Freistaat Mittelpunkt (Regisseur Kai Ehlers ist zu Gast)

  Dienstag, 21. September 2021 - 19:30 bis - 21:30

Eintritt: frei

Deutschland 2019
Kinostart: 9. September 2021
79 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie/Drehbuch/Kamera: Kai Ehlers
Musik: Chris Hirson 
Schnitt: Kai Ehlers und Fausto Molina
FBW: Prädikat besonders wertvoll


Filmwebseite, alle Daten zum Film auf Filmportal.de sowie auf crew united

Kritiken:
Kritik von Barbara Schweizerhof im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Ulrich Kriest im Filmdienst (4 von 5 Sternen)
 
Kritik von Falk Straub auf Spielfilm.de (4 von 5 Sternen)
Kritik von Anne Küppers auf critic.de
Kritik von Oliver Armknecht auf Film-Rezensionen.de
Kritik von Björn Schneider auf Programmkino.de (Gilde der Filmkunsttheater)

Die Barmstedter Zeitung über Kai Ehlers Filmprojekt
 
Christian Meurer am 22. Juni 2015 in der FAZ über Ernst Otto Karl Grassmé und Kai Ehlers Filmprojekt

Trailer (92 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst  
Außergewöhnlicher Dokumentarfilm über das Leben von Ernst Otto Karl Grassmé, der von den Nazis zwangssterilisiert wurde und auch nach dem Dritten Reich keine Wiedergutmachung erfuhr.

Als Ernst Otto Karl Grassmé 1992 starb, wurde das verwilderte und verwahrloste Gelände im norddeutschen Moor, auf dem er gelebt hatte, geräumt. Man könnte auch sagen, dass die Spuren seiner Existenz verwischt wurden, von der am Ende nur ein paar Briefe, Fotos und Erinnerungen geblieben sind. An dieses Material und die Geschichten, die sich um den Sonderling rankten, geriet der Filmemacher Kai Ehlers.

Grassmé war ein Opfer der nationalsozialistischen Rassenideologie. Früher betrieb er ein Baugeschäft in Hamburg-Altona, doch dann wurde er als schizophren diagnostiziert, interniert und zwangssterilisiert. Er überlebte, indem er sich der Welt entzog und sich im Moor einrichtete, versorgt und betreut von seiner Frau Berta, die er erst nach Kriegsende heiraten durfte.

Grassmé lebte zwar im Abseits eines Birkenmoor-Wäldchens, doch das hieß nicht, dass er nicht auf seine Geschichte aufmerksam machte, seine Umwelt und die Behörden damit konfrontierte. Doch im Nachkriegsdeutschland war für solche Geschichten kein Platz. Im Umgang der Behörden mit dem Eremiten zeigt sich eine unheilvolle Kontinuität mit der Diagnose unter der NS-Herrschaft.

Ton und Bild driften auseinander

Bei der sensiblen Aufbereitung dieses Stoffes scheint sich Ehlers vom Montageverfahren des Dokumentaristen Gerhard Friedl inspiriert haben zu lassen. Die Leerstellen der Geschichte werden durch eine radikale Ton-Bild-Schere deutlich gemacht. Während die Kamera geduldig die Landschaft erkundet, in der die Spuren von Grassmés Existenz getilgt sind, hört man aus dem Off seine mal poetischen, mal sarkastischen, mal ironischen, aber stets datierten Briefe an eine Nachbarstochter oder bekommt einmal mittels eines Filmtonausschnitts aus dem Propagandafilm „Opfer der Vergangenheit“ (1937) die Annahmen der Nazis zum Thema Euthanasie präsentiert.

„Freistaat Mittelpunkt“ verleiht auf diese Weise dem abwesenden Protagonisten eine Stimme und zeigt exemplarisch, wie Grassmé versuchte, sich gegen die Zuschreibungen der Außenwelt zu behaupten und so seinen Spielraum zu wahren. Diese Gegen-Arbeit dokumentiert der Film, indem er sie als Freiraum für die Zuschauer verdoppelt. „Freistaat Mittelpunkt“ ist ein unbehagliches, verstörendes Dokument, aber aus anderer Perspektive vielleicht auch eine Aufforderung zum Nachdenken über Selbstbestimmung.

Eine Filmkritik von Ulrich Kriest