Glück auf einer Skala von 1 bis 10

  Freitag, 30. September 2022 - 20:30 bis - 22:05
Kategorien: Komoedie, Schweiz, Warner, Scope
Treffer: 362

 


Eintritt: 7,50 €

Originaltitel: PRESQUE
Schweiz 2022
Kinostart: 2. Juni 2022
92 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie/Drehbuch/Produzent & Hauptdarsteller: Bernard Campan und Alexandre Jollien

Darsteller: 
Bernard Campan (Louis Caretti) · Alexandre Jollien (Igor Parat) · Tiphaine Daviot (Cathy) · Julie-Anne Roth (Nicole) · La Castou (Igors Mutter) · Marilyne Canto (Judith) · Marie Benati (Elsa)

Filmwebseite des Verleihs 

Kritiken: 
Kritik von Michael Ranze für den Filmdienst (4 von 5 Sternen)
Kritik von Christian Horn für Programmkino.de
Kritik von Bettina Peulecke für NDR-Kultur
Kritik von Jürgen Kiontke für die Filmgazette

Trailer (128 Sekunden):   


ausführliche Kritik von Michael Ranze für den Filmdienst:
Tragikomödie über einen nüchternen Bestattungsunternehmer und einen an zerebraler Kinderlähmung leidenden Philosophie-Fan, die zu Reisegenossen werden.

In einer alternierenden Montage lernt der Zuschauer die beiden Hauptfiguren des Films kennen. Da ist zunächst Igor, der auf einem großen Dreirad bestelltes Gemüse an die Kunden ausliefert. So, wie er in Lausanne um die Ecken kurvt und den restlichen Verkehr aufhält, scheint er an einer Behinderung zu leiden. Der Film lässt anfangs noch offen, an welcher. Louis hingegen leitet ein riesiges Bestattungsunternehmen, das es mitunter mit 800 oder 900 Leichen am Tag zu tun hat. Umsichtig und effizient führt er seine Mitarbeiter, mitfühlend und doch pragmatisch redet er mit den Angehörigen. Je nach Kunde glaubt er an Gott oder auch nicht – wie die Situation es verlangt. Louis ist jemand, der seinen Job liebt. Ein Vollprofi, der alles im Griff hat. Als er allerdings in einen Leichenwagen steigt, um eine Urne und einen Sarg ins französische Montpellier zu überführen, ahnt man, dass die beiden Erzählstränge bald ruppig zusammenstoßen: Louis drängt Igor versehentlich auf einer Chaussee in den Straßengraben.


Gottseidank ist ihm nichts Schlimmes passiert, wie ein kurzer Aufenthalt im Krankenhaus beweist. Doch Louis wird den jungen Mann nicht mehr los. Igor hingegen ist trotz seines humpelnden Gangs, des mühsamen Sprechens und der Probleme beim Essen ein eloquenter Kerl, der sich die Philosophie zum Hobby erkoren hat. „Philosophieren bedeutet, sich im Sterben zu üben“, zitiert er aus dem Stand Platon, als er von Louis’ Beruf erfährt. Es wird nicht das letzte Zitat sein. Man ahnt es schon: Louis und Igor fahren gemeinsam im Leichenwagen weiter bis Montpellier. Und werden Freunde.

Gelassener mit Philosophie

Igor wird von dem Schweizer Alexandre Jollien, Jahrgang 1974, gespielt, der an zerebraler Kinderlähmung leidet und 17 Jahre in einem Internat für Behinderte verbracht hat. Die Philosophie hat es ihm so sehr angetan, dass er sogar Bücher verfasst hat, die auch auf Deutsch erschienen sind, zum Beispiel „Liebe Philosophie, kannst du mir helfen?“ und „Lob der Schwachheit“. Kurzum: Jollien ist einer der profiliertesten französischsprachigen Philosophen. Zusammen mit Bernard Campan, dem Darsteller des Louis, hat er bei „Glück auf einer Skala von 1 bis 10“ auch Regie geführt. Dieser Film ist ihm also ein Herzensanliegen, und schnell merkt man, warum: Mit der Philosophie lässt sich das Leben gelassener meistern und die Frage, was Glück und ein erfülltes Leben ausmachen, besser beantworten.


Igor liest Nietzsche und Epikur, er kennt die Stoiker und richtet sich nach ihnen. So vermittelt er mit seinen unaufdringlichen Zitaten Einsichten über das Dasein und den Tod, über seine Akzeptanz und die nötige Gelassenheit im Umgang mit ihm. Natürlich geht es hier auch um eine große Freundschaft – zwei höchst unterschiedliche Männer lernen sich kennen, in einem Road Movie, bei dem sich, den Genrekonventionen gehorchend, die Charaktere immer auch verändern.

Sich dem Tod auf zwei Arten nähern

Ziemlich beste Freunde
, dieser französische Prototyp-Film zur Solidarität unterschiedlicher Klassen, winkt von weitem, doch Jollien und Campan suchen gar nicht so sehr den großen Kontrast zwischen ihren Figuren. Hier geht es vor allem darum, sich dem Tod auf zwei Arten zu nähern, zum einen philosophisch, zum anderen ganz pragmatisch. Dabei suchen die Regisseure nie den schnellen Lacher. „Auf meine erste Fahrt im Leichenwagen!“, sagt bei einem Jungesellinnenabschied eine nette Anhalterin, die Louis und Igor mitgenommen haben. „Die erste, aber nicht die letzte,“ entgegnet Louis trocken. Darüber hinaus zeugt diese Feier von einer Normalität und einer Lebensfreude, die die Beschäftigung mit dem Tod wieder auffängt. Dabei geht es auch um eine Initiation: Eine sehr freundliche und verständnisvolle Prostituierte führt Igor in die Freuden der körperlichen Liebe ein.


Ein wenig zu idealisiert erscheinen Figuren wie diese. Probleme, zum Beispiel mit Jugendlichen, die Igor verspotten, lösen sich rasch in Wohlgefallen auf. Zu den schönen Ideen zählt aber, dass der Zuschauer nicht sicher sein kann, ob nicht Louis das Treffen mit der Prostituierten geschickt eingefädelt hat, unter dem Vorwand, selbst für ein Schäferstündchen zu abgelenkt zu sein. „Ihr Bruder?“, wird er bei einer Trauerfeier gefragt, mit irritiertem Blick auf Igor, der beim Essen seine Bewegungen nicht koordinieren kann. „Nein, mein Freund.“ Besser lässt sich die Essenz dieses Films nicht auf den Punkt bringen.

Im Gange

  • Gravatar birke