Zu unserer Entscheidung, den Spielbetrieb vorübergehend einzustellen

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Am Freitagvormittag, den 13. März – vier Tage bevor sämtliche Kinos landesweit geschlossen wurden, haben wir uns entschlossen den Spielbetrieb, – auch wenn die Fallzahlen im Landkreis Celle zu der Zeit mit sechs getesteten und registrierten Infizierten auf den ersten Blick niedrig schienen, adhoc als erstes Kino in Niedersachsen vorübergehend einzustellen.
Unseren Kenntnisstand (von Wissen kann hier in keiner Form die Rede sein) über die Situation beziehen wir von den Infoseiten des NDR zum Virus und den dort veröffentlichen Podcasts (hier die Podcasts als PDF) mit Prof. Dr. Christian Drosten, dem Leiter der Virologie der Charité in Berlin. Sowie auf der am 3. Januar 2013 durch die Bundesregierung  veröffentlichen Risikoanalyse zum Bevölkerungsschutz (Drucksache 17/12051 ab Seite 55) seitens des RKI im Zuge einer Pandemie durch einen hypothetischen modifizierten SARS-Virus. Auf diese wurde am 12. März im Berliner Tagesspiegel aufmerksam gemacht (am 25. März.ebenfalls im Wiener Standard).
Unsere Entscheidung basiert einzig auf unserem laienhaften Verständnis dessen, was in den genannten Quellen veröffentlicht worden ist.
Einige der praktizierten Maßnahmen im Kinobereich – wie Abstand halten und Desinfizieren – halten wir auf Basis unseres Kenntnisstands für unzureichend und letztlich mehr symbolischer Natur. Daher haben wir den von uns am Vortag gefassten Plan, nur 20 Zuschauer zuzulassen und diese namentlich zu erfassen, fallengelassen.
 
Einige Reaktionen, die wir hierauf erhalten haben, legen den Eindruck nahe, dass teilweise ein (aus meiner Sicht) unzureichendes Verständnis dessen vorliegt, worum es im Kern geht und daher möchte ich, der einen oder anderen missbilligenden Reaktion, die unsere Entscheidung zeitigte, klarstellend erwidern:

Es geht uns ganz im Gegenteil nicht darum, eine Stimmung anzuheizen oder gar Panik zu schüren oder uns Entscheidungen in dem Bereich (die in ihrer atemlosen Abfolge so wirken können, als entfalteten sie eine Art von Eigendynamik, der sich keiner zu entziehen wagt) eilfertig anzuschließen, sondern sich auf einigermaßen informierter Basis angemessen, verantwortlich und vernünftig zu verhalten und dementsprechend Entscheidungen zu treffen.
Dass unser Publikum überwiegend zur Risikogruppe zählt, ist zudem ein zusätzlicher Faktor, den es zu berücksichtigen galt.
 
Meines Erachtens müssen vor allem zwei Dinge verstanden werden:
1) Wie wird das Corona-Virus (SARS-CoV-2) übertragen?
2) Warum handelt es sich hierbei um eine Pandemie und nicht um eine Epidemie?
 
Vergleiche mit dem saisonalen Influenza-Virus (Grippe) sind irreführend. Wobei das Influenza-Virus sogar virulenter ist als das Corona-Virus.
 
Vergleiche mit der Letalität des saisonalen Influenza-Virus (Übersterblichkeit) mit der Letalität des Corona-Virus (Fallsterblichkeit) sind unzulässig, da die Zahlen gänzlich anders erhoben werden und Unterschiedliches repräsentieren. Wenn gesagt wird, dass die  saisonale "Grippe" 17/18 in Deutschland über 20.000 Menschenleben gefordert habe, ist diese Zahl etwas ganz anderes als 20.000 Tote einer durch Fallzahlen ermittelten Sterblichkeit.
Bei erster wird einfach geschaut, wie viele Menschen in den Grippe-Monaten gestorben sind und diese Sterblichkeit wird mit den anderen Monaten verglichen.
Der Überhang an Gestorbenen in den Grippe-Monaten wird der Grippe zugeschrieben. Beim Corona-Virus werden die erfassten Infizierten gezählt und ermittelt, wie viel Prozent derer gestorben sind. (Quelle: Prof. Drosten, Podcast 1 vom 26. Februar) 
Parameter wie Letalität (nicht zu verwechseln mit Mortalität), Kontaktrate (Attack Rate), Secondary Attack Rate, Inkubationszeit sind nicht die entscheidenden Parameter und sind unterschiedlich zu gewichten.
Die Inkubationszeit, also die Zeit zwischen Ansteckung bis zur ersten Symptomatik der Krankheit und in der Infizierte das Virus übertragen können, ohne zu wissen, dass sie Überträger sind, ist in dem Kontext natürlich relevant – aber mehr additiv als grundlegend. Beim Corona-Virus schätzt man aktuell, dass ab einem Tag vor der ersten Symptomatik der Infizierte andere anstecken kann. (Quelle: Prof. Drosten, Podcast 16 vom 18. März) 
Die Inkubationszeit beträgt bei einer Influenza 1-5 Tage. Beim Corona-Virus 2-7 Tage (im Schnitt 5,1 Tage), in der Kernzeit (im Extrem maximal 14 Tage).
 
zu 1) Infektionswege: Das Virus wird hauptsächlich über Tröpfcheninfektion (durch die Luft genauer Aerosol – Aerogene Infektion – Niesen/Husten,/Räuspern/"feuchte Aussprache") übertragen und erst in zweiter Linie über indirekte Kontaktinfektion (Schmierinfektion). Der Grund dafür ist, dass das Corona-Virus ein behüllter Virus ist, das bei weitem nicht so eintrocknungsstabil ist wie ein unbehüllter (nackter) Virus. (Quelle: Prof. Drosten, Podcast 5 vom 3. März) Im Grunde muss das Corona-Virus über den Mund in den Rachen gelangen und nicht über die Nasenschleimhäute. Das Zentralstellen des Händewaschens mag da einen unzutreffenden Eindruck befördern (Natürlich ist es sinnvoll, sich die Hände gewissenhaft einzuseifen, da es auch Schmierinfektionen gibt. Außerdem ist Händewaschen, angesichts diverser Krankheitserreger, schon immer angezeigt gewesen.) Sprich, sind viele Menschen auf engem Raum zusammen und jemand atmet die virenübertragende Atemluft eines Überträgers ein, dann hat er sich infiziert. Ich habe daher Prof. Drosten über den NDR die Frage gemailt, ob es nicht eine Empfehlung wert wäre, in Gegenwart anderer Menschen möglichst durch die Nase zu atmen (wenn man nicht gerade spricht – aber vielleicht ist das auch ausgemachter Unsinn von mir).
 
zu 2) Warum wussten einige Experten schon vor Wochen als die ersten Fälle in China bekannt wurden, dass eine Pandemie bevorsteht?
Weil das Virus neuartig ist und auf keine bevölkerungsweite Hintergrundimmunität trifft wie die saisonale Grippe und weil Risikoanalysen für diesen Fall vorlagen.
Das mutierte saisonale Influenza-Virus trifft auf ein menschliches Immunsysten, das ihm aufgrund einer Art Immungedächtnis besser begegnen kann als einem neuartigen Virus. Auch ein neuartiger Influenza-Virus (wie seinerzeit die Spanische Grippe) wäre pandemisch.
 
Was besagt die Aussage, dass ca. 70% der Bevölkerung (83 Millionen in Deutschland) infiziert werden wird? (Quelle: Prof. Drosten, Podcast 4 vom 2. März)
Dies besagt, dass bei ca. 70% (das wären ca. 58 Millionen Menschen) das Ende der Epidemie erreicht sein wird. (Daher wäre es beim saisonalen Grippevirus wünschenswert, wenn sich 70% der Bevölkerung impften, was aber bei der allgemeinen Impfmüdigkeit bei weitem nicht der Fall ist. Immerhin ermöglicht es der Impfstoff, gezielt Risikogruppen zu impfen.) Zu einem Zeitpunkt X wird sich fast jeder mit dem Corona-Virus infiziert haben.
Das Ende der Epidemie wird so verstanden, dass ein Überträger es "nicht schafft", mehr als eine Person zu infizieren und nicht wie jetzt ca. drei, weil zwei von drei Menschen, die er infizieren könnte, bereits immunisiert sind.
 
Das heißt, die jetzigen Maßnahmen sind vor allem so zu verstehen, dass es darum geht, das Ausbreitungstempo zu verringern, sie dienen nicht dazu, die Menschen davor zu schützen, sich nicht irgendwann mal später zu infizieren, nachdem die Pandemie abgeklungen ist, da das nicht geht. Dieses Virus wird uns zukünftig begleiten, aber irgendwann auf eine Gesellschaft treffen, die weitgehend immunisiert ist und Risikogruppen impfen kann. Dieser körpereigene Immunschutz ist beim Corona-Virus aber nicht besonders langlebig und wird wohl spätestens nach fünf Jahren nicht mehr wirksam sein. Prof. Drosten schätzt, dass ein Impfstoff frühestens im Sommer 2021 verfügbar (zugelassen) sein wird. Medikamente könnten evtl. etwas früher zugelassen sein.

Das heißt, wenn das Corona-Virus ca. 70% der Bevölkerung innerhalb von zwei Jahren infizieren würde, wäre das kein gesellschaftliches Problem, sondern spielte sich eher auf der Ebene individueller Probleme ab. Geschieht dies aber innerhalb von einem Jahr oder weniger, dann wäre die medizinische Versorgung überfordert.
Plakativ gesagt, stünden die Krankenhäuser vor der Situation, unter einer Anzahl Menschen, die der Intensivpflege bedürfen, auszuwählen (Triage) wen sie versorgen und wen sie nicht versorgen und sich mehr oder weniger selbst überlassen müssten. Dies passiert zur Zeit in Italien.
Diese Situation gilt es zu vermeiden und das ist der Sinn von Maßnahmen wie Schließungen von Schulen und Absagen von Veranstaltungen, etc.

Sicherlich wäre unser Krankenhauswesen auch vor Einführung des Fallpauschalensystems (DRG) 2003 und den damit aufgebauten Kosten- und Privatisierungsdruck (Wir haben das in zwei Veranstaltungen mit dem Film "Der marktgerechte Patient" ausführlich diskutiert, aber auch mit dem Film "Die sichere Geburt".) von einer ungehemmten Ausbreitung eines pandemischen Virus überlastet gewesen. 2020 sieht es aber so aus, dass Krankenhäuser geschlossen worden sind, privatisiert worden sind, kostenintensive Abteilungen wie Geburtsstationen aufgelöst worden sind, Personal gekürzt worden ist, Labore outgesourct worden sind, Reinigungskräfte outgesourct worden sind, Betten reduziert worden sind. Unter dieser Versorgungssituation muss die Zeitspanne, bis zu der ca. 70% der Bevölkerung immunisiert worden sind, natürlich länger sein, als wenn die Versorgungssituation nicht unter Kostendruck gesetzt worden wäre. Unsere medizinische Versorgung ist bereits ohne diese Pandemie auf Kante genäht und daher sollten wir den Verlauf der Infektionen strecken, da dieser aber exponentiell verläuft (ähnlich der Legende mit dem Schachbrett und den Weizenkörnern) nutzen "Maßnahmen wie „social distancing“, also keine Veranstaltungen mehr, und das Schließen von Schulen. Diese beiden Maßnahmen werden nur jetzt am Anfang der pandemischen Welle einen wirklichen durchschlagenden Erfolg haben, indem sie die pandemische Welle auch längerfristig verzögern und die Zahl von Patienten im Gipfel der Welle absenken. Und das ist etwas, das wir jetzt machen müssen." (Zitat Prof. Drosten, Podcast 12 vom 12. März)
Es ist jetzt meines Erachtens auch nicht die Zeit für Vorwürfe, Aufgebrachtheit, Rechthaberei – selbst wenn man in der Sache Recht hat, politische Attacken, Systemkritik, etc. Dies sollte man zu einem späteren Zeitpunkt austragen – dann aber auch wirklich, wenn die akute Krise einigermaßen ausgestanden ist.
Es geht also nicht darum, den Einzelnen zu schützen, sondern darum, unsere Gesellschaft zu schützen – es geht um Solidarität und Vernunft.
In Abwandlung eines bekannten Slogans: Prävention ist keine Hysterie – und Ignoranz ist keine Form von Widerständigkeit.
 
Wir haben das Kino achteinhalb vorübergehend geschlossen, um unseren (kleinen) Beitrag zu leisten, diese Zeitspanne zu verlängern.
 
 
Als Privatperson und nicht als erster Vorsitzender des achteinhalbs, denn als dieser habe ich mir auf dieser Ebene nichts zu wünschen, wünschte ich mir, dass als eine der Konsequenzen aus dem, was wir gerade erleben, das DRG-System abgeschafft werden würde – aber an so etwas wage ich, realistisch genug, nicht im Ernst zu glauben. In der oben erwähnten Risikoanalyse vom 10.12.2012 wird bei dem vorgestellten Szenario zu einer Pandemie durch einen hypothetischen Virus „Modi-SARS“ davon ausgegangen, dass ein Ereignis wie das jetzige durch den Corona-Virus (SARS-CoV-2) "statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1.000 Jahren eintritt". So gesehen bestünde ja erst recht kein Grund mehr, die herrschende Gesundheitspolitik zu ändern, da eine Pandemie durch etwas mit dem Corona-Virus vergleichbaren statistisch gesehen in absehbarer Zeit nicht mehr eintreten wird. Bemerkenswert finde ich, dass nicht wenige der Menschen, deren Arbeit sich jetzt als unverzichtbar erweist, im unteren Lohnsegment angesiedelt sind.
Die Wochenzeitung "Die Zeit" vom 15. Juli 2019: "Experten fordern Schließung zahlreicher Krankenhäuser"

Von Südkorea lernen, heißt siegen lernen
Süddeutsche Zeitung vom 27. März
Hinweis der NachDenkSeiten
Hammer und Tanz

Es sollte aber auch nicht unterschlagen werden, dass es namhafte Menschen – ebenfalls Experten wie Prof. Drosten – gibt, wie Prof. em. Dr. med. Sucharit Bhakdi oder der Virologe Prof. Dr. Hendrick Streeck, die die getroffenen Maßnahmen für nicht gerechtfertigt halten. Videos und Artikel hierzu siehe am Ende dieser Seite.

Hier unser Newsletter "Kino in Zeiten der Epidemie" vom Freitag, den 13. März, um 12 Uhr, in dem wir die vorübergehende Einstellung des Spielbetriebs bekanntgegeben haben.

Herzliche Grüße
Stefan Eichardt
15. März 2020
  
Prof. Dr. Volker Quaschning – 21. März (17 Minuten):

Der Virologe Prof. Dr.  Hendrick Streeck kritisiert bei Markus Lanz Corona-Maßnahmen – 31. März (20 Minuten):


Hier die ganze Sendung vom 31. März in der ZDF-Mediathek

Prof. Dr. em. Sucharit Bhakdi – "Offener Brief an die Bundeskanzlerin zur Corona-Krise" – 29. März (14 Minuten):



In diesem Artikel vom 2. April widerspricht Alexander Unzicker Sucharit Bhakdi

Jens BergerMaximale Maßnahmen auf Basis minimaler Gewissheit

Statistikexperte Gerd Antes im Interview mit Spiegel Online: "Die Zahlen sind vollkommen unzuverlässig