Oeconomia

  Donnerstag, 03. Dezember 2020 - 19:30 bis - 21:00

Kino achteinhalb hatte beschlossen, seinen Betrieb am Freitag, den 13. März, einzustellen und nun, ihn am Donnerstag, den 8. Oktober, wieder aufzunehmen. 
Folgende Änderungen haben wir vorgenommen:
Solange die Corona-Vorschriften gelten, haben wir keine Abendkasse, sondern vergeben unsere wenigen Karten via Reservierung. Sie können Ihre Karten entweder über unsere Reservierungsfunktion oder per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! reservieren. Bis 18 Uhr des Veranstaltungstages sind Reservierungen möglich. Laut Verordnung sind Gruppen bis zehn Menschen zulässig, daher können von einer Person maximal zehn Karten reserviert werden. Aufgrund der Abstandsregelung bieten wir weniger Plätze an: Sehr wenige Plätze für den Fall, dass alle einzeln kommen und dementsprechend mehr Plätze, wenn die Leute zu zweit, dritt, viert, etc. kommen, da innerhalb dieser Konstellationen (von 2 bis 10) kein Abstand gewährt werden muss, zwischen den diversen Konstellationen aber schon. Wir haben eine Reihe komplett rausgenommen, so dass insgesamt acht rote Sessel weniger im Kino stehen als vor Corona. Auch wenn wir unter den aktuell gültigen Abstandsregeln maximal 26 Plätze (vorausgesetzt es gäbe genügend Dreier-Gruppen) vergeben dürften, haben wir beschlossen, die maximale Anzahl für das Jahr 2020 auf 18 Karten zu begrenzen. Wenn Sie Ihre Reservierung nicht wahrnehmen können, wäre eine rechtzeitige Absage per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bis spätestens 18 Uhr für uns das Beste. Einlass ist ab 20 Uhr. Ihre Karten zahlen Sie bitte bar im Kino.
Da wir gemäß Verordnung wesentlich weniger Plätze anbieten können als vorher, haben wir den Eintrittspreis von 5 auf 7,50 Euro erhöht.
Im Sitzen besteht in Kinos keine Maskenpflicht; im Stehen und Gehen besteht Maskenpflicht.

Die RWLE Möller Stiftung hat uns für ca. 4.500 Euro einen zertifizierten (EU-Norm EN1822-1) H14-Schwebstofffilter finanziert. (Wir haben ausschließlich Raumluftreiniger in Betracht gezogen, die zertifiziert sind und sich einer neutralen wissenschaftlichen Studie unterzogen haben und somit auch eindeutige Aussagen treffen, über die Filterleistung und wie viel Kubikmeter in der Stunde umgewälzt werden.) Das ist, was Viren, Bakterien, Keime (und Staub!) angeht, effektiver als Lüften, da nachweislich 99,995 % aller Viren aus der Luft herausgefiltert werden. Selbst die besonders schwierig abzuscheidenden Aerosolpartikel zwischen 0,1 und 0,3 µm Durchmesser (also  Viren) werden zu 99,995 Prozent aus der Luft abgeschieden. Mit anderen Worten: von 100.000 Viren verbleibt nur eins in der Luft. Da wir Menschen aber mehrere hundert Viren einatmen können, ohne uns zu infizieren, wäre dieses etwaige eine von hunderttausend verbliebene völlig ungefährlich. Das Gerät verbrennt (als einziges Gerät weltweit), anschließend das Filtersubstrat bei 100 Grad, so dass es nicht als "Virenschleuder" fungieren kann. Der Hersteller Trotec (pikanterweise aus Heinsberg) produziert von diesem Raumluftreiniger ca. 1000 Geräte die Woche, von denen zahlreiche in den Export gehen. Wir sind laut Trotec das erste Kino mit so einem Filter sowie ihr erster Kunde im Landkreis Celle. Entwickelt wurden die Filter über Ostern und sind bereits im Mai in Produktion gegangen. Wir erfuhren davon, als der Heinsberger Landrat Stephan Pusch am 19. März bei Markus Lanz davon erzählte und haben uns dann nach Heinsberg aufgemacht und Trotec besucht. Wir sind laut Trotec das erste Kino mit so einem Filter sowie ihr erster Kunde im Landkreis Celle. Laut Spiegel soll übrigens in Schweden mittlerweile so gut wie jedes Klassenzimmer mit Luftfiltern ausgestattet sein ... Unseres Wissens ist bisher aber eh keine einzige Infektion in Kinos belegt vermutlich da in Kinos weder feuchtfröhlich und laut gesprochen, noch sich sonderlich in den Armen gelegen wird. Das wird auch der Grund sein, warum Kinos und Theater von den Schließungen im September in  z. B. Frankreich oder auch in Hamm nicht betroffen sind.
("Nicht von aktuellen Maßnahmen betroffen sind Kulturveranstaltungen und das Kino sowie alle Sporteinrichtungen inklusive der Bäder. Als Grund führt der OB an, dass diese Orte bislang nicht als Infektionsherde aufgefallen sind." – Westfälischer Anzeiger aus Hamm vom 22. September)
Laut der niedersächsischen Corona-Verordnung vom 25. September ist der Besuch des Kinos nur statthaft, wenn Sie uns Ihre Kontaktdaten anvertrauen. Ihre Kontaktdaten verwahren wir in einem verschlossenen Kuvert, das mit Filmtitel und Tagesdatum sowie dem Datum, an dem es verschlossen geschreddert wird, beschriftet ist. Bei Filmbeginn wird das Kuvert zugeklebt. Wir haben eine Aufbewahrungspflicht von drei Wochen, danach wird das verschlossene Kuvert umgehend geschreddert. Es wäre schön, wenn Sie unser Kontaktformular ausdruckten und ausgefüllt mitbrächten. Wir haben Kopien dieser Formulare natürlich auch im Kino vorrätig.

Artikel der CZ vom 8. Oktober über den Restart des achteinhalbs und den Raumluftfilter
Spiegel vom 17. Oktober: "In Kählers Studie testeten die Forscher den Raumluftfilter eines Gerätes der Firma Trotec und kamen zum Schluss, dass dieser Aerosolpartikel bis auf eine Größe von 0,1 bis 0,3 Mikrometern sehr zuverlässig abfangen kann."

 

 

Eintritt: frei

Deutschland 2020
Kinostart: 15. Oktober 2020
89 Minuten
FSK: ab 0; f
FBW: Prädikat besonders wertvoll

Regie/Drehbuch/Schnitt: Carmen Losmann
Kamera: Dirk Lütter   
Musik: Peter Rösner

Filmwebseite, Presseheft

Kritiken:
Kritik von Anke Westphal im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Ulrich Kriest im Filmdienst (4 von 5 Sternen)
  
Kritik von Peter Osteried auf Programmkino.de (Gilde der Filmkunsttheater)

Trailer (97 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst  
Ein aufschlussreicher Dokumentarfilm über die Funktionsweisen des Finanzmarktes, bei dem scheinbar simple Fragen an Experten eine angeblich kaum fassbare Materie greifbar machen.

Vor einigen Jahren beschäftigte sich Carmen Losmann in ihrem Film Work Hard - Play Hard mit unterschiedlichen Strategien einer „schönen, neuen Arbeitswelt“, in der es darum geht, nicht länger Arbeitsprozesse zu verbessern, sondern vielmehr den Arbeitnehmer selbst zu optimieren. „Work Hard - Play Hard“ handelte von lichter, funktionaler Architektur, mobilen Arbeitsplätzen, Trefforten zum Gedankenaustausch und einer beschädigten Sprache, die dazu dient, die „neuen“ Anforderungen und Zumutungen kommunikativ zu implementieren. Nun, in ihrem neuen Film „Oeconomia“, weitet die Filmemacherin, im besten Sinne durch die Finanzkrise inspiriert, ihren Blick auf Grundsätzliches, kann aber auch auf die Einsichten des älteren Films bauen. In „Oeconomia“ nähert sie sich dem Wirtschaftssystem gewissermaßen aus der Perspektive des Lehrers Bömmel in der Feuerzangenbowle, der sich zunächst ganz dumm stellt, wenn es um die Erläuterung der Dampfmaschine geht.

Was also sind die Spielregeln des Systems? Wie kommt es zur Ungleichheit der Vermögensverteilung? Woher kommt das Geld für Gewinne? Wie kommt es zur Schere von Privatvermögen und Staatsverschuldung? Warum ist der Durchschnitt das Leichentuch der Statistik? Zur Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen befragt Losmann Experten: Banker, Volkswirte, Makro-Ökonomen. Gleichzeitig macht sie ihre Recherche zum Film transparent, indem sie Telefonate per Gedächtnisprotokoll dokumentiert und aus dem Off einsprechen lässt.

Erstaunlich häufig wird der Zeitrahmen eines Gesprächsangebotes noch einmal erheblich zusammengestrichen. Gesprächspartner anonymisieren oder „privatisieren“ ihre Aussagen als nicht verallgemeinerbar. Kaum verwunderlich, aber irgendwie doch drollig: Wiederholt bekommt Losmann das Angebot, die Simulation eines Kundengesprächs oder Meetings filmen zu dürfen. Oder aber dieses durch die Glaswand von außen zu dokumentieren.

Transparenz, die es de facto nicht gibt

Losmanns geschulter Blick nimmt schon wahr, dass die Architektur des Finanzsektors eine Transparenz suggeriert, die de facto nicht zu haben ist. Schnell wird klar, dass die Vorstellung einer fixen Geldmenge, die global zirkuliert, ins Reich der anschaulichen Fantasie gehört. Tatsächlich wird Geld produziert, wenn ein Kredit gewährt wird, gegen das Versprechen, ihn auch zurückzuzahlen. Der Schuldner ist der zentrale Akteur des Kapitalismus. Wenn Schulden getilgt werden, wird diese Summe wieder aus der Zirkulation genommen, weshalb das System außerordentlich daran interessiert ist, dass immer neue Schulden aufgenommen werden. Und das gilt nicht nur für Individuen und Firmen, sondern auch für Staaten.

Immer neue Volten dreht Losmann, wobei dann auch der Sozialstaat als Profitquelle sichtbar wird. Von Staatsanleihen als Kapitalanlagen ist die Rede und auch davon, wie man bestimmte Wirtschaftssektoren am Leben erhält, die Investoren eigentlich als unrentabel erscheinen.

Zusammengehalten wird der ganze Film, der mitunter durchaus an das gute, alte Schulfernsehen erinnert, durch Losmanns eigentümlichen Humor, der insistiert und nachfragt. „Oeconomia“ besteht durchaus nicht nur aus Talking Heads vor Grafiken, sondern die Kamera begibt sich auf die Spurensuche nach der Realität hinter den abstrakten Prozessen. So wird sie, wenn es um den Komplex „neue Märkte, neue Produkte, neue Wertschöpfungsketten“ geht, fündig in und vor Kaufhäusern, wo dann die nächsten Sonderedition eines bestimmten Schuhs auf Obdachlose auf der Straße davor trifft.

Rhetorische Muster werden sichtbar

Durch eine unsaubere Montage, die die Gesprächspartner immer etwas länger als üblich im Bild lässt, werden rhetorische Muster und auch spezifische Kommunikationsakte sichtbar. Mal wird Losmann für ihre einfachen Fragen geradezu von oben herab beschimpft, weil sie (scheinbar) unter Niveau gefragt hat. Mehr als einmal aber trifft sie auch auf Experten, die eben nur für bestimmte Zusammenhänge Experten sind, aber über naheliegende Felder noch nie nachgedacht haben: „Das ist eine gute Frage. Die ist gut, aber wahnsinnig schwierig zu beantworten.“

Die Materie gilt als komplex, ist es sicher auch, aber mit Schalk zaubert Losmann kleine Risse in den selbstgewissen Habitus der selbsternannten Elite, die sie hier auch nebenbei porträtiert. Das Finanzsystem erscheint als Paradebeispiel des „Mansplaining“. Gewisse Annahmen gelten als gesetzt, um das System am Laufen zu halten, aber was wäre, wenn der Leitsatz, dass Profitinteresse die Triebkraft hinter wirtschaftlicher Aktivität ist, schlicht nicht stimmt? Was, wenn die Wirtschaft zu wachsen aufhörte? Was, wenn plötzlich sämtliche Schulden auf einen Schlag getilgt würden? Würde das System dann zusammenbrechen?

Aktuell konstatiert Losmann einen Wettlauf zwischen dem Ökosystem Erde und dem Kapitalismus, bei dem nicht als ausgemacht gelten kann, wer diesen Wettlauf gewinnt. Wer indes in beiden Fällen auf der Verliererstraße sitzt, ist zweifelsfrei. Losmann, durchaus parteilich, setzt auf „Oeconomy“ statt „Economy“, muss allerdings Alternativen erst noch recherchieren. Am Ende heißt es: to be continued, hoffentlich soon.

Eine Kritik von Ulrich Kriest