Freitag, 27. März 2026 - 20:30 bis - 22:20
Ort: Kino achteinhalb
http://weltkino.de/filme/father-mother-sister-brother
Kategorien: Komoedie, US-amerikanischer Film, Archiv, Venedig - Goldener Loewe, Weltkino, Flat, 2026
Treffer: 595
Eintritt: 7,50 Euro
USA, Irland, Frankreich 2024
Kinostart: 26. Februar 2026
110 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Regie/Drehbuch/Musik: Jim Jarmusch
Darsteller:
Cate Blanchett (Timothea) · Charlotte Rampling (Mutter) · Vicky Krieps (Lilith) · Adam Driver (Jeff) · Tom Waits (Vater) · Mayim Bialik (Emily) · Indya Moore (Skye) · Luka Sabbat (Billy) · Sarah Greene (Jeanette) · Françoise Lebrun (Mme Gautier) · Dave Murphy (MOTHER-Skateboarder) · Tom O'Reilly (SISTER BROTHER-Skateboarder)
Filmwebseite, Wikipedia
Kritiken:
Kritik von Kai Mihm für EPD-Film (4 von 5 Sternen)
Kritik von Esther Buss für den Filmdienst (2,5 von 5 Sternen)
Kritik von Ekkehard Knörer für critic.de
Kritik von Benedikt Guntentaler für artechock film.
Kritik von Oliver Armknecht für Filmrezensionen.de (8 von 10 Sternen)
Kritik von Michael Bendix für Filmstarts.de (3,5 von 5 Sternen)
Kritik von Mia Pflüger für Kino-Zeit.de
Kritik von Dörthe Gromes für Kunst und Film
Kritik von Gregor Ries für Spielfilm.de (3 von 5 Sternen)
Kritik von Gaby Sikorski für Programmkino.de
Kritik von Anna Wollner für NDR-Kultur
Kritik von Rüdiger Suchsland für SWR-Kultur
Kritik von Sara Piazza für die taz
Kritik von Antje Wessels
Kritik von Richard Kämmerlings für die Welt
Kritik von Daniel Kothenschulte für die Frankfurter Rundschau
Kritik von Gunda Bartels für den Tagesspiegel
Kritik von Thomas Blum für Neues Deutschland (ND)
Kritik von Elisabeth von Thadden für die ZEIT
Kritik von Martina Knoben für die Süddeutsche Zeitung
Kritik von Maria Wiesner für die FAZ
Kritik von Karl Gedlicka für den Wiener Standard
Kritik von Alan Matti für das Schweizer Filmbulletin
ARD ttt titel thesen temperamente (5 Minuten)
Trailer (130 Sekunden):
ausführliche Kritik von Esther Buss für den Filmdienst:
Lakonischer Episodenfilm um drei entfremdete Familien in New Jersey, Dublin und Paris, bei denen die Interaktion immer wieder ins Stocken gerät.
Im Sprachgebrauch von Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) bezeichnet der „Twin Factor“ einen Moment des simultanen Empfindens oder auch Denkens. Etwa zeitgleich zu spüren, wenn der Zwillingsbruder hunderte Kilometer weit entfernt gerade eine Mikrodosis Marihuana einnimmt, oder wenn sich die Zwillingsschwester mit einem Virus ansteckt. Skye und Billy, das Geschwisterpaar in der dritten Episode von „Father Mother Sister Brother“, haben sich in Paris verabredet, um ein letztes Mal das inzwischen leer geräumte Apartment der tödlich verunglückten Eltern aufzusuchen und Abschied zu nehmen. Auf der Fahrt durch die Stadt sprechen sie über dieses und jenes, und immer wieder kommt es dabei zu diesen „Twin Factor“ genannten quasi-telepathischen Momenten.
Erfahrungen des Gleichklangs und der stillen Harmonie fallen in den ersten beiden Episoden umso mehr durch Abwesenheit auf; die Interaktion zwischen den entfremdeten Familienmitgliedern ist sichtlich verquer, verklemmt und verlogen. Im ersten Teil „Father“ besuchen die Geschwister Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) nach zwei Jahren erstmals ihren verwitweten Vater (Tom Waits) in einer abgelegenen Hütte im winterlichen New Jersey. Auf der Autofahrt machen sich die beiden Gedanken darüber, wovon der Vater überhaupt lebt – irgendwelche „Projekte“, meint Jeff, bevor er zugibt, dass er für häusliche Reparaturarbeiten mit größeren Summen ausgeholfen hat. Der Vater produziert derweil mit gezielten Eingriffen wie Wäsche- und Bücherstapeln Unordnung in seinem Zuhause.
Das Wiedersehen ist zäh, jede Sekunde zieht sich quälend in die Länge. Es gibt Wasser zu trinken und nichts zu sagen, der Hahn tropft und der Vater, der den Trottel mimt, trägt merkwürdigerweise eine – er sagt: gefälschte – Rolex. Einziger Lichtblick: ein schöner Schaukelstuhl, auf den sich zuerst Emily, dann Jeff niederlässt, um ein wenig auf den See zu schauen und dem ganzen Theater wenigstens einen friedlichen Augenblick abzuringen.
Fast noch verquerer, verklemmter und nicht unbedingt ehrlicher verläuft die jährliche Familienzusammenkunft in einer bourgeoisen Wohngegend in Dublin. Wie jede der drei Episoden wird auch die mittlere mit einer Autofahrt eingeleitet. In „Mother“ knirscht es schon bei der Anfahrt. Die alte Karre von Timothea (Cate Blanchett) bleibt liegen, und Lilith (Vicky Krieps) beauftragt ihre Freundin, die sie mit dem Auto bringt, der Mutter (Charlotte Rampling) die Uber-Fahrerin vorzuspielen. Es gibt Tee und exquisite kleine Törtchen in Pastellfarben. Weil Timotheas Blumenstrauß angeblich die Sicht versperrt, wird er von der Mutter durch etwas „Dezenteres“ ausgetauscht. Auch hier verlaufen die Gespräche zäh wie Kleister. In den Gesten, Blicken und wenigen Sätzen, die gewechselt werden, wird hingegen alles deutlich ausformuliert: die überspielte Enttäuschung der als Autorin erfolgreichen Mutter, das Bemühen der älteren Schwester und die Show der jüngeren, das ökonomische Gefälle und die feinen Unterschiede.
Fremdsein und Einsamkeit sind Konstanten im Werk von Jim Jarmusch. In seinem mittlerweile 14. Spielfilm verlagert er diese Befindlichkeiten in die Eltern-Kind-Beziehung – eine Konstellation, die dem Jarmusch-Komplex bisher eigentlich eher fremd war. Erzählerisch schließt das Triptychon hingegen an die episodische Struktur früherer Arbeiten wie „Mystery Train“ (1989) und „Night on Earth“ (1991) an.
Verbunden sind die drei Teile durch den „Twin Factor“, gemeinsame, leicht variierte Motive, Korrespondenzen und Spiegelungen: die Fahrten mit dem Auto, Skateboarder, die in Slow Motion vor dem Autofenster vorbeiziehen, rote und bordeauxfarbene Kleidungsstücke, die „falsche“ Rolex, ein Sprichwort und die witzlose Frage, ob man mit Wasser oder Schwarztee überhaupt anstoßen „darf“. Die Wiederholungen sind weniger Spiel als Diagnose. Es herrscht die Umkehrung des „Anna Karenina“-Prinzips: Alle unglücklichen Familien gleichen einander.
Jarmusch möchte die angeknacksten Familienbeziehungen weder sezieren noch heilen, und er hat auch kein Interesse daran, überhaupt zu Abgrund und Schmerz vorzudringen. „Father Mother Sister Brother“ kommt ganz ohne die zynischen Spitzen aus, die in Filmen über dysfunktionale Beziehungen üblicherweise vorherrschen; auch müssen keine Familiengeheimnisse gelüftet werden. Die Hilflosigkeit im Umgang hat vielmehr etwas Rührendes.
Geradezu tröstend ist die nahezu lautlose Atmosphäre des Films, das beruhigende Dahingleiten im Auto, das Ausblenden der Nebengeräusche beim Cafébesuch von Skye und Billy mit den für Jarmusch typischen „Top Shots“ aus „Coffee and Cigarettes“. So schippern die Geschichten gemächlich und bei aller in Szene gesetzten Anspannung unterspannt, aber eben auch frappierend uninteressant vor sich hin.