Gloria – Das Leben wartet nicht

  Freitag, 04. Oktober 2019 - 20:30 bis - 22:20
Treffer: 512
Remake von Gloria (Chile 2012), der im November 2013 im Kino achteinhalb lief.
Remake und Original stammen beide von Sebastián Lelio!
Von Lelio lief außerdem "Eine fantastische Frau" im achteinhalb.

Eintritt: 5,00 €

Originaltitel: GLORIA BELL

USA/Chile
Kinostart: 22. August 2019
102 Minuten
FSK: ab 0;f

Regie/Drehbuch/Produzent: Sebastián Lelio
Kamera: Natasha Braier
Musik: Matthew Herbert
Schnitt: Soledad Salfate

Darsteller:
Julianne Moore (Gloria Bell) · John Turturro (Arnold) · Caren Pistorius (Anne) · Michael Cera (Peter) · Brad Garrett (Dustin) · Holland Taylor (Hillary) · Jeanne Tripplehorn (Fiona) · Rita Wilson (Vicky) · Chris Mulkey (Charlie) · Cassi Thomson (Virginia) · Tyson Ritter (Nachbar) · Jesse Erwin (Theo) · Sean Astin (Jeremy) · Barbara Sukowa (Melinda) · Alanna Ubach (Veronica)

Filmhomepage, WIKIPEDIA     

Kritiken:
Kritik von Birgit Roschy im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Franz Everschor im Filmdienst (4 von 5 Sternen)

Kritik von Oliver Armknecht auf Filmrezensionen.de (4 von 5 Sternen)
Kritik von Karin Jirsak-Biemann auf Filmstarts.de (4 von 5 Sternen)
Kritik von Falk Straub auf Spielfilm.de (3 von 5 Sternen)
Kritik von Dieter Oßwald auf Programmkino.de
Kritik von Bert Rebhandl in der FAZ
Kritik von Elmar Krekeler in der Welt
Kritik von Claudia Lenssen im Tagesspiegel
Kritik von Verena Schmöller auf Kino-Zeit.de
Kritik von Knut Elstermann auf mdr Kultur
Kritik von Maresa Sedlmeir in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Gunther Baumann auf Filmclicks.at
Kritik von Dominik Kamalzadeh im Wiener Standard

Interview von Patrick Heidmann mit Julianne Moore im Spiegel
Interview von Anna Wollner mit ulianne Moore auf mdr Kultur

Trailer (123 Sekunden):


ausführliche Kritik Filmdienst
US-Remake von „Gloria“ (2012), in dem der chilenische Regisseur Sebastián Lelio die lebenshungrige Titelfigur auf der Suche nach einem neuen Fokus kongenial mit Julianne Moore besetzt.

Auf der Bühne betrachtet man es als Selbstverständlichkeit, dasselbe Stück mit unterschiedlichen Darstellern in wechselnden Lokalitäten und verschiedenen Inszenierungen aufzuführen. Als Zuschauer findet man nichts daran auszusetzen, immer wieder neue Variationen desselben Werks zu entdecken, weil ein Bühnenstück anders gar nicht zu transportieren und zu reproduzieren wäre. Allein die Tatsache, dass Filme konservierbar sind und Zeiten und Aufführungsorte nach Belieben wechseln können, reicht hingegen aus, Wiederverfilmungen desselben Stoffes für gewagt und oft für nicht opportun zu halten, obwohl sie in der Lage sein können, einen neuen oder auch erstmaligen Zugang zu einem Stoff zu verschaffen.

In solchen Fällen bieten sich zwei gleichermaßen spannende Wege an, die Neufassung zu sehen und zu beurteilen: entweder im Vergleich mit dem Original oder als eigenständigen Film, ohne alle Details mit der ersten Version abzugleichen.

Im Falle von Sebastián Lelios „Gloria – Das Leben wartet nicht“ kommen vermutlich beide Möglichkeiten gleichermaßen in Frage. Wem der vielfach preisgekrönte Debütfilm Gloria des Chilenen 2013 entgangen ist, kann das US-Remake als erfrischende Abwechslung vom gewöhnlichen Kinoalltag genießen, wer das Original und die Leistung von Paulina García noch gut in Erinnerung hat, kann die neuen Nuancen umso besser wertschätzen.

Ein einfühlsamer Frauenregisseur

An allen Filmen von Lelio, auch an Eine fantastische Frau und Ungehorsam“, hat sich gezeigt, dass er ein besonders einfühlsamer Frauenregisseur ist. „Gloria – Das Leben wartet nicht“ richtet nicht nur seine Geschichte, sondern alle Szenen und Einstellungen – und damit die ganze Betrachtungsweise – auf die von Julianne Moore gespielte Hauptfigur aus. Nachdem sie die Kamera erst einmal zwischen den Körpern und Gesichtern einer Disco gefunden hat, lässt sie die Frau keinen Augenblick mehr aus dem Blick. Sogar Szenen, in denen eigentlich vom Schicksal eines Anderen die Rede ist, entwickeln sich einzig und allein aus Glorias Perspektive. Schon bald wird klar, dass Lelio diesen Standpunkt nicht gewählt hat, um eine prominente oder auch nur vorbildhafte Figur zu porträtieren, sondern um von einer Frau zu berichten, zu der nahezu jeder in seinem eigenen Leben ein Pendant finden könnte.

Gloria ist Mitte 50, geschieden, hat erwachsene Kinder, die sie nur gelegentlich sieht, einen Bürojob, ein Apartment in Los Angeles und eine zugelaufene Katze. Sie versteckt ihre Augen hinter einer viel zu großen Brille, besitzt wenig Kontakt zu anderen Menschen, geht aber gerne und oft abends in Clubs und Bars, ist flüchtigen Begegnungen mit Männern nicht abgeneigt und singt vor allem immer wieder zum Klang ihres Autoradios. Letzteres ist wichtig, denn es zeigt das Bedürfnis, auszubrechen und die unterschwellige Melancholie ihres Daseins zu übertönen.

Julianne Moore ergreift Besitz

Bei einer ihrer nächtlichen Eskapaden trifft sie auf Arnold (John Turturro), der ebenfalls geschieden ist, sich aus dem Netz seiner gescheiterten Ehe und deren Nachwirkungen aber nicht lösen kann. Während Gloria mit ihrem Ex-Ehemann ziemlich gelassen umzugehen versteht, lässt sich Alfred von den Forderungen seiner Ex-Frau und seiner Kinder immer wieder in die Ecke drängen. Bei einer Geburtstagsfeier und einem Ausflug nach Las Vegas zeigt sich mit aller Deutlichkeit, dass Gloria eine Entscheidung treffen muss, ob Alfred der richtige Mann in ihrem Leben ist.

„Gloria – Das Leben wartet nicht“ ist ein Julianne-Moore-Film. Sie ergreift Besitz von dieser Frau, wie es nur eine Schauspielerin von Moores Kaliber kann. Sie versteht es, das Publikum von der ersten Szene an in ihren Bann zu ziehen, nicht durch Extravaganz, sondern durch eine Vielzahl von Zwischentönen, die diese ganz und gar nicht außergewöhnliche Person faszinierend und glaubwürdig machen. Sie kann erfrischend und lustig sein, im nächsten Augenblick aber eine tiefe Traurigkeit und Verlassenheit durchscheinen lassen, die einen ins Herz trifft. „Ich mag das wirkliche Leben“, hat Moore in einem Interview gesagt; ihre Gloria ist das „wirkliche Leben“.

Moores ungehemmte, innige Verbundenheit mit der von ihr verkörperten Figur ist so vollkommen, wie man sie sich nur wünschen kann. Sie ist das vor allem deshalb, weil Ernsthaftigkeit und Humor in ihrer Darstellung auf selbstverständliche Art ineinanderfließen und Lelio zulässt, dass Moore von der Figur so komplett Besitz ergreift, als hätte sie für die Dauer der Geschichte ihre eigene Identität aufgegeben. Man muss heutzutage im Kino lange auf solche Sternstunden warten.

Eine Kritik von Franz Everschor