Was kostet die Welt – The Price of Paradise (anschließend Filmgespräch mit Regisseurin Bettina Borgdeld)

  Mittwoch, 25. September 2019 - 19:15 bis - 20:45

In Kooperation mit Fridays for Future Celle

Jeder Gast kriegt von uns das Buch
"Alles würde gut – Wie Kinder die Welt verändern können. Eine Streitschrift" von Felix Finkbeiner, dem Initiator der Stiftung Plant-for-the-Planet (Pflanzen für den Planeten), geschenkt.
Ähnlich wie bei der revista ist die Idee, dass es nach dem Lesen nicht im Bücherschrank anstaubt, sondern weiterverschenkt wird.

Greta Thunberg – Dankesrede zur Verleihung der Goldenen Kamera in Berlin am 30. März 2019
Greta Thunberg – Rede 1 bei der 24. UN-Klimakonferenz in Kattowitz im Dezember 2018

Video der großartigen Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim auch wenn sie einige Aspekte wie Tempolimit oder Fleischkonsum nicht anspricht. (26 Minuten):


Zweiter Teil nach Verkündung des Klimapakts (10 Minuten)

 

Auf der Kanalinsel Sark (5,5 km²) leben ca. 600 Menschen in einem Idyll von grünen Auen, windschiefen Bäumen, blökenden Schafen, niedrigen Häuschen – und mit einem eigenen Parlament und eigenen Gesetzen. Direkt der Krone unterstellt regierten Fischer, Gärtner und Milchbauern die Insel über die Jahrhunderte nach ihren Vorstellungen von Grundbesitz, Steuern und Recht. So blieb Sark sozusagen bis zum Jahr 2008 der letzte "feudalistisch" regierte "Staat" Europas. Der Besitz (also nicht Eigentum) von jedem der 40 Lehens-Grundstücke war mit einer Stimme im Parlament der Insel verbunden. Daher hatte kein Bewohner das Recht, mehr als ein Grundstück zu erwerben. Diejenigen, die kein Grundstück besaßen, konnten zwölf Vertreter ins 52-köpfige Parlament wählen. Dies galt so, bis zwei britische Milliardäre auf Basis von EU-Gesetzen beginnen, gegen die Gesetze der Insel juristisch vorzugehen. Die automatische Verbindung von Land & Stimme im Parlament wurde abgeschafft und seit Dezember 2008 wird das gesamte Parlament gewählt. Die beiden Milliardäre begannen hinfort, Stück für Stück der Insel aufzukaufen.
Die einstmalige Pirateninsel Sark ist so zum Schauplatz eines modernen Medien-, Finanz- und Machtkonflikts geworden – eine Parabel auf das Verhältnis von Finanzkapital und Demokratie mehr oder weniger direkt vor unserer Haustür.

ARD: ttt titel thesen temperamente vom 5. Mai 2019
"Der Filmemacherin Bettina Borgfeld ist ein außergewöhnliches Dokument gelungen – eine Parabel auf das Verhältnis von Finanzkapital und Demokratie direkt vor unserer Haustür." (Evelyn Fischer, ttt)

 

Eintritt: frei
Reservierung: 1 Euro


Deutschland 2019
Kinostart: 16. Mai 2019
91 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie/Drehbuch: Bettina Borgfeld  – Webseite von Bettina Borgfeld

Produzent: Thomas Tielsch (Thomas Tielsch war mit "Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus" im achteinhalb und kommt
am 7. November ins achteinhalb mit
"An den Rändern der Welt"

Kamera: Börres Weiffenbach, Bettina Borgfeld, Marcus Winterbauer
Musik: Daniel Sus, Peter Gabriel Byrne 
Schnitt: Mechthild Barth, Franziska von Berlepsch


Filmseite des Produzenten Filmtank (Thomas Tielsch), Filmbeschreibung von Lukas Stern zum Leipziger Dok-Festival
alle Daten zum Film auf Filmportal.de


Kritik von Ulrich Kriest im Filmdienst (3 von 5 Sternen)

Kritik auf Kino.de (5 von 5 Sternen)
Kritik von AxelB auf Kriminalakte.com

ARD: ttt titel thesen temperamente vom 5. Mai 2019
"Der Filmemacherin Bettina Borgfeld ist ein außergewöhnliches Dokument gelungen – eine Parabel auf das Verhältnis von Finanzkapital und Demokratie direkt vor unserer Haustür." (Evelyn Fischer, ttt)

Trailer (122 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst  
Engagierter und eindringlicher, wenn auch einseitig argumentierender Dokumentarfilm über das Schicksal der Kanalinsel Sark, die durch aggressive Landkäufe und andere Einflussversuche der milliardenschweren Brüder Barclay in die Abhängigkeit des Großkapitals geriet.

„Am Anfang war das Paradies“ – dieser Satz eröffnet die engagierte Dokumentation von Bettina Borgfeld (Raising Resistance) und beschreibt zugleich die Fallhöhe des Konflikts, der im Folgenden gezeichnet werden soll. Sark, die viertgrößte und dünn besiedelte britische Insel im Ärmelkanal, war lange ein Überbleibsel des Feudalismus. Weder Teil des Vereinigten Königreichs noch eine Kronkolonie, sondern als Kronbesitzung direkt der britischen Krone unterstellt, begann die Demokratisierung dort erst mit den Wahlen von 2008. Ironischerweise ist diese Demokratisierung unmittelbarer Impuls der Versuche des Finanzkapitals in Gestalt der milliardenschweren Gebrüder Barclay, sich der Insel zu bemächtigen. War zuvor das Lehen die einzige Form des Landbesitzes auf der Insel, so stritten die Investoren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mit dem Verweis auf das Grundrecht auf Eigentum.

Borgfeld zeichnet die Insel zu Beginn ihres Films als eine vormoderne Idylle leicht verschrobener Briten mit wohlgenährten Schafen, bei der man vermutet, jeden Moment bögen hier Wallace und Gromit um die Ecke. Wobei es auf Sark keinen Privatverkehr und keine Straßenbeleuchtung gibt. Aus dem Dornröschenschlaf erwachte die – nach Borgfeld – glückliche und funktionstüchtige Gemeinschaft erst, als die Brüder Barclay 1993 das Lehen für die kleine Nachbarinsel Brecqhou erwarben und von nun an begannen, ihren Einfluss auf Sark mittels diverser Gerichtsverfahren und Investitionen auszuüben. Viele Dinge wie beispielsweise die überkommene Regelung der Erbfolge auf der Insel hielten den Maßstäben des 21. Jahrhunderts nicht stand und mussten geändert werden.

Die Barclays sicherten sich große Teile der Insel

Die so öffentlichkeitsscheuen wie klagefreudigen Barclays kauften die meisten der auf der Insel befindlichen Hotels auf und rüsteten sie zu Luxus-Resorts auf, betrieben Weinbau und kandidierten über Mittelsleute für das Insel-Parlament. Nach und nach sicherten sich die Milliardäre soviel Besitz auf der Insel, dass sie, als sie keinen Erfolg bei der Parlamentswahl hatten, das Inselleben gewissermaßen paralysieren konnten. Auch gründeten sie eine Inselzeitung, die dazu diente, das politische System auf der Insel und deren Exponenten durch Nazi-Vergleiche zu diskreditieren.

Kurzum: Binnen weniger Jahre gelang es den Barclays durch eine brisante Mischung von ökonomischer Stärke, politischer Cleverness und expliziter Asozialität Zwietracht zu säen und die über Jahrhunderte gewachsene und auf „Vertrauen“ basierende politische Kultur Sarks zu zerstören. Mit dem Damoklesschwert, jeden sich artikulierenden Widerstand mit kostspieligen Gerichtsverfahren zu überziehen, wurde letztlich sogar die Redefreiheit tangiert.

Da die Barclays als Gesprächspartner dem Film nicht zur Verfügung standen, bleibt deren Motivation Spekulation. Hatte es zunächst den Anschein, dass die Insel, von London wie Paris mit dem Helikopter erreichbar, in eine Art von Luxus-Resort für Milliardäre verwandelt werden sollte, so wurde durch diese Aktivität zunächst einmal der traditionell entschleunigte Tourismus der Insel beschädigt. Durch weitere Investitionen auf Sark – heute verfügen die Barclays etwa über ein Drittel des Bodens – wurde die Gemeinschaft erpressbar. Weil Sark nicht Monaco ist, schien das Konzept des Luxus-Tourismus gescheitert, doch der Film und seine Protagonisten suggerieren vielmehr, dass es wohl eher darum geht, ein Steuerparadies mitten in Europa zu schaffen.

Gierige Superreiche und käufliche Opfer 

Der Film platziert an zentraler Stelle das Bild einer Klasse von gierigen Superreichen, die ohne „Contrat social“ rücksichtslos ihre Interessen verfolgen. Was deren Handeln in die Hände spielt, ist die Käuflichkeit ihrer „Opfer“. So einseitig „Was kostet die Welt“ auch Stellung bezieht – dass es bereits in den 1950er-Jahren auf der Insel Konflikte um Machtakkumulation, Demokratie und Transparenz gab, erwähnt der Film nicht –, so macht er doch klar, wie fragil und schutzlos eine funktionierende Gemeinschaft dem Einfluss des Kapitals entgegensteht. Wie heißt es einmal so schön resigniert: „Ohne Gemeinschaft ist die Insel nur ein Felsen.“

Einer Gruppe von Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich bei einem aussichtslosen Kampf erschöpfen, löst beim Zuschauer mehr aus als Melancholie. Dass sie diesen Aktivitäten schutzlos ausgeliefert sind, dass die Krone, der britische Staat oder die Justiz keinerlei Veranlassung sehen, hier zu intervenieren, überrascht zwar nicht, sollte aber vielleicht über moralische Empörung doch allmählich einmal politische Konsequenzen zeitigen. Zum Beispiel, wenn es demnächst mal wieder ans Wählen geht.

Eine Kritik von Ulrich Kriest