Ein massiger Körper stampft in das Gebäude der „New York Times“. Das zugehörige Gesicht ist zu keinem Zeitpunkt in „She Said“ zu sehen. Auch nicht, als er in einem der Besprechungsräume sitzt, um sich gegen die Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben werden, zu verteidigen. Während das Gespräch in vollem Gange ist, sich die Empörung auftürmt und selbstgerechtes Machtgebaren die Luft erfüllt, zoomt die Kamera ganz langsam am Hinterkopf von Harvey Weinstein vorbei auf das Gesicht der Journalistin Megan Twohey (Carey Mulligan). Jede Attacke lässt die mit stoischer Gelassenheit an sich abprallen; hier und jetzt beginnt eine neue Zeit. Die männliche Macht ist zumindest in diesem Zimmer gebrochen.

Es ist diese Szene, mit der die Regisseurin Maria Schrader den letzten Zweifel darüber ausräumt, wessen Geschichte sie erzählen möchte. Die von Harvey Weinstein ist es nicht. Zumindest geht es nicht um den Menschen, sondern um das weitreichende System der sexuellen Gewalt und des Schweigens, für das der Name des einst so einflussreichen Filmproduzenten steht.

Angst, Scham und Sprachlosigkeit

„She Said“ ist keine Nacherzählung der Sexualverbrechen von Weinstein; dem „He Said“ wurde in der Berichterstattung ohnehin zu viel Raum gegeben. Nun geht es um die Frauen und ihren langen, beschwerlichen Kampf, all die Angst, die Scham und die Sprachlosigkeit zu überwinden. Es ist den langwierigen Recherchen und dem einfühlsamen Engagement der beiden Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor (Zoe Kazan) zu verdanken, dass einige der betroffenen Frauen mit ihrem Namen an die Öffentlichkeit gingen und die „Me Too“-Bewegung damit ins Rollen kam.

Am Ende ist die Welt damit noch lange nicht. Das beweist auch die ungemein konzentrierte wie reflektierte Form, mit der Schrader die Perspektive der Frauen, ihr Erleben und ihr Überleben in einer von Männern dominierten Welt einnimmt: Kein Reenactment der Taten, die vielmehr in den Auslassungen ein finsteres Echo finden. Wenn beispielsweise ein kaum auszuhaltendes Tondokument eines Übergriffs abgespielt wird, den Zuschauern aber die Bilder vorenthalten werden, spürt man die gewaltsame Einsamkeit der Opfer. Zu hören ist, wie Weinstein eine junge Frau bedrängt, wie er sie zu sexuellen Handlungen drängt. Die Kamera setzt ihre Bildsprache dagegen, streift durch verlassene Hotelgänge und evoziert dadurch ein drängendes Gefühl der Isolation, das aufzeigt, wie Privatheit in einen Zwangsraum umschlägt.

Von Vergewaltigung und Mord bedroht

Bevor Twohey im Falle Weinsteins recherchierte, arbeitete sie sich an Donald Trump ab. Damit beginnt der Film. Ein Artikel mit Vorwürfen gegen den republikanischen Präsidentschaftskandidaten ist in Arbeit. Es geht um übergriffiges Verhalten und Äußerungen, die später als nicht ernst gemeinter „Locker-Room-Talk“ unter Männer abgetan wird. Das Telefon der Journalistin klingelt, und die unerträgliche Stimme von Trump ergeht sich in Beschimpfungen. Später wird Twohey gar mit Vergewaltigung und Mord gedroht. Der Artikel erscheint – und bewirkt nichts. Der Milliardär zieht trotz seines verabscheuungswürdigen Umgangs mit Frauen ins Weiße Haus ein.

Die „New York Times“ will aber nicht lockerlassen. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz soll weiterhin das Thema sein. Aber an wen kommt man heran? Wessen Taten gelangen überhaupt an das Licht der Öffentlichkeit? Wird dieser Kampf um Wahrheit und Sichtbarkeit überhaupt etwas ändern? Twohey geht zunächst ohnehin in Mutterschutz und wird nach der Entbindung ihres Kindes von Wochenbettdepressionen gebeutelt. Kantor folgt derweil ersten Hinweisen, die ins Machtzentrum von Hollywood führen.

Der Name Weinstein fällt bald, und doch braucht es viele Anläufe und Seitenwege, um den omnipräsenten Verdacht zu erhärten. Erstaunlich, wie lange er ungestraft Frauen als Freiwild betrachten konnte. Erschreckend, wie sich um seine außergerichtlichen Einigungen und Schweigeklauseln ein großer juristischer Apparat aufgebaut hat.

Nicht als Frau geboren

Was diese Realität für Frauen bedeutet, dafür findet Schrader die richtigen Bilder. Frau und Partnerin, Mutter und erfolgreiche Journalistin: Die Anstrengungen, all diese Identitäten zusammenzuhalten und die Widersprüche auszuhalten, ist den Gesichtern der Protagonistinnen abzulesen. An keiner Stelle werden diese unterschiedlichen Welten voneinander entkoppelt. Es gilt immer noch der mächtige Satz der Beauvoir, dass man nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht wird. In „She Said“ wird der Passivität, die dieser kritischen Diagnose innewohnt, eine Ermächtigung entgegengesetzt.

Während bei einem Film wie „Tausend Zeilen“, der ebenfalls von journalistischer Arbeit erzählt, der familiäre Hintergrund des Journalisten wie aus einer eingeschobenen Beziehungskomödie wirkt, schafft es „She Said“, die Druckkammer des Journalismus und die geschlechtlichen Machtverhältnisse immerzu präsent zu halten und miteinander zu verschalten. Da gibt es nicht die Spur einer Heldinnengeschichte. Auch sind Schrader und ihre Drehbuchautorin Rebecca Lenkiewicz nicht an einer spannungsgeladenen Dramaturgie interessiert. Es gibt keine Verdrehungen, um möglichst viel Spannung aus den Fakten zu ziehen. Dafür wird ein Raum für die dringend notwendige Solidarität eröffnet.

Noch lange nicht vorbei

Das hat wohl auch damit zu tun, dass der Film auf dem gleichnamigen Sachbuch von Twohey und Kantor basiert. Auch diesen beiden beeindruckenden Frauen geht es nie um die eigene Person. Das ist in Zeiten zunehmender Selbstvermarktung auch unter Journalist:innen ebenso sehr eine Besonderheit, wie „She Said“ ein ebenso großartiger wie wichtiger Film ist, der aus der Causa Weinstein kein kitschiges Erbauungskino macht. Denn die Aufarbeitung und der Kampf gegen das tagtägliche Schweigen ist noch lange nicht vorbei. Es hat gerade erst begonnen.