Nouvelle Vague

Nouvelle Vague

  Mittwoch, 15. April 2026 - 19:30 bis - 21:15

Ort: Kino achteinhalb

Kategorien: Cesar-Filmpreis, Golden-Globe-Nominierung, Komoedie, Biopic, Filmgeschichte, Historienfilm, Frankreich, Schwarz-Weiß-Film, Academy (4:3 =1.37:1)

Treffer: 114




Eintritt: 7,50 Euro

Frankreich/USA 2025
Kinostart: 12. März 2026
105 Minuten
FSK: ab 12 Jahren

Regie: Richard Linklater  

Darsteller:  
Guillaume Marbeck (Jean-Luc Godard) · Zoey Deutch (Jean Seberg) · Aubry Dullin (Jean-Paul Belmondo) · Matthieu Penchinat (Raoul Coutard) · Adrien Rouyard (François Truffaut) · Jodie Ruth-Forest (Suzanne Schiffman) · Antoine Besson (Claude Chabrol) · Jonas Marmy (Jacques Rivette) · Côme Thieulin (Eric Rohmer) · Bruno Dreyfürst (Georges de Beauregard) · Paolo Luka Noé (François Moreuil) · Benjamin Cléry (Pierre Rissient) · Pauline Belle (Suzon Faye) · Blaise Pettebone (Marc Pierret) · Jade Phan-Gia (Phuong Maittret) · Alix Bénézech (Juliette Gréco) · Tom Novembre (Jean-Pierre Melville) · Jean-Jacques Le Vessier (Jean Cocteau) · Iliana Zabeth (Cécile Decugis) · Laurent Mothe (Roberto Rossellini) · Roxane Rivière (Agnès Varda)
 
Wikipedia      
 

Kritiken: 
Kritik von Dietmar Kanthak für EPD-Film (4 von 5 Sternen)
Kritik von Marius Nobach für den Filmdienst (4 von 5 Sternen)
Kritik von Oliver Armknecht  für Filmrezensionen.de (8 von 10 Sternen)
Kritik von Michael Meyns für Filmstarts.de (4 von 5 Sternen) 
Kritik von Stephanie Grimm für Kunst & Film (4 von 6 Sternen) 
Kritik von Mia Pflüger für Kino-Zeit.de 
Kritik von Joannis Kiritsis für critic.de 
Kritik von Axel Timo Purr für artechock film
Kritik von Rüdiger Suchsland für artechock film 
Kritik von Barbara Schweizerhof für die taz 
Kritik von Lukas Foerster für den Perlentaucher 
Kritik von Julia Haungs für NDR-Kultur 
Kritik von Peter Osteried für Programmkino.de
Kritik von Fritz Göttler für die Süddeutsche Zeitung 
Kritik von Andreas Bernard für den Spiegel 
Kritik von Andreas Kilb für die FAZ 
Kritik von Katja Nicodemus für die Zeit 
Kritik von Jan Küveler für die Welt 
Kritik von Christiane Peitz für den Tagesspiegel 
Kritik der dpa
Kritik von Jörg Brandes für RND/HAZ/CZ

SWR-Kultur: Die Geburt des modernen Kinos
„Nouvelle Vague“: Wie Jean-Luc Godard das Filmemachen neu erfand
 
Trailer (121 Sekunden):

     

ausführliche Kritik von Marius Nobach für den Filmdienst:
Mit großer Sorgfalt inszenierte Komödie über die Entstehung von Jean-Luc Godards bahnbrechendem Debütfilm „Außer Atem“.

Wellen können tückisch sein. Der richtige Moment will exakt abgepasst werden, in dem die Welle einen mit sich emportragen kann. Wird dieser Augenblick verfehlt, schlägt die Welle allzu rasch über dem Kopf des Schwimmenden zusammen und reißt ihn hinunter statt mit. So reagiert zu Beginn von Richard Linklaters „Nouvelle Vague“ auch der junge Filmkritiker Jean-Luc Godard skeptisch auf all das Lob, das seinen schreibenden Freunden zuteilwird, die den Wechsel zur Spielfilm-Regie gemeistert haben: Claude Chabrol hat 1959 bereits zwei lange Filme realisiert, François Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ steht vor der Premiere, Jacques Rivettes und Eric Rohmers Debütfilme sind ebenfalls fertig, wenn auch noch ohne Kinoauswertung. Godard hingegen, der unter den Kritikern der „Cahiers du Cinéma“ das vielleicht größte Selbstbewusstsein besitzt, kann bislang jedoch als einziger noch keinen Spielfilm vorweisen.

Die Furcht, dass die vielbeschworene neue Welle einfach über ihn hinweggebraust ist, steht als Möglichkeit im Raum. Ein zweiter Impuls ist vonnöten, der sich zu Godards Glück auch einstellt. Denn die triumphale Aufnahme von „Sie küssten und sie schlugen ihn“ beim Festival in Cannes verschafft auch Godard offene Produzenten-Ohren. Allerdings sind die Ideen des Jungregisseurs mit „extravagant“ eher unzureichend beschrieben.

Wie seine französischen Kollegen Ende der 1950er-Jahre (Kino-)Geschichte schreiben, bezeugt der Film des US-Regisseurs Linklater vom ersten Moment an. Schon die Einführung der Protagonisten ist von Ehrfurcht geprägt, wenn jeder Figur eine Bauchbinde mit ihrem Namen zugedacht wird und „Nouvelle Vague“ kurz innehält, um eine charakteristische Pose auszukosten: der Pfeife rauchende Chabrol, der eifrig-jungenhafte Truffaut, die aufmerksam-abgeklärte Suzanne Schiffman, die beiden Büroarbeiter Rivette und Rohmer mit Jackett und Krawatte, mittendrin schließlich Godard, der seine Sonnenbrille bei Linklater zu keiner Zeit abnimmt und nie eine Gelegenheit verstreichen lässt, um das Schatzkästchen seiner zusammengelesenen Zitate zu öffnen und um eigene Bonmots zu ergänzen.

Das Unfertige als Stilprinzip

Das Drehbuch von Holly Gent und Vincent Palmo jr., in möglichst zeitauthentisches Französisch übertragen von der Produzentin Michèle Halberstadt und der Regisseurin Laetitia Masson, nimmt die exzentrische Ader des Nouvelle-Vague-Pioniers als dankbare Vorlage, um die Erneuerung des Kinos in einer charismatischen Figur zu verankern. Gespielt von dem seinem Vorbild täuschend ähnelnden Guillaume Marbeck, zeigt der Film einen vor Einfällen überschäumenden Jean-Luc Godard, der sich jedem Ordnungsansinnen widersetzt. Für seinen Spielfilm will er vielmehr alle Regeln über den Haufen werfen, das Unfertige zum Stilprinzip machen.

Damit verblüffte und überforderte Godard seinerzeit Teile von Publikum und Kritik, konnte aber mit einem Werk voller Verstöße gegen konventionelle Erwartungen an Kino trotzdem einen großen Erfolg verbuchen. Ganz im Gegensatz zu „Außer Atem“ ist der Film „Nouvelle Vague“ über die Entstehung des bahnbrechenden Godard-Debüts verblüffend perfektionistisch. Das beginnt bei dem brillanten Casting fast ausnahmslos unbekannter Darsteller in allen wichtigen Rollen, die aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit den Vorbildern immer wieder den Eindruck erwecken, man sei via Zeitreise in ein „Making of“ der echten Dreharbeiten geraten. Auch die einzige bekannte Schauspielerin in dem umfangreichen Ensemble, die US-Amerikanerin Zoey Deutch als Jean Seberg, hat sich Aussehen und sogar die spezielle Aussprache des Französischen von ihrem Vorbild kongenial angeeignet.

Voll zur Geltung kommen die Casting-Coups allerdings erst durch die Schwarz-weiß-Bilder von David Chambille, die der rauen Ästhetik von „Außer Atem“ trefflich nacheifern, und die ebenso erstaunliche Detailversessenheit von Szenenbildnerin Katia Wyszkop und Kostümdesignerin Pascaline Chavanne. „Nouvelle Vague“ ist das wohl akribischste Werk, das Richard Linklater je in Szene gesetzt hat – umso bemerkenswerter, als er in seinen Independent-Wurzeln dem Einfachheitscredo und Improvisationsgeist der französischen Jungfilmer zweifellos sehr nahestand.

Ohne Drehbuch und mit vielen Pausen

Diese Eigenschaften stehen im Zentrum seiner liebevollen Hommage. Linklater arbeitet zunächst die Stationen vor dem Drehbeginn von „Außer Atem“ ab, darunter Begegnungen mit Roberto Rossellini und Jean-Pierre Melville mit Ratschlägen an den Regie-Neuling, die Verhandlungen mit dem Produzenten Georges de Beauregard sowie die Überzeugungsarbeit der Hauptdarsteller Jean-Paul Belmondo – in einer sehr witzigen Sequenz beim Boxtraining – sowie von Jean Seberg. Die ziert sich zwar, lässt sich aber nicht zuletzt dadurch überreden, dass der Film eine Abkehr von ihren (negativen) Hollywood-Erfahrungen verspricht. Der Mangel an Professionalität, als den sie Godards Regiearbeit wahrnimmt, drängt sie allerdings schon nach wenigen Drehtagen dazu, einen Ausstieg zu erwägen. Derweil nimmt Beauregard mit blankem Entsetzen wahr, dass Godard ohne Drehbuch arbeitet, oft schon nach ein oder zwei in aller Eile aufgenommenen Szenen Feierabend macht und die Beiträge von Maske, Stuntmen oder Script/Continuity für überflüssig erklärt.

„Nouvelle Vague“ wendet prinzipiell die gleiche Strategie an wie „Ed Wood“ und „The Disaster Artist“. Auch hier trifft ein konsequent seinen exzentrischen Visionen folgender Regisseur auf ein entgeistertes Umfeld und bietet sich als höchst amüsantes Kräftemessen dar. Ging es bei den beiden anderen Filmen aber um die Entstehung von Kandidaten für die Rubrik „Schlechtester Film aller Zeiten“, wird bei Linklater der Meisterwerk-Status von „Außer Atem“ nie in Frage gestellt. Von den zwanzig Drehtagen ist in „Nouvelle Vague“ vor allem zu erleben, wie Godard mit dem entnervten Beauregard zusammenrasselt und seine Hauptdarstellerin immer offener ausspricht, dass sie den Regisseur für einen Spinner hält.

Dem stehen aber nicht nur die aus heutiger Sicht immer noch als innovativ erkennbaren Einfälle beim Dreh gegenüber, sondern auch Godards Unterstützer – neben seinen „Cahiers“-Kumpanen der nonchalante Belmondo und der pragmatische Kameramann Raoul Coutard. Mit ihrer wachsenden Begeisterung für das Projekt sind sie auch die eigentlichen Identifikationsfiguren des Films. Denn „Nouvelle Vague“ richtet sich bei allem Anspielungsreichtum nicht an Hardcore-Cinephile; Linklaters Ansatz richtet sich vielmehr auch an filmhistorisch weniger bewanderte Zuschauer, sich von dem als großen Spaß inszenierten Dreh von „Außer Atem“ mitreißen zu lassen.

Ein Schlüsselmoment des Kinos

Was ausbleibt, ist eine tiefer lotende Hinterfragung der historischen Figuren oder gar eine Einlassung auf die negativen Persönlichkeitszüge speziell von Godard, wie sie Michel Hazanavicius in „Le redoutable“ unternommen hatte. Zum Privatmann Godard gibt es in „Nouvelle Vague“ nur wenige Anspielungen; die Interpretation, dass sich der überall bei Vorbildern bedienende Regisseur mit der Diebesfigur in „Außer Atem“ identifiziere, bleibt ein nicht weiter verfolgter Ansatz. Einen Abstecher weg von der professionellen Sphäre erlaubt sich der Film lediglich bei Jean Seberg, deren psychische Labilität und nur bedingt funktionierende Ehe immerhin gestreift werden. Doch auch das trübt die grundpositive Stimmung dieses Werks nicht, das mit purer Bewunderung einen Schlüsselmoment des Kinos feiern will.