Frantz (Publikumsfilm 2016)

Frantz (Publikumsfilm 2016)

  Donnerstag, 02. Februar 2017 - 19:30 bis - 21:40

Ort: Kino achteinhalb

http://www.frantz.x-verleih.de

Kategorien: Gilde-Filmpreis, Marcello-Mastroianni-Preis, 2017, Archiv, Filmpreis, Publikumsfilm, Spielfilm, europaeischer Film, Filmkunst, Melodram, Historienfilm, Frankreich, tmdU, evtl. Open Air

Treffer: 1831


Eintritt: 5,00 €

Frankreich/Deutschland 2016
Kinostart: 29. September 2016
Teilweise schwarz-weiß und teilweise Französisch mit deutschen Untertiteln, Cinemascope
114 Minuten
FSK: ab 12; f

Produktion: Stefan Arndt, Uwe Schott, Eric Altmayer, Nicolas Altmayer, François Ozon
Regie/Drehbuch: François Ozon  
Kamera: Pascal Marti
Musik: Philippe Rombi
Schnitt: Laure Gardette

Darsteller:
Paula Beer (Anna), Pierre Niney (Adrien Rivoire), Ernst Stötzner (Dr. Hoffmeister), Marie Gruber (Magda Hoffmeister), Johann von Bülow (Kreutz), Anton von Lucke (Frantz), Cyrielle Clair (Adriens Mutter), Alice de Lencquesaing (Fanny), Rainer Egger (Friedhofsgärtner), Merlin Rose (Betrunkener junger Mann)
X über Warner, Scope, 162.316 Zuschauer in 18 Wochen, KDM: Mittwoch, 1. Februar 2017 18:00 bis Freitag, 3. Februar 2017 23:59

Auszeichnungen:
Paula Beer, Venedig 2016, "Marcello-Mastroianni-Preis" für die beste schauspielerische Nachwuchsleistung
Die Zeit: Reife mit Mädchencharme 

Gilde-Filmpreis 2016 für den besten internationalen und nationalen Film.
Der Gilde-Filmpreis wurde 1977 von der „Gilde deutscher Filmkunsttheater“ ins Leben gerufen und wird seit 2004 vom fusionierten Verband Arbeitsgemeinschaft Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater an die besten Arthouse-Filme des Kinojahres vergeben.

 
Filmhomepage, Facebook, Wikipedia, Programmkino.de, EPD-Film
alle Daten zum Film auf Filmportal.de

FAZ - Andras Kilb: Großes französisches Kino aus Deutschland  
Spiegel: Ein filmisches Meisterwerk über die Kunst des Verzeihens - und die Kunst der Lüge
Die Zeit: In dieser Welt ist keiner er selbst 
Tagesspiegel: Versöhnen, sagt sie
Kinofenster: Film des Monats
Pressespiegel aus Österreich 

EPD: Interview mit François Ozon

Der Filmdienst ist seit Jahren die führende deutsche Kinofilmfachzeitschrift. Da die Kritiken des Filmdiensts nicht ohne weiteres zugänglich sind, drucken wir sie hier ab, unabhängig ob sie positiv oder negativ ausfallen. Unser Ehrgeiz ist es nicht, Interessierte mit hohlen Versprechungen oder plakativen Etikettierunen wie "Kunstfilm" oder "besonderer Film"  ins achteinhalb zu locken. Die wenigstens Filme erhalten vom Filmdienst eine positive Kritik. Es ist daher durchaus so, dass Filme, die dort nicht so positiv "wegkommen", ansonsten durchweg positive Kritiken erhalten haben und wir auch einige Filme "klasse" gefunden haben, die vom Filmdienst kritisch bewertet worden sind. Es ist halt eine Meinung unter mehreren, aber in der Regel eine fundierte. Die höchste Auszeichnung ist das Prädikat "sehenswert", die Altersempfehlung ist eine pädagogische.

Kurzkritik Filmdienst
Als eine junge Deutsche im Jahr 1919 am Grab ihres im Krieg gefallenen Verlobten einen trauernden Franzosen entdeckt, führt sie diesen bei den Eltern des Toten ein. Auf ihr Drängen hin malt er ihre aus der Vorkriegszeit resultierende Freundschaft und eine gemeinsam in Paris verbrachte Zeit aus. Die feinen Schilderungen des vor Ort angefeindeten Franzosen wecken bei der Verlobten Gefühle, bis er ein die Verhältnisse umwälzendes Geständnis macht. Fokussiert auf den Schmerz und die Entwicklung einer jungen Frau, der nach einem großen Verlust ein zweiter droht, bricht immer dann Farbe in den Schwarz-Weiß-Film ein, wenn Momente des Glücks und der Kunst auf eine hoffnungsvollere Zukunft deuten. Mit großer Ruhe und Leichtigkeit entwickelt die Inszenierung eine ebenso schöne wie tieftraurige Geschichte um Schuld, Einsamkeit und heilsame Fiktionen, aber auch um Vergebung und das Vermögen, die Lebensfreude wieder zu entdecken.
Kathrin Häger, Filmdienst 20/2016
Sehenswert ab 14 - ★★★★★ (5 von 5 Sternen, das gibt es einmal im halben Jahr.) 

Kurzkritik EPD  
François Ozons Neuinterpretation eines weniger bekannten Lubitsch-Melodrams ist ein artiizieller Schwarz-Weiß-Film über eine Liebe zwischen zwei Männern, die nicht nur durch den Krieg unmöglich wird.
Manfred Riepe, EPD10/2016, ★★★★ (4 von 5 Sternen)

Trailer (139 Sekunden):


Im Gespräch mit Paula Beer zu FRANTZ (5 Minuten):


ausführliche Kritik Filmdienst
Eines Nachmittags im Jahr 1919 wandert die junge Deutsche Anna mit dem ebenso jungen Franzosen Adrien im Harz durch einen Felstunnel. Just in dem Moment, in dem sie wieder ans Licht treten, erzählt Anna, wie ihr vor dem Krieg genau hier ihr Verlobter Frantz einen Antrag gemacht hat. Es ist die erste Stelle im Film, in dem die Erinnerung so etwas wie Glück auf Annas tieftrauriges Gesicht zaubert. Und es ist der erste Moment, an dem François Ozon den Schwarz-Weiß-Film für kurze Zeit in Farbe taucht.

Immer wieder befreit sich die Adaption von Ernst Lubitschs Bühnenstück-Verfilmung „Broken Lullaby“ (1931) vom erdrückenden Realismus des Schwarz-Weiß und zwar genau dann, wenn das thematisiert wird, was den Menschen ausmacht, bevor es der Krieg in ihm auslöscht: die Verbundenheit mit der Natur, die Hingabe an die Musik, die Erinnerung an einen geliebten Menschen und natürlich die Liebe selbst.

Denn Frantz, um den sich die Gedanken und Gefühle der beiden Wanderer drehen, lebt nicht mehr. Der Erste Weltkrieg hat Anna den Verlobten und dem Franzosen Adrien den besten Freund genommen, wie so vielen Menschen in diesem Ort irgendwo in der Mitte Deutschlands, wo der Hass auf Frankreich noch groß ist. Jungen Männern mit Verbrennungen oder fehlenden Gliedmaßen begegnet Anna auf ihrem täglichen Weg zu der Grabstätte immer wieder, an der sie eines Tages den tief versunkenen Adrien entdeckt. Während Frantz’ Studienzeit in Paris hätten sich die beiden Männer vor dem Krieg angefreundet.

Zumindest bestätigt der schüchterne Adrien diese Vermutung der Familie, als er sich durch Annas Vermittlung im Wohnzimmer der Hoffmeisters wiederfindet, wo die schon alten Eltern mit großen Augen an seinen fein geschnittenen Lippen hängen. „Haben sie keine Angst, uns glücklich zu machen“, fordert Frantz’ Mutter Adrien zum Erzählen auf. Da ist das Misstrauen des Vaters schon abgeebbt. Mit dem Verlust des Kindes wurde ihnen die Zukunft genommen, mit Adrien kann wenigstens die Vergangenheit ein bisschen aufscheinen. „Meine einzige Wunde aus dem Krieg“, sagt Adrien später zu Anna, noch tropfnass vom Bad im See, „ist Frantz“. Da läuft ihm ein Wassertropf den Nabel entlang, als wolle er sich in den Bauch einschneiden.

François Ozon ist hier die wunderschöne und doch tieftraurige Bestandsaufnahme zweier Seiten gelungen, auf denen es nur Verlierer gab. Eine Leichtigkeit und Ruhe durchzieht diese Erzählung, obwohl sie so viele Konfliktfelder anreißt: Die Schuld der Vätergeneration, die ihre Söhne für das Vaterland in den Krieg geschickt hat. Die Frage, ob eine Lüge nicht die bessere, weil weniger schmerzhafte Wahrheit sei. Oder das Vermögen von Fiktion und Kunst, diese Welt erträglicher, wieder bunt zu machen. So fängt Adrien an, den Hoffmeisters von seiner Zeit mit Frantz zu erzählen: Szenen gemeinsam besuchter Tanz-Cafés, in Farbe getauchte Louvre-Ausflüge und gemeinsame Geigen-Stunden verkauft die Filmerzählung als eine Wahrheit, die sich als falsch herausstellen wird. Aber originellerweise nicht in der Art, wie man es in Kenntnis des Werks von Ozon erwarten würde – oder paradoxerweise vielleicht gerade deshalb, weil Ozons Filme und Figuren nie derartig eindeutig sind, wie man es ihnen gerne andichtet.

Wenn in „Frantz“ eine Welt aus Schwarz und Weiß für Verlust und Trauer steht, dann versinnbildlicht die immer wieder einbrechende Farbe das Aufscheinen von Hoffnung und Verzeihen. In der Mitte dieser Bildungsgeschichte, die mit Referenzen an die deutsche Romantik nicht geizt, reist Anna nach Frankreich, wo sie auf dieselben Zerstörungen und Nationalismen trifft, wie sie sie in Deutschland erlebte – so viel Hass, so viele Gemeinsamkeiten. Der Film kehrt die Perspektive um, weicht Anna aber nie von der Seite. Anna entdeckt Seiten, die sie von ihrem Verlobten nicht kannte und die ihr nicht gefallen können, was Ozon aber nicht weiter akzentuiert. Er bleibt bei Annas akutem Leid, sich nach dem Tod des Verlobten in einen Mann zu verlieben, den ihr die Historie und die Moral eigentlich verbieten. Von Paula Beer berührend und eindrücklich gespielt, wirkt Annas Einsamkeit so tief, dass sie alle Ressentiments und Feindschaften unterwandert.

Freund oder Feind, Hass oder Liebe müssten nicht auf immer die beiden Seiten einer Medaille sein. Manchmal könnten sie auch nur der Widerschein des jeweils anderen sein, eine aufoktroyierte Illusion. Das Unglück ist austauschbar, die Liebe auch. Irgendwann, da ist Adrien schon längst zurück in Frankreich, geht Anna erneut durch den Felstunnel – alleine. Da bleibt die Welt grau.

Kathrin Häger, FILMDIENST 2016/20