Enfant Terrible

  Mittwoch, 25. November 2020 - 19:00 bis - 21:30
Kategorien: Biopic
Treffer: 71

Kino achteinhalb hatte beschlossen, seinen Betrieb am Freitag, dem 13. März, einzustellen und nun, ihn am Freitag, dem 9. Oktober, wieder aufzunehmen. 
Folgende Änderungen haben wir vorgenommen:
Solange die Corona-Vorschriften gelten, haben wir keine Abendkasse, sondern vergeben unsere wenigen Karten via Reservierung. Sie können Ihre Karten entweder über unsere Reservierungsfunktion oder per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! reservieren. Bis 18 Uhr des Veranstaltungstages sind Reservierungen möglich. Laut Verordnung sind Gruppen bis zehn Menschen zulässig, daher können von einer Person maximal zehn Karten reserviert werden. Aufgrund der Abstandsregelung bieten wir weniger Plätze an: Sehr wenige Plätze für den Fall, dass alle einzeln kommen und dementsprechend mehr Plätze, wenn die Leute zu zweit, dritt, viert, etc. kommen, da innerhalb dieser Konstellationen (von 2 bis 10) kein Abstand gewährt werden muss, zwischen den diversen Konstellationen aber schon. Wir haben eine Reihe komplett rausgenommen, so dass insgesamt acht rote Sessel weniger im Kino stehen als vor Corona. Wenn Sie Ihre Reservierung nicht wahrnehmen können, wäre eine rechtzeitige Absage per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bis spätestens 18 Uhr für uns das Beste. Einlass ist ab 19 Uhr. Ihre Karten zahlen Sie bitte bar im Kino.
Da wir gemäß Verordnung wesentlich weniger Plätze anbieten können als vorher, haben wir den Eintrittspreis von 5 auf 7,50 Euro erhöht.
Im Sitzen besteht in Kinos keine Maskenpflicht; im Stehen und Gehen besteht Maskenpflicht.

Die RWLE Möller Stiftung hat uns für ca. 4.500 Euro einen zertifizierten (EU-Norm EN1822-1) H14-Schwebstofffilter finanziert. (Wir haben ausschließlich Raumluftreiniger in Betracht gezogen, die zertifiziert sind und sich einer neutralen wissenschaftlichen Studie unterzogen haben und somit auch eindeutige Aussagen treffen, über die Filterleistung und wie viel Kubikmeter in der Stunde umgewälzt werden.) 
Das ist, was Viren, Bakterien, Keime (und Staub!) angeht, effektiver als Lüften, da nachweislich 99,995 % aller Viren aus der Luft herausgefiltert werden. Selbst die besonders schwierig abzuscheidenden Aerosolpartikel zwischen 0,1 und 0,3 µm Durchmesser (also  Viren) werden zu 99,995 Prozent aus der Luft abgeschieden. Mit anderen Worten: von 100.000 Viren verbleibt nur eins in der Luft. Da wir Menschen aber mehrere hundert Viren einatmen können, ohne uns zu infizieren, wäre dieses etwaige eine von hunderttausend verbliebene völlig ungefährlich. Das Gerät verbrennt (als einziges Gerät weltweit), anschließend das Filtersubstrat bei 100 Grad, so dass es nicht als "Virenschleuder" fungieren kann. Der Hersteller Trotec (pikanterweise aus Heinsberg) produziert von diesem Raumluftreiniger ca. 1000 Geräte die Woche, von denen zahlreiche in den Export gehen. Wir sind laut Trotec das erste Kino mit so einem Filter sowie ihr erster Kunde im Landkreis Celle. Entwickelt wurden die Filter über Ostern und sind bereits im Mai in Produktion gegangen. Wir erfuhren davon, als der Heinsberger Landrat Stephan Pusch am 19. März bei Markus Lanz davon erzählte und haben uns dann nach Heinsberg aufgemacht und Trotec besucht. Wir sind laut Trotec das erste Kino mit so einem Filter sowie ihr erster Kunde im Landkreis Celle. Laut Spiegel soll übrigens in Schweden mittlerweile so gut wie jedes Klassenzimmer mit Luftfiltern ausgestattet sein ... Unseres Wissens ist bisher aber eh keine einzige Infektion in Kinos belegt vermutlich da in Kinos weder feuchtfröhlich und laut gesprochen, noch sich sonderlich in den Armen gelegen wird. Das wird auch der Grund sein, warum Kinos und Theater von den Schließungen im September in  z. B. Frankreich oder auch in Hamm nicht betroffen sind.
("Nicht von aktuellen Maßnahmen betroffen sind Kulturveranstaltungen und das Kino sowie alle Sporteinrichtungen inklusive der Bäder. Als Grund führt der OB an, dass diese Orte bislang nicht als Infektionsherde aufgefallen sind." – Westfälischer Anzeiger aus Hamm vom 22. September)
Laut der niedersächsischen Corona-Verordnung vom 25. September ist der Besuch des Kinos nur statthaft, wenn Sie uns Ihre Kontaktdaten anvertrauen. Ihre Kontaktdaten verwahren wir in einem verschlossenen Kuvert, das mit Filmtitel und Tagesdatum sowie dem Datum, an dem es verschlossen geschreddert wird, beschriftet ist. Bei Filmbeginn wird das Kuvert zugeklebt. Wir haben eine Aufbewahrungspflicht von drei Wochen, danach wird das verschlossene Kuvert umgehend geschreddert. Es wäre schön, wenn Sie unser Kontaktformular ausdruckten und ausgefüllt mitbrächten. Wir haben Kopien dieser Formulare natürlich auch im Kino vorrätig.

Artikel der CZ vom 8. Oktober über den Restart des achteinhalbs und den Raumluftfilter

 

Eintritt: 7,50 €

Deutschland 2020
Kinostart: 1. Oktober 2020
135 Minuten
FSK: ab 16; f

Regie: Oskar Roehler   
Drehbuch: Klaus Richter

Kamera: Carl-Friedrich Koschnick   
Musik: Martin Todsharow  
Schnitt: Hansjörg Weißbrich  


Darsteller:
Oliver Masucci (Rainer Werner Fassbinder) · Hary Prinz (Kurt Raab) · Katja Riemann (Gudrun) · Alexander Scheer (Andy Warhol) · Eva Mattes (Brigitte Mira) · Jochen Schropp (Armin Meier) · Désirée Nick (Barbara Valentin) · Michael Klammer (Günther Kaufmann) · André Hennicke (Carlotta) · Anton Rattinger (Britta) · Erdal Yildiz (El Hedi ben Salem) · Sunnyi Melles (Veronika) · Isolde Barth (Fassbinders Mutter) · Detlef Bothe (Wally Bockmayr) · Simon Böer (Michael Ballhaus) · Antoine Monot jr. (Peter Berling) · Lucas Gregorowicz (Ulli Lommel) · Markus Hering (Peer Raben) · Michael Ostrowski (Peter Chatel) · Frida-Lovisa Hamann (Martha) · Felix Hellmann (Harry) · Meike Droste (Ursel) · Christian Berkel (Interviewer) · Yael Hahn · Götz Otto (Jack Palance) · Ralf Richter (Blumenpeter) · Wilson Gonzalez Ochsenknecht (Punk Raoul) · David Bredin (Müllmann)


FilmwebseiteWIKIPEDIA, Facebook, alle Daten zum Film auf Filmportal.de   

Kritiken:
Kritik von Patrick Seyboth im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Eric Mandel auf Kunst und Film (4 von 6 Sternen)
Kritik von Ralf Schenk im Filmdienst (4 von 5 Sternen)
  
Kritik von Michael Meyns auf Programmkino.de (Gilde der Filmkunsttheater)

Trailer (71 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst  
Stationen und Momente aus dem Leben und Schaffen von Rainer Werner Fassbinder werden zu einem vielfach gebrochenen, zwischen Traum und Albtraum flirrenden Porträt des manischen Filmemachers verwoben.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich Oskar Roehler nach Filmen über seine Mutter („Die Unberührbare“) und seine Familie („Quellen des Lebens“) einer Arbeit über jenen Regisseur annehmen würde, der für ihn wohl eine Art cineastischer Übervater darstellt: Rainer Werner Fassbinder. Wie Fassbinder baut ja auch Roehler, der bislang 16 Filme in 25 Jahren gedreht hat, an einer sarkastischen Sitten- und Moralgeschichte der Bundesrepublik und setzt dabei ebenso grelle Schlaglichter wie einst Fassbinder, mit sperrigen, verstörenden Arbeiten, deren Ausbuchtungen ins Banale wie Monströse ausgehalten werden müssen.

Das Interesse, das Fassbinder einst oft „kleinen Leuten“, Arbeitern und Gewerbetreibenden am Abgrund zum Existenzverlust entgegenbrachte, konzentriert sich bei Roehler allerdings primär auf die bedrohte Mittelschicht, deren Seelenlage er bis in Untiefen ausleuchtet, in die vorzudringen schmerzt und bisweilen auch ekelt. Doch bei allem Umstrittenen, ja Abstrusem, bei allem ambitioniert Misslungenen, das von Roehler schon zu sehen war, blieb er stets ein Regisseur, auf dessen jeweils neues Werk man gespannt wartete. 

„Enfant Terrible“, der sogar für das infolge von Corona ausgefallene Programm von Cannes nominiert war, bildet da keine Ausnahme.

Episoden aus Fassbinders Biografie

Roehler und sein bevorzugter Drehbuchautor Klaus Richter montieren Episoden aus Fassbinders Biografie zwischen 1967 und 1982, vom ersten Auftreten im Münchner Action-Theater bis zum einsamen Tod des Meisters. „Enfant Terrible“ wurde ausschließlich im Atelier gedreht; Türen, Fenster, Straßenschilder, auch eine Kücheneinrichtung sind auf Kulissenwände gemalt. Entsprechend künstlich die Farbgebung: Es dominieren Rot, Blau, Braun und Grau, wobei das Licht die Gesichter heraushebt, während die Umgebung oft in Dunkel getaucht ist. Roehler zitiert dabei die Ästhetik von Fassbinders „Querelle“ und anderer Spätwerke des Regisseurs. Er imitiert die Imitation: der Fassbinder’schen „Imitation of Life“ schließt sich eine Roehler’sche „Imitation of Art“ an. „Enfant Terrible“ ist kein konventionelles Biopic, sondern eine ästhetisch verdichtete, eher von Traum und Albtraum getragene, fantastisch flirrende Variation auf eine Biografie.

Ein Grundthema des Films ist das Wechselspiel zwischen Liebessehnsucht und der geradezu pathologischen Unfähigkeit, ihr im Leben Raum zu geben. Für das Destruktive und Monströse nutzen Roehler und Richter zahllose authentische Partikel aus der Vita Fassbinders; doch auch Brechts „Baal“, der ja ebenfalls von Fassbinder gespielt wurde, muss mitgedacht werden. Jene Asozialität des Künstlers, die Zerstörung und Selbstzerstörung im Schlepptau mit sich führt, wird von den Autoren breit ausgemalt und von ihrem Hauptdarsteller Oliver Masucci mit extremer Körperkraft zelebriert. Sein Rainer Werner raucht und kokst am laufenden Band und wird dabei immer fetter; er erniedrigt und beleidigt seine Umgebung, quält sich und vor allem andere sowohl physisch als auch psychisch.

Oliver Masucci & die anderen Darsteller

Starke Momente hat Masucci, wenn er die Verletzlichkeit und den abgrundtiefen Schmerz der Figur darstellen darf, etwa nach dem Verlust geliebter Menschen, dem Tod der beiden Freunde El Hedi Ben Salem und Armin Meier. Dass die Exzentrik Fassbinders durchaus kein privater Tick war, sondern eminente politische Wurzeln hatte, spart der Film indes weitgehend aus. Das Leiden an der Gesellschaft, die Ausweglosigkeit des politisch Denkenden bleibt bis auf wenige Szenen, etwa die Arbeit an der Bühneninszenierung „Der Müll, die Stadt und der Tod“, unausgesprochen.

Der berühmte Dialog mit seiner Mutter am Küchentisch, im sogenannten Deutschen Herbst 1977, steht fast beziehungslos im Raum. Ebenfalls schuldig bleibt „Enfant Terrible“ wenigstens einen knappen Beleg dafür, was Fassbinders Kunst in ihrer Zeit so besonders machte, woraus sie ihre Poesie und Faszination schöpfte. Nur aus der Provokation? Nur aus Ekel und Selbstekel? Oder nicht bisweilen auch aus einer fröhlichen Empathie, wie sie in „Acht Stunden sind kein Tag“ nacherlebbar war?

Obwohl Drehbuch und Regie dem Hauptdarsteller die Gelegenheit für einen Parforceritt bieten und manche Gruppenszene zur bloßen Staffage für Masuccis Auf-, Aus- und Zusammenbrüche geraten, bleiben einzelne andere Auftritte durchaus in Erinnerung. Katja Riemann als Gudrun, gemeint ist hier Ingrid Caven, spielt eine sensibel Liebende, Hary Prinz als Kurt Raab balanciert auf einem Grat zwischen Anziehung und Abstoßung, Unterwürfigkeit und Auflehnung. Michael Klammer als Günther Kaufmann, Erdal Yıldız als Salem und Jochen Schropp als Armin umreißen die Schicksale der Fassbinder’schen Lebensgefährten unaufgeregt und präzise. Eva Mattes als Brigitte Mira hat einen naiv-ironischen, den Tonfall der Mira imitierenden Auftritt nach dem Cannes-Erfolg von „Angst essen Seele auf“. Simon Böer als Michael Ballhaus beobachtet das teils bizarre Geschehen im Fassbinder-Clan eher ungläubig: Er gehört dazu – und doch auch wieder nicht. Alexander Scheer hat eine markante Szene als Andy Warhol, natürlich mit Polaroid-Kamera.

Eine Performance in Moll

Insgesamt ist „Enfant Terrible“ natürlich kein ultimativer Fassbinder-Film; es ist ein Crashkurs und zugleich eine Performance in Moll. Ein Angebot mit Leerstellen. Sie zu füllen, bedarf es wohl mehr als zwei anstrengend unterhaltsamer Kinostunden.


Eine Kritik von Ralf Schenk