Donnerstag, 17. September 2026 - 19:30 bis - 21:35
Ort: Kino achteinhalb
http://salzgeber.de/kommunist
Kategorien: Dokumentarfilm, Historienfilm, Salzgeber
Treffer: 25
Eintritt: 7,50 Euro
Deutschland 2026
Kinostart: 11. Juni 2026
124 Minuten
FSK: ab 14 Jahren
Regie/Drehbuch: Lutz Pehnert
von Lutz Pehnert haben wir bislang "Bettina" gezeigt.
Lutz Pehnert in der Berliner Zeitung: „Wer entscheidet, was ein Film ‚über uns‘ damals ist, oder nicht?“
Filmwebseite, Wikipedia, Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern
alle Daten zum Film auf Filmportal.de
Wikipedia: Egon Krenz
dpa/Welt: Wirbel um neuen Egon-Krenz-Film
Michael Seidel für den NDR: Streit um Krenz-Doku: Zu viel Bühne für Legendenbildung?
Daniel Puskepeleitis für die Bild: Kritik an Krenz-Film wegen „DDR-Propaganda“ und „Verhöhnung“ der SED-Opfer
Burkhard Bley (Landesbeauftragter für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur): Für SED-Unrecht nicht verantwortlich?
NDR: Burkhard Bley, hat deutliche Kritik an dem Film (3 Minuten)
Kritiken:
Kritik von Kira Taszman für den Filmdienst (3 von 5 Sternen)
Kritik von Peter Gutting für Kino-Zeit.de (3,5 von 4 Sternen)
Kritik von Markus Solty für Filmrezensionen.de (6 von 10 Sternen)
Kritik von Michael Meyns für Programmkino.de
Kritik von Sonja M. Schultz für critic.de
Kritik von Arnold Schölzel für die Junge Welt
Kritik von Ralf Krämer für den Freitag
Kritik von Michael Pilz für die Welt
Kritik von Knut Elstermann für rbb radioeins (2 von 5 Sternen)
Kritik von Axel Seitz für den NDR
Kritik von Reinhard Wulfhorst für den Kulturkompass
Kritik von Maritta Adam-Tkalec für die Berliner Zeitung
Kritik von Carola Tunk für die Berliner Zeitung
Kritik von Matthias Baerens für den Nordkurier
Kritik von Sebastian Kruse für den Berliner Kurier
Kritik von Karlen Vesper für nd (Neues Deutschland)
Trailer (108 Sekunden):
Ausführliche Kritik von Kira Taszman für den Filmdienst:
Differenzierter Dokumentarfilm über den mittlerweile fast 90-jährigen ehemaligen DDR-Funktionär Egon Krenz, der kurz das höchste Amt des ostdeutschen Staates bekleidete und im wiedervereinigten Deutschland eine Haftstrafe verbüßen musste, seine Ideale aber nie aufgegeben hat.
Wenn man Egon Krenz im Garten seines Hauses in Mecklenburg-Vorpommern beim Tulpengießen sieht, könnte man ihn für einen x-beliebigen deutschen Rentner halten. Er ist bodenständig, pflegt einen guten Kontakt zu seinen Nachbarn und bekommt regelmäßig Besuch. Dass die Menschen, die bei ihm vorbeischauen, nicht nur seine Familienmitglieder sind, sondern ihn auch als Zeitzeugen schätzen, lässt ihn allerdings aus der Masse anonymer Mitmenschen hervorstechen. Denn Egon Krenz hat sein Leben einer Sache verschrieben: Als bis heute überzeugter Kommunist wollte der 1937 Geborene stets der DDR dienen und erwies sich doch als einer jener Machtpolitiker, die den Sturz des Regimes 1989 mitverursacht hatten.
Regisseur Lutz Pehnert hat den Funktionär a. D. für zahlreiche Gespräche getroffen und ihn zum Gegenstand seines spannenden Dokumentarfilms „Kommunist“ gemacht. Dabei wendet Pehnert ähnliche Stilmittel an wie in seinem brillanten Werk „Bettina“ über die Liedermacherin Bettina Wegner. Diente in jenem Film der Mitschnitt eines Stasi-Verhörs der Sängerin als roter Faden, ist es bei „Kommunist“ die Audioaufnahme einer Sitzung von Mitgliedern seiner in PDS umbenannten ehemaligen Partei. Anfang 1990 urteilte eine Schiedskommission darüber, ob führende Mitglieder der DDR-Nomenklatura in der ehemaligen Staatspartei bleiben oder aus ihr ausgeschlossen werden sollten. Dazu werden wie bei „Bettina“ Teile des Protokolls in großen Buchstaben auf die Leinwand projiziert, womit das Gesagte eindrücklicher wirkt.
Das Ton-Material ist vielsagend. Es zeigt, dass staatliche Organe in der DDR nichts dem Zufall überließen – weder in den späten 1960er-Jahren, als Wegner gegen die Niederschlagung des Prager Aufstands protestierte, noch 1990, als die DDR in ihren letzten Zügen lag. Andererseits bildet das Protokoll im Film ein unverfälschtes historisches Dokument, welches das persönliche Dilemma seines Protagonisten auf den Punkt bringt. Denn den Ausschluss, der am 20. Januar 1990 erfolgte, hat Krenz bis heute nicht verwunden. Er fühlt(e) sich von einer Partei betrogen, der er sein ganzes Leben gewidmet hatte. Nur wenige Jahre später wurde er von der bundesdeutschen Justiz wegen des Schießbefehls an der Mauer zu sechs Jahren Haft verurteilt und verbüßte vier davon. Bis heute sieht er in dem Urteil eine Siegerjustiz walten, eine Meinung, die de facto, wenn auch nicht im Wortlaut, von namhaften westdeutschen Juristen geteilt wird. So gibt es auch Archivmaterial eines jungen Ferdinand von Schirach, der damals dem Verteidigerteam von Günter Schabowski angehörte und erläutert, dass Recht und Moral zwei verschiedene Dinge seien.
Bis heute verteidigt Krenz den Bau der Mauer. So erscheint er im Film denn auch als ein ambivalenter Charakter. Denn zu den Hardlinern in der Parteiführung gehörte Krenz nicht. Er war deutlich jünger als Honecker, Hager und Co. und fühlte sich ab 1985 den Reformen Michail Gorbatschows verbunden. Im Film präsentiert er ein vom ehemaligen sowjetischen Generalsekretär signiertes Buch. Auch kann man ihm nach der Wende nicht den Vorwurf des Opportunismus machen. Womöglich war er in seiner Position dafür zunächst zu exponiert. Doch auch in den folgenden Jahrzehnten war er ein Mann von Prinzipien, wenn auch kein Meister der Selbstkritik.
Seinen Werdegang und sein Dilemma als wenig entscheidungsfreudiger DDR-Apparatschik zeichnet der Film anhand von vielen Archivmaterialien und Aussagen von Mitstreitern nach. Dem Jungen aus einfachen Verhältnissen, dessen Familie 1944 vom hinterpommerschen Kolberg (heute polnisch: Kołobrzeg) nach Vorpommern geflüchtet war, bot der Staat die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg. Der studierte Unterstufenlehrer übte seinen Beruf allerdings nie aus. Früh wurde er FDJ-Sekretär auf Rügen, bald darauf schaffte er den Sprung in die Hauptstadt Berlin. In Bilddokumenten sitzt er im Blauhemd neben der greisen DDR-Führungsriege und macht einen lockeren Eindruck, selbst wenn er im Volksmund als Berufsjugendlicher galt. Auch rechneten ihm etliche Zeugen an, dass er bei seinen Auftritten frei sprach und sich weniger der üblichen Betonsprache bediente. Unmittelbar nach dem Mauerfall sieht man ihn mit einfachen DDR-Bürgern reden, die von seiner Nahbarkeit überrascht sind.
Doch auch in diesen Dokumenten demonstriert er zwar Diskussionsbereitschaft, doch gleichzeitig einen Mangel an Alternativen. So erweist sich Krenz stets als der zu spät Gekommene. In entscheidenden Momenten wagte er es nicht, sich gegen die alteingesessenen Genossen zu positionieren. Zum einen gebot das der Respekt gegenüber jenen, die wie Honecker im Nationalsozialismus im Zuchthaus gesessen hatten. Zum anderen war er eine Generation jünger als die Mitglieder des Politbüros, dem er ab 1983 angehörte. Er fremdelte mit den alten Männern, beugte sich jedoch deren Macht. Als Krenz im Oktober 1989 Honecker stürzte, war es wieder zu spät. Die Bevölkerung sah in ihm trotz seines Reformwillens den Kronprinzen seines entmachteten Vorgängers. Auch nahm man ihm seine Verwicklung in die gefälschten Kommunalwahlen im Mai 1989 übel sowie seine Verteidigung der blutigen Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens.
Heute lebt Krenz als hochbetagter, aber rüstiger Rentner und Buchautor von seiner Vergangenheit. Auf Lesungen signiert er Bücher, erfährt viel Zuspruch und wird zuweilen auch in kritischere Diskussionen verwickelt. Als Privatmann ist er jedoch bei seinen Nachbarn beliebt – auch bei jenen, die zu DDR-Zeiten nicht staatstreu waren. Prätentionslosigkeit bescheinigen ihm auch eine alte Weggefährtin, die einst die jüngste LPG-Vorsitzende der DDR war, oder ein holländischer Freund. Der hatte ihn wegen seines Interesses an deutsch-deutscher Geschichte vor etlichen Jahren aufgesucht und versorgt den mittlerweile verwitweten Krenz regelmäßig mit Tulpenzwiebeln.
„Kommunist“ ist ein Film über einen Mächtigen ohne Macht, der 46 Tage lang als Staatschef waltete, dessen Zeit aber schon zu Amtsantritt abgelaufen war. Es ist das Porträt eines Unvollendeten, eines Verlierers der Geschichte, eines, der sich nie gegen die Betonköpfe im Politbüro durchsetzen konnte. Auf der Leinwand kommt er eher sympathisch herüber, doch der Regisseur scheut sich in seiner Zeichnung des komplexen Zeitgenossen Egon Krenz nicht, Widersprüche aufzuzeigen. Die von politischer Seite teils geäußerten Vorwürfe, Pehnerts Film sei eine Apologie von Krenz und dem DDR-System, verkennen diese Grundhaltung ebenso wie die filmischen Mittel des Regisseurs. Distanz entsteht nicht zuletzt durch die Verwendung von DDR-Originalmaterial, etwa von Massenaufläufen oder megalomanen Sportveranstaltungen, deren totalitärer Charakter sich in jedem Bild offenbart.