Lesley Manville ist, was das Englische liebevoll als „late bloomer“ (Spätzünderin) bezeichnet: eine Schauspielerin, deren Karriere in einem Alter, in dem diejenigen vieler ihrer Berufskolleginnen sich dem Ende nähern, erst richtig in Fahrt kommt. Die Engländerin ist seit Ende der 1970er-Jahre zwar regelmäßig auf den großen Bühnen Londons und in zahllosen britischen Fernsehserien anzutreffen, und seitdem sie 1979 Mike Leigh kennenlernte, häufig auch in dessen Filmen. International bekannt wurde Manville aber erst 2017 durch die „Oscar“-Nominierung als beste Nebendarstellerin in „Der seidene Faden“.

In „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ von Anthony Fabian ist Engländerin nun zum ersten Mal in der Hauptrolle eines abendfüllenden Spielfilms zu sehen – und sie brilliert. Denn die berührende Warmherzigkeit, die gesunde Neugierde und die lebenserfahrene Bodenständigkeit, mit der sie die Rolle der bescheidenen Putzfrau Ada Harris ausstattet, wirken selbst da überzeugend, wo es nicht unbedingt selbstverständlich ist: in der versnobten Welt der Reichen und Schönen.

Der Traum vom teuren Designerkleid

„Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ beginnt im London der 1950er-Jahre. Die aus bescheidenen Verhältnissen stammende Ada Harris verdient ihren Lebensunterhalt als Putz- und Haushaltshilfe in der Londoner Upper Class. Obwohl der Zweite Weltkrieg seit einigen Jahren vorbei ist, hofft Ada noch immer, dass ihr Mann, der als Pilot in den Krieg zog und seit Jahren als verschollen gilt, eines Tages unversehrt wieder vor ihr stehen wird. Bis sie dann doch die Nachricht erhält, dass er bereits sehr früh gefallen ist und sie somit schon seit Jahren eine Witwe. Grau fließend trägt die Themse Adas Tränen und ihre Hoffnung davon. Ihre beste Freundin Violet ist fortan um Ada ebenso besorgt wie ihr gar nicht so heimlicher Verehrer Archie.

Doch Ada beschließt, sich selber zu retten. Indem sie sich gönnt, was sie sich bisher verwehrte: ein teures Designerkleid. Genauer: das eine traumhaft schöne und Strass-besetzte Abendkleid von Dior, das sie bei einer ihrer Kundinnen im Schlafzimmer sah. Dass besagtes Kleid 500 Pfund kostet (das wären heute etwa 11.000 bis 12.000 Pfund) und Adas Börse sprengt, steht anderswo geschrieben. Mit etwas Glück, Chuzpe und der beherzten Unterstützung ihrer Freunde – der im Nachhinein ausbezahlten Witwenrente, Wetteinsätzen beim Fußball sowie Hunde- und Pferderennen, dem Finderlohn für einen gefundenen Ohrenclip – bringt Ada den nötigen Betrag zusammen. Und steigt dann tatsächlich ins Flugzeug nach Paris.

Der Marquis verhilft zum Eintritt

Hinfliegen, einkaufen, zurückfliegen und am nächsten Tag in London wieder auf der Matte stehen, so hat sich das Ada Harris vorgestellt. Aber so kommt es nicht. Bereits der Flug hat Verspätung. In Paris streikt die Müllabfuhr, so dass Ada vorerst in einem von Pennern besetzten Bahnhofwartesaal strandet. Als sie von einem Clochard begleitet endlich doch vor dem Haus Dior an der Avenue Montaigne steht, trifft dort gerade die zur Präsentation der neuen Kollektion geladene Gästeschar ein; Dior-Direktorin Claudine Colbert höchstpersönlich verwehrt Ada schnippisch den Zutritt. Der unschöne Vorfall bleibt allerdings nicht unbeobachtet. Der angesehene Marquis de Chassagne bittet Ada Harris daraufhin kurzentschlossen, ihn zu begleiten, und verhilft ihr somit zum Eintritt in die heiligen Hallen.

„Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ beruht auf einem 1958 erschienenen Roman von Paul Gallico. Der Roman war ein Erfolg, Gallico ließ ihm drei Fortsetzungen folgen. Gallicos „Mrs. Harris“-Romane wurden alle mehrfach fürs Fernsehen verfilmt. Von „Mrs. ’Arris Goes to Paris / Flowers for Mrs. Harris“ entstand unter der Regie von Peter Weck mit Inge Meysel in der Titelrolle 1982 auch ein deutscher Fernsehfilm. Anthony Fabians „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ ist die erste Verfilmung fürs Kino.

Wie eine gute Fee

Fabian hat Gallicos Roman zusammen mit Carroll Cartwright, Keith Thompson und Olivia Hetreed zum Drehbuch verarbeitet. Was die Geschichte um Ada Harris – vielleicht heute noch mehr, als bei Erscheinen des Romans 1958 – außergewöhnlich und ein bisschen auch märchenhaft erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass Ada Harris nie nach Höherem strebt und auch nicht aus ihrem Leben auszubrechen versucht, obwohl sich dazu Gelegenheit bietet. Sie sucht keine neue Liebe, will nicht reich werden und auch nicht Mitglied der gehobenen Gesellschaft. Sie macht bloß einen Ausflug in diese für sie andere Welt und lernt dabei einige Menschen kennen. Sie scheut sich nicht, dort Dinge zu bemängeln, die in ihren Augen Missstände sind: lausige Arbeitsbedingungen, Misswirtschaft, mutwillige Entlassungen, die Arroganz gegenüber Mittel- und Unterschicht, die man eventuell auch als Käuferschaft gewinnen könnte.

Vor allem in dem in Paris spielenden Teil, in dem Ada Harris mit ihrer pragmatischen Hartnäckigkeit auch einiges bewirkt, die Näherinnen zum Streiken bringt, Dior überzeugt, dass Modernisierung sein Geschäft retten könnte, und Dior-Supermodel Natascha darin bestärkt, ihr Studium weiterzuführen, erscheint sie bisweilen wie eine gute Fee.

„Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ ist mit viel Liebe für Details und großem Flair für die 1950er-Jahre inszeniert. Die Ausstattung ist überaus sorgfältig. Farbgebung, Beleuchtung und ein geruhsames Erzähltempo verpassen dem Film einen fast schon gemütlichen 1950er-Jahre-Touch. Die von Kostümdesignerin Jenny Beavan in Zusammenarbeit mit dem Dior-Archiv in Paris detailgetreu rekonstruierten Dior-Kostüme dürften nicht nur Mode-Affine begeistern.

Hinreißend und mit tiefer Menschlichkeit

„Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ ist unter anderem mit Lambert Wilson als Marquis und Alba Baptista in der Rolle von Natascha weitgehend gut besetzt. Einzig Isabelle Huppert scheint mit der Rolle der Dior-Direktorin nicht wirklich warm zu werden. Obwohl das Drehbuch auch dieser Figur ein berührendes menschliches Schicksal zuschreibt, wirkt Huppert in jedem Auftritt seltsam unterkühlt. Doch das ist Mäkeln auf hohem Niveau. Denn Lesley Manville spielt Ada Harris derart hinreißend und liebenswert und mit solch tiefer Menschlichkeit, dass anderes daneben schlicht nicht wichtig erscheint.