Mittwoch, 25. November 2026 - 20:30 bis - 21:30
Ort: Kino achteinhalb
http://www.studiocanal.de/title/heimsuchung-eine-jahrhundertgeschichte-2026
Kategorien: Literaturverfilmung
Treffer: 61
arteshot (17 Minuten)
Filmgespräch zwischen Margret Köhler und Axel Timo Purr
Eintritt: 7,50 Euro
Deutschland 2026
Kinostart: 15. Oktober 2026
121 Minuten
FSK: ab 14 Jahren
Regie/Drehbuch: Volker Schlöndorff
Vorlage: Jenny Erpenbeck (Roman "Heimsuchung")
Darsteller:
Martina Gedeck (Schriftstellerin) · Lars Eidinger (Architekt) · Susanne Wolff (Frau des Architekten) · Michael Maertens (Journalist) · Ulrich Matthes (Tuchfabrikant) · Detlev Buck (Schulze) · Maria Matschke (Marija, 17-25 Jahre) · Angela Winkler (Umsiedlerin) · Ludwig Trepte (Sohn der Schriftstellerin) · Wigand Witting (Gärtner) · David Bennent (Der ältere Soldat) · Josefin Platt (Frau des Tuchfabrikanten) · Matthias Hungerbühler (Dr. Ernst Kaplan) · Stella Denis-Winkler (Elisabeth Kaplan) · Ava Weisbrod (Doris Kaplan, 10-11 Jahre) · Pelle Bo Winkler (Doris Kaplan, 5-6 Jahre) · Nina Lilith Völsch (Erika) · Sara Bartknecht (Marija, 12-14 Jahre) · Romy Miesner (Marija, 6-8 Jahre) · Asta Willmine Winkler (Marija, 3 Jahre) · Sean Douglas (Marijas Jugendfreund, 18-26 Jahre) · Camille Moltzen (Marijas Jugendfreund, 12-14 Jahre) · Yvon Moltzen (Marijas Jugendfreund, 7-9 Jahre) · Nora Moltzen (Ilse) · Greta Winkler (Gerda) · Vera Weisbrod
Filmwebseite, Wikipedia
alle Daten zum Film auf Filmportal.de
Gedanken zum Film auf Basis der hier verlinkten Filmkritiken:
Ein Haus erzählt Geschichte
Ein Haus am See, ein Stück Land in Brandenburg und die Menschen, die dort für eine Weile ihr Zuhause finden: In „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ verfilmt Volker Schlöndorff den gleichnamigen Roman von Jenny Erpenbeck aus dem Jahr 2007. Das Haus ist dabei mehr als ein Schauplatz. Es bleibt bestehen, während seine Bewohner kommen und gehen, politische Ordnungen zusammenbrechen und neue entstehen. So wird aus einer Familien- und Besitzgeschichte ein Panorama Deutschlands vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Wiedervereinigung.
Margret Köhler stellt in ihrer Kritik die doppelte Bedeutung des Filmtitels heraus. Eine Heimsuchung ist ein Schicksalsschlag, eine Prüfung, eine Katastrophe – aber auch die Sehnsucht nach Heimat und einem Ort, der Schutz und Geborgenheit verspricht. Gerade diese Verbindung macht den Stoff interessant: Was für die einen ein idyllisches Refugium ist, wird für andere zum Ort des Verlusts. Und was jemand sein Zuhause nennen darf, hängt nicht allein von persönlichen Wünschen ab.
Große Literatur, prominenter Regisseur
Volker Schlöndorff gehört zu den bekanntesten deutschen Regisseuren, die literarische Vorlagen ins Kino gebracht haben. Seine Verfilmung von Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ wurde international ausgezeichnet; auch Filme wie „Homo Faber“ und „Eine Liebe von Swann“ zeigen seine langjährige Beschäftigung mit Literatur. Bei „Heimsuchung“ steht er vor einer besonderen Aufgabe: Jenny Erpenbeck erzählt nicht einfach eine fortlaufende Geschichte, sondern verbindet Lebensläufe, Erinnerungen und historische Brüche mit einem Ort, der all das überdauert.
Schlöndorff verdichtet den Roman zu einer Folge von Begegnungen und Übergängen. Die Figuren bleiben teilweise namenlos; sie stehen zugleich für konkrete Menschen und für Lebenswege, die sich in unterschiedlichen Zeiten wiederholen. Ursula Kähler sieht darin eine bewusste Entscheidung des Regisseurs: Nicht jede Figur soll ausführlich erklärt werden, vielmehr richtet sich der Blick auf Vergänglichkeit und die Kräfte, die über das Leben der Menschen bestimmen. Wer sich auf diese Form einlässt, erlebt Geschichte weniger als lückenlose Chronik denn als Abfolge von Aufbrüchen, Verlusten und Neuanfängen.
Ein Idyll, das nicht für alle eines ist
Zu Beginn scheint das Grundstück ein Ort der Ruhe zu sein. Ein Architekt baut in den dreißiger Jahren mit seiner Frau ein großzügiges Sommerhaus; nebenan richtet sich eine jüdische Familie ein. Die Nachbarn begegnen einander, doch ihre Lebenswelten bleiben verschieden. Mit der nationalsozialistischen Herrschaft wird aus der scheinbaren Normalität eine Ordnung der Privilegien und der Entrechtung. Während die jüdischen Nachbarn verfolgt und deportiert werden, nutzt der Architekt die Situation zu seinem Vorteil. Die Geschichte des Hauses zeigt, wie eng persönlicher Besitz, politische Macht und moralisches Versagen miteinander verbunden sein können.
Später verändern sich die Verhältnisse erneut. Der Architekt arrangiert sich zunächst mit den neuen Machthabern in der DDR, bevor er in den Westen geht. Eine Schriftstellerin, die das Exil in der Sowjetunion überlebt hat, findet mit ihrer Familie im Haus einen neuen Lebensmittelpunkt. Nach der Wiedervereinigung wird auch dieser Besitz infrage gestellt. Die Menschen erleben Geschichte nicht als abstrakte Abfolge politischer Ereignisse, sondern als etwas, das ihre Wohnungen, ihre Beziehungen und ihre Vorstellungen von Sicherheit unmittelbar verändert.
Das Haus und seine Bewohner
Die Besetzung ist ein besonderer Anreiz, diesen Film zu sehen. Martina Gedeck spielt die Schriftstellerin, Susanne Wolff die Frau des Architekten, Lars Eidinger den Mann, der sich den jeweiligen Machtverhältnissen anzupassen weiß. Dazu kommen unter anderem Angela Winkler, Detlev Buck und David Bennent. Die Schauspielerinnen und Schauspieler bringen sehr unterschiedliche Temperamente und Erfahrungen mit; ihre Begegnungen machen die historischen Brüche konkret.
Margret Köhler hebt hervor, wie der Film die Bewohner unter wechselnden politischen Systemen beobachtet. Dabei sind es nicht nur die großen Ereignisse, sondern auch die kleinen Dinge, an denen Zeit erkennbar wird: Kleidung, Möbel, Gebrauchsgegenstände, Gespräche und vertraute Rituale. Gedreht wurde im Sommerhaus von Albert Einstein in Caputh. Dieser Ort ist damit nicht nur Kulisse, sondern selbst ein Zeuge deutscher Geschichte – ein Gebäude, das an einen Bewohner erinnert, der Deutschland nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verlassen musste.
Zwischen Verdichtung und Distanz
Nicht alle Kritiken sind überzeugt, dass die filmische Form der Vorlage gerecht wird. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung fragt, wo die Zeit geblieben sei, und bemängelt, dass die Figuren und ihre Beziehungen zu wenig Tiefe gewinnen. Auch die Berliner Zeitung sieht eine zu glatte, bisweilen allzu sorgfältig ausgestattete Darstellung, die emotional auf Distanz bleibt. Solche Einwände sollte man ernst nehmen: Ein Film, der ein Jahrhundert auf zwei Stunden verdichtet, muss auswählen – und kann dabei vieles verlieren, was einen Roman ausmacht.
Ursula Kähler beurteilt den Ansatz freundlicher. Sie erkennt in Schlöndorffs Konzentration auf Augenblicke und Vergänglichkeit eine eigene ästhetische Idee. Das Haus wird zur Konstante, während seine Bewohner ihre Hoffnungen, Ängste und Widersprüche in ihm hinterlassen. Gerade darin liegt eine Stärke des Stoffes: Geschichte erscheint nicht nur als Abfolge bekannter Daten, sondern als Veränderung dessen, was Menschen besitzen, erinnern und Heimat nennen können.
„Heimsuchung“ ist deshalb nicht unbedingt ein Film, der jede seiner Figuren nahebringt oder alle historischen Übergänge überzeugend ausarbeitet. Er bietet aber Anlass, über den Zusammenhang von Ort und Erinnerung nachzudenken. Wem gehört ein Haus – denen, die es bauen, denen, die darin leben, oder auch denen, die es verlieren? Und was bleibt, wenn ein vertrauter Ort weiterbesteht, obwohl die Welt, die ihn geprägt hat, verschwunden ist?
Kritiken:
Kritik von Margret Köhler für die Cellesche Zeitung / HAZ (4 von 5 Sternen)
Kritik von Axel Timo Purr für artechock
Siehe auch das arteshot-Filmgespräch zwischen Margret und Axel
Kritik von Ursula Kähler für den Cicero
Kritik von Barbara Schweizerhof für EPD-Film (3 von 5 Sternen)
Kritik von Kamil Moll für den Filmdienst (2,5 von 5 Sternen)
Kritik von Andreas Köhnemann für Kino-Zeit.de (4 von 5 Sternen)
Kritik von Holger Heiland für Kunst und Film (2 von 6 Sternen)
Kritik von Christopher Petersen für Filmstarts.de (3 von 5 Sternen)
Kritik von Stefan Rother für den Nordkurier
Kritik von Gabriele Summen für das Neue Deutschland (nd aktuell)
Kritik von Michael Meyns für Programmkino.de
Kritik von Martin Schwickert für die Augsburger Allgemeine
Kritik von Martin Schwickert für die Rheinische Post
Kritik von Yannick Vollweiler für Filmrezensionen.de
Kritik von Thomas Schultze für The Spot
Kritik von Jens Adrian für Treffpunkt: Kritik
Kritik von Andreas Kilb für die FAZ
Kritik von Bettina Dunkel für NDR-Kultur
Kritik von Caroline O. Jebens für SWR-Kultur
Kritik der dpa
Artikel im Freitag
Filmpädagogisches Begleitmaterial
Filmtipp von Kinofenster.de
Interview mit der Schriftstellerin Jenny Erpenbeck für den Freitag
Interview mit Regisseur Volker Schlöndorff für den Freitag
Interview von Max Burk mit Regisseur Volker Schlöndorff für rbb24
Trailer (121 Sekunden):
arteshot (17 Minuten)
Filmgespräch zwischen Margret Köhler und Axel Timo Purr
Lars Eidinger im Interview (19 Minuten)A
radioeins – Filmtipp der Woche (87 Sekunden)
Ausführliche Kritik von Kamil Moll für den Filmdienst:
Ein Drama um die aufeinander folgenden Bewohner eines Grundstücks am märkischen See vor dem Hintergrund der wechselhaften deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Laut tönen die Streicher, und der Nebel dräut über dem Wasser. Eine Gruppe von Menschen steht am Gestade des Scharmützelsees. Sie alle suchen im Verlauf des langen 20. Jahrhunderts, von der Weimarer Republik bis zur friedlichen Revolution des Jahres 1989, ein ruhiges, abgeschiedenes Leben. Doch es kommt anders: „Das Weltgeschehen hat an den Ufern des märkischen Sees angelegt“, beschwört eine Stimme zu Beginn der Adaption von Jenny Erpenbecks gleichnamigem Roman durch Volker Schlöndorff dessen Erzählwelt.
Das über die Jahrzehnte weit verzweigte Figurenrepertoire, das sich die Leser noch von einem rhapsodisch gefertigten Kapitel zum nächsten erschließen mussten, stellt Schlöndorff gleich in der ersten Szene fein säuberlich nebeneinander. Und auch lässt der Regisseur im Verlauf der folgenden zwei Stunden keinen Zweifel daran, dass er übereifrig nicht nur ein literarisches Werk, sondern zugleich auch dessen Lektürehilfe als Beigabe mitverfilmt hat.
Ein idyllisches Grundstück wird zweigeteilt
Die Geschichte beginnt mit einem von Detlev Buck gewohnt bärbeißig gespielten Schulzen, der seine jüngste Tochter enterbt, als sie unehelich schwanger wird. Ein idyllisches Grundstück am märkischen See, das ihr eigentlich ein Auskommen bescheren sollte, wird zweigeteilt und verkauft. Ein schwungvoller, von sich selbst sichtlich eingenommener Architekt (Lars Eidinger) übernimmt gemeinsam mit seiner Frau (Susanne Wolff) die eine Hälfte des Landes am Ufer. Nach den Vorgaben der Neuen Sachlichkeit lässt er darauf ein aus Holz gefertigtes Haus bauen. Dieses Bauwerk könne gar nicht schlicht genug sein, sagt er. Eine dritte Haut solle es für ihre Bewohner werden, nach jener, die aus Fleisch ist, und der, die aus Kleidern besteht.
Auf der anderen Seite zieht ein jüdischer Tuchfabrikant (Ulrich Matthes) mit seiner Familie ein. Für sie wird das Häuschen am See im Verlauf der sich verdüsternden 1930er-Jahre gleichwohl zu einem volatilen Heim am Wasser – einem nicht lange währenden Rückzugsort im Freien, als Juden durch NS-Bestimmungen zunächst nur der Zugang zu Parks und Schwimmbädern untersagt und dies unter Strafe gestellt wird. Die notwendige Flucht der Familie und die erzwungene Überschreibung des Grundstücks machen im Folgenden den Architekten zum opportunistischen, anpassungsfähigen Gewinnler. Als Mitglied der Reichskulturkammer möchte er zunächst an Albert Speers gigantomanischen Bauplänen mitträumen und wird später, in den frühen Jahren der DDR, schließlich die Berliner Stalinallee bebauen dürfen.
Mit kunstvoller Distanz
Solche Kontinuitäten, die in Erpenbecks stark verdichtetem Roman mit durchaus polemischer Schärfe bis in die heutige Gegenwart reichen, buchstabiert der Film fein säuberlich aus und spart sich geschmackvoll alles Allzu-Dramatische. Eine Vergewaltigungssequenz durch einen Rotarmisten, die bei Erscheinen des Romans im Jahr 2008 erheblich polarisierte und diskutiert wurde, inszeniert Schlöndorff mit kunstvoller Distanz. Doch wie viel Zurückhaltung und kultivierte Achtsamkeit tun der Adaption eines Buches gut, das den kräftigen, deutlichen Effekt nicht scheute?
„Heimsuchung“ wird dabei schnell zu einem Film, der den eigenen Mitteln nicht vertraut und den Zuschauern bevormundend unterstellt, sich nicht eigenständig eine von Auslassungen und Allusionen dominierte Geschichte erschließen zu können. Zur symbolhaft nicht alternden Beobachterfigur eines stillen Gärtners (Wigand Witting) gesellt Schlöndorff deshalb noch eine Erzählerin (Maria Matschke) hinzu, die artig jeden zeitlichen Sprung der Story überbrückt und erklärt. Anstatt die Sprache des Romans in Bilder zu übersetzen, die ihrer eigenen, filmimmanenten Logik folgen können, erschafft sich der Film so nur noch mehr Worte.
Der Scharmützelsee wird immer wieder in ein pastellfarbenes Licht getaucht: eine bernsteinfarbene Tönung, in der letztlich nicht nur die gewaltsame Geschichte des 20. Jahrhunderts konserviert wird, sondern auch der in die Jahre gekommene deutsche Autorenfilm, der in Volker Schlöndorff einst einen seiner handwerklich vitalsten Vertreter hatte.