Hallo Betty (mit Gelinggarantie!) – „schweizer Köchin und Hausfrau der Nation“

Hallo Betty (mit Gelinggarantie!) – „schweizer Köchin und Hausfrau der Nation“

  Freitag, 09. Oktober 2026 - 20:30 bis - 22:20

Ort: Kino achteinhalb

http://www.alpenrepublik.eu/betty.html

Kategorien: Komoedie, Historienfilm, Schweiz, Alpenrepublik

Treffer: 721




Eintritt: 7,50 Euro

Schweiz 2025
Kinostart: 25. Juni 2026
110 Minuten
FSK: ab 14 Jahren

Regie: Pierre Monnard  

Darsteller:
Sarah Spale (Emmi Creola) · Martin Vischer (Ernst Creola) · Rabea Egg (Maxi Bossert) · Ueli Jäggi (Mr. Jäggi) · Cyril Metzger (Jean Claude Aeby) · Thomas Douglas (Jochen Haussmann) · Viviana Zappa (Cecilia) · Leonardo Nigro (Angelo) · Morgane Ferru (Sophie Engeler) · Magdalena Neuhaus (Empfangsdame Rosi) · Pablo Caprez (Egli) 

Filmwebseite, Wikipedia, Presseheft 
Wikipedia zu der fiktiven Schweizer Köchin Betty Bossi 
Wikipedia zu Emmi Creola-Maag, der Erfinderin der Kunstfigur Betty Bossi 

Die Erfindung des Toast Hawaii wird allgemein dem Fernsehkoch Clemens Wilmenrod zugeschrieben, der ihn 1955 in Deutschland erstmals vorstellte. Vermutlich hatte Wilmenrod das Rezept jedoch von seinem Konkurrenten und Lehrer Hans Karl Adam übernommen. 
Betty Bossi hat den Schweizern mit dem Hawaii-Toast die Ananas nahegebracht (natürlich aus der Dose!) oder das Tiramisu. 

Der Betty Bossi Shop   
Der Betty Bossi Youtube-Kanal 
Die 10 legendärsten Betty Bossi Rezepte  
Das "grosse" Betty Bossi Kochbuch mit Geling-Garantie  
Die Betty Bossi Zeitschrift (ehemals „Betty Bossi Post“) 
Behind the Scenes – Blicke hinter die Kulissen von «Hallo Betty»  


Gedanken zum Film auf Basis der hier verlinkten Filmkritiken:

Ein bisschen Garnitur macht alles besser

Manchmal braucht es gar keine große Revolution. Manchmal reicht eine gute Idee, eine Schreibmaschine – und ein bisschen Garnitur.

1956 arbeitet Emmi Creola als Werbetexterin in Zürich. In der von Männern dominierten Werbewelt wird sie nicht unbedingt ernst genommen. Zu Hause wartet außerdem das klassische Rollenbild der Zeit auf sie: Ehemann, drei Kinder, Kochen, Abwaschen. Berufstätig sein darf sie durchaus – solange darunter das Familienleben nicht leidet.

Dann bekommt Emmi den Auftrag, eine Kampagne für Speiseöl zu entwickeln. Ihre Idee ist zunächst ganz einfach: Die Produkte brauchen ein Gesicht. Also erfindet sie Betty Bossi, eine fiktive Hausfrau und Köchin, die Frauen mit Rezepten und praktischen Ratschlägen durch den Alltag begleitet.

Nur hat Emmi ein kleines Problem: Sie selbst ist gar keine besonders gute Köchin.

Das macht den Anfang dieser Geschichte so charmant. Ausgerechnet die Werbetexterin, die eine perfekte Hausfrau erfindet, muss sich nun mit echten Köchinnen zusammentun. Gemeinsam mit der rebellischen Maxi und einem Team von Frauen entwickelt sie Rezepte, die tatsächlich funktionieren. Betty Bossi wird immer erfolgreicher, die Fanpost wächst – und irgendwann wollen die Menschen nicht mehr nur Bettys Rezepte lesen. Sie wollen Betty sehen.

Damit beginnt Emmis eigentliches Abenteuer.

Pierre Monnard erzählt die wahre Geschichte der Erfinderin von Betty Bossi als farbenfrohes Historien- und Emanzipationsmärchen. Die Schweiz der 1950er-Jahre ist dabei eine Welt, in der Frauen noch selbstverständlich auf bestimmte Rollen festgelegt werden. Emmi beginnt, diese Grenzen zu verschieben – zunächst gar nicht unbedingt aus politischem Bewusstsein, sondern weil sie etwas kann und weil sie ihre eigenen Ideen verwirklichen möchte.

Der Filmdienst sieht gerade darin die besondere Qualität der Geschichte: Emmi modernisiert das konservative System gewissermaßen von innen heraus. Ihre Kunstfigur spricht zunächst ganz traditionell Hausfrauen an, ermutigt sie aber gleichzeitig dazu, ihre eigene Rolle neu zu denken.

Dabei bleibt „Hallo Betty“ angenehm unaufgeregt. Der Film hält keine Vorlesung über den Schweizer Geschlechterkampf und macht aus Emmi keine revolutionäre Ikone. Die Konflikte werden vielmehr mit einem Augenzwinkern erzählt. Pastellfarbene Bilder, sorgfältige Ausstattung und Kostüme lassen die 1950er-Jahre wiederauferstehen; dazu kommen Schreibmaschinen, Küchenutensilien und natürlich jede Menge Essen.

Und das Essen ist nicht bloß Dekoration. Es wird zum Motor der Geschichte. Aus Rezepten wird Werbung, aus Werbung wird eine Zeitschrift, aus der Zeitschrift eine Marke – und aus einer erfundenen Person eine Frau, die im kollektiven Gedächtnis eines ganzen Landes tatsächlich zu existieren scheint.

Besonders schön ist dabei die Beziehung zwischen Emmi und ihrem Mann Ernst. Auch hier hält sich der Film mit großen Schuldzuweisungen zurück. Ernst ist kein finsterer Patriarch, sondern ein Mann, der lernen muss, mit einer Frau umzugehen, die plötzlich erfolgreicher und bekannter ist als er selbst. Martin Vischer spielt ihn mit genügend Empathie, dass aus dem Ehedrama keine einfache Täter-Opfer-Geschichte wird. Der Filmdienst sieht gerade in den Szenen zwischen Emmi und Ernst einige der schönsten und emotionalsten Momente des Films.

Natürlich könnte man sich wünschen, dass „Hallo Betty“ an manchen Stellen mutiger wäre. Einige Kritiken bemängeln zu Recht, dass gesellschaftliche Widersprüche eher angedeutet als wirklich ausgetragen werden und der Film seine Konflikte immer wieder sanft auflöst.

Aber vielleicht ist genau das für diesen Film auch eine Frage der Erwartung.

„Hallo Betty“ will kein radikales Gesellschaftsdrama sein. Er möchte eine interessante wahre Geschichte erzählen, uns in die Schweiz der 1950er-Jahre entführen und dabei gut unterhalten. Und das gelingt ihm ziemlich wunderbar. Selbst die kritischeren Besprechungen bescheinigen dem Film sympathische Figuren, eine ansprechende Ausstattung und eine angenehme Zugänglichkeit.

Und dann gibt es noch die wirkliche Emmi Creola. Auf unserer Filmseite kann man sie in einem historischen SRF-Interview von 2006 selbst erleben – inzwischen 92 Jahre alt und immer noch erstaunlich präsent. Dadurch bekommt die Geschichte eine zusätzliche, ganz besondere Dimension: Hinter der erfundenen Betty Bossi steht tatsächlich eine Frau, die diesen Erfolg selbst erlebt hat.

Vielleicht ist „Hallo Betty“ deshalb genau der richtige Film für einen Abend, an dem man einmal durchatmen möchte.

Nach der Odyssee darf es auch einmal Schreibmaschine statt Schwert, Kochlöffel statt Pfeil & Bogen und Toast Hawaii statt Blutvergießen sein.

Ein freundlicher, humorvoller und wunderbar altmodischer Film über eine Frau, die mit einer erfundenen Hausfrau ihre eigene Welt ein kleines Stück verändert hat.

Wir machen uns einfach mal einen netten Kinoabend – ohne Ansprüche, aber mit Gelinggarantie. Und wer danach Lust auf Toast Hawaii bekommt: Wir haben Sie gewarnt.
(Eine lokale Schweizer Filmkritik empfiehlt, für den Heißhunger danach zu Hause die Zutaten für Toast Hawaii bereitzuhalten!)


Kritiken: 
Kritik von Kira Taszman für den Filmdienst (3 von 5 Sternen)
Kritik von Markus Solty für Spielfilm.de (3 von 5 Sternen) 
Kritik von Markus Solty für Filmrezensionen.de  
Kritik von André Pitz für Kino-Zeit.de
Kritik von Dieter Oßwald für Programmkino.de 
Kritik von Urs Bühler für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) 
 
Trailer (122 Sekunden): 

 

 Alexander Marcus – Hawaii Toast Song (220 Sekunden): 
  

Betty Bossi (2006) | SRF Archiv (4 Minuten): 
Die fiktive Köchin Betty Bossi trifft seit über 50 Jahren den kulinarischen Schweizer Durchschnitt. Als beste Freundin der Hausfrauen liefert sie stetig neue Rezepte. Hinter der Figur steckt die Werbetexterin Emmi Creola. Die 92-jährige Emmi Creola ist hier im Gespräch zu sehen.

  

Ausführliche Kritik von Kira Taszman für den Filmdienst: 
Historienfilm mit Retro-Charme über die Werbetexterin Emmi Creola, welche in der konservativen Schweiz der 1950er-Jahre die Kunstfigur Betty Bossi erfand und durch sie zur „Köchin und Hausfrau der Nation“ wurde. 

Es ist kaum verwunderlich, dass die Schweiz, ein Land, das erst 1971 das Wahlrecht für Frauen einführte, in den 1950er-Jahren von seiner weiblichen Bevölkerung erwartete, den Haushalt zur Zufriedenheit von Ehemann und Öffentlichkeit zu führen. Die Werbetexterin und Mutter Emmi Creola (Sarah Spale) ist da schon ein wenig anders, unterstützt sie durch ihre Arbeit doch auch die Haushaltskasse. Für Kindererziehung und Kochen fühlt sich Ehemann Ernst (Martin Vischer) allerdings nicht zuständig, und so muss Emmi, wenn sie abends nach Hause kommt, die Schürze umbinden: zum Kochen und Abwaschen.

Auch in der Agentur nimmt man sie kaum ernst. Ihr ignoranter, älterer Chef findet, dass Frauen keine Ansprüche zu stellen hätten. Als sie ihm im Rahmen einer Kampagne für Speiseöl über eine Ratgeberin für Küche und Haushalt referiert, klaut ihr ein schnöseliger junger Kollege das Konzept. Am Ende kann sie sich doch durchsetzen und erfindet die Kunstfigur Betty Bossi, eine fiktive Hausfrau und Köchin, die Frauen mit ihrer Kolumne im Alltag unterstützen soll. Die an der Schreibmaschine durchaus kompetente Emmi stellt dabei jedoch fest, dass sie eigentlich keine großartige Köchin ist.

Mit peppigen Rezepten zum Erfolg

Ihr erstes Rezept, eine Anleitung zum Rösti-Braten, floppt dann auch prompt. Also umgibt sich Emmi mit Expertinnen: Die rebellische und findige Maxi Bossert (Rabea Egg), die Emmi kennenlernt, arbeitet in einem italienischen Restaurant und stellt einen Kontakt zur Chefköchin her. In der konservativen deutschsprachigen Schweiz werden die Italiener als fremdländische Eindringlinge gesehen. Auch wollen sie ihre Rezepte eigentlich nicht teilen. Doch Emmi macht einen Deal mit ihnen, versammelt ein kompetentes Koch-Team um sich und führt die Kolumne mit peppigen Rezepten zum Erfolg.

Bald erhält sie mehr Fanpost, als sie beantworten kann. Die Agentur drängt darauf, dass Emmi als Betty Bossi in Geschäften auftritt und erhöht so den Druck auf die eher zurückhaltende Texterin. Auch zu Hause läuft nicht alles rund. Ernsts Bauunternehmen gerät in Schwierigkeiten, und außerdem möchte er, dass seine vielbeschäftigte Frau mehr Präsenz im gemeinsamen Heim zeigt.

Regisseur Pierre Monnard hat mit „Hallo Betty“ eine authentische Geschichte für die Leinwand adaptiert. Trotz des einen oder anderen für den Film erfundenen Nebenstrangs wird die Geschichte von Emmi Creola einigermaßen wahrheitsgetreu wiedergegeben. Erzählt wird der Film in einer Rahmenhandlung. Eine Journalistin befragt die betagte Emmi, die bereits im Altersheim lebt, für einen Artikel und diese erzählt ihre Geschichte. Dabei schildert der Film vor allem das konservative Ambiente der Schweiz der 1950er-Jahre und die traditionellen Rollenmuster für Frauen, aus denen Emmi auszubrechen versucht. Die Emanzipation einer Frau führt dazu, dass sie anderen Frauen als Modell dient und auch Männer wie Ernst ihre konservativen Einstellungen hinterfragen.

Verpackt in eine unterhaltsame Form

Dabei geht der Film allerdings nicht bierernst soziologisch vor, sondern verpackt – wie auch die Werbefirma im Film – alles in eine adrette, unterhaltsame und stellenweise auch amüsante Form. Das wirkt zuweilen etwas zu gefällig, was sich auch in der Ästhetik widerspiegelt. Die Bilder sind oft in pastellartigen Tönen gehalten, dennoch gibt der Film sehr realistisch Mode und Accessoires der Epoche wieder. Ein symbolischer Running Gag hat den Kühlschrank in der Küche der Familie zum Gegenstand. Seine Tür ist stets verbogen, man kann sie nur mit Gewalt aufreißen. Das Accessoire steht stellvertretend für die Konflikte, die in Folge von Emmis beruflicher Entwicklung aufbrechen.

Ansonsten reflektieren Möbel, Einrichtung und Kleidung der Familie – Emmi, Ernst und drei Kinder – den bescheidenen Wohlstand einer normalen Mittelstandsfamilie. Da Ernst mit dem Bestreben seiner Frau, etwas aus sich zu machen, nicht mithalten mag, verwandelt sich der Film bald auch in ein Ehedrama. Es ist allerdings realistisch und nachvollziehbar gehalten und lässt dem von Martin Vischer einfühlsam gespielten Ernst genug Raum, seine Befindlichkeiten zu äußern und trotzdem dazuzulernen. Die Beziehung zwischen Emmi und Ernst zeitigt einige der schönsten Szenen des Films und lässt auch Platz für Emotionen.

Von innen heraus modernisiert

Im Milieu der Werbeagentur geht es holzschnitzartiger zu – oder doch nicht? Vielleicht kann sich ein heutiges Publikum auch schlicht nicht in die patriarchalen Strukturen und die Borniertheit von Männern in den 1950er-Jahren hineinversetzen. „Hallo Betty“ erreicht in der Darstellung der Werbeagentur nicht die Brillanz von „Mad Men“, hat aber auch nicht den Raum dafür. Der Historienfilm versteht sich vor allem als Hommage an eine Pionierin, welche ein System von innen heraus modernisiert hat: Emmi aka Betty spricht ein konservatives weibliches Publikum von Hausfrauen an, motiviert sie aber dazu, ihre Rolle in der Familie neu zu interpretieren.

Hauptdarstellerin Sarah Spale zeigt die inneren Kämpfe ihrer Figur von einer eher zurückhaltenden Frau hin zu einer Mitarbeiterin mit Durchsetzungsvermögen. Dass Emmi das schafft, verdankt sie zum einen den Italienern – sie wurden für den Film erfunden –, die tatsächlich etwas von Kochkunst verstehen. Vor allem aber ist es ihr Team von sehr unterschiedlichen Frauen, deren Solidarität untereinander dazu führt, dass sich etwas in der Gesellschaft verändert. Warum das weibliche Wahlrecht in der Schweiz trotzdem so viel später kam, steht auf einem anderen Blatt.