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  Donnerstag, 07. Mai 2020 - 21:00 bis - 22:55

Scardanelli – dritter Teil der Hölderlin-Trilogie

 

Deutschland 2000
112 Minuten

Regie/Drehbuch/Produktion: Harald Bergmann
Harald Bergmann auf: Wikipedia, Crew United, Filmportal und Filmdienst  
Die Webseite von Harald Bergmann

Kamera: Rolf Coulanges und· Matthias Maaß
Schnitt: Juliane Lorenz und Harald Bergmann 
Musik: Franz Schubert · Wolfgang Amadeus Mozart · Johann Sebastian Bach

Darsteller:
André Wilms (Scardanelli) · Udo Kroschwald (Ernst Zimmer) · Geno Lechner (Lotte Zimmer) · Baki Davrak (Waiblinger) · Jürgen Lehmann (Schwab) · Rainer Sellien (Räuber) · Amalie Bizer (Marie Nathusius) · Raimund Groß (Wurm) · John Chambers (die Maske)

Teil drei – Mit einer Einführung von Regisseur Harald Bergmann.
Scardanelli
Friedrich Hölderlin wird nach seinem gewaltsamen Abtransport in einer Tübinger Klinik interniert und schließlich, sieben Monate später, als unheilbar und mit einer Lebenserwartung von drei Jahren dem Schreinermeister Ernst Zimmer zur Pflege übergeben. In dessen Handwerkerhaus lebt der Dichter weitere 36 Jahre, betreut von der Tochter Lotte Zimmer in dem kleinen Turmzimmer am Neckar, klavierspielend, zeichnend, weiterdichtend. Als man ihm eine Ausgabe seiner früheren Gedichte bringt, bescheidet er den Besucher: »Ja, die Gedichte sind echt, die sind von mir, aber der Name ist gefälscht! Ich habe nie Hölderlin geheißen, sondern Scardanelli!«

Der Film „Scardanelli” rekonstruiert aus allen verfügbaren Perspektiven diese zweite Lebenshälfte des Dichters Friedrich Hölderlin. Kein Satz in diesem Film ist erfunden, alle Szenen, Dialoge und Zeugenaussagen beruhen auf den überlieferten Berichten.

Filmwebseite, Hoelderlin-Film.de, Filmdienst, alle Daten zum Film auf Filmportal.de     
 
Presse:
taz: Wohltemperierter Wahnsinn – Sympathie für den genialen Verlierer: Harald Bergmanns beeindruckender Hölderlin-Film „Scardanelli“
taz Hamburg: Die Hölderlin-Filme von Harald Bergmann im Metropolis – Dichtung als Leidenschaft
FAZ: Hirnhälfte des Lebens: Ein Film über Hölderlin als Leidenschaft
Süddeutsche Zeitung: "Hälfte des Abends" – Ein Film fehlt beim heutigen Themenschwerpunkt "Hölderlin" auf Arte: "Passion Hölderlin" von Harald Bergmann
Neue Zürcher Zeitung: Verschlossene Welt – Endlich ein guter Hölderlin Film  (TEXTVERSION)  
Schwäbisches Tagblatt Tübingen: Ein Dichter, nicht ganz von dieser Welt  
Reutlinger General-Anzeiger: Hölderlin: Devot und zerbrechlich

ausführliche Kritik Filmdienst:
Im Jahr 1802, ein Beginn wie einst bei Werner Herzog: Eine schwarz gekleidete Gestalt durchwandert alpine Landschaften und posiert vor erhabenen Panoramen, die an Gemälde von Caspar David Friedrich erinnern. Friedrich Hölderlin befindet sich auf dem Heimweg von Bordeaux nach Stuttgart. Ein zweiter Wanderer gesellt sich hinzu, an einem Fluss schlägt er ihn mit einem Felsbrocken nieder und raubt ihn aus. Man wird diese Szene später noch einmal sehen. 1843, bei der Obduktion des toten Dichters, wird festgestellt werden, dass das eigentlich gesunde Gehirn nur an einer Stelle eine Verletzung aufweist. Eine Folge des Überfalls? „Scardanelli“, der dritte und abschließende Teil von Harald Bergmanns experimenteller Hölderlin-Trilogie – nach „Lyrische Suite/Das untergehende Vaterland“ (1992) und „Hölderlin Comics“ (1994) –, gibt hierauf (natürlich!) keine Antwort. Er macht vielmehr das Angebot, sich ein weiteres Mal angesichts der überlieferten Texte des Autors Hölderlin Fragen zu stellen.

Nach seinem Zusammenbruch und der Internierung in der Tübinger Klinik von Doktor Authenrieth wird Friedrich Hölderlin 1807 dem Tischlermeister Ernst Zimmer zur Pflege anvertraut. Seine Lebenserwartung wird mit drei Jahren beziffert; 36 Jahre später, fünf Jahre nach Zimmers Tod, stirbt Hölderlin in Tübingen. „Hölderlins Verfassung ändert sich bis (...) 1843 kaum; Klavierspiel und Spaziergänge bleiben die Lieblingsbeschäftigungen des Kranken; es entstehen noch zahlreiche Gedichte. Hölderlin hat in den Jahren der Krankheit viele Besucher“, heißt es bei Karl-Gert Kribben („Hölderlin“, Werke in zwei Bänden, Hanser 1978). Damit wäre auch der Inhalt des Films hinreichend beschrieben. Hölderlin, der seine Gedichte von nun an mit „Scardanelli“ signieren wird (nur die Briefe an die Mutter unterzeichnet er weiterhin, unter Qualen, mit Hölderlin), lebt dahin, geht spazieren, pflückt Blumen, verbeugt sich vor den Hunden auf der Straße, empfängt Besucher und entzieht sich ihnen, scheint mitunter zu simulieren, spielt Stunden lang Klavier, schleicht im Haus umher, zeichnet, verfasst rätselhafte Gedichte. Im Gegensatz zum nervösen und experimentellen zweiten Teil der Trilogie, der die Drift in den Wahnsinn mit der Musik von John Zorns „Naked City“ unterlegte, herrscht im dritten Teil ein ruhiges Gleichmaß. Offenkundig hat Bergmann seinen Blick auf die zweite Hälfte des Lebens Hölderlins von einem Diktum Robert Walsers leiten lassen: „Ich bin überzeugt, daß Hölderlin die letzten dreißig Jahre seines Lebens gar nicht so unglücklich war, wie es die Literaturprofessoren ausmalen. In einem bescheidenen Winkel dahinträumen zu können, ohne beständig Ansprüche erfüllen zu müssen, ist bestimmt kein Martyrium. Die Leute machen nur eins draus.“

Bergmann macht keins draus, aber er verharmlost die Krankheit auch nicht, frönt keiner genialischen Verklärung des Wahnsinns. In erlesener Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt er eine Reihe stilisierter, großartig gespielter Alltagsepisoden, animiert Zeichnungen, die die von Walter Schmidinger rezitierten späten Gedichte (vielleicht) illustrieren. Zwischengeschnitten sind Interviews mit Zeitgenossen, die ihre Beobachtungen und Einschätzungen des Falls – eine merkwürdige Mischung aus Liebe, Respekt und bornierter Ratlosigkeit – in „schönstem“ Schwäbisch zum Besten geben: in Farbe und vor aktuellem Ambiente. „Alle Szenen, Dialoge und Zeugenaussagen beruhen auf den überlieferten Berichten“, heißt es auf einem Pressezettel. So, wie der zweite Teil der Trilogie vorzüglich durch die Präsentation der Editionsarbeit an den Handschriften Hölderlins (durch den Verlag Strömfeld/Roter Stern) faszinierte, nimmt hier die visuelle Präsentation der späten Gedichte gefangen. Bergmann montiert Deutungsangebote dieser rätselhaften, oft rätselhaft einfältigen Texte, bringt sie und den Autor nahe, ohne aufdringlich zu sein. Besseres lässt sich über einen Filmessay zu Leben und Werk Hölderlins wohl nicht sagen.

Eine Kritik von Ulrich Kriest