Mein Leben ohne mich

Mein Leben ohne mich

Montag, 11. Mai 2015 - 19:30

Ort: Kino achteinhalb

Kategorien: Gilde-Filmpreis, Eintritt frei, 2015, Kooperation, Film, Archiv, Filmpreis, Spielfilm, Onkologisches Forum, europaeischer Film, Filmdrama, Genie Award

Treffer: 1484


In Kooperation mit dem  Onkologischen Forum Celle e.V. 

Eintritt: frei

Kanada/Spanien, 2003
Kinostart: 4. September 2003
106 Minuten
FSK: ab 6; f
FBW: Prädikat besonders wertvoll

Produktion: Pedro Almodovar
Regie: Isabel Coixet    
Buch: Isabel Coixet    
Kamera: Jean-Claude Larrieu    
Musik: Alfonso de Vilallonga    
Schnitt: Lisa Jane Robison    

Verleih: Tobis


Darsteller: Sarah Polley (Ann), Scott Speedman (Don), Deborah Harry (Anns Mutter), Mark Ruffalo (Lee), Leonor Watling (Ann, die Nachbarin), Amanda Plummer (Laurie), Julian Richings (Dr. Thompson), Jessica Amlee (Penny), Maria de Medeiros (Friseuse)

Kurzkritik Filmdienst

Eine 23-jährige Frau und Mutter zweier Kinder erfährt, dass sie nur noch kurze Zeit zu leben hat. Sie nutzt die verbleibende Spanne, um das Leben ihrer Familie für die Zeit nach ihrem Tod zu ordnen, das Verhältnis zu ihren eigenen Eltern ins Reine zu bringen und sich noch einmal zu verlieben. Trotz des herausfordernden Themas kein Melodram, sondern das Porträt einer Frau, die in einer ausweglosen Situation nicht den Lebensmut verliert und die antizipierte Trauer ihrer Umgebung über die eigene Verzweiflung stellt. Ein ernster, emotionaler Film, der letztlich Fragen nach den Grundlagen des Lebens stellt. (Kinotipp der katholischen Filmkritik) - Sehenswert ab 16.

Trailer:

ausführliche Kritik Filmdienst

Eine junge Frau sitzt im Café und schreibt eine lange Liste, fast wie einen überdimensionalen Einkaufszettel, denn sie hat viel zu tun, aber nur noch wenig Zeit. Denn Ann wird bald sterben und will vorher noch ihr Leben regeln – ihr Leben für die Zeit danach, wenn sie nicht mehr da sein wird.

Isabel Coixet ist im Spektrum des spanischen Films eine sehr ungewöhnliche Erscheinung. Die 41-jährige katalanische Regisseurin Regisseurin brachte bereits mit ihrem 1995 gedrehten ersten großen Erfolg „Things I Never Told You“ den Stil der „american independent“ mit den Elementen des eigenwilligen spanischen Autorenfilms zusammen. „Mein Leben ohne mich“ wurde von Pedro Almodóvars Produktionsfirma „El Deseo“ produziert und im kanadischen Vancouver gedreht. Auch in ihrem vierten Film verbindet Isabel Coixet Elemente des Außergewöhnlichen mit einer liebevollen Alltagsbeobachtung: Ann ist eine attraktive junge 23-Jährige, Mutter zweier reizender Töchter, verheiratet mit einem attraktiven Mann, der arbeitslos ist und sein Geld mit Nebenjobs verdient. Die Familie lebt in einem gemütlich hergerichteten Wohnwagen in Vancouver. Ann arbeitet als Putzfrau in einem Fitness-Studio. Sie lebt ihr Leben, zufrieden, hat nicht alles, was sie will, aber scheinbar noch unbegrenzt viel Zeit, um ihre Träume zu verwirklichen. Eines Tages wird ihr schwindelig. Im Krankenhaus teilt ihr ein verständnisvoller, aber auch hilfloser Arzt mit, dass sie an einer unheilbaren Krebserkrankung leidet. Sie beschließt, keinem etwas davon zu sagen und betrachtet ihr Leben und ihre Welt jetzt unter den Vorzeichen des Abschieds: Was wird aus all dem werden, wenn ich nicht mehr da bin? Was muss ich noch regeln, damit die Menschen, die ich liebe, meinen Verlust überstehen? Was habe ich selbst in meinem Leben noch nicht gelebt und welche Probleme habe ich noch nicht gelöst?

So beginnt Ann ihre lange Liste aller Anliegen, die sie in den nächsten Wochen unbedingt erledigen will: Geburtstagsgrüße für ihre Töchter auf Audiokassetten aufnehmen, für jedes Jahr eine, bis zu dem Tag, an dem sie volljährig werden; das gestörte Verhältnis zu ihrer Mutter klären; den Vater im Gefängnis besuchen. Ferner, eine Liebesaffäre beginnen, um noch einmal eine andere Liebe als die ihres Mannes kennen zu lernen, und natürlich für ihren Mann eine Frau zu finden, die ihm eine neue Lebenspartnerin und den Töchtern eine liebevolle Mutter sein kann. Langsam, aber sicher arbeitet Ann ihre Liste ab, nimmt jeden Tag heimlich Geburtstagsgrüße auf, beginnt eine Affäre mit einem vom Leben enttäuschten Einzelgänger, schließt Freundschaft mit der attraktiven Nachbarin, bringt sie mit ihrem Mann und ihren Kindern zusammen und kämpft fast beiläufig darum, ihren sich stetig verschlimmernden Gesundheitszustand geheim zu halten.

Isabel Coixets Film ist kein Melodram einer Todkranken, nicht die sentimentale Inszenierung einer sich täglich steigernden Agonie, kein moribundes Liebesdrama à la „Love Story“, sondern ein Film über eine Frau, die gerade aus der Ausweglosigkeit ihrer Situation Lebensmut schöpft. Ein Film über die Frage nach den Grundlagen des Lebens, nach den letzten Fragen: Was wird aus mir? Was wird aus den Menschen, die mir lieb sind? Wie habe ich mein Leben gelebt? Coixet wollte mit ihrem Film kein „wehleidiges Drama inszenieren“, sondern suchte einen Weg „zwischen Lachen und Weinen“, zwischen höchst tragischen Momenten und einer Situationskomik, die sich aus dem Entschluss Anns, ihre Krankheit zu verheimlichen, ihr Leben nach außen hin einfach weiterzuführen und dem Wissen des Zuschauers um eben diese Diskrepanz ergibt. Dabei verdrängt die Entscheidung, die Krankheit nicht ins Zentrum der Geschichte zu stellen, stellenweise jedoch die Konfrontation der Protagonistin mit ihrem Tod. Anns beinahe lebensfrohe Aktivitäten wirken mitunter irreal: Die Protagonistin stellt die Trauer ihrer Umgebung über ihr Verschwinden weit über ihre eigene Angst und Verzweiflung, weshalb manch eigentlich rührender Moment zur naiven Harmlosigkeit gerät, so als erzähle die Regisseurin nicht die Geschichte einer Sterbenden, sondern die Geschichte einer Todkranken, die sich vor allem einen harmonischen Abschied wünscht – ein Verlassen der Welt in heiterer Unkompliziertheit.
Wolfgang M. Hamdorf, FILMDIENST 2003/18