Corpus Christi

  Freitag, 16. Oktober 2020 - 20:30 bis - 22:30

Kino achteinhalb hatte beschlossen, seinen Betrieb am Freitag, den 13. März, einzustellen und nun, ihn am Donnerstag, den 8. Oktober, wieder aufzunehmen. 
Folgende Änderungen haben wir vorgenommen:
Solange die Corona-Vorschriften gelten, haben wir keine Abendkasse, sondern vergeben unsere wenigen Karten via Reservierung. Sie können Ihre Karten entweder über unsere Reservierungsfunktion oder per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! reservieren. Bis 18 Uhr des Veranstaltungstages sind Reservierungen möglich. Laut Verordnung sind Gruppen bis zehn Menschen zulässig, daher können von einer Person maximal zehn Karten reserviert werden. Aufgrund der Abstandsregelung bieten wir weniger Plätze an: Sehr wenige Plätze für den Fall, dass alle einzeln kommen und dementsprechend mehr Plätze, wenn die Leute zu zweit, dritt, viert, etc. kommen, da innerhalb dieser Konstellationen (von 2 bis 10) kein Abstand gewährt werden muss, zwischen den diversen Konstellationen aber schon. Wir haben eine Reihe komplett rausgenommen, so dass insgesamt acht rote Sessel weniger im Kino stehen als vor Corona. Auch wenn wir unter den aktuell gültigen Abstandsregeln maximal 26 Plätze (vorausgesetzt es gäbe genügend Dreier-Gruppen) vergeben dürften, haben wir beschlossen, die maximale Anzahl für das Jahr 2020 auf 18 Karten zu begrenzen. Wenn Sie Ihre Reservierung nicht wahrnehmen können, wäre eine rechtzeitige Absage per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bis spätestens 18 Uhr für uns das Beste. Einlass ist ab 20 Uhr. Ihre Karten zahlen Sie bitte bar im Kino.
Da wir gemäß Verordnung wesentlich weniger Plätze anbieten können als vorher, haben wir den Eintrittspreis von 5 auf 7,50 Euro erhöht.
Im Sitzen besteht in Kinos keine Maskenpflicht; im Stehen und Gehen besteht Maskenpflicht.

Die RWLE Möller Stiftung hat uns für ca. 4.500 Euro einen zertifizierten (EU-Norm EN1822-1) H14-Schwebstofffilter finanziert. (Wir haben ausschließlich Raumluftreiniger in Betracht gezogen, die zertifiziert sind und sich einer neutralen wissenschaftlichen Studie unterzogen haben und somit auch eindeutige Aussagen treffen, über die Filterleistung und wie viel Kubikmeter in der Stunde umgewälzt werden.) Das ist, was Viren, Bakterien, Keime (und Staub!) angeht, effektiver als Lüften, da nachweislich 99,995 % aller Viren aus der Luft herausgefiltert werden. Selbst die besonders schwierig abzuscheidenden Aerosolpartikel zwischen 0,1 und 0,3 µm Durchmesser (also  Viren) werden zu 99,995 Prozent aus der Luft abgeschieden. Mit anderen Worten: von 100.000 Viren verbleibt nur eins in der Luft. Da wir Menschen aber mehrere hundert Viren einatmen können, ohne uns zu infizieren, wäre dieses etwaige eine von hunderttausend verbliebene völlig ungefährlich. Das Gerät verbrennt (als einziges Gerät weltweit), anschließend das Filtersubstrat bei 100 Grad, so dass es nicht als "Virenschleuder" fungieren kann. Der Hersteller Trotec (pikanterweise aus Heinsberg) produziert von diesem Raumluftreiniger ca. 1000 Geräte die Woche, von denen zahlreiche in den Export gehen. Wir sind laut Trotec das erste Kino mit so einem Filter sowie ihr erster Kunde im Landkreis Celle. Entwickelt wurden die Filter über Ostern und sind bereits im Mai in Produktion gegangen. Wir erfuhren davon, als der Heinsberger Landrat Stephan Pusch am 19. März bei Markus Lanz davon erzählte und haben uns dann nach Heinsberg aufgemacht und Trotec besucht. Wir sind laut Trotec das erste Kino mit so einem Filter sowie ihr erster Kunde im Landkreis Celle. Laut Spiegel soll übrigens in Schweden mittlerweile so gut wie jedes Klassenzimmer mit Luftfiltern ausgestattet sein ... Unseres Wissens ist bisher aber eh keine einzige Infektion in Kinos belegt vermutlich da in Kinos weder feuchtfröhlich und laut gesprochen, noch sich sonderlich in den Armen gelegen wird. Das wird auch der Grund sein, warum Kinos und Theater von den Schließungen im September in  z. B. Frankreich oder auch in Hamm nicht betroffen sind.
("Nicht von aktuellen Maßnahmen betroffen sind Kulturveranstaltungen und das Kino sowie alle Sporteinrichtungen inklusive der Bäder. Als Grund führt der OB an, dass diese Orte bislang nicht als Infektionsherde aufgefallen sind." – Westfälischer Anzeiger aus Hamm vom 22. September)
Laut der niedersächsischen Corona-Verordnung vom 25. September ist der Besuch des Kinos nur statthaft, wenn Sie uns Ihre Kontaktdaten anvertrauen. Ihre Kontaktdaten verwahren wir in einem verschlossenen Kuvert, das mit Filmtitel und Tagesdatum sowie dem Datum, an dem es verschlossen geschreddert wird, beschriftet ist. Bei Filmbeginn wird das Kuvert zugeklebt. Wir haben eine Aufbewahrungspflicht von drei Wochen, danach wird das verschlossene Kuvert umgehend geschreddert. Es wäre schön, wenn Sie unser Kontaktformular ausdruckten und ausgefüllt mitbrächten. Wir haben Kopien dieser Formulare natürlich auch im Kino vorrätig.

Artikel der CZ vom 8. Oktober über den Restart des achteinhalbs und den Raumluftfilter 

 

Eintritt: 7,50 €

Polen 2019
Kinostart: 3. September 2020
115 Minuten
FSK: ab 16; f
Kinotipp der katholischen Filmkritik

Regie: Jan Komasa  
Drehbuch: Mateusz Pacewicz

Kamera: Piotr Sobocinski Jr.  
Musik: Evgueni Galperine und Sacha Galperine 
Schnitt: Przemyslaw Chruscielewski 


Darsteller: Bartosz Bielenia (Daniel) · Aleksandra Konieczna (Lidia) · Eliza Rycembel (Marta) · Tomasz Zietek (Pinscher) · Barbara Kurzaj (Witwe) · Leszek Lichota (Bürgermeister) · Zdzislaw Wardejn (Priester Wojciech Golab) · Lukasz Simlat (Priester Tomasz) · Tomasz Wlosok (Kuba) · Juliusz Chrzastowski (Polizist)

FilmwebseiteWIKIPEDIA   

Kritiken:
Kritik von Gerhard Midding im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Anne-Katrin Müller auf Kunst und Film (6 von 6 Sternen)
Kritik von Ralf Schenk im Filmdienst (4 von 5 Sternen)
  
Kritik von Dieter Oßwald auf Programmkino.de (Gilde der Filmkunsttheater)

"Der aktuelle polnische Film" Artikel von Jörg Taszman in EPD-Film


Trailer (121 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst   
Drama um einen jungen Mann, der nach seiner Haftentlassung in die Rolle eines polnischen Dorfpfarrers schlüpft und Gutes bewirkt, weil er mit einer Tragödie auf seine unkonventionelle Weise umgeht. 

Nach Pawel Pawlikowskis Filmen „Ida“ (2013) und „Cold War“ (2018) sorgt derzeit ein weiterer polnischer Film auf nationalem wie internationalem Parkett für Furore: „Corpus Christi“ von Jan Komasa. Der Preisregen bei den polnischen Filmpreisen, wo das Drama zehn von 15 möglichen Trophäen auf sich vereinte, war nur ein weiterer Höhepunkt seiner Erfolgsgeschichte. Seit der Uraufführung bei den Filmfestspielen in Venedig 2019 lief die Studie auf mehr als 60 Festivals weltweit, wurde für den Auslands-„Oscar“ nominiert und in über 50 Länder verkauft. Tatsächlich gab es unter den mehr als 70 polnischen Spielfilmproduktionen des Jahres 2019 keine einzige Arbeit, die es vom intellektuellen Anspruch und der formalen Souveränität her auch nur annähernd mit „Corpus Christi“ hätte aufnehmen können.

Ein „falscher“ Priester

Neben den Preisen der Fachjurys – unter anderem als bester Film, für die beste Regie, die beste Kamera, den besten Schnitt und die besten Haupt- und Nebendarsteller – erhielt „Corpus Christi“ auch den Publikumspreis. Das ist ein deutliches Indiz dafür, dass Komasa und seine Mitstreiter bei den polnischen Zuschauern einen Nerv getroffen und vielleicht sogar dazu beigetragen haben, offene Wunden zum Heilen zu bringen. Ihre Hauptfigur Daniel ist ein „falscher“ Priester, also keiner von jenen tatsächlichen kirchlichen Würdenträgern, die wie in dem vieldiskutierten Erfolgsfilm „Klerus“ (2018) von Wojciech Smarzowski alkoholsüchtig sind, Kinder missbrauchen und streng verbotene Kontakte zu homosexuellen Seilschaften unterhalten. Ganz im Gegenteil: Daniel versieht seinen selbsterwählten Dienst ohne Arg, unorthodox und verantwortungsvoll, sehr nahe an denen, die seines Zuspruchs und seines Trostes bedürfen.

Wer, so fragt der Film, darf eigentlich im Namen Gottes sprechen? Nur die Vertreter der tradierten, aber in heftiger Kritik stehenden Institution Kirche? Oder nicht auch derjenige, der zwar ohne jede Ausbildung ist, aber sich dennoch berufen fühlt, durch Worte und Gesten Gutes zu tun für die Menschen seiner Umgebung? Lädt Daniel, indem er sich das Gewand des Priesters überstreift, Schuld auf sich? Bewirkt sein Tun nicht gleichzeitig auch Vergebung?

Outlaws können nicht Pfarrer werden

Daniel ist 20 und zu Beginn des Films hinter Gittern. Warum er in Jugendhaft sitzt, weiß man nicht genau, es könnte Rowdytum gewesen sein. Drinnen dient er dem charismatischen Gefängnispater als Messdiener, schnappt dabei die eine oder andere Gebetsformel auf, findet Gefallen an den Predigten, würde nach der Haftstrafe selbst gerne in ein Seminar eintreten. Doch Outlaws wie er, so erfährt er, haben keine Chance, Geistliche zu werden. Als er zur Bewährung in ein ostpolnisches Provinznest geschickt wird, um dort in einem Sägewerk zu arbeiten, hat er eine geklaute Kutte bei sich. Im fremden Dorf gibt er sich instinktiv als neuer Priester aus und tritt die Stelle des alten, plötzlich erkrankten Seelsorgers an.

Der Schauspieler Bartosz Bielenia verleiht diesem Daniel keineswegs die Aura einer Heiligenfigur, im Gegenteil: Sein wie gemeißelter Schädel und der drahtige Körper weisen ihn als jemanden aus, der schon allerhand Böses erlebt hat und selbst hart auszuteilen vermag. Seine blauen Augen wirken kühl und stechend; da lauern Abgründe. In den ersten Szenen des Films sieht man ihn denn auch als Aufpasser bei einer Gefängnisprügelei; und später, unmittelbar nach der Entlassung, gibt er dem Affen Zucker, als er das freie Leben in vollen Zügen genießt.

Zartheit und Gewalt, Stille und Schrei

Diese Ambivalenz, der Seiltanz zwischen der mühsamen Bändigung eigener Affekte und deren Eruption, zwischen Zartheit und Gewalt, Stille und Schrei, macht die Figur reich und ihre Geschichte unvorhersehbar. Auf diese Weise gerät „Corpus Christi“ zu einem Film voller Geheimnisse, der den Betrachter in ein Wechselbad der Gefühle versetzt. Ein Filmkritiker attestierte ihm in der „Los Angeles Times“ zurecht eine „quälende Spannung, in der die ständige Möglichkeit des Untergangs mitschwingt, eine Ahnung, dass jederzeit alles passieren kann, um Chaos und Ruin hervorzurufen“.

Die kühle Sachlichkeit, mit der Komasa den Fall inszeniert, sein moralischer Impetus, aber auch das Metaphysische der Hauptfigur, das nicht Fassbare ihres Verhaltens, erinnert an die Stilistik eines Robert Bresson oder die Heldenbilder eines Georges Bernanos. Tatsächlich finden sich in dem Werk von Bernanos viele Sätze, die den Kern von „Corpus Christi“ ziemlich genau skizzieren: „Wir alle müssen das Leben meistern, aber die einzige Art es zu meistern, besteht darin, es zu lieben.“ Oder: „Was wir Zufall nennen, ist vielleicht die Logik Gottes.“

Dabei scheut der Film durchaus nicht davor zurück, Kinokonventionen zu bedienen. Im Dorf begegnet Daniel einer jungen Frau, in die er sich verliebt und umgekehrt; eine Liebe, die es nicht geben darf. Und um Daniels seelische Heilkunst zu belegen, kommt ein tragischer Unglücksfall ins Spiel, der große Schatten auf die Gemeinde wirft: Bei einer Autokollision, die ein junger Mann aus dem Dorf verschuldete, kam ein halbes Dutzend Gleichaltriger ums Leben. Daniel versucht mit seinen ungewöhnlichen Mitteln, die daraus resultierende, von Wut, Hass, Ausgrenzung und Rache beladene Atmosphäre zu befrieden. Dass er, wenn er die Beichte abnimmt, immer mal wieder aufs iPhone schaut, um die der Vorschrift entsprechenden Worte zu finden, sorgt bisweilen sogar für unerwartet heitere Momente.

Mehr Fragen als Antworten

„Corpus Christi“ endet offen: Komasa verabreicht kein Eiapopeia vom Himmel, sondern Blut und Tränen. Zurückgeworfen in sein altes Umfeld, brechen verdrängte Muster neu hervor; auch Daniel ist vom Absturz in die Finsternis nicht gefeit. Ein Finale, das mehr Fragen stellt, als Antworten offeriert.

Für Jan Komasa ist „Corpus Christi“ erst der dritte lange Kinofilm. Sein Drama „Suicide Room“ (2011) über die Flucht eines Jungen aus der realen Welt in die virtuellen Untiefen des Internets lief im Panorama der „Berlinale“. Das Kriegsepos „Warschau 44“ (2014) geriet dann zur schillernden, an den Zeitgeist angepassten Pop-Rekonstruktion des Warschauer Aufstands. Mit „Corpus Christi“ geling ihm nun ein differenziertes Zeitbild, das moralisch-ethische Probleme der Gegenwart zur Diskussion stellt.


Eine Kritik von Ralf Schenk