Die Lebenden reparieren (storniert)

  Sonnabend, 23. Februar 1991 - 20:30 bis - 22:25
Kategorien: Drama, Frankreich, Central
Treffer: 430

- oder die Toten verhökern? .....
Nach Sichtung haben wir diesen Film storniert und "Loving Vincent" um eine Wohe vorgezogen. Auch wenn die Kritik sich in ihrer Voreingenommenheit für Organspende sich vor Lob überschlägt und es nur zwei negative (kritische) Kritiken gibt, finden wir, dass dieser Film in keiner Hinsicht, den Ansprüchen gerecht wird, denen gerecht zu werden, er vorgibt.

Wer kann Organe und Gewebe spenden?

Bundeszentrale für politische Bildung: Soziologische Konturen der Transplantationsgesellschaft

Rheinische Post: So teuer ist eine Transplantation

Vitanet: Laut Krankenkassenangaben kostet zum Beispiel eine Nierentransplantation im Durchschnitt zwischen 50.000 und 65.000 Euro. Die anschließende Nachsorge liegt bei zirka 6.000 bis 12.500 Euro pro Jahr

Leadingmedicine: Eine Lebertransplantation kann bis zu 200.000 Euro kosten. Jährlich werden ca. 900 Lebertransplantationen (Bedarf 2.500) in Deutschland durchgeführt. Jährliche Kosten der Nachsorge: ?


Eintritt: 5,00 €


RÉPARER LES VIVANTS

Frankreich 2016
Kinostart: 7. Dezember 2017

104 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie: Katell Quillévéré
Buch: Katell Quillévéré und Gilles Taurand
Vorlage: Maylis de Kerangal (Roman "Réparer les vivants" / "Die Lebenden reparieren")
Kamera: Tom Harari
Musik: Alexandre Desplat
Schnitt: Thomas Marchand

Darsteller:
Tahar Rahim (Thomas Rémige), Emmanuelle Seigner (Marianne), Anne Dorval (Claire), Bouli Lanners (Pierre Révol), Kool Shen (Vincent), Monia Chokri (Jeanne), Alice Taglioni (Anne Guérande), Karim Leklou (Virgilio Breva), Alice de Lencquesaing (Alice Harfang), Finnegan Oldfield (Maxime), Théo Cholbi (Sam), Gabin Verdet (Simon), Galatéa Bellugi (Juliette), Dominique Blanc (Lucie Moret), Danielle Arbid (Elsa)

Filmhomepage, EPD-FilmProgrammkino.de

Interview mit Katell Quillévéré in der Berliner Zeitung

positive Kritiken:
Kritik von Anke Westphal im Tagesspiegel
Kritik von Ekkehard Knörer in der taz (79 von 99 Punkten auf Cargo)
Kritik von Andreas Kilb in der FAZ - mit Videokritik
Kritik von Anke Sterneborg in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Anke Sterneborg auf Kulturradio.de
Kritik von Caroline Weidner im Spiegel
Kritik von Frédérick Jaeger in der Berliner Zeitung
Kritik von Frédérick Jaeger auf critic.de
Kritik von Knut Elstermann im MDR
Kritik von Oliver Armknecht auf Filmrezensionen.de
Kritik von Thomas Ungeheuer in der Frankfurter Neuen Presse
Kritik von Rüdiger Suchsland auf SWR2
Kritik von Kathrin Horstner in der Stuttgarter Zeitung
Kritik von Luitgard Koch auf Programmkino.de

negative oder z.T. negative Kritiken:
Kritik von Lydia Starkulla auf Kunstundfilm.de
Kurzkritik von KinoKino


Podcast auf HR-Info (196 Sekunden)

Schulmaterial


Der Filmdienst ist seit Jahren die führende deutsche Kinofilmfachzeitschrift. Da die Kritiken des Filmdiensts nicht ohne weiteres zugänglich sind, drucken wir sie hier ab, unabhängig ob sie positiv oder negativ ausfallen. Unser Ehrgeiz ist es nicht, Interessierte mit hohlen Versprechungen oder plakativen Etikettierunen wie "Kunstfilm" oder "besonderer Film"  ins achteinhalb zu locken. Die wenigstens Filme erhalten vom Filmdienst eine positive Kritik. Es ist daher durchaus so, dass Filme, die dort nicht so positiv "wegkommen", ansonsten durchweg positive Kritiken erhalten haben und wir auch einige Filme "klasse" gefunden haben, die vom Filmdienst kritisch bewertet worden sind. Es ist halt eine Meinung unter mehreren, aber in der Regel eine fundierte. Die höchste Auszeichnung ist das Prädikat "sehenswert", die Altersempfehlung ist eine pädagogische.
Kurzkritik Filmdienst
Nach einem Unfall liegt ein junger Mann tot im Krankenhaus von Le Havre. Seine Organe sind unversehrt, weshalb die Ärzte auf eine Organspende drängen. Währenddessen erfährt in Paris eine herzkranke Frau, dass eine Transplantation ihre einzige Chance aufs Überleben ist. Die Inszenierung umkreist das Thema Organspende quasi-dokumentarisch, menschlich und metaphysisch. Die Geschichten verschiedener Figuren, die privat oder professionell mit der Organspende zu tun haben, vereinen sich zum kunstvollen Erzählteppich über Leben mit dem Tod, wobei der Schmerz vom Netz gegenseitiger Fürsorge aufgefangen wird.
Sehenswert ab 16.
Felicitas Kleiner, FILMDIENST 2017/25

Trailer (118 Sekunden):



Bayerisches TV III (57 Sekunden):


MDR Kino Royal (214 Sekunden):


3Sat Kulturzeit (54 Sekunden):


ausführliche Kritik Filmdienst
Simons Herz schlägt noch. Seine Mutter Marianne kann es in seiner Brust fühlen. Warum soll sie dann akzeptieren, dass ihr Sohn tot sei? Der Teenager war frühmorgens mit zwei Freunden beim Surfen; auf der Rückfahrt nach Le Havre verunglückte ihr Auto, wobei Simon, der nicht angeschnallt war, am Kopf schwer verletzt wurde. Jetzt liegt er, angeschlossen an Schläuche und Apparate, auf einem Krankenhausbett. Seine Organe sind intakt. Aber der Arzt hat Marianne und Simons Vater, vom dem sie getrennt lebt, mitgeteilt, dass Simon hirntot sei. Für die Ärzte bedeutet das: tot. Bald steht deshalb die Frage im Raum, ob sie bereit seien, Simons Organe frei zu geben und damit auch seinen Körper sterben zu lassen.

In Paris wird derweil die etwa 50-jährige Claire von ihrer Ärztin darüber aufgeklärt, dass sich der Zustand ihres schwachen Herzens nochmals verschlechtert hat. Ihre einzige Chance besteht darin, rechtzeitig ein neues Herz transplantiert zu bekommen, bevor der kranke Muskel endgültig den Dienst quittiert. Die Mutter zweier fast erwachsener Söhne aber scheint nicht so recht zu wissen, ob sie das überhaupt will. Zwischen Resignation und Hoffnung wartet sie die weiteren Entwicklungen ab, während sie jede Anstrengung meiden muss, um ihr Herz nicht zu überanstrengen.

Werden Simons Eltern sich für die Organspende entscheiden, und werden sie es rechtzeitig genug tun, damit das Leben der ihnen unbekannten Claire gerettet werden kann? Aus dieser Prämisse hätte man ein spannendes Drama machen können. Das ist der neue Film von Katell Quillévéré durchaus, doch er ist zugleich viel mehr. Auf der Basis der gleichnamigen Romanvorlage von Maylis de Kerangal versucht die Regisseurin, das Thema Organtransplantation gleichzeitig auf fast dokumentarische, poetische und metaphysische Weise in den Griff zu bekommen; ein erzählerisches Wagnis, das Quillévéré geradezu sucht, da ein großer Film in ihren Augen auch große Risiken gerade braucht.

„Die Lebenden reparieren“ ist ein solcher großer, sehr großer Film. Schon die Exposition ist ein kleines Meisterwerk: eine beglückende, zugleich aber von der Ahnung der Fragilität des Lebens durchzogene Begegnung mit dem Jungen, um dessen Herz sich der Rest des Films dreht. Die Kamera wacht mit Simon im Bett seiner Freundin auf, teilt einen verliebten Blickwechsel der beiden und folgt Simon, der sich noch vor Sonnenaufgang davonmacht und hinunter in die Stadt radelt, wo er seine Freunde trifft und mit ihnen zusammen im Kleinbus an die Küste fährt. Die Jungs werfen sich mit ihren Surfbrettern in die Brandung, hautnah begleitet von der Kamera, die von den Wellen überspült wird und mit untergeht, wobei die sinnliche Freude an der Bewegung allmählich aber auch in eine Verunsicherung übergeht. Das Wasser wandelt sich vom profanen Element zu etwas Anderem, fast Mythischem, das Leben und Erneuerung ebenso umfasst wie Tod und Zerstörung.

Solche subtilen Wechsel von Erzähltonlagen und Stimmungen gelingen der 1980 geborenen Regisseurin immer wieder. Rund um Simons Herz webt der Film einen nuancenreichen Erzählteppich, der so akkurat wie möglich versucht, das Geflecht der medizinischen Aktionen des Fachpersonals abzubilden, das für die Organisation und Durchführung einer Organtransplantation verantwortlich ist, bis hin zu den detailliert gezeigten Operationen. Zugleich beleuchtet die Inszenierung die menschlichen Dimensionen, die Trauer und den Prozess des Loslassens bei Simons Familie, die Angespanntheit von Claires Angehörigen, aber auch die Befindlichkeiten von Ärzten und Pflegern. Und: Der Film weitet den Blick für die großen, existenziellen Fragen: Wann genau hört das Leben eines Menschen auf? Was ist der Tod, und wie kann man das Ungeheuerliche des Sterbens als Teil des Lebens annehmen?

Quillévéré übernimmt viele Impulse aus der Romanvorlage, setzt aber auch eigene Akzente. Die zahlreichen Erinnerungseinschübe der Vorlage lässt sie weitgehend weg, bis auf eine wunderschöne Sequenz, in der gezeigt wird, wie Simon und seine Freundin ein Paar wurden; sie dehnt die Handlung nicht in der Zeit, sondern sozusagen im Raum aus: über die zahlreichen Protagonisten, deren Perspektive zum Tragen kommt und die in bewundernswert pointierten Porträts Kontur gewinnen. Vor allem die potenzielle Empfängerin der Organspende und die mit ihr verbundenen Menschen spielen eine größere Rolle, als das im Buch der Fall ist.

Quillévérés Kunst, die vielen Vignetten und Sinnebenen zu einer stimmigen Einheit zusammenzufügen, hängt unter anderem auch mit dem visuellen Konzept des Films zusammen. Die bewegte Kamera sorgt für einen harmonischen Erzählfluss, der nur an markanten Stellen fühlbar zum Stehen kommt; die wohldosierte, auf wenige markante Motive konzentrierte Filmmusik von Alexandre Desplat trägt zur emotionalen Strukturierung bei. So rundet sich der Film zur intensiven, schmerzlich-schönen Betrachtung des Lebens mit dem Tod – und zum Hymnus auf die Tragekraft des komplexen, professionell und privat geknüpften Netzes aus menschlicher Fürsorge.

Felicitas Kleiner, FILMDIENST 2017/25