Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit

  Donnerstag, 17. Dezember 2020 - 19:30 bis - 21:00

Kino achteinhalb hatte beschlossen, seinen Betrieb am Freitag, dem 13. März, einzustellen und nun, ihn am Freitag, dem 9. Oktober, wieder aufzunehmen. 
Folgende Änderungen haben wir vorgenommen:
Solange die Corona-Vorschriften gelten, haben wir keine Abendkasse, sondern vergeben unsere wenigen Karten via Reservierung. Sie können Ihre Karten entweder über unsere Reservierungsfunktion oder per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! reservieren. Bis 18 Uhr des Veranstaltungstages sind Reservierungen möglich. Laut Verordnung sind Gruppen bis zehn Menschen zulässig, daher können von einer Person maximal zehn Karten reserviert werden. Aufgrund der Abstandsregelung bieten wir weniger Plätze an: Sehr wenige Plätze für den Fall, dass alle einzeln kommen und dementsprechend mehr Plätze, wenn die Leute zu zweit, dritt, viert, etc. kommen, da innerhalb dieser Konstellationen (von 2 bis 10) kein Abstand gewährt werden muss, zwischen den diversen Konstellationen aber schon. Wir haben eine Reihe komplett rausgenommen, so dass insgesamt acht rote Sessel weniger im Kino stehen als vor Corona. Auch wenn wir unter den aktuell gültigen Abstandsregeln maximal 26 Plätze (vorausgesetzt es gäbe genügend Dreier-Gruppen) vergeben dürften, haben wir beschlossen, die maximale Anzahl für das Jahr 2020 auf 18 Karten zu begrenzen. Wenn Sie Ihre Reservierung nicht wahrnehmen können, wäre eine rechtzeitige Absage per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bis spätestens 18 Uhr für uns das Beste. Einlass ist ab 20 Uhr. Ihre Karten zahlen Sie bitte bar im Kino.
Da wir gemäß Verordnung wesentlich weniger Plätze anbieten können als vorher, haben wir den Eintrittspreis von 5 auf 7,50 Euro erhöht.
Im Sitzen besteht in Kinos keine Maskenpflicht; im Stehen und Gehen besteht Maskenpflicht.

Die RWLE Möller Stiftung hat uns für ca. 4.500 Euro einen zertifizierten (EU-Norm EN1822-1) H14-Schwebstofffilter finanziert. (Wir haben ausschließlich Raumluftreiniger in Betracht gezogen, die zertifiziert sind und sich einer neutralen wissenschaftlichen Studie unterzogen haben und somit auch eindeutige Aussagen treffen, über die Filterleistung und wie viel Kubikmeter in der Stunde umgewälzt werden.) Das ist, was Viren, Bakterien, Keime (und Staub!) angeht, effektiver als Lüften, da nachweislich 99,995 % aller Viren aus der Luft herausgefiltert werden. Selbst die besonders schwierig abzuscheidenden Aerosolpartikel zwischen 0,1 und 0,3 µm Durchmesser (also  Viren) werden zu 99,995 Prozent aus der Luft abgeschieden. Mit anderen Worten: von 100.000 Viren verbleibt nur eins in der Luft. Da wir Menschen aber mehrere hundert Viren einatmen können, ohne uns zu infizieren, wäre dieses etwaige eine von hunderttausend verbliebene völlig ungefährlich. Das Gerät verbrennt (als einziges Gerät weltweit), anschließend das Filtersubstrat bei 100 Grad, so dass es nicht als "Virenschleuder" fungieren kann. Der Hersteller Trotec (pikanterweise aus Heinsberg) produziert von diesem Raumluftreiniger ca. 1000 Geräte die Woche, von denen zahlreiche in den Export gehen. Wir sind laut Trotec das erste Kino mit so einem Filter sowie ihr erster Kunde im Landkreis Celle. Entwickelt wurden die Filter über Ostern und sind bereits im Mai in Produktion gegangen. Wir erfuhren davon, als der Heinsberger Landrat Stephan Pusch am 19. März bei Markus Lanz davon erzählte und haben uns dann nach Heinsberg aufgemacht und Trotec besucht. Wir sind laut Trotec das erste Kino mit so einem Filter sowie ihr erster Kunde im Landkreis Celle. Laut Spiegel soll übrigens in Schweden mittlerweile so gut wie jedes Klassenzimmer mit Luftfiltern ausgestattet sein ... Unseres Wissens ist bisher aber eh keine einzige Infektion in Kinos belegt vermutlich da in Kinos weder feuchtfröhlich und laut gesprochen, noch sich sonderlich in den Armen gelegen wird. Das wird auch der Grund sein, warum Kinos und Theater von den Schließungen im September in  z. B. Frankreich oder auch in Hamm nicht betroffen sind.
("Nicht von aktuellen Maßnahmen betroffen sind Kulturveranstaltungen und das Kino sowie alle Sporteinrichtungen inklusive der Bäder. Als Grund führt der OB an, dass diese Orte bislang nicht als Infektionsherde aufgefallen sind." – Westfälischer Anzeiger aus Hamm vom 22. September)
Laut der niedersächsischen Corona-Verordnung vom 25. September ist der Besuch des Kinos nur statthaft, wenn Sie uns Ihre Kontaktdaten anvertrauen. Ihre Kontaktdaten verwahren wir in einem verschlossenen Kuvert, das mit Filmtitel und Tagesdatum sowie dem Datum, an dem es verschlossen geschreddert wird, beschriftet ist. Bei Filmbeginn wird das Kuvert zugeklebt. Wir haben eine Aufbewahrungspflicht von drei Wochen, danach wird das verschlossene Kuvert umgehend geschreddert. Es wäre schön, wenn Sie unser Kontaktformular ausdruckten und ausgefüllt mitbrächten. Wir haben Kopien dieser Formulare natürlich auch im Kino vorrätig.

Artikel der CZ vom 8. Oktober über den Restart des achteinhalbs und den Raumluftfilter
Artikel in Celle Heute
Spiegel vom 17. Oktober: "In Kählers Studie testeten die Forscher den Raumluftfilter eines Gerätes der Firma Trotec und kamen zum Schluss, dass dieser Aerosolpartikel bis auf eine Größe von 0,1 bis 0,3 Mikrometern sehr zuverlässig abfangen kann."

 

Eintritt: 7,50 €

Deutschland 2020
Kinostart: 22. Oktober 2020
96 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie/Drehbuch/Schnitt: Yulia Lokshina
Kamera: Zeno Legner · Lilli Pongratz 

Filmwebseite, alle Daten zum Film auf Filmportal.de  

Kritiken:
Kritik von Silvia Hallensleben im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Ulrich Kriest im Filmdienst (4 von 5 Sternen)
  
Kritik von Michael Meyns auf Programmkino.de (Gilde deutscher Filmkunsttheater)

Interview von Bulgan Molor-Erdene mit mit Filmemacherin Yulia Lokshina über Sprachlosigkeit und Ausbeutung

Trailer (70 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst  

Ein dokumentarisches Mosaik über die entwürdigenden Arbeitsverhältnisse in der deutschen Fleischindustrie und den Alltag der unterdrückten Arbeiter aus dem süd-ost-europäischen Raum.

Wenn man aktuell beim Einkauf Zeuge wird, dass beim Metzger nachdrücklich gefragt wird, ob hier denn auch kein „Tönnies-Fleisch“ verkauft wird, dann bedeutet das nicht, dass Yulia Lokshinas Film „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ dank Covid-19 von der Realität überholt worden ist. Der erfrischend realistische Diplomfilm, zu Jahresbeginn 2020 beim „Festival Max Ophüls“ in Saarbrücken zu Recht prämiert, macht sich keine Illusionen über die Verbesserung von Lebensverhältnissen, indem er einen großen Erzählbogen von den 1920er- bis zu den 2020er-Jahren spannt. Zunächst einmal gilt: Wenn die kleinen Schweinchen auch niedlich in die Kamera blinzeln, bevor es ihnen an den Kragen geht, konzentriert sich Lokshina doch vielmehr auf die Menschen, die hier ausgebeutet werden.

Alles, was die Covid-19-Ausbrüche in Fleischbetrieben im Frühsommer 2020 einer größeren Öffentlichkeit vor Augen und Ohren führten, ist in „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“, längst vorher gedreht, bereits präsent: Die entwürdigenden und ausbeuterischen Arbeits- und Wohnverhältnisse von Arbeitskräften aus dem süd-ost-europäischen Raum, verschleiert durch Werkverträge von Subunternehmern, sodass – Freiheit der Wahl des Arbeitsplatzes – von einem „rechtsfreien Raum“, wie es ein Justiziar der Firma Tönnies hier auf den Punkt bringt, keine Rede sein kann. Vor Ort ist längst klar, dass in Rheda-Wiedenbrück und Umgebung eine Parallelgesellschaft entstanden ist, dass über Integration nachgedacht werden muss.

Gespür für den Zynismus der Verhältnisse

Was damit gemeint ist, zeigt Lokshina mit genauem Blick und einem bemerkenswerten Gespür für einen Zynismus der Verhältnisse, der mitunter lachen macht. Wenn beispielsweise Bilder eines integrativen Sprachkurses gezeigt werden, dem es nicht um Grammatik, sondern ums Sprechen geht. Und wo man lernt, dass man auf die Frage „Wie geht es dir?“ hierzulande antwortet: „Danke, gut!“ Small Talk im Spätkapitalismus. In die Produktion hinein durfte das Filmteam, wenig überraschend, nicht, dafür gibt es aus dem Off ein paar „krasse“ Geschichten über die dort herrschenden Arbeitsbedingungen, wo schon mal Arbeitskräfte zu Hackfleisch würden. So wie seinerzeit geschildert in Upton Sinclairs Reportagen aus den Schlachthöfen Chicagos, die Brecht zu seiner „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ zumindest teilweise inspiriert haben. Um Brecht wird es später noch gehen.

In Rheda-Wiedenbrück heftet sich der Film an die Fersen der Aktivistin Inge Bultschnieder, die als eine Art Streetworker einerseits versucht, die Entrechteten und Verachteten bei Behördengängen und allerlei Formalitäten zu unterstützen, sich andererseits aber auch bemüht, den strukturellen Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse am Laufen zu halten. Dass mit einer Veränderung eher nicht zu rechnen ist, macht das Gespräch mit einer Lokalpolitikerin deutlich, die davon schwadroniert, dass ein Ruck durch die Gesellschaft gehen müsse, dass Fleisch einfach mehr kosten müsse, um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Wer allerdings unter den Bedingungen einer „sozialen Marktwirtschaft“ als Agent dieses Rucks zu denken sei, vermag sie nicht zu sagen. Indes: mit der „Planwirtschaft“ hätten „wir“ ja keine guten Erfahrungen gemacht. Wer soll das alles ändern?

Mit Solidarität ist nicht zu rechnen

Mit den Arbeiterinnen und Arbeitern, so der nächste Schritt, ist diesbezüglich nicht zu rechnen. Der Film besucht ein paar Litauer, die sich auf einem Campingplatz in den Verhältnissen eingerichtet haben. Kein Luxus, aber ein Leben, das mit Actionfilmen, Alkohol und russischer Musik schon auszuhalten ist. Wären da nicht die Rumänen und Bulgaren, die „wie Zigeuner“ sind, auf die man ein Auge haben müsse, wenn einem sein Erspartes wichtig sei.

Mit Solidarität, selbst mit empathischer Aufmerksamkeit unter den Arbeitsmigranten ist nicht zu rechnen, das offenbart der Fall einer jungen Frau, die ihr Neugeborenes in einer Hecke neben dem örtlichen Elektronik-Markt ablegte, weil sie von ihrer Niederkunft überfordert war und schlicht zu isoliert, um Hilfe einzufordern. Nach einem Gefängnisaufenthalt hilft ihr Bultschnieder dabei, ihrem zur Adoption freigegebenen Kind ein Geburtstagspäckchen zu packen.

Brecht ohne Impulse

Einen weiteren Perspektivwechsel erlaubt dann eine Theater-AG am oberbayerischen Gymnasium Neubiberg, die eine Inszenierung von Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ in Szene setzt. Das ist nicht etwa ein glücklicher Zufall, sondern von der Filmemacherin initiiert. Hier nun gilt es zu bestaunen, welche Distanzen zwischen den unterschiedlichen Lebenswelten zwischen den Schlachthöfen in Nordrhein-Westfalen und dem Gymnasium in Bayern liegen. Brechts Stück handelt von exemplarischen Lernprozessen, die ein engagierter Lehrer nun seinen aufreizend indifferenten Schülern zu vermitteln sucht, wenn er davon spricht, dass hier „ein krass linksradikales, marxistisches Stück“ zur Disposition stehe und er eigentlich auch mal auf Widerworte hoffe. Auch diese Hoffnung wird enttäuscht, aber durch die hilflose Ungeduld des Pädagogen, der alle Antworten auf seine Fragen immer schon gleich selbst liefert, wird deutlich, dass von den gar nicht einmal subtilen Subtexten des Klassikers keine politischen Impulse ausgehen, ja nicht einmal mehr Neugier auf historische Erfahrungen.

Von den drei pädagogischen Praxen, von denen der Film berichtet (Streetworking, Sprachkurs, Theater-AG), überzeugt eigentlich nur Inge Bultschnieder, die unverdrossen gegen Windmühlen kämpft. Und dann ist da noch der Litauer, der wissend grinst, wenn er davon erzählt, dass man eigentlich mal bei „Wiesenhof“ drehen müsste, um an die echt harten Bilder vom Leben der „weißen Nigger“ zu kommen.

Eine Kritik von Ulrich Kriest