Jojo Rabbit

  Mittwoch, 25. März 2020 - 19:30 bis - 21:20

 

Eintritt: 5,00 €

Neuseeland 2019
Kinostart: 23. Januar 2020
108 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie/Drehbuch/Produktion: Taika Waititi  
Vorlage: Christine Leunens 
Kamera: Mihai Malaimare jr.
Musik: Michael Giacchino 
Schnitt: Tom Eagles 
FBW: Prädikat besonders wertvoll 

Darsteller: 
Roman Griffin Davis (Jojo) · Thomasin McKenzie (Elsa) · Scarlett Johansson (Rosie) · Taika Waititi (Adolf) · Sam Rockwell (Captain Klenzendorf) · Rebel Wilson (Fräulein Rahm) · Alfie Allen (Finkel) · Stephen Merchant (Deertz) · Archie Yates (Yorki) · Luke Brandon Field (Christoph) · Sam Haygarth (Hans) · Robert East (Herr Grusch) · Brian Caspe (Herr Müller)

WIKIPEDIA     

Kritiken:
Kritik von Anke Sterneborg im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Michael Ranze im Filmdienst (3 von 5 Sternen)
  
Kritik von Dienter Oßwald auf Programmkino.de (Gilde deutscher Filmkunsttheater)

Schulpädagogisches Begleitmaterial:
Filmtipp Vision Kino

Trailer (108 Sekunden):



Filmkritik von Pfarrer Christian Engels, Leiter des Filmkulturellen Zentrums im Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik (4 Minuten):


arteshots – im Gespräch: Axel Timo Purr und Felicitas Hübner (8 Minuten):


ausführliche Kritik Filmdienst    

Der neuseeländische Filmemacher Taika Waititi mischt Nazi-Satire und Coming-of-Age-Story: Ein kleiner Junge will mit Hilfe seines Freundes Adolf Hitler ein guter Nazi werden - bis er sich in ein jüdisches Mädchen verliebt. 

Dass die Verkörperung von Adolf Hitler der Karriere eines Schauspielers nicht unbedingt hinderlich sein muss, bewies zuletzt Oliver Masucci in „Er ist wieder da“. Nun ist es Taika Waititi, bekannt als Regisseur von „Thor: Tag der Entscheidung“, der sich mit Überschwang die Rolle aneignet und gleichzeitig auch hier als Regisseur sowie als Drehbuchautor fungiert. Schmaler Schnurrbart, rechter Scheitel, linke Haartolle: fertig ist die Hitler-Karikatur, die allerdings – soviel als vorweggenommenes Fazit – zu brav und mutlos daher kommt. Es geht neckisch los, statt der berühmten Fox-Fanfare ertönt „Frühlingsstimmen“ von Johann Strauss, nach zahlreichen „Heil Hitlers“ singen die Beatles auf deutsch „Komm, gib mir deine Hand“ zu der Melodie von „I want to hold your hand“, während in Dokumentaraufnahmen zahlreiche Menschen die Hand zum Hitlergruß erheben.

Pop-Musik und Nazideutschland – Waititi vereint das Unvereinbare und erzählt die Geschichte von Johannes, einem zehnjährigen deutschen Jungen aus einem kleinen Ort namens Falkenheim. In einem Lager der Hitlerjugend soll der Bub unter Anleitung von Sam Rockwell als zynischem Hauptmann K. lernen, wie man Granaten wirft und durch den Schlamm robbt, wie man Gasmasken anlegt und Schusswaffen benutzt, wie man Bücher verbrennt und tötet. Rebel Wilson ist als Fräulein Rahm für die weiblichen Aspekte der Ausbildung verantwortlich – als Mutter von 18 Kindern gibt sie ihr diesbezügliches Wissen weiter. Jojo versagt so ziemlich bei jeder Übung, und weil er sich weigert, einen Hasen zu töten, hat er bald einen unschönen Spitznamen: Jojo Hasenfuß.

Hitler als imaginärer Freund und ein jüdisches Mädchen als erste Liebe

Immerhin steht ihm sein imaginärer Freund, nämlich Adolf Hitler, mit aufmunternden Sprüchen zur Seite. Der Junge wäre gern ein guter Nazi, doch plötzlich steckt er in einem Dilemma. Seine Mutter Rosie, dargestellt von Scarlett Johansson, hat auf dem Dachboden ein jüdisches Mädchen versteckt: Elsa (Thomasin McKenzie). Jojo ist verwirrt: Er hat noch nie mit einem Juden gesprochen und weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Dieses Mädchen sieht jedenfalls nicht aus wie ein Monster, Hörner hat es auch keine. Jojo streckt die Waffen, vergisst seine Vorurteile und verknallt sich. Zumindest zeugen davon die Zeichentrick-Schmetterlinge, die in seinem Bauch flattern. Adolf Hitler ist davon allerdings gar nicht begeistert.

Hitler als Doofmann, der viel dummes Zeug daherbrummelt und einem Steppke ständig Zigaretten anbietet – das war’s? Ein bisschen mehr Provokation hätte man schon erwarten dürfen. Waititi geht, basierend auf dem Buch „Caging Skies“ von Christine Leunens, auf Nummer sicher, wo er die Gefahr hätte suchen und auf die Pauke hauen müssen. Nur die Arme hoch zu reißen und zum x-ten Mal „Heil Hitler“ zu rufen, ist dann doch zu einfallslos und klamaukig, Mel Brooks grüßt schelmisch von weitem, und manchmal fragt man sich, was Wes Anderson mit seinem Sinn für Humor, Lakonie und Skurrilität aus diesem Stoff gemacht hätte; sein Film „Moonrise Kingdom“, der in einem Pfadfinder-Sommerlager spielte, hätte als Blaupause dienen können. Für eine Satire ist „Jojo Rabbit“ jedenfalls nicht scharf genug, für eine Komödie nicht lustig genug. Wie denn auch, wenn fünf Leichen auf dem Marktplatz für jeden sichtbar vom Galgen baumeln und die Alliierten zu Arthur Lees „Everybody’s gotta live“ ihre Bomben abwerfen?

Eine Coming-of-Age-Story, die dank der Darsteller Herz hat

Doch vielleicht geht es hier auch um etwas anderes: um das Erwachsenwerden eines Jungen, um den Verlust der Unschuld, um Mitmenschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit. „Wir sind wie ihr, nur menschlicher“, sagt Elsa einmal, den Antisemitismus ad absurdum führend. „Das Leben ist ein Geschenk“, hält Rosie dagegen, die Todessehnsucht der Nazis hinterfragend. Titeldarsteller Roman Griffin Davis, Thomasin McKenzie und Scarlett Johansson bringen mit ihren Darstellungen jedenfalls sehr viel Wärme in den Film. Sie sind die einzigen Figuren, die nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden, und darum singt am Schluss David Bowie auf deutsch von den „Helden“ für eine Nacht.

Wobei angemerkt sein sollte: Die Filmkritik beruht auf Sichtung der englischen Originalversion und der synchronisierten deutschen Fassung. Im Original sprechen die Figuren englisch mit übertrieben starkem deutschen Akzent. Angesichts der Tatsache, dass alle Figuren Deutsche sind, die in Deutschland leben, ist das weder sinnvoll noch lustig, wurde von einigen Kritikern aber als Verfremdungseffekt gelobt.

Eine Kritik von Michael Ranze 


Aus dem Gedichtzyklus "Das Stundenbuch" von Rainer Maria Rilke  

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gieb mir Gewand.
Hinter den Dingen wachse als Brand,
dass ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.

Lass dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Lass dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gieb mir die Hand.

Rainer Maria Rilke, 4.10.1899, Berlin-Schmargendorf