Am Sonntag bist du tot

Freitag, 05. Dezember 2014 - 20:30

Eintritt: 5,00 €

Originaltitel: Calvary  (wobei hier mit dem Kalvarienberg Golgatha, die Hinrichtungsstätte Jesus Christus, gemeint ist)
Komödie/Dramödie Irland 2014
Kinostart: 30. Oktober 2014
105 Minuten
FSK: ab 16; f
FBW: Prädikat besonders wertvoll 
 
Regie/Drehbuch: John Michael McDonagh    
Kamera: Larry Smith    
Musik: Patrick Cassidy    
Schnitt: Chris Gill  
 
Darsteller: Brendan Gleeson (Father James Lavelle), Chris O'Dowd (Jack Brennan), Kelly Reilly (Fiona Lavelle), Aidan Gillen (Dr. Frank Harte), Dylan Moran (Michael Fitzgerald), Isaach de Bankolé (Simon), M. Emmet Walsh (Autor), Marie-Josée Croze (Teresa), Domhnall Gleeson (Freddie Joyce), David Wilmot (Father Leary), Pat Shortt (Brendan Lynch), Gary Lydon (Inspector Stanton), Killian Scott (Milo Herlihy), Orla O'Rourke (Veronica Brennan), Owen Sharpe (Leo)

Verleih: Ascot Elite über 24 Bilder, KDM, Scope, 110.000

Filmhompage, Wikipedia, Programmkino.de, EPD-Filmmagazin, Filmgazette (9 Punkte!) 
Pressespiegel

Kinotipp der katholischen Filmkritik Oktober 2014 
Evangelische Filmjury: FILM DES MONATS Oktober 2014

Kurzkritik Filmdienst

Im Beichtstuhl erfährt ein irischer Priester, dass er getötet werden soll, um für die Verfehlungen eines Amtsbruders zu büßen, der den Beichtenden als Kind sexuell missbraucht hat. Dem Pfarrer bleiben sieben Tage, um seine Angelegenheiten und die der Gemeinde zu regeln. Der Film zeichnet ein vielschichtiges Bild des Priesters, der seine Aufgaben wichtiger nimmt als die persönliche Bedrohung. Die zwischen Situationskomik und Tiefgründigkeit changierende Inszenierung bringt durch bildhafte Verdichtungen, dezente symbolische Andeutungen und ein verstörendes Ende eine christliche Auseinandersetzung um Schuld, Sühne und Vergebung ins Spiel, die das Drama zu einer Herausforderung fürs Publikum macht. - Sehenswert ab 14.

 

Trailer:

ausführliche Kritik Filmdienst

Father James sitzt sonntags im Beichtstuhl, den Blick leinwandfüllend Richtung Zuschauer gewandt. Der nicht sichtbare Mann, der die Kabine betritt, will seine Seele erleichtern, aber keineswegs beichten. Er sei als Kind fünf Jahre lang beinahe täglich von einem Priester missbraucht worden. Durch die ruhige, aber feste, deklamierende Stimme legt sich die Miene von Father James in Falten. Der Täter sei längst nicht mehr unter den Lebenden, was jedoch nicht weiter tragisch ist. Warum auch einen bösen Priester richten? Was für ein banales Statement soll das denn sein? Warum nicht stattdessen einen Gutes bestrafen, einen wie Father James? Ja, das ist eine gute Idee, Father James soll es sein! Father James soll in genau sieben Tagen am Dorfstrand sterben. Eine Woche habe der Priester Zeit, seine Dinge zu regeln und mit sich ins Reine zu kommen. Dann werde das Gute zerstört, so wie einst das Gute in jenem kleinen Jungen zerstört wurde, der ihm jetzt als Erwachsener gegenüber sitzt. Schwarzblende.

John Michael McDonaghs Drama „Am Sonntag bist du tot“ beginnt ruhig, aber mit einem Paukenschlag! Der Schock sitzt tief. Doch erstaunlicherweise nicht bei Father James, der zwar seinen Erzbischof informiert, aber nicht die Polizei. Der Priester hat in seiner Gemeinde am Ende der Welt im irischen County Sligo zwar einen schweren Stand, aber alle Probleme immer noch geregelt bekommen. Der rothaarige Bär geht seinen „Geschäften“ nach, als sei nichts gewesen, und die sind in dem Dorf – mit all den vielen schrägen Vögeln – mehr als auslastend. Als wären die Probleme im Hier und Jetzt nicht schon groß genug, ist da auch noch seine erwachsene Tochter Fiona. Sie, die in London lebt, ist seit langem mal wieder auf Besuch und bringt ein anderes Leben in Father Jamesʼ Erinnerungen zurück. Der plötzliche Tod seiner Frau hatte einst den Anstoß gegeben, Priester zu werden; was die Beziehung zu seiner Tochter über die Jahre nicht einfacher gemacht hat.

Der Schock sitzt immer noch tief – vor allem beim Zuschauer. Denn so kauzig, bissig, intelligent und abenteuerlich auch die Zwiegespräche zwischen dem Priester und seinen Schäfchen sind, die Tage vergehen und der angekündigte Tod rückt näher. Im Gegensatz zum Priester kennt der Zuschauer weder den potenziellen Täter, noch weiß er um die Gedanken, die wirklich in Father James rumoren. Und dann ist wieder Sonntag!

„Am Sonntag bist du tot“ ist kein Film wie andere. Andere hätten daraus ein entrücktes Psychodrama gemacht, eine rüde Kirchenschelte oder ein ruppiges Rachedrama. Doch der Film ist nichts dergleichen und doch von allem ein bisschen. McDonagh, der auch das Drehbuch schrieb, besitzt die Chuzpe, den Zuschauer nach dem Prolog zunächst erst mal in eine skurrile irische Welt voller Eigenbrötler zu entführen. Situationskomik wechselt mit beiläufiger Tiefgründigkeit. Ein wenig Agatha Christie weht durch das irische Dorf, wenn man ein ums andere Mal überlegt, wer denn der potenzielle Täter sein könnte.
Doch McDonagh will mehr als nur eine schwarze Komödie. Er zieht die Schraube an. Die Gespräche werden ernster, existentieller. Und der Unbekannte gibt mit unbarmherziger Härte zu erkennen, dass er es ernst meint.
Ein Guter soll sterben, wie einst auf Golgatha! „Calvary“, so der Originaltitel des Films, bezeichnet im Englischen jenen Berg, auf dem Jesus für die Sünden der Welt büßen musste. Es ist eine Schande, dass der deutsche Verleih dem Film durch seine Umtitelung diesen Bezug raubt.

Nicht wenige Autoren wären an dem Anspruch, den das Thema impliziert, gescheitert. Nicht so McDonagh, der bei allem Ernst die Ernsthaftigkeit nicht ausstellt. Immerhin kommt er von der Unterhaltung und hat zuvor 2010 den auf der „Berlinale“ zum Publikumshit avancierten „The Guard – Ein Ire sieht schwarz“ inszeniert; ebenfalls mit Brendan Gleeson in einer denkwürdigen Hauptrolle. Gleeson ist auch in „Am Sonntag bist du tot“ ein Ereignis; sein Father James eine fleckige, gebrochene Lichtgestalt. Gleeson formt seinen Charakter als Fels in der Brandung, der innerlich fragil ist, wie sprödes Glas. Immer um Contenance bemüht, auch wenn die Explosion vielleicht die bessere Wahl wäre, wird er zerrieben zwischen der eigenen Vita, dem kirchlichen Auftrag und der menschlichen Fehlbarkeit.
McDonagh will den Zuschauer intelligent unterhalten, aber auch, dass er sich mit Schuld und Sühne, dem Übernehmen von Verantwortung und vor allem mit Vergebung auseinandersetzt. Der Schluss provoziert jedenfalls so sehr, dass man sich noch lange nach dem Abspann mit dem Stoff und seiner Inszenierung beschäftigen wird.
Jörg Gerle, FILMDIENST 2014/22

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