Lockdown: Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden (Ventajas de viajar en tren)

  Freitag, 06. November 2020 - 20:30 bis - 22:30
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Solange die Corona-Vorschriften gelten, haben wir keine Abendkasse, sondern vergeben unsere wenigen Karten via Reservierung. Reservieren können Sie entweder über unsere Reservierungsfunktion oder per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Reservierungen sind bis 18 Uhr des Veranstaltungstages möglich. Laut Verordnung sind Gruppen bis zehn Menschen zulässig, daher können maximal zehn Karten reserviert werden.
Aufgrund der Abstandsregelung bieten wir weniger Plätze an: Sehr wenige Plätze für den Fall, dass alle einzeln kommen und dementsprechend mehr Plätze, wenn die Leute zu zweit, dritt, viert, etc. kommen, da innerhalb dieser Konstellationen (von 2 bis 10) kein Abstand gewährt werden muss. Wenn Sie Ihre Reservierung nicht wahrnehmen können, wäre eine Absage per Email das Beste. Einlass ist ab 20 Uhr.
Da wir gemäß Verordnung wesentlich weniger Plätze anbieten können als vorher, haben wir den Eintrittspreis von 5 auf 7,50 Euro erhöht.
Im Sitzen besteht in Kinos keine Maskenpflicht; im Stehen und Gehen besteht Maskenpflicht.

Die RWLE Möller Stiftung hat uns für ca. 4.500 Euro einen nach der EU-Norm EN1822-1 zertifizierten H14-Schwebstofffilter finanziert. Das ist, was Viren, Bakterien, Keime (und Staub!) angeht, wesentlich effektiver als Lüften, da nachweislich 99,995 % aller Viren aus der Luft herausgefiltert werden. Selbst die besonders schwierig
abzuscheidenden Aerosolpartikel zwischen 0,1 und 0,3 Mikrometer Durchmesser werden zu 99,995 Prozent aus der Luft abgeschieden. Mit anderen Worten: von 100.000 Viren verbleibt nur eins in der Luft. Da ein Mensch aber bis zu 2000 Viren einatmen kann, ohne sich zu infizieren, wäre diese eine von hundertausend verbliebene völlig ungefährlich. Das Gerät verbrennt anschließend das Filtersubstrat bei 100 Grad. Unseres Wissens ist bisher eh keine einzige Infektion in Kinos belegt vermutlich da in Kinos weder feuchtfröhlich und laut gesprochen, noch sich sonderlich in den Armen gelegen wird. Das wird auch der Grund sein, warum Kinos und Theater von den aktuellen Schließungen z. B. in Frankreich oder in Hamm nicht  betroffen sind.

Laut Verordnung ist der Besuch des Kinos nur statthaft, wenn Sie uns Ihre Kontaktdaten anvertrauen. Wir haben eine Aufbewahrungspflicht von drei Wochen. Danach werden die Formulare umgehend vernichtet. Es wäre schön, wenn Sie unser Kontaktformular ausdruckten und ausgefüllt mitbrächten oder uns zumailten. Wir haben Kopien dieser Formulare natürlich auch im Kino vorrätig.

 

Eintritt: 7,50 €

Spanien 2019
Kinostart: 20. August 2020
103 Minuten
FSK: ab 16; f

Regie: Aritz Moreno
Drehbuch: Javier Gullón
Kamera: Javier Agirre  
Musik:  Cristobal Tapia de Veer
Schnitt: Raúl López

Darsteller: Luis Tosar (Martín Urales de Úbeda) · Pilar Castro (Helga Pato) · Ernesto Alterio (Ángel Sanagustín) · Quim Gutiérrez (Emilio) · Belén Cuesta (Amelia Urales de Úbeda) · Macarena García (Rosa) · Javier Godino (Cristóbal de la Hoz) · Javier Botet (Gárate)

Filmwebseite, WIKIPEDIA    

Kritiken:
Kritik von Manfred Riepe im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Arno Raffeiner auf Kunst und Film (4 von 6 Sternen)
Kritik von Wolfgang Hamdorf im Filmdienst (4 von 5 Sternen)
  
Kritik von Peter Osteried auf Programmkino.de (Gilde deutscher Filmkunsttheater)
Kritik von Maria Wiesner in der FAZ
Kritik von Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung


Trailer (101 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst
Ein surrealistisch-verschachtelter Film um einen angeblichen Psychiater, der während einer Zugfahrt mit seinen Erzählungen bei einer Mitreisenden Erinnerungen an das Scheitern ihrer großen Liebe auslöst.

Helga Pato (Pilar Castro) sitzt im Großraumabteil eines Schnellzugs und schaut auf die vorbeirauschende Landschaft. Sie hat gerade ihren Mann (Quim Gutierréz) in der Psychiatrie abgeliefert. Da nimmt ein elegant gekleideter Herr (Ernesto Alterio) auf dem freien Sitz gegenüber Platz und stellt sich als Àngel Sanagustin vor. Er sei Psychiater und arbeite in der Klinik, in der Helga ihren Mann zurückgelassen hat. Doch die Geschichte, die er ihr erzählen wolle, sei eine ganz andere. Sie führt in die Abgründe der menschlichen Seele eines Mannes, der nicht einmal sein Patient war. Dieser Martín Urales de Úbeda (Luis Tosar) zog als spanischer Soldat in den Kosovo und ist dort verschwunden, nachdem er mit dunklen Geheimnissen konfrontiert wurde. Etwa dem einer befreundeten Kinderärztin, die sich prostituierte, um Geld für ihr Kinderkrankenhaus zu erhalten, dann aber beseitigt wurde, weil sie einem brutalen Porno-Ring zu nahe kam. Úbeda stieß bei seinen Nachforschungen auf eine große Verschwörung, die über die Müllabfuhr organisiert war. Mit der hat auch Úbeda mehr zu tun, als er zugeben will.

Der Müll, die Macht und der Tod: Úbedas Geschichte ist eben so schrecklich wie zweifelhaft. Sanagustin will sie über einen Brief von Úbedas Schwester erfahren haben. Als er sie besucht, gerät er in eine tödliche Falle.

Ein Labyrinth aus Geschichten

Die Paranoiker und ihre gefährlichen Geschichten, sagt Sanagustin, und hat damit recht, wenn auch auf eine Weise, die sich erst nach und nach erschließt. Denn immer, wenn man in diesem Film glaubt, alles zu wissen, öffnet sich eine neue Tür, hinter der sich eine komplett andere Perspektive der Geschichte verbirgt. „Das klingt schon ein wenig seltsam, zugegeben. Aber das ist noch gar nichts“, sagt Sanagustin, und seine Erzählung löst in seiner Zuhörerin tatsächlich Erinnerungen an ihre eigene Geschichte aus: ihre Liebe zu einem wortkargen Hundefreund, einem Kioskbesitzer, an den sie sich schnell gebunden hat. Doch der ließ sie durch schleichende Erniedrigungen immer mehr zum Hund werden, bis sie sich kaum noch aus dieser Sklaverei befreien konnte.

Auch das kleine Eigenheim im bürgerlichen Wohnviertel mit dem gigantischen Müllberg verbirgt noch ganz andere Geheimnisse, als sie in den Erzählungen des vermeintlichen Psychiaters vorkommen. Und dann gibt es noch einen anderen Mann, der auch eine Geschichte erzählen will.

Dreiste Lügen eines sympathischen Erzählers

„Ventajas de viajar en tren“, in Deutschland als „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ betitelt, ist ein Film über das Erzählen, über das kreative Fabulieren, das Spinnen von Erzählfäden und das Weben ganzer Geschichten. Das Debüt des baskischen Regisseurs Aritz Morena zeichnet sich durch eine labyrinthische Erzählstruktur aus: die Geschichten fließen ineinander, Wahrheiten entpuppen sich als dreiste Lügen, der glaubwürdige, sympathische Erzähler wird bald fragwürdig.

Das Drehbuch von Javier Gullón basiert auf dem gleichnamigen Roman von Antonio Orejudo und ist wie eine Zwiebel gebaut, bei der sich hinter jeder Schale eine andersfarbige Haut offenbart. Das erinnert an die opulenten Erzählungen des 19. Jahrhunderts, an Romane wie „Die Handschrift von Saragossa“, die auch schon die Filme von Luis Buñuel geprägt haben. Die geradezu unheimliche Höflichkeit der Protagonisten und die Beiläufigkeit des Grotesken und Grauenvollen erinnert ebenfalls an Bunuel, wie auch das Zugabteil als Angelpunkt der Erzählung.

Morena knüpft aber auch an die Tradition der volkstümlichen spanischen Komödie an, deren schwarzen Humor und ihre grotesken Übertreibungen er mit Elementen des Thrillers und des Horrorfilms verbindet. Die bewegte Kamera des baskischen Bildgestalters Javier Agirre schafft albtraumartige Perspektiven; die Liebe zum Detail lässt eindringliche Atmosphären entstehen.

Guter Kumpel, doppelter Boden

„Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ lebt aber auch von einem dynamischen Schauspielerensemble, mit Luis Tosar als galizischer Bösewicht, ein guter Kumpel mit doppeltem Boden, Ernesto Alterios, dem Sohn des argentinischen Charakterdarstellers Hector Alterio, der bodenständigen, sinnlichen Pilar Castro und Quim Gutierrez als ebenso manischer wie beschränkter Hundefreund.

Im Kontext eines von Genrekonventionen geprägten spanischen Kinos ist „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ ein herausragendes Werk, weit entfernt von jeder dramatischen und emotionales Vorhersehbarkeit wie auch von jeglichem psychologischen Realismus.


Eine Kritik von Wolfgang Hamdorf