Heute findet kein Spielbetrieb statt.

  Freitag, 03. April 2020 - 20:30 bis - 22:20
Treffer: 623

 

Eintritt: 5,00 €

England 2019
Kinostart: 30. Januar 2020
101 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Kamera: Robbie Ryan
Musik: George Fenton
Schnitt: Jonathan Morris

Darsteller: 
Kris Hitchen (Ricky Turner) · Debbie Honeywood (Abbie Turner) · Rhys Stone (Seb Turner) · Katie Proctor (Lisa Jane Turner) · Ross Brewster (Gavin Maloney) · Charlie Richmond (Henry Morgan) · Julian Ions (Freddie) · Alfie Dobson (Jack O'Brien)
 
Filmwebeite, WIKIPEDIA     

Kritiken:
Kritik von Anke Sterneborg im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Philipp Rhensius auf Kunst und Film (4 von 6 Sternen)
Kritik von Silvia Bahl im Filmdienst (4 von 5 Sternen)
  
Kritik von Michael Meyns auf Programmkino.de (Gilde deutscher Filmkunsttheater)

schulpädagogischer Begleitmaterial:
Kinofenster Film des Monats
FilmTipp von Vision Kino

Trailer (108 Sekunden):



arteshots – im Gespräch: Felicitas Hübner mit Axel Timo Purr (6 Minuten):


Filmkritik von Pfarrer Christian Engels, Leiter des Filmkulturellen Zentrums im Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik (5 Minuten):


ausführliche Kritik Filmdienst    
Regisseur Ken Loach nimmt über die Geschichte eines Paketboten und seiner Familie neoliberale Arbeitsverhältnisse und die Erosion des Sozialen ins Visier.

Eine lange Schwarzblende hält dazu an, auf jede Nuance der Formulierungen zu achten, die zu Beginn von Ken Loachs neuem Film in einem hörbaren Bewerbungsgespräch fallen. Der Arbeitgeber präsentiert dem Stellenanwärter ein neues Erwerbsmodel und verkauft ihm dabei eine Fantasie vermeintlicher Souveränität. Das Versprechen, die eigene Zeit selbst einteilen zu können und als Arbeiter unternehmerisch tätig zu werden, klingt nach der Möglichkeit sozialen Aufstiegs und nach Freiheit. Doch es sind nur sprachliche Euphemismen einer allzu bekannten neoliberalen Abhängigkeitsspirale, die hier vorgeführt werden. Durch das fehlende Bild erhalten sie etwas Exemplarisches, sie könnten so überall auf der Welt stattfinden.

Wie bereits sein vielfach ausgezeichnetes Drama „Ich, Daniel Blake“ spielt Loachs Film „Sorry We Missed You“ im britischen Newcastle und erzählt mit Schärfe und Bitterkeit von Ausbeutungsverhältnissen, die ein neues Ausmaß erreicht haben. Für den Arbeiter Ricky Turner (Kris Hitchen) ist die Option, als Franchise-Nehmer bei einem Paketdienst einzusteigen, zunächst so vielversprechend, dass er sich bei seinem künftigen Vorgesetzten mehrfach für die Chance bedankt. Über einen Nullstunden-Vertrag soll Ricky als Fahrer auf Abruf beschäftigt werden und mit seinem eigenen Wagen Pakete ausliefern. Das Modell verspricht Flexibilität, Bezahlung nach Leistung und schnelle Aufstiegsmöglichkeiten. Für Ricky, der sein Leben lang jede Arbeit angenommen hat, die er bekommen konnte, vom Bauarbeiter bis hin zum Totengräber, klingt dies fast zu gut, um wahr zu sein. Die Hoffnung darauf, endlich die Fremdbestimmtheit der Lohnarbeit hinter sich lassen zu können, lässt ihn über die zweifelhaften Bedingungen hinwegsehen, welche die neue Stelle mit sich bringt.

Neoliberale Ausbeutungsstrategien

Um als „Partner“ in das Unternehmen einzusteigen, wird ein Lieferwagen benötigt, der nur gegen eine hohe Miete bereitgestellt wird. Angetrieben von seinem Wunsch, endlich etwas Eigenes zu besitzen, entscheidet sich Ricky für die Alternative, selbst ein Auto zu kaufen. Ein Entschluss, mit dem er sich über die Bedürfnisse seiner Familie hinwegsetzt. Seine Ehefrau Abbie ist als selbstständige Pflegekraft auf die eigene Mobilität angewiesen, doch es gelingt Ricky, sie davon zu überzeugen, den gemeinsamen Wagen zu verkaufen, um seinen Kleintransporter zu finanzieren. Abbie muss fortan ihre Hausbesuche mit dem Bus bestreiten.

Als Manager der gesamten Zustellungen steht der muskulöse Vorarbeiter Maloney unter ständigem Druck, den er wie ein Durchlauferhitzer an die Lieferanten weitergibt. Im Lager herrscht ein rauer Ton und ständiger Konkurrenzdruck. Jedes ausgelieferte Paket ist bares Geld, doch Unpünktlichkeit und Verzug werden vom Lohn abgezogen. Ricky gerät in ein System, das von Algorithmen durchgetaktet ist. Sein Scanner ist dabei Kontrollinstanz und Verdienstmittel zugleich. Über das Gerät sind die Lieferanten bis auf den letzten Meter in Echtzeit ortbar und nur die Unterschrift des Empfängers auf dem Display sichert die Erfüllung des Auftrags. Anderenfalls muss eine Karte mit dem Verweis „Sorry We Missed You“ ausgefüllt werden und die Bezahlung bleibt unsicher.

Rickys hohe Motivation wird schon bald durch die Unwägbarkeiten getrübt, die zum Alltag der Paketboten gehören: Zäher Verkehr, defekte Aufzüge und aggressive Wachhunde sind Teil des normalen Wahnsinns, der Zustellungen im Akkord einfach unmöglich macht. Doch die unablässige Hoffnung darauf, bessere Zahlen abzuliefern, führt die selbstständigen Fahrer in eine persönliche Tragödie. Eigenverantwortlichkeit wird hier zu einer Falle, in der die letzten sozialen Absicherungen verloren gehen. Denn auch wenn keine feste Stundenanzahl vereinbart ist, gibt es doch auch keine Möglichkeit, Arbeit abzulehnen. Und die Zahl der Aufträge ist so hoch, dass Ricky schließlich vierzehn Stunden am Tag arbeitet, noch dazu gegen die Zeit und ohne Krankenversicherung.

Zerstörung des Sozialen

Ken Loach zeigt die falschen Versprechen neoliberaler Arbeitsmodelle, die an ein „unternehmerisches Selbst“ appellieren, um damit noch mehr persönliche Ressourcen der Arbeitnehmer zu monetarisieren. War es früher noch so, dass die Lohnarbeit gegenüber der Freizeit klar abgegrenzt wurde und zumindest ein gewisser eigener Raum davon unbehelligt blieb, steht heute die eigene Subjektivität zu jeder Zeit auf dem Spiel. So wird die „ungenügende Leistung“ am Arbeitsplatz zu einem persönlichen Versagen, das nur durch eine immer größere Opferbereitschaft ausgeglichen werden kann. Ein „Burn-Out“ wird dabei bewusst in Kauf genommen, weil mit der Ersetzbarkeit der Menschen kalkuliert wird.

Schon zu Beginn erklärt sich Ricky bereit, die Route eines Kollegen zu übernehmen, der kurz vor dem psychischen Zusammenbruch steht, weil er sich dadurch mehr Geld erhofft. Dass er diesen damit ins berufliche Aus manövriert, um selbst beim Manager besser dazustehen, ist ein Überlebensinstinkt, der jedoch die sozialen Beziehungen zerstört.

„Sorry We Missed You“ stellt diesen Zusammenbruch des Sozialen ins Zentrum der Geschichte und zeigt ihn durch den Zerfall von Rickys Familie. Während Abbie immer weniger Zeit für die Menschen hat, die sie pflegt, und diese zwangsläufig zu bloßen Klienten werden, bleiben ihre beiden Kinder zunehmend sich selbst überlassen. Für den pubertierenden Sohn Seb (Rhys Stone) führt diese Orientierungslosigkeit über die Subkultur des Graffiti schließlich an den Rand der Kriminalität. Seine kleine Schwester Liza Jane (Katie Proctor) reagiert auf die berufsbedingte Abwesenheit ihrer Eltern mit der Übernahme einer Verantwortung, für die sie noch zu jung ist. Mit rührendem Ernst versucht das kleine Mädchen, die Rolle einer Erwachsenen zu übernehmen und die Familie zusammenzuhalten.

Marktwert oder Menschenwürde

Auch wenn Ken Loach sehr deutlich ein Lehrstück erzählt, in dem die Fronten etwas schematisch gestaltet sind, bleiben die Charaktere in Rickys Familie sensibel gezeichnet und berühren durch ihren Kampf darum, einander nicht zu verlieren. Wenn Abbies Warmherzigkeit und Güte in der eigenen Erschöpfung immer mehr verloren geht, oder wenn man das Ende der Kindheit ihrer Tochter spürt, die an ihrem Versuch des Krisenmanagements zerbricht, dann bekommt man eine Ahnung davon, was gesellschaftlich auf dem Spiel steht, wenn man den Markt über die Würde des Menschen stellt. Dem 83-jährigen Regisseur ist erneut ein Alterswerk gelungen, das in seiner Kritik kaum aktueller und dringlicher sein könnte.

Eine Kritik von Silvia Bahl