Der marktgerechte Mensch (Eintritt frei)

  Donnerstag, 16. Januar 2020 - 19:00 bis - 21:00



Noch vor 20 Jahren waren in Deutschland knapp zwei Drittel der Beschäftigten in einem Vollzeitjob mit Sozialversicherungspflicht. 38% sind es nur noch heute.
Die Filmemacher  gehen an die Arbeitsplätze der neuen Modelle des Kapitalismus wie der Gig-Economie,  wie der Arbeit auf Abruf. Sie  treffen auch Menschen in bisher sicher geglaubten Arbeitstrukturen an Universitäten  oder in langjährigen  Arbeitsverhältnissen mittlerer- und oberer Leitungspositionen. Und beobachten wie sich die  Verschärfung des Wettbewerbs immer stärker auf den Einzelnen verlagert, was Solidarisierung oder dem Entwickeln von tragbaren sozialen Beziehungen nur sehr schwer Raum lässt.  Depression und Burnout machen Menschen, die an dieser Last und Unsicherheit zerbrechen, das Leben zur Hölle. Selbst dann noch  glauben viele, an ihrem Schicksal schuld und ein Einzelfall zu sein.
Doch dieser Wahnsinn ist nicht alternativlos. Der Film stellt Betriebe vor, die nach dem Prinzip des Gemeinwohls wirtschaften, Beschäftigte von Lieferdiensten, die einen Betriebsrat gründen und die Kraft der Solidarität von jungen Menschen, die für einen Systemwandel eintreten. „Der marktgerechte Mensch“ ist ein Film, der die Situation hinterfragt, Mut machen will, sich einzumischen und zusammenzuschließen. Denn ein anderes Leben ist möglich.

In Kooperation mit attac Celle, ver.di Celle, dem Rosa-Luxemburg-Club Celle sowie der revista.

Am besten, Sie nehmen sich die Zeit und lesen dieses Interview mit den Machern des Films.

Eintritt: frei
Reservierung: 3 Euro
Reservierte Karten bitte bis 18.45 Uhr abholen

Deutschland 2019
Kinostart: 16. Januar 2019
99 Minuten
FSK: ab 0; f

Produktionsfirma: Kernfilm (Filme von unten)
Regie: Leslie Franke und Alexander Grasseck  
Drehbuch: Herdolor Lorenz (Konzept)
Kamera: Stefan Corinth, Severin Renke, Herdolor Lorenz, Felix Nasser
Musik: Hinrich Dageför und Stefan Wulff
Schnitt: Leslie Franke und Herdolor Lorenz

Von Kernfilm haben wir bisher gezeigt:
Der marktgerechte Patient
Wer rettet wen?
Water makes money
Bahn unterm Hammer
Wasser unterm Hammer

Übersicht der Orte (Kinos), wo man den Film sehen kann.

Filmhomepage, Pressetext, Flyer, Presseheft, alle Daten zum Film auf Filmportal.de

Kritik von Frank Schnelle im Filmmagazin EPD-Film (3 von 5 Sternen)
Kritik von Thomas Klein im Filmdienst (3 von 5 Sternen)
Kritik von Michael Meyns auf Programmkino.de 

Interview
von Anette Sorg mit den Filmemachern Leslie Franke und Herdolor Lorenz auf den NachDenkSeiten 

Teaser (158 Sekunden):



Die Filmemacher skizzieren grundlegende Gedanken zu ihrem Filmprojekt "Der marktgerechte Mensch" (4 Minuten):


Aufruf Oxfam für den Film "Der marktgerechte Mensch" (30 Sekunden):


WDR – Westart (5 Minuten)

ausführliche Kritik Filmdienst   
In Paris, neben der Seine unter einer Brücke, treffen sich diverse Menschen und machen Fitness-Übungen. Ist eine Einheit abgeschlossen, blicken sie sofort auf ihre Smartphones – sie trainieren angeleitet von einer App. Freeletics ist eine jener Applikationen fürs Handy, die der Selbstoptimierung dienen. „Personalisiertes Training“, unterstützt durch eine lernende Künstliche Intelligenz, den „digitalen Coach“: So wird auf der Webseite das Produkt beworben – „Personalisiere deine Journey“. Eine Wortwahl, die aus der Sportübung eine Art Heldenreise macht. Denn die App macht dich ja zum Helden, wenn du es schaffst, dein Pensum stetig zu erhöhen und damit Ratings der Community zu ergattern. Das sind dann „Die Gefährten“. Oder bringt das digitale Social Ranking nicht vielmehr echtes solidarisches Verhalten zum Zusammensturz?

Missstände durchschaubar machen

Es ist eine Leistung des Dokumentarfilms von Leslie Franke, Alexander Grasseck und Herdolor Lorenz, dass die Ambivalenz in der Nutzung der App erhalten bleibt. Die vor allem jungen Menschen, die zu Wort kommen, sind überzeugt davon, dass die App ihnen hilft, ein besseres Selbstbild zu bekommen. Eine junge Frau meint, seit sie die App benutze, komme sie besser mit dem Wettbewerbsstress im Studium zurecht.

Dennoch verfährt „Der marktgerechte Mensch“ in erster Linie anklagend und deckt Missstände auf. Franke, Grasseck und Lorenz machen mehr als Dokumentarfilme, sie sind Filmemacher und Aktivisten zugleich, schaffen filmgestützte Kampagnen, hier gegen das letzte Auspressen menschlicher Ressourcen, gegen menschenunwürdige Beschäftigungsverhältnisse, gegen neue prekäre Arbeitsverhältnisse im Zeichen der Digitalisierung. Sie zeigen, welche Folgen all dies für unser soziales Miteinander und unsere Gesundheit hat. Denn mag eine App wie Freeletics Körper und Geist auch widerständiger machen: sie erzeugt vor allem Druck, immer besser zu werden.

Für Faulheit ist in dieser Welt kein Platz mehr; Faulheit wird zur Fäule. Die Filmemacher lassen auch Mediziner und Neurobiologen zu Wort kommen, die davor warnen, welche fatalen Folgen diese Einstellung in Arbeit und Alltag für die Psyche des Menschen haben kann. Was der Soziologe Andreas Reckwitz als „Singularisierung der Arbeitswelt“ (die sich auch in der Digitalisierung zeigt) bezeichnet, führt zum Verlust dessen, was den Menschen als soziales Wesen auszeichnet. Ein Mediziner im Film drückt es sehr schön aus. Diagnostiziert wird das „Zerbrechen des sozialen Bindegewebes“.

Reckwitz kommt im Film nicht zu Wort, aber diverse andere Soziologen, wie etwa Eva Illouz, die sich damit beschäftigt, was der Kapitalismus mit unserem Gefühlsleben macht. Die Bandbreite der Experten, Betroffenen und Akteure, die zur Glaubwürdigkeit beitragen, dass der Kapitalismus zerstörerische Kräfte freisetzt, ist enorm: Freelancer, die an der digitalen Frontier des Crowdworkings tätig sind, Prof. Bettina Musiolek  von Clean Clothes, die sich mit den Beschäftigungsverhältnissen in der Bekleidungsindustrie auseinandersetzt, bis zu Akteuren des Netzwerks Gute Arbeit in der Wissenschaft, das sich dem Kampf gegen die prekären Arbeitsverhältnisse an den Universitäten verschrieben hat. Da Franke und Lorenz in Hamburg ansässig sind, fehlt auch der G20 Gipfel 2017 nicht. Hier gibt es einen schönen Schnitt von einem Teilnehmer der Demonstration, der von einem Polizisten geschlagen wird und zu Boden geht, auf einen Darsteller der Perfomance „1000 Gestalten“, die sich als roter Faden durch den Film zieht.

Alternativen

Paris ist nur ein Handlungsort unter vielen und die digitale Selbstoptimierung nur eines unter zahlreichen Handlungs- und Krisenfeldern, die in diesem Film ihren Platz finden. Dabei gelingt es, Kritik zu üben und den Finger in Wunden des Kapitalismus zu legen, aber auch Alternativen aufzuzeigen. Sei es, dass der Betriebsrat von H&M einen Erfolg zu verzeichnen hat oder sich Mitarbeiter von Lieferando zusammengetan haben, um einen Betriebsrat zu gründen. Auch kooperatives Wirtschaften kommt zur Sprache und die Leitfigur dieser Alternative zur Exzellenz- und Wettbewerbsgesellschaft, Christian Felber, zu Wort. In der Episode zur Arbeit des Netzwerks Gute Arbeit in der Wissenschaft fällt die treffende Aussage, dass die prekären Zeitverträge, die den Wissenschaftsbetrieb dominieren, zu einer „Entsolidarisierungsmaschinerie“ führen. Klar, Tausende von qualifizierten Akademikern kämpfen um eine Handvoll Professuren, denn jenseits davon gibt es viel zu wenige Stellen für Wissenschaftler. Wen wunderts, dass da jeder nur noch an sich denkt.

Solidarisch haben sich aber viele Menschen gezeigt, die für die Herstellung von „Der marktgerechte Mensch“ gespendet haben. 186.000 EUR sind zusammengekommen. Es ist ein „Film von unten“, wie es die Filmemacher ausdrücken. Das stimmt: in seinem Anliegen und immerhin einem nicht unerheblichen Teil seiner Finanzierung.

Eine Kritik von Thomas Klein