Freitag, 18. September 2026 - 20:30 bis - 21:55
Ort: Kino achteinhalb
http://vaterland-der-film.de
Kategorien: Biopic, Cannes - Beste Regie, Neue Visionen, Flat, Polen, 5:3 = 1,66:1
Treffer: 652
Eintritt: 7,50 Euro
Polen, Deutschland, Italien, Frankreich 2025
Originaltitel: Fatherland, 1949
Kinostart: 3. September 2026
82 Minuten
FSK: ab 14 Jahren
Regie/Drehbuch: Pawel Pawlikowski
Von Pawel Pawlikowski lief im achteinhalb bislang Cold War – Der Breitengrad der Liebe
Darsteller:
Sandra Hüller (Erika Mann) · Hanns Zischler (Thomas Mann) · August Diehl (Klaus Mann) · Anna Madeley (Betty Knox)· Devid Striesow (Johannes R. Becher) · Theo Trebs (Wolfgang Wagner) · Daniel Wagner (Sergei Ivanovich Tulpanov) · Charlotte Schwab (Katia) · Joachim Meyerhoff (Gustaf Gründgens) · David Menkin (Arthur Quint) · Enno Trebs (Wieland Wagner) · Fritzi Haberlandt (Bedienung) · Milan Peschel (Armin Schaufelberger) · Waldemar Kobus (Frankfurter Bürgermeister) · Joanna Kulig (Jazz-Sängerin)
Filmwebseite, Filmseite des Verleihs Neue Visionen, Wikipedia, Filmfest München
alle Daten zum Film auf Filmportal.de
Kann man nach Hause zurückkehren, wenn es das alte Deutschland nicht mehr gibt?
1949 kehrt Thomas Mann nach Deutschland zurück. Der Literaturnobelpreisträger hatte das Land 1933 verlassen und die Jahre des Nationalsozialismus im amerikanischen Exil verbracht. Nun wird er in Frankfurt mit dem Goethepreis ausgezeichnet und reist anschließend nach Weimar, um auch dort geehrt zu werden. Aus dem Besuch eines Schriftstellers wird eine Reise durch ein Land, das nicht mehr existiert, wie Thomas Mann es verlassen hat.
Begleitet wird er von seiner Tochter Erika, gespielt von Sandra Hüller. Sie ist Assistentin, Dolmetscherin und kritisches Gegenüber ihres Vaters. Zwischen beiden entsteht ein Spannungsverhältnis, das für den Film entscheidend ist: Thomas Mann möchte über Deutschland, Humanität und Kultur sprechen. Erika konfrontiert ihn immer wieder mit dem Menschen hinter diesen großen Worten.
Dabei ist wichtig zu wissen: Diese gemeinsame Reise von Thomas und Erika Mann hat so nicht stattgefunden. Thomas Mann reiste 1949 tatsächlich nach Deutschland, wurde dabei aber von seiner Frau Katia begleitet. Erika war nicht dabei. Pawlikowski verbindet historische Personen und Ereignisse mit einer erfundenen Vater-Tochter-Konstellation. „Vaterland“ ist deshalb keine klassische biografische Rekonstruktion, sondern eine filmische Verdichtung.
Gerade dadurch bekommt Erika im Film eine besondere Funktion. Sie betrachtet ihren Vater nicht als unantastbaren Dichterfürsten, sondern als Vater und als Menschen. Und sie stellt Fragen, die Thomas Mann sich selbst vielleicht lieber nicht stellen möchte.
Während der Reise erreicht sie die Nachricht vom Freitod von Klaus Mann, dem Sohn von Thomas Mann und Bruder von Erika. Thomas Mann setzt die Reise dennoch fort. Erika reagiert mit Unverständnis und Wut. Der Tod des Sohnes legt neben der politischen Geschichte Deutschlands eine weitere Ebene frei.
Ein Deutschland, das sich selbst nicht wiedererkennt
In Frankfurt begegnet Thomas Mann einer Gesellschaft, die möglichst schnell wieder zur Normalität zurückkehren möchte. Alte Eliten sind wieder präsent, ehemalige Nationalsozialisten bewegen sich wie selbstverständlich in der Öffentlichkeit. In Weimar versucht wiederum die sowjetisch kontrollierte Kulturpolitik, den berühmten Schriftsteller für sich zu gewinnen.
Thomas Mann wird zum Gegenstand politischer Erwartungen. Beide Seiten möchten den berühmten Emigranten für ihr Deutschland beanspruchen.
Daraus ergibt sich eine Frage, die über die historische Situation hinausweist:
Kann ein Intellektueller unpolitisch bleiben, wenn die Politik um ihn herum alles bestimmt?
Und noch grundsätzlicher: Was bedeutet Heimat, wenn das eigene Land politisch und moralisch nicht mehr dasselbe ist wie vor dem Exil?
Pawlikowski interessiert sich dabei weniger für Thomas Mann als historische Ikone als für einen Menschen, der zwischen öffentlicher Verantwortung, persönlicher Distanz und familiären Konflikten steht. Auch im Gespräch mit Rüdiger Suchsland betont er, dass ihn vor allem das familiäre Verhältnis von Thomas, Erika und Klaus interessiert habe.
„Vaterland“ erzählt diese Geschichte in gerade einmal 82 Minuten.
Pawlikowski sagt, er wolle Szenen vermeiden, die lediglich Handlung erklären. Stattdessen möchte er starke Momente und Bilder schaffen, die mehr andeuten, als sie aussprechen.
Es lohnt sich daher beim Sehen auf die Leerstellen zu achten.
Ein Blick. Eine kurze Begegnung. Ein Satz. Eine Pause.
Nicht alles wird erklärt. Nicht jede historische Figur bekommt ihre Vorgeschichte. Manche Situationen wirken zunächst fast wie kleine Anekdoten und bekommen erst später ihre Bedeutung.
Diese Konzentration ist eine der großen Stärken des Films. Pawlikowski möchte aus der Fülle des historischen Stoffes nur die Momente herausgreifen, die für ihn etwas zum Ausdruck bringen.
Wie schon in „Ida“ und „Cold War“ arbeitet Pawlikowski mit Schwarz-Weiß und einem engen Bildformat. Kameramann Łukasz Żal komponiert die Bilder mit großer Strenge. Menschen stehen häufig isoliert im Bild, Räume wirken leer, und über den Figuren liegt immer wieder ein Gefühl von Fremdheit. Passend zu Thomas Manns Situation: Er ist zurück in Deutschland und doch nicht wieder zu Hause.
Auch die Landschaft erzählt davon. Auf den Fahrten durch das zerstörte Land blickt die Kamera frontal aus dem Auto. Deutschland erscheint nicht als vertraute Heimat, sondern als etwas, das erst wieder betrachtet und verstanden werden muss.
Zischler spielt Thomas Mann zurückgenommen, beherrscht und fast unnahbar. Hüller macht Erika zum Gegenpol: scharfzüngig, praktisch, verletzlich und voller unterdrückter Wut.
„Vaterland“ erzählt von Thomas Manns Rückkehr nach Deutschland. Aber ebenso erzählt er von einem Vater und einer Tochter, von Verlust und Fremdheit, von einem Land nach einer Katastrophe und von der schwierigen Frage, ob Heimat etwas ist, an das man einfach zurückkehren kann.
Was schuldet ein Schriftsteller seinem Land?
Kann man geistige Heimat bewahren, wenn die politische Heimat verloren gegangen ist?
Wo ist zu Hause, wenn das Land, in das man zurückkehrt, nicht mehr das Land ist, das man verlassen hat?
Pawlikowski gibt darauf keine Antworten. Er vertraut darauf, dass die Bilder und die Begegnungen weiterarbeiten.
Kritiken:
Kritik von Rudolf Worschech für EPD-Film (5 von 5 Sternen) – (25.8.)
Kritik von Karsten Essen für den Filmdienst (5 von 5 Sternen) – (31.8.)
Kritik von Holger Heiland für Kunst und Film (6 von 6 Sternen) – (3.9.)
Kritik von Arabella Wintermayr für Kino-Zeit.de (4,5 von 5 Sternen)
Kritik von Christoph Petersen für Filmstarts.de (3,5 von 5 Sternen)
Kritik von Thomas Schultze für The Spot
Kritik von Michael Meyns für Programmkino.de
Kritik von Katja Nicodemus für die Zeit (14.5.)
Kritik von Adam Soboczynski für die Zeit (2.9.)
Kritik von Matern von Boeselager für den Spiegel (16.5.)
Kritik von Maria Wiesner für die FAZ (14.5.)
Kritik von Andreas Kilb für die FAZ (2.9.)
Kritik von David Steinitz für die Süddeutsche Zeitung (15.5.)
Kritik von Philipp Bovermann für die Süddeutsche Zeitung (1.9.)
Kritik von Axel Timo Purr für artechock film
Kritik von Tobias Sedlmaier für die NZZ (16.5.)
Kritik von Michael Gasch für Uncut.at
Kritik von Lars Meyer für NDR-Kultur (2.9.)
Kritik von Jan Küveler für die Welt (8.6.)
Kritik von Jan Küveler für die Welt (3.9.)
Kritik von Yasemin Kaplan für critic.de (3.9.)
Kritik von Antje Wessel für Wessels Filmkritik (1.9.)
Kritik von Matthias Halbig für die CZ (HAZ/RND/Madsack) – (3.9.)
Interview von Wolfgang Höbel mit Regisseur Paweł Pawlikowsk für den Spiegel (3.9.)
Interview von Thomas Abeltshauser mit Regisseur Paweł Pawlikowsk für die taz (1.9.)
Interview von Susanne Gietl mit Regisseur Paweł Pawlikowsk für die Augsburger Allgemeine (1.9.)
Interview von Bahareh Ebrahimi mit Regisseur Paweł Pawlikowsk für das ND (2.9.)
Interview von Katja Weise mit Hans Zischler für NDR-Kultur (3.9.)
Trailer (115 Sekunden):
Trailer (18 Minuten):
Die Filmanalyse von Wolfgang M. Schmitt
Ein filmisches Wunder: VATERLAND – Kritik & Analyse
Interview von Rüdiger Suchsland mit Regisseur Paweł Pawlikowsk (26 Minuten):
Interview von Rüdiger Suchsland mit Hans Zischler (40 Minuten):
Interview von Tim Fischer mit Hans Zischler (9 Minuten):
Ausführliche Kritik von Karsten Essen für den Filmdienst:
Historiendrama um den Schriftsteller Thomas Mann und seine Tochter Erika, die 1949 nach dem Ende der Nazi-Herrschaft aus dem Exil zurückkehren und im Westen wie im Osten umgarnt werden.
Er spürt, und das merkt man ihm auch an, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Klaus Mann (August Diehl) spricht allzu rasch in die Muschel, wie gehetzt, manche Wörter nachlässig verschleifend. Dabei kauert er nackt am Boden – neben dem, was sein Vater wohl ein Lotterbett genannt hätte. Er telefoniert aus Cannes mit seiner Schwester Erika (Sandra Hüller), dem wichtigsten Menschen in seinem Leben und zugleich seiner Vertrauten, die soeben aus Los Angeles in Frankfurt eingetroffen ist. Es geht um letzte Dinge. Hier spricht ein Flüchtling, der nirgendwo mehr eine Heimat hat oder gar ein „Vaterland“, todessehnsüchtig und gerade heimgesucht von einer großen Niederlage. Denn sein bester Roman, „Mephisto“, über die Karriere des Schauspielers Gustaf Gründgens auch während des Nationalsozialismus, soll in Westdeutschland nicht erscheinen (dürfen), aus Gründen neuer politischer Opportunität.
So macht er seiner Schwester den verzweifelt-makabren Vorschlag: Sollten wir Manns nicht alle kollektiven Selbstmord begehen, und wir beide machen den Anfang? Was wären die Alternativen für sie als lange Vertriebene beziehungsweise nun potenzielle Remigranten auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges? Klaus Mann bringt es beiläufig-beißend auf den Punkt: „Stalin oder Micky Mouse!“
Es wird viel telefoniert in diesem quasi-altmeisterlichen Schwarz-weiß-Film im Format 4:3 von Paweł Pawlikowski. Auch ein behäbiges Buick-Automobil spielt eine nicht unwichtige Rolle. Es ist eine zögerlich-tastende neue Landnahme unter Zuhilfenahme mancher moderner technischer Mittel, die Thomas Mann (Hanns Zischler), der hier statt von seiner Ehefrau Katia von seiner „Wotanstochter“ Erika begleitet und assistiert wird, im Sommer 1949 mit einigem Unbehagen unternimmt.
Diese leichte historische Verschiebung erweist sich als sinnvoller und tragfähiger Drehbucheinfall: Erika Mann war und ist auch in „Vaterland“ eine Frau vieler Eigenschaften und Talente. Einerseits gerade so sehr Manns Tochter, dass sie das enorme emotionale Wetterleuchten, durch welches sie jene Deutschlandreise hindurchjagt, scheinbar stoisch und in zusammengenommener Haltung erduldet (bis auf einige wenige, jedoch geradezu eruptive Ausnahmeszenen). Andererseits von ihrer Mutter her so weltklug, pragmatisch und resilient, dass jenes Unterfangen logistisch überhaupt erst glücken konnte. „Vaterland“ präsentiert in seiner Exposition wahrhaftige und psychologisch stimmige Porträts zweier besonderer Kinder eines Vaters, der das eher stille Kraftzentrum einer kurzen, gleichsam novellistischen historischen Handlung bildet.
Thomas Mann ist zu jener Zeit 74 Jahre alt und gilt als einer der größten, wenn nicht der größte lebende Schriftsteller weltweit. Aus regional-deutschen und eher ästhetizistischen Anfängen wuchs er zu einer internationalen Autorität des humanistischen Geistes empor. 1929 erhielt er den Literaturnobelpreis. Spät akzeptierte er auch für sich so etwas wie ein gesellschaftliches Gewissen, gar eine politische Verantwortung des Schriftstellers. Und von früh an rückte er sein Werk in eine gedankliche Nähe und thematische Parallelität zu dem von Goethe. Seit 1933 hatte er Nazi-Deutschland nicht mehr betreten; 1938 emigrierten er und ein Großteil seiner Familie in die USA.
Nun jährt sich 1949 Goethes Geburtstag zum 200. Male. Das nehmen die Repräsentanten der beiden neuen deutschen Staaten zum Anlass, Thomas Mann jeweils ihren Goethepreis zu verleihen. Sie verbinden dies ganz offenkundig mit der Absicht, dass der große alte Mann der deutschen Sprache und Kultur durch die einmalige historische Situation genötigt werde, versöhnliche Worte zu finden, Vergangenes zu verzeihen und Zukünftiges durch seinen Zuspruch zu legitimieren. Ein Danaergeschenk und eine klassische Dilemmasituation für die Manns, die von diesen auch klar als solche erkannt wird. Sie fahren dennoch. Es wird nicht weniger als eine Reise ins Herz der Finsternis.
Während der langen Autopassage vom Flughafen in die Frankfurter Innenstadt malt sich angesichts der auch 1949 noch radikalen Verheerungen der Stadt Beklemmung und Bestürzung in Manns Zügen. Hanns Zischler mimt das bei aller darstellerischen Ökonomie sehr glaubwürdig und anrührend. Und obwohl sich draußen noch Deutschland zur Stunde null erleben lässt, herrscht „drinnen“ bereits wieder emsiges Treiben. Man applaudiert angeregt Manns warmen Worten zu Goethe, überhört geflissentlich, was wehtun könnte, und kommt alsbald als echte Konjunkturritter bei Tanzmusik und Häppchen vom Büfett zum Eigentlichen: zum Geschäft. „Wie wäre es, Herr Mann, wenn Sie nun Präsident der Bayreuther Festspiele würden; niemand versteht doch so viel von Wagner wie Sie …?“, bedrängen ihn Wieland und Wolfgang Wagner (Enno und Theo Trebs), die extra dazu angereist sind. Hier wird der alte Mann das erste und einzige Mal kalt und schneidend; es ist der Zumutung zu viel – und das Gespräch rasch beendet.
Thomas Mann reiste stets mit Komfort; hier ziert ein solides Grammophon sein Hotelzimmer, von dem er, der einmal sagte, wo er sei, sei Deutschland, nun deutsche Musik genießt. Auch Gustaf Gründgens (Joachim Meyerhoff) ist unter den Gästen, glänzend gelaunt und bereits wieder obenauf als Generalintendant in Düsseldorf. Wie man fundamentales zwischenmenschliches Missverstehen aus Künstleregoismus unheimlich schnell und präzise zur emotionalen Eskalation bringen kann, führen Hüller und Meyerhoff hier meisterlich vor – bis hin zu einer schallenden Ohrfeige. Man gewinnt den Eindruck, dass Gustaf Gründgens die lebenslange Personifizierung von Goethes tiefsinnigem Wort sei: „Alle Fehler des Menschen verzeih ich dem Schauspieler, keine Fehler des Schauspielers verzeih ich dem Menschen.“
Während Thomas Mann sich bereits zurückgezogen hat, und die Geräuschkulisse erneut vom Grölen des Ungeistes vor den Fenstern des Frankfurter Römers bestimmt wird, erreicht Erika die Nachricht vom Tod ihres Bruders. Der existenzielle Schrei, der sich ihr daraufhin entringt, dokumentiert nachdrücklich, dass das Zentrum ihrer inneren Welt nun endgültig leer und verwaist ist. Bei Thomas Mann hat es hingegen den Anschein, als verpanzere sich der Schriftsteller mehr denn je in einem „Schloss aus Wörtern“, so ein Vorwurf seiner Tochter, und pflege seine Unfähigkeit zu trauern – wohl um vollenden zu können, wozu er sich gleichermaßen berufen wie genötigt fühlt. Hanns Zischler gemahnt an seine Figur vor allem durch die Anverwandlung von Manns stets etwas pompös-prätentiösem Auftreten bei gleichzeitig oft wie gehemmtem Bewegungsspiel. Auch die Kadenzen der fein gedrechselten Sätze, die in den ausgedehnten Redebeiträgen zu Gehör gebracht werden, erklingen in authentischem Thomas-Mann-Sound. „Vater“ wurde er von seinen Kindern kaum genannt; er war zumeist der „Zauberer“ oder einfach Z.
Dennoch herrscht zwischen Erika und ihm großes Einvernehmen in allen wesentlichen Dingen. Ob sie ihn allerdings tatsächlich jemals rasiert hat, wie der Film vorführt, bleibt biografisch zweifelhaft, macht jedoch sehr sinnfällig, wie weitgehend und vertrauensvoll der Alternde sich ihr ‚in die Hände gibt‘. Zum Dank zaubert er für sie eine Zigarre hervor – eine der ganz seltenen Szenen von Comic Relief in der allumfassenden schwarz-weißen Beklemmung.
Trotz der Nachricht vom Selbstmord Klaus Manns geht es dann Richtung Osten, in die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands. Was machen die Menschen dort anders, und, vor allem, was machen sie besser als die in Frankfurt, unter denen sich Thomas Mann sichtlich unwohl fühlte und wo er sich nur mit diskretem Begleitschutz durch die CIA sicher bewegen konnte? An der Zonengrenze werden die beiden Manns von Johannes R. Becher (Devid Striesow), einem aufstrebenden, klugen und feinsinnigen Kulturfunktionär, in Empfang genommen. Man kennt sich, von „vorher“. Noch während der Autofahrt nach Weimar versucht Becher, Thomas Mann für das Ideal eines humanen, aufgeklärten Sozialismus zu gewinnen; Mann schenkt ihm Gehör, nicht ohne Sympathie, bleibt jedoch skeptisch. Und obwohl ihm auch der Osten sogleich eine Präsidentschaft anträgt – die der Akademie der Künste –, und man sich alle ersichtliche Mühe gibt, den weltbekannten Künstler wie einen großen Staatsmann zu empfangen, inklusive eines rührenden Kinderchors mit Bechers DDR-Hymne in spe – muss Thomas Mann sich letztlich eingestehen, dass er auch hier sein Vaterland nicht mehr hat.
Deutlich macht dies eine grotesk-skurrile Szene, die, lange gehalten und in streng symmetrischer Totale gefilmt, das deutsch-sowjetische Festbankett im Freien vor Goethes Gartenhaus vorführt, orchestriert vom unheimlich belesenen Oberst Tjulpanow (Daniel Wagner). Hier reichen sich stalinistische und altpreußische Traditionen aufs Unheilvollste die Hand; das kleine Häuschen im Hintergrund, der eigentliche Fluchtpunkt, scheint darüber beinahe in sich zusammensinken zu wollen. Zugleich bildet sich hier durch die paramilitärische Ordnung selbst der kulturellen Dinge ein sinnfälliger Kontrast zum polyphonen Getriebe des „freien Westens“.
Die Manns haben genug; sie rüsten sich zur Abreise. Doch das so ganz am Boden liegende Land gebietet noch über starke, erdgebundene Kraftquellen, und die erschließen sich Thomas Mann gegen Ende des Films jäh und unerwartet und daher umso überwältigender. Von allen Künsten hatte die Musik von jeher auf Mann den stärksten Eindruck gemacht. Nun darf er, eher zufällig, einen epiphanischen Moment erleben; und endlich darf sich auch die tiefe innere Erschütterung von Vater und Tochter zeigen, in einer Träne auf des Alten Angesicht. Die emotionale Urkraft der Musik vermag den Krampf zu lösen; sie transzendiert alle irdischen Schlacken und lässt diese zerstörte mitteldeutsche Kulturlandschaft für Mann ästhetisch mit jener ideellen geistigen Heimat zusammenfließen, die trotz aller erlittenen Schmach und beinahe gegen seinen Willen für ihn doch Ewigkeitswert verbürgt. In seinem deutschesten Buch, „Doktor Faustus“, steht die fiktive Stadt Kaisersaschern für eine solche geistige Heimat und ein unverlierbares Vaterland.
Den beiden Drehbuchautoren Hendrik Handloegten und Pawel Pawlikowski gelingt die novellistische Verdichtung des Stoffes auf den historischen Augenblick. Die leicht veränderten biografischen Fakten sind hinnehmbar angesichts der aufmerksamen, ja geradezu liebevollen fiktionalen „Betreuung“ der Figuren, die beinahe so etwas wie höhere poetische Wahrhaftigkeit erschafft. Auch sind die formalen Eigenarten des Films durch die Wahl des Sujets, von Zeit und Raum mehr als gerechtfertigt; sie erscheinen nie als Manierismus, sondern erschließen vielmehr sinnlich das Spezifische der Epoche. Szenografie und Kamera kreieren beklemmende Innenräume – in den historischen Gebäuden, aber auch in den engen Automobilen –, die einen unwillkürlich den Kopf einziehen und jeden Moment unter freiem Himmel herbeisehnen lassen. Die Abmischung der Tonspur ist in ihrer Diskretion besonders lobenswert. Doch vor allem das überragende Schauspielerensemble, dem man unbedingte Hingabe für das Projekt bis in die Nebenrollen hinein anmerkt, macht dieses handwerkliche Meisterwerk zu einem modernen Klassiker. Eine seltene Kostbarkeit!