Ein leichtes Mädchen

  Mittwoch, 23. Oktober 2019 - 19:30 bis - 21:05
ZDF – Neu im Kino (4 Minuten):


Eine 17-jährige Schülerin aus Paris verbringt die Sommerferien bei ihrer ein Jahr jüngeren Cousine in Cannes und genießt es, mit ihren lasziven Reizen reiche Männer auf sich aufmerksam zu machen. Das stiftet auch die stillere Verwandte zu einem offensiveren Verhalten an, die sich ihr auch äußerlich immer mehr annähert. Der nur oberflächlich freizügige Film konfrontiert mit einer Reihe komplexer Figuren, deren Beziehungen untereinander ambivalent bleiben. Im Spiel mit Blicken, Rollenbildern und scheinbaren Abhängigkeitsverhältnissen etabliert die Inszenierung eine Projektionsfläche, an der sich unterschiedliche Formen von Begehren realisieren und als Wechselspiel persönlicher Freiheit sichtbar werden. – Sehenswert – ab 16.

Eintritt: 5,00 €

Originaltitel: Une fille facile
Frankreich 2019
Kinostart: 12. September 2019
92 Minuten
FSK: ab 16; f

Regie Rebecca Zlotowski
Drehbuch: Rebecca Zlotowski · Zahia Dehar · Teddy Lussi-Modeste
Kamera: Georges Lechaptois
Musik: Louis Dufort, Mathieu Lussier 
Schnitt: Géraldine Mangenot

Darsteller: 
Mina Farid (Naïma) · Zahia Dehar (Sofia) · Benoît Magimel (Philippe) · Nuno Lopes (Andres) · Clotilde Courau (Calypso) · Loubna Abidar (Dounia) · Henri-Noël Tabary (Stewart)

Filmhomepage

Kritiken:
Kritik von Alexandra Seitz im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Silvia Bahl im Filmdienst (4 von 5 Sternen)

Kritik von Oliver Armknecht auf Filmrezensionen.de (4 von 5 Sternen)
Kritik von Christoph Petersen auf Filmstarts.de (4 von 5 Sternen)
Kritik von Carolin Weidner in der taz
Kritik von Axel Timo Purr auf artechock film
Kritik von Rüdiger Suchsland auf artechock film
Kritik von Rüdiger Suchsland auf SWR2
Kritik von David Steinitz in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Bert Rebhandl in der FAZ
Kritik von Christian Peitz im Tagesspiegel
Kritik von Peter Osteried auf Programmkino.de
Kritik von Joachim Kurz auf Kino-Zeit.de
Kritik von Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau
Kritik von Frédéric Jaeger auf critic.de
Kritik von Marie Schoeß auf BR24 Kultur
Kritik von Esther Buss im Spiegel
Kritik von Bianka Piringer auf Spielfim.de

Videokritik auf Spiegel-Online

Trailer (88 Sekunden):



ZDF – Neu im Kino (4 Minuten):


arteshots – im Gespräch: Felicitas Hübner und Axel Timo Purr (4,5 Minuten):


BR kinokino (97 Sekunden):

ausführliche Kritik Filmdienst
Eine 16-Jährige aus Cannes erlebt in den Sommerferien, wie ihre zu Besuch weilende Cousine mit ihren lasziven Reizen reiche Männer auf sich aufmerksam macht, und erprobt ihrerseits ein offensiveres Verhalten. Ein Adoleszenz-Drama der Französin Rebecca Zlotowski, das im Spiel mit Blicken, Rollenbildern und scheinbaren Abhängigkeitsverhältnissen vielschichtig vom Begehren erzählt. 

Freizügig entblößt treibt der sonnengebräunte Körper einer jungen Frau auf der glitzernden Wasseroberfläche des Mittelmeeres, ihre genussvoll ausgebreiteten Gliedmaßen zeugen davon, dass sie um die Blicke weiß, die sie mit dieser Pose anzieht, sie geradezu provoziert.

Es ist ein Bild, in dem sich Sehnsucht und erotisches Begehren vermengen, ohne dass es sich einfach objektivieren ließe. Die französische Regisseurin Rebecca Zlotowski spielt mit den filmischen Mitteln, welche die Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey als „male gaze“ beschrieben hat, und führt im Laufe der erzählten Geschichte immer wieder vor, in wie weit Blickverhältnisse auf einer dynamischen Wechselseitigkeit beruhen.

Eine selbstbewusste Escort-Dame

Mit Bedacht hat Zlotowski für die Rolle der schönen Verführerin das Model Zahia Dehar ausgewählt, dessen Image in Frankreich durch einen Skandal geprägt wurde. Als noch minderjährige Escort-Dame wurde Dehar von mehreren Spielern der französischen Fußballnationalmannschaft angeworben und entwickelte sich im Zuge des anschließenden Gerichtsprozesses durch ihre souveräne Selbstinszenierungsstrategie zu einem landesweiten Medienphänomen.

Die von Dehar gespielte Sofia steht zwar im Zentrum des Films, doch der Blick auf sie wird durch die eigentliche Protagonistin, ihre 16-jähige Cousine Naïma (Mina Farid), geschickt verdoppelt. Mit seiner alleinerziehenden Mutter lebt das unsichere Mädchen in Cannes, doch die Welt der Reichen und Schönen betrachtet es nur aus der Ferne. Als Sofia während der Sommerferien aus Paris an die Côte d’Azur zu Besuch kommt, öffnet sich für Naïma in vielerlei Hinsicht ein neuer Horizont. Gezielt präsentiert sich die junge Frau aus der Hauptstadt am Strand den Blicken der Männer, insbesondere denen, die sichtlich über Kapital verfügen.

Abfällige Kommentare und Belästigungen lässt sie ins Leere laufen, indem sie keinen Hehl aus ihren Absichten macht, das Leben zu genießen, auch wenn die Startchancen dafür nicht besonders gut standen. Naïma ist ebenfalls mit Klassenunterschieden konfrontiert, wenn sie vor der Entscheidung steht, ihrer Mutter in ihren Job als einfache Angestellte eines luxuriösen Hotels zu folgen. Sie träumt von einer Karriere als Chefköchin, zweifelt jedoch daran, dass sie als Frau migrantischer Herkunft über nennenswerte Chancen verfügt.

Eigene Ängste und Begierden

Das offensive Verhalten ihrer Cousine lässt sie diese Ängste überdenken und konfrontiert sie zugleich mit ihren eigenen Begehren: nicht nur dem nach sozialem Aufstieg, sondern auch nach erotischer Erfahrung. Bislang war Naïma eng mit ihrem besten Freund liiert, dessen Homosexualität den platonischen Status der Beziehung scheinbar sicherstellte. Doch als sie immer mehr Zeit mit Sofia verbringt, entpuppt sich der unerwartet als eifersüchtig. Und auch Naïmas Blicke auf ihre Cousine verunklaren die scheinbar strikte Grenze zwischen Homo- und Heterosexualität. In einer wunderbar surreal inszenierten Traumszene mit einem Seeigel wird der genießende Körper Sofias in entstellter Form zu ihrem Objekt der Begierde.

Naïma gleicht sich auch optisch immer mehr der selbstbewussten Frau an und folgt ihr auf die Yacht eines vermögenden Mannes, der auf Sofias sexuelle Avancen eingeht. Auch hier macht Zlotowski den Blick zum Thema, wenn das Mädchen ihre Cousine durch den Spalt einer Tür beim Geschlechtsakt beobachtet. Der scheinbare Voyeurismus, für den sich das Kino so gut eignet, wird allerdings doppelt gebrochen, da Sofia weiß, dass sie beobachtet wird – und diese Situation umso mehr auskostet. Geschickt spielt „Ein leichtes Mädchen“ nicht nur mit den Erwartungen der Zuschauer, sondern auch mit einfachen Gegenüberstellungen und stereotypen Rollenbildern.

Das Wechselspiel persönlicher Freiheiten


Denn wie sich Macht und Ohnmacht zwischen Männern und Frauen verteilen, ist keineswegs so klar, wie es oft behauptet wird. Zlotowski verkompliziert die vermeintliche Einfachheit des „leichten Mädchens“ und zeigt die Handlungsmacht hinter einer scheinbaren Objektivierung der jungen Frau. Dabei begegnet die Regisseurin ihren Darstellerinnen mit großem Respekt und lässt ihnen viel Spielraum. Finanzielle und sexuelle Transaktionen erzeugen keine schematischen Darstellungen von Ausbeutern und Opfern, sondern werden im Film als Wechselspiel um persönliche Freiheit erkennbar. Wer viel Geld verdient, versteht nicht automatisch auch etwas von der Kunst, den eigenen Reichtum zu genießen.

„Ein leichtes Mädchen“ zeigt eine Reihe komplexer Figuren, deren Beziehung zueinander ambivalent bleibt. Darin liegt die große Stärke des Films und gleichzeitig eine unerwartete feministische Subversion. Anstatt gesellschaftliche Machtverhältnisse nur pauschal anzuklagen, indem von hegemonialen Ausbeutungsverhältnissen gesprochen wird, steht hier das miteinander verflochtene Begehren aller Beteiligten im Vordergrund. In einer Szene diskutiert der reiche Yachtinhaber mit seinem Begleiter darüber, ob es wohl obszön sei, im Hafen vor den Augen der einfachen Bevölkerung auf dem Bootsdeck zu Abend zu essen. Der Freund gibt zu bedenken, dass auch hier der Genuss durch den Blick durchaus wechselseitig ist.

Sehnsucht nach Selbstbestimmung

Rebecca Zlotowski geht es nicht um moralische Urteile, sondern darum, die libidinösen Kräfte hinter den Hierarchien freizulegen, indem sie gesellschaftliche Phantasmen in Szene setzt. Die von Zahia Dehar gespielte Figur behält bis zum Schluss ihre rätselhafte Aura. Ihre ausgestellte Künstlichkeit wird zu einer Projektionsfläche, an der sich unterschiedliche Begehren realisieren. Für Naïma ist es eine Sehnsucht, die sie mit vielen (marginalisierten) Frauen teilt: Über den Genuss des eigenen Körpers zu einem selbstbestimmten Leben zu finden.

Eine Kritik von Silvia Bahl