Leviathan

Freitag, 24. April 2015 - 20:30

Eintritt: 5,00 €

Russland 2014
Kinostart: 12. März 2015
141 Minuten
FSK: ab 12; f
Produktion: Alexander Rodnyansky, Sergey Melkumov, Marianna Sardarova    
Regie: Andrey Zvyagintsev    (von Zvyagintsev lief im achteinhalb bereits "Die Rückkehr")
Buch: Oleg Negin, Andrey Zvyagintsev    
Kamera: Mikhail Krichman    
Musik: Philip Glass    
Schnitt: Anna Mass  
 
Darsteller: Alexey Serebryakov (Kolja), Elena Lyadova (Lilya), Vladimir Vdovitchenkov (Dmitri), Roman Madyanov (Vadim Chelevlat), Anna Ukolova (Angela), Alexey Rozin (Pacha), Sergey Pokhodaev (Roma)    

Auszeichnungen:
Cannes 2014: Bestes Drehbuch
Golden Globe 2015: Bester fremdsprachiger Film
Nika (Russischer nationaler Filmpreis) 2015: Beste Hauptdarstellerin Jelena Ljadowam

Filmhomepage, WIKIPEDIA, Programmkino.de
Pressespiegel 

Kurzkritik Filmdienst

Der korrupte Bürgermeister einer kleinen russischen Stadt setzt alle Mittel politischer Repression ein, um einem sturköpfigen Mechaniker dessen markant an der Barentsee gelegenes Landstück abzujagen. Dessen Auflehnen gegen die Autorität scheint angesichts der umfassenden Verflechtung der staatlichen Organe und ihrer Sanktionierung durch die orthodoxe Kirche von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Das in überwältigenden Bildern fotografierte Drama gibt sich durch erzählerische und visuelle Details als moderne Variation der biblischen Hiobsgeschichte zu erkennen, wobei es das wieder erstarkende Bündnis aus Klerus und Nomenklatura als ein alles verschlingendes Ungeheuer kritisiert. - Sehenswert ab 16

Trailer:


 

KinoKino vom Bayerischen Rundfunk über Leviathan:
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ausführliche Kritik Filmdienst

Die Quintessenz von „Leviathan“ ist simpel: Ein kleiner Mann lehnt sich gegen ein riesiges Machtkonstrukt auf. In den atemberaubenden Bildern des Kameramanns Michail Kritschman und mit narrativen wie filmischen Details fächern Regisseur Andrey Zvyagintsev und sein Co-Autor Oleg Negin durch teils recht bissige Andeutungen den simplen Plot auf und geben ihm eine beängstigende Tiefenschärfe.
Im Zentrum steht Kolya, ein auf den ersten Blick ehrlicher, aber schnell aufbrausender Mann. Er lebt mit seiner Frau Lilya und seinem Sohn aus erster Ehe in einem kleinen Küstenstädtchen an der Barentsee. Sein markant über dem Wasser gelegenes Land befindet sich seit Generationen im Besitz seiner Familie. Als der Bürgermeister, der unbedingt die nächste Wahl gewinnen will, sich das Grundstück mit Hilfe einer korrumpierten Justiz unter den Nagel reißen will, versucht sich Kolya zunächst auf legalen Wegen dagegen zu wehren.
Bei näherer Betrachtung entpuppt sich Kolyas Figur als moderne Hiob-Variante, die gleichsam von außen geprüft und in ihrem Glauben herausgefordert wird. Im Gegensatz zur biblischen Gestalt zweifelt Kolya aber weniger an Gott im religiösen Sinn. Er verliert sich auch nicht in Selbstmitleid über die Ungerechtigkeit der Welt. Es geht vielmehr um den Glauben und die Zweifel am Menschen und dem sozial konstruierten Raum, in dem er lebt. Gleichzeitig verkörpert Kolya aber auch eine Art Michael Kohlhaas, der aktiv gegen die Ungerechtigkeit der bestehenden Gesetze ankämpft.
Von Anfang ist aber spürbar, wie unwahrscheinlich ein Erfolg der Auflehnung gegen autoritäre und korrupte Staatsgewalten ist. Kolyas Anwalt und Freund Dmitri begleitet ihn zu einer Anhörung ins Gericht. Hier wird man Zeuge der Undurchdringbarkeit einer bestechlichen Bürokratie: In einem nicht enden wollenden Monolog rattert die Richterin monoton den Sachverhalt herunter. So fassungslos Kolya und die Seinen im Gerichtssaal stehen, so statisch blickt die Kamera in ihre Gesichter. Ein kurzer Schnitt auf den Flur macht deutlich, dass das Urteil längst feststeht. Das ist der Beginn einer Abwärtsspirale, die kein Ende zu finden scheint.
Michail Kritschmans überwältigende Bildgestaltung spiegelt das Innenleben Kolyas und das seiner Nächsten, aber auch das rauhe autoritäre Klima. Intime, nahe Einstellungen zeigen Privates und Familiäres, während weite Bilder die Attacken des riesigen dunklen Meeres gegen die karge, menschenarme, faszinierend-dramatische Landschaft einfangen: der mythisch anmutende, aber sich real auswirkende Leviathan verschlingt den gewöhnlichen Menschen. Die Einstellungen sind häufig lang und weit, Nahaufnahmen aus der Natur zeigen riesige Wal-Skelette, der Strand wirkt wie ein großer Friedhof. Eine cineastische Allegorie der Hoffnungslosigkeit.
Auch auf inhaltlicher Ebene spiegelt sich die Aussichtslosigkeit des Aufbegehren gegen den Leviathan, das alles verschlingende Ungeheuer des staatlichen Systems, wenngleich der Film zahllose bissige Spitzen abfeuert. Und zwar gegen jenes opportune System, das sich das Prinzip der natürlichen Auslese als unerträgliches soziales Selektionsprinzip zunutze macht. So schießen Kolya und seine Freunde bei einem Ausflug nur auf Porträtbilder ehemaliger russischer Politiker; für aktuelle Amtsinhaber, so ein Freund Kolyas, sei es noch zu früh. Auch wenn weder Putin noch Medwedjew als Zielscheiben dienen, handelt es sich um mehr als eine Metapher: politische Aussagen werden sichtbar. In einer anderen Szene berichtet das Fernsehen im Hintergrund über die regierungskritische Band „Pussy Riot“. Und immer wieder versichert sich der Bürgermeister der Gunst und Protektion der einflussreichen russisch-orthodoxen Kirche.
Der Film spricht in diesen kritischen Bezügen für sich und bietet darüber hinaus pointierte politisch-kulturelle Interpretationsansätze. So universell die Geschichte über Auflehnung gegen Ungerechtigkeit auch ist, so sehr ist „Leviathan“ ein Kommentar zur aktuellen russischen Gesellschaft und dem politischen System. Der Regisseurs und die anderen Beteiligten am Film halten sich mit politischen Wortmeldungen auffällig zurück. Nicht zuletzt die abneigende Reaktionen der Kulturbürokratie (mitsamt zensorischen Drohungen) deuten aber darauf hin, dass der Film einen elementaren Nerv getroffen hat. Am Ende ist „Leviathan“ vielleicht kein Hoffnungsträger, aber eine rare cineastische Momentaufnahme, ein ästhetisches und politisches Statement.
Jennifer Borrmann, FILMDIENST 2015

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