La Vérité – Leben und lügen lassen

  Freitag, 09. Oktober 2020 - 20:30 bis - 22:30
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Kino achteinhalb hatte beschlossen, seinen Betrieb am Freitag, dem 13. März, einzustellen und nun, ihn am Freitag, dem 9. Oktober, wieder aufzunehmen. 
Folgende Änderungen haben wir vorgenommen:
Solange die Corona-Vorschriften gelten, haben wir keine Abendkasse, sondern vergeben unsere wenigen Karten via Reservierung. Sie können Ihre Karten entweder über unsere Reservierungsfunktion oder per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! reservieren. Bis 18 Uhr des Veranstaltungstages sind Reservierungen möglich. Laut Verordnung sind Gruppen bis zehn Menschen zulässig, daher können von einer Person maximal zehn Karten reserviert werden. Aufgrund der Abstandsregelung bieten wir weniger Plätze an: Sehr wenige Plätze für den Fall, dass alle einzeln kommen und dementsprechend mehr Plätze, wenn die Leute zu zweit, dritt, viert, etc. kommen, da innerhalb dieser Konstellationen (von 2 bis 10) kein Abstand gewährt werden muss, zwischen den diversen Konstellationen aber schon. Wir haben eine Reihe komplett rausgenommen, so dass insgesamt acht rote Sessel weniger im Kino stehen als vor Corona. Auch wenn wir unter den aktuell gültigen Abstandsregeln maximal 26 Plätze (vorausgesetzt es gäbe genügend Dreier-Gruppen) vergeben dürften, haben wir beschlossen, die maximale Anzahl für das Jahr 2020 auf 18 Karten zu begrenzen. Wenn Sie Ihre Reservierung nicht wahrnehmen können, wäre eine rechtzeitige Absage per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bis spätestens 18 Uhr für uns das Beste. Einlass ist ab 20 Uhr. Ihre Karten zahlen Sie bitte bar im Kino.
Da wir gemäß Verordnung wesentlich weniger Plätze anbieten können als vorher, haben wir den Eintrittspreis von 5 auf 7,50 Euro erhöht.
Im Sitzen besteht in Kinos keine Maskenpflicht; im Stehen und Gehen besteht Maskenpflicht.

Die RWLE Möller Stiftung hat uns für ca. 4.500 Euro einen zertifizierten (EU-Norm EN1822-1) H14-Schwebstofffilter finanziert. (Wir haben ausschließlich Raumluftreiniger in Betracht gezogen, die zertifiziert sind und sich einer neutralen wissenschaftlichen Studie unterzogen haben und somit auch eindeutige Aussagen treffen, über die Filterleistung und wie viel Kubikmeter in der Stunde umgewälzt werden.) 
Das ist, was Viren, Bakterien, Keime (und Staub!) angeht, effektiver als Lüften, da nachweislich 99,995 % aller Viren aus der Luft herausgefiltert werden. Selbst die besonders schwierig abzuscheidenden Aerosolpartikel zwischen 0,1 und 0,3 µm Durchmesser (also  Viren) werden zu 99,995 Prozent aus der Luft abgeschieden. Mit anderen Worten: von 100.000 Viren verbleibt nur eins in der Luft. Da wir Menschen aber mehrere hundert Viren einatmen können, ohne uns zu infizieren, wäre dieses etwaige eine von hunderttausend verbliebene völlig ungefährlich. Das Gerät verbrennt (als einziges Gerät weltweit), anschließend das Filtersubstrat bei 100 Grad, so dass es nicht als "Virenschleuder" fungieren kann. Der Hersteller Trotec (pikanterweise aus Heinsberg) produziert von diesem Raumluftreiniger ca. 1000 Geräte die Woche, von denen zahlreiche in den Export gehen. Wir sind laut Trotec das erste Kino mit so einem Filter sowie ihr erster Kunde im Landkreis Celle. Entwickelt wurden die Filter über Ostern und sind bereits im Mai in Produktion gegangen. Wir erfuhren davon, als der Heinsberger Landrat Stephan Pusch am 19. März bei Markus Lanz davon erzählte und haben uns dann nach Heinsberg aufgemacht und Trotec besucht. Wir sind laut Trotec das erste Kino mit so einem Filter sowie ihr erster Kunde im Landkreis Celle. Laut Spiegel soll übrigens in Schweden mittlerweile so gut wie jedes Klassenzimmer mit Luftfiltern ausgestattet sein ... Unseres Wissens ist bisher aber eh keine einzige Infektion in Kinos belegt vermutlich da in Kinos weder feuchtfröhlich und laut gesprochen, noch sich sonderlich in den Armen gelegen wird. Das wird auch der Grund sein, warum Kinos und Theater von den Schließungen im September in  z. B. Frankreich oder auch in Hamm nicht betroffen sind.
("Nicht von aktuellen Maßnahmen betroffen sind Kulturveranstaltungen und das Kino sowie alle Sporteinrichtungen inklusive der Bäder. Als Grund führt der OB an, dass diese Orte bislang nicht als Infektionsherde aufgefallen sind." – Westfälischer Anzeiger aus Hamm vom 22. September)
Laut der niedersächsischen Corona-Verordnung vom 25. September ist der Besuch des Kinos nur statthaft, wenn Sie uns Ihre Kontaktdaten anvertrauen. Ihre Kontaktdaten verwahren wir in einem verschlossenen Kuvert, das mit Filmtitel und Tagesdatum sowie dem Datum, an dem es verschlossen geschreddert wird, beschriftet ist. Bei Filmbeginn wird das Kuvert zugeklebt. Wir haben eine Aufbewahrungspflicht von drei Wochen, danach wird das verschlossene Kuvert umgehend geschreddert. Es wäre schön, wenn Sie unser Kontaktformular ausdruckten und ausgefüllt mitbrächten. Wir haben Kopien dieser Formulare natürlich auch im Kino vorrätig.

Artikel der CZ vom 8. Oktober über den Restart des achteinhalbs und den Raumluftfilter

 

Eintritt: 7,50 €

Komödie Frankreich/Japan 2019
Kinostart: 30. Juli  2020
108 Minuten
FSK: ab 0; f

Regie/Drehbuch/Schnitt: Hirokazu Kore-eda
Kamera: Eric Gautier
Musik: Alexeï Aïgui

Darsteller: Catherine Deneuve (Fabienne) · Juliette Binoche (Lumir) · Ethan Hawke (Hank) · Clémentine Grenier (Charlotte) · Ludivine Sagnier (Amy) · Roger van Hool (Pierre) · Jackie Berroyer (Chef) · Manon Clavel (Manon) · Alain Libolt (Luc) · Christian Crahay (Jacques) · Laurent Capelluto (Journalist)

Filmwebseite, WIKIPEDIA    

Kritiken:
Kritik von Manfred Riepe im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Arno Raffeiner auf Kunst und Film (4 von 6 Sternen)
Kritik von Karsten Munt im Filmdienst (3 von 5 Sternen)
  
Kritik von Michael Ranze auf Programmkino.de (Gilde der Filmkunsttheater)
Kritik von Maria Wiesner in der FAZ
Kritik des großartigen Dietmar Dath in der FAZ
Kritik von Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung

Interview von Mariam Schaghaghi mit Catherine Deneuve in der FAZ

Interview von Urs Bühler mit Juliette Binoche am 30. September in der Neuen Züricher Zeitung

Trailer (114 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst  
Eine leichtfüßige französische Tragikomödie des Japaners
Hirokazu Kore-eda über Zerwürfnisse und Versöhnlichkeit in der Familie einer Schauspieldiva.


„La Vérité“ basiert auf einer Lüge. Die kürzlich veröffentliche Autobiografie der französischen Schauspieldiva Fabienne Dangeville (Catherine Deneuve) biegt das eigene Leben so hin, dass ihm nie die nötige Grandezza fehlt. Der Titel, der die Wahrheit über ihr eigenes und das Leben ihrer Zeitgenossinnen verspricht, ist ein affektierter Selbstvermarktungstrick, mit dessen Hilfe Fabienne von dem erzählt, was ihr wirklich wichtig ist, sprich: von dem, was fasziniert, was bewegt, was berührt. Ihr Familienleben gehört nicht dazu. So wird der erste Ehemann Pierre (Roger van Hool) gar nicht erst erwähnt und Tochter Lumir (Juliette Binoche) eine glückliche Kindheit angedichtet, die freilich das Ergebnis der Hingabe ihrer Mutter ist.

Eine Lüge, die Lumir erst erfährt, als sie, um die Veröffentlichung zu feiern, ihrer Mutter einen Besuch abstattet. Wie viel Zerstörungskraft Fabiennes Narzissmus in sich trägt, offenbart der Film schon lange bevor die Autobiografie überhaupt das erste Mal aufgeschlagen wird. Lumir schreitet mit Ehemann Hank (Ethan Hawke) und Tochter Charlotte (Clémentine Grenier) im Schlepptau den großen Vorgarten des Anwesens ab, während Fabienne ein Interview gibt. Der Mutter ist es wichtiger, das Desinteresse über die Rivalinnen ihrer Zeit kundzutun, als ihre Tochter und deren Familie an der Tür zu empfangen. Ein Spannungsverhältnis, das Regisseur Hirokazu Kore-eda nicht in die Eskalation führt, sondern zunächst einmal übergeht. „La Vérité“ sucht stets einen Weg in die Versöhnlichkeit. Auf dem Papier kein leichter Weg, denn Fabiennes Narzissmus und der nie ganz verarbeitete Tod ihrer Schwester schweben bedrohlich über allen Zusammenkünften der Familie.

Die Intimität drückt die Liebe aus

Kore-eda erzählt das Familiengeflecht nicht als linearen Weg vom Zerwürfnis hin zur harmonischen Einigkeit. Vielmehr scheinen Lumir und Fabienne immer wieder in den Strudel ungelöster Familienkonflikte gezogen zu werden, nur um am nächsten Tag bei einem Witz oder der gemeinsamen Erinnerung an bessere Zeiten wieder zusammenzufinden. Die Subtexte, die Gefühle hinter den Kommentaren, die Schwächen und Versäumnisse sind nie etwas Verborgenes für die anderen Familienmitglieder. Dafür kennt man sich eben doch zu gut. Die Intimität, die hinter diesem Verhältnis steht, drückt die Liebe aus, die, wie so vieles in einer Familie, nie direkt ausgesprochen wird. Selbst Assistent Luc, den Fabienne nach dessen Kündigung zurückgewinnen will, erkennt bereits beim ersten Satz einer Entschuldigungsrede, dass diese nicht von Fabienne, sondern aus der Feder von Lumir stammt. Das Ergebnis ist aber kein Zerwürfnis.

Mit dem für ihn nicht unbedingt untypischen Hang zur Sentimentalität unterstreicht Kore-eda, dass jede Geste der Versöhnung, sei sie noch so affektiert oder aufgesetzt, immer auch eine Aufrichtigkeit in sich trägt. Ein Konzept, gegen das Catherine Deneuve nach allen Kräften anspielt, wenn sie ihren Ex-Mann übergeht, dem trockenen Schwiegersohn Wein einschenkt oder die Vernachlässigung ihrer Tochter zur charakterbildenden Erziehungsmethode erklärt.

In Lüge und Kunst spiegelt sich das Leben 

In der Lüge wie in der Kunst spiegelt sich in „La Vérité“ das Leben. Nicht allein im übertragenen Sinne, etwa wenn Fabienne mit dem cinephilen Pathos einer alten Diva das Kino als das eigentlich Poetische im Leben bezeichnet, sondern auch ganz buchstäblich: Die Tage, die Lumir und ihre Familie bei der Mutter verbringen, sind exakt der Zeitraum, auf den die Dreharbeiten für deren neuen Spielfilm fallen. So beobachtet Lumir am Filmset, wie Fabienne in dem Science-Fiction-Epos die Tochter einer nur alle sieben Jahre aus dem All (wo man nicht altert) zurückkehrenden Mutter spielt. Mit Tränen in den Augen beobachtet sie, wie die Kamera der jungen Hauptdarstellerin von einem Raum des Filmsets in den nächsten folgt. Lumir beobachtet ihr eigenes Leben.

Der Ansatz mag schemenhaft wirken, doch Kore-edas Film ist viel zu leichtfüßig und fließend, um diesen Eindruck zu erwecken. Besonders die Momente, die über den präzisen dramaturgischen Takt des Familiendramas hinausgehen, beleben „La Vérité“. Wenn die Enkelin allen ein Küsschen aufdrückt, bevor sie ins Bett geht. Wenn Hank im Hintergrund für sie Faxen macht, die die Kamera gerade so noch einfängt. Oder wenn der Set-Chauffeur, kaum sichtbar in der Unschärfe des Vordergrunds, ein stummes, genervtes Telefonat führt, dann aus dem Film verschwindet, um in einem späten Streitgespräch wieder aufzutauchen und dezent, höflich und subtil das Zünglein an der Waage zu spielen. Auch ohne seine Schlichtung, die zumindest diesen Streit vorerst beendet, scheint Kore-eda nie daran zu zweifeln, dass es etwas gibt, das die Familie im Innersten zusammenhält. So ist die letzte Liebesbekundung des Films nicht einfach nur eine Lüge, sondern eine wahre Lüge.


Eine Kritik von Karsten Munt