseinanderbrechen. Oder vielleicht: sich öffnen.


Eine Kritik von Lucas Barwenczik