Ausverkauft – keine Abendkasse

  Freitag, 24. September 2021 - 20:30 bis - 22:30

 

 

43 Filmpreise plus 57 Nominierungen

Eintritt: 7,50 €

Originaltitel: Druk (Another Round)
Dänemark 2020
Kinostart: 22. uli 2021
117 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie: Thomas Vinterberg
Drehbuch: Thomas Vinterberg · Tobias Lindholm
Kamera: Sturla Brandth Grøvlen
Musik: Tobias Wagner
Schnitt: Janus Billeskov Jansen · Anne Østerud

Darsteller:
Mads Mikkelsen (Martin) · Thomas Bo Larsen (Tommy) · Lars Ranthe (Peter) · Magnus Millang (Nikolaj) · Maria Bonnevie (Anika) · Susse Wold (Rektorin) · Helene Reingaard Neumann (Amalie) · Ole Dupont (Hausmeister) · Magnus Sjørup (Jonas) · Albert Rudbeck Lindhardt (Sebastian)

Filmwebseite, WIKIPEDIA   

Kritiken:
Kritik von Gerhard Midding im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von  Wolfgang Hamdorf im Filmdienst (4 von 5 Sternen)
Kritik von Ingrid Beerbaum auf Kunst & Film (6 von 6 Sternen)
Kritik von Rüdiger Suchsland auf artechock filmmagazin
Kritik von Gregor Torinus auf artechock filmmagazin
Kritik von Joshua Schultheis auf critic.de
Kritik von Hanns-Georg Rodek in der Welt
Kritik von Fabian Lichter in der FAZ
Kritik von Johanna Adorján in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Barbara Schweizerhof in der Zeit
Kritik von Christiane Peitz im Tagesspiegel
Kritik von Christian Neffe auf Kinozeit
Kritik von Antje Wessel in Wessels Filmkritik
Kritik von Antje Wessels auf Programmkino.de (Gilde deutscher Filmkunsttheater)

 
Trailer (144 Sekunden):

 

Kinotipp der katholischen Filmkritik:
Thomas Vinterbergs schwarze Komödie um vier Männer, die einen gewagten Selbsttest mit Alkohol starten, wurde am 22.7. zum Kinotipp der katholischen Filmkritik gekürt.


Jury der Evangelischen Filmarbeit: Film des Monat März

 

ausführliche Kritik Filmdienst 
Vier Lehrer an einer dänischen Schule wollen die Theorie vom natürlichen Alkoholdefizit überprüfen und lassen sich gezielt volllaufen. Ihre Leistungssteigerung ist jedoch nicht von Dauer.

Die Schule ist vorbei! Nach der letzten Prüfung rasen Jugendliche mit vollen Bierkästen durch den Stadtpark und leeren die Flaschen in atemberaubender Geschwindigkeit. Wird jemandem dabei schlecht und muss sich gar übergeben, so bedeutet das Punkteverlust. Volltrunken ziehen die Schüler johlend durch die Stadt, überwältigen einen Wachmann in der U-Bahn und fesseln ihn mit seinen eigenen Handschellen an die Haltestange. Das geht weit über die üblichen Exzesse zum Schulabschluss hinaus. Genug ist genug, meint die Schulleiterin und warnt eindringlich vor den Gefahren des Alkohols. Noch weiß sie nicht, mit welchen Abgründen an Sucht sie es bald im eigenen Kollegium zu tun bekommt.

Martin (Mads Mikkelsen) war früher ein begeisterter Lehrer, der alles für seinen Beruf gab. Heute hat er keine Lust mehr. Das merken die Schüler, die seinem sprunghaften Unterricht kaum noch folgen können; dies macht auch den Eltern Sorge, denn sie fürchten um den für die Studienwahl so wichtigen Notendurchschnitt ihrer Kinder. Aber auch in Martins Ehe ist trotz zwei Kindern und einem schönen Eigenheim die Luft schon lange draußen. Seinen Freunden und Kollegen geht es in Thomas Vinterbergs „Der Rausch“ ähnlich. Der eine kommt mit der angespannten Familiensituation nicht klar, dem anderen bleibt nur noch der Hund. Alkohol trinken die vier Freunde, allesamt frustrierte Lehrer am selben Gymnasium, gerne, aber eigentlich immer nur, um die Widrigkeiten von Arbeit und Familienleben zu vergessen. Wenn man doch nur die Arbeit vergessen könnte!

Die Idee vom Alkoholdefizit

Bei einem sehr alkoholintensiven Geburtstagsessen kommt das Gespräch auf die merkwürdige Theorie eines norwegischen Philosophen, dass der Mensch ein biologisches Alkoholdefizit habe. Nur mit einem Alkoholgehalt von mindestens 0,5 Promille im Blut sei er zu Höchstleistungen fähig. Ein Beweis dafür sei ein Schriftsteller wie Ernest Hemingway, aber auch ein Politiker wie Churchill könnte das bestätigen. Der eine habe seine besten Romane unter ständigem Alkoholeinfluss geschrieben, der andere den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Das wollen die vier dann auch mal probieren. Sie machen einen Selbsttest und halten auch während des Unterrichts einen bestimmten Pegel. Und siehe da: es klappt! Der wissenschaftliche, oder besser: philosophisch fundierte Alkoholismus führt zu überraschend positiven Ergebnissen. Der Sportunterricht wird zu einem ganz neuen Erlebnis, und der Geschichtsunterricht zum rhetorischen Höhepunkt, der die Schüler mitreißt.


Während sich die leeren Schnapsflaschen in Turnhalle und Toilette häufen und die Schüler wieder Spaß haben, bereitet das Quartett schon den nächsten Schritt vor – bis zum Filmriss und dem Delirium tremens. Am Ende liegt der eine volltrunken und mit schweren Schürfwunden auf dem Bürgersteig vor seinem Eigenheim, der andere mitten in der eigenen Wohnung im Babybettchen. Im kollektiven Rausch gibt es aber auch immer einen, der nicht mehr aufsteht.

Der Originaltitel „Druk“, bedeutet so viel wie „Noch eine Runde“ und zeigt den Alkoholismus als geselliges Massenphänomen. Die schwarze Komödie von Thomas Vinterberg handelt von ernsten Themen: Midlife-Crisis, Entfremdung in der Ehe und natürlich Alkohol. Den charakterisiert der Film, über die private Dimension hinaus, als gesellschaftliches Bindeelement, von den Abschiedsritualen der Schulzeit zum schnell gekippten Weißwein bei belastenden Beziehungsgesprächen bis hin zur gelungenen Archiv-Collage betrunkener Politiker und Staatsführer, an erster Stelle der ehemalige russische Präsident Boris Jelzin, aber auch andere, weniger bekannte Fälle.

Menschlich tragisch, grotesk komisch

Bei aller gesellschaftlichen Groteske vernachlässigt Vinterberg aber nie die Psychologie der Protagonisten und erweist sich dabei neuerlich als handwerklich versierter Regisseur, der Tempi und Emotionen beherrscht. Es gelingt ihm, in dieser Tragikomödie die Balance zwischen dem Menschlich-Tragischen und dem Grotesk-Komischen zu wahren. „Der Rausch“ ist eine glänzende Inszenierung mit außergewöhnlichen Schauspielern. Allen voran Mads Mikkelsen, doch auch die Darsteller seiner trinkfesten Freunde, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe, stehen ihm nur wenig nach. Die facettenreiche Auseinandersetzung mit dem Thema Alkoholismus in Wohlstandsgesellschaften gleitet dabei weder in eine sentimentale Buddy-Komödie noch in ein moralinsaures Drama über die sozialen und gesundheitlichen Gefahren des Alkohols ab.


Eine Kritik von  Wolfgang Hamdorf