Systemsprenger (der deutsche Oscarkandidat – nominiert für den Europäischen Filmpreis)

  Freitag, 15. November 2019 - 20:30 bis - 22:45
 

Eintritt: 5,00 €

Systemsprenger(in) – Systemcrasher
Deutschland 2019
Kinostart: 19. September 2019
125 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie/Drehbuch: Nora Fingscheidt
Kamera: Yunus Roy Imer
Musik: John Gürtler  
Schnitt: Stephan Bechinger und Julia Kovalenko


Darsteller: 
Helena Zengel (Benni) · Albrecht Schuch (Michael Heller) · Gabriela Maria Schmeide (Frau Bafané) · Lisa Hagmeister (Bianca Klaaß) · Melanie Straub (Dr. Schönemann) · Victoria Trauttmansdorff (Pflegemutter Silvia) · Maryam Zaree (Elli Heller) · Tedros Teclebrhan (Erzieher Robert) · Matthias Brenner (Erzieher Wolfgang) · Barbara Philipp (Heimleiterin Redekamp) · Roland Bonjour (Jens) · Gisa Flake (Lehrerin) · Axel Werner (Bauer Bockelmann) · Julia Becker (Tini) · Peter Schneider (Erzieher Fabio) · Hadi Khanjanpour (Flughafenpersonal)

Auszeichungen:
Alfred Bauer Preis auf der 69. Berlinale 2019 (Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet.)
IMDB (10 Filmpreise und 9 Nominierungen)
Wikipedia

Filmhomepage, Filmseite des Verleihs Port au Prince Pictures, WIKIPEDIA, Filmdatenblatt der Berlinale, alle Daten zum Film auf Filmportal.de

Kritiken:
Kritik von Martina Knoben im Filmmagazin EPD (5 von 5 Sternen)
Kritik von Silvia Bahl im Filmdienst (4 von 5 Sternen)

Kritik von Dörthe Gromes auf Kunst und Film (6 von 6 Sternen)
Kritik von Madeleine Eger auf Filmrezensionen.de (10 von 10 Sternen)
Kritik von Christoph Petersen auf Filmstarts.de (4 von 5 Sternen)
Kritik von Bianka Piringer auf Spielfilm.de (3 von 5 Sternen)
Kritik von Michael Meyns auf Programmkino.de
Kritik von Sedat Aslan auf artechock film
Kritik von Rüdiger Suchsland auf artechock film
Kritik von Bert Rebhandel im Wiener Standard
Kritik von Bert Rebhandl in der FAZ
Kritik von Verena Lueken in der FAZ
Kritik von Sabine Horst in der Zeit
Kritik von Juliane Liebert in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Elmar Krekeler in der Welt
Kritik von Andreas Fanizadeh in der taz
Kritik von Britta Schmeis im Spiegel
Interview von Silke Fokken mit Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik
Videokritik auf Spiegel-Online
Kritik von Andreas Busche im Tagesspiegel
Kritik von Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau
Kritik von Sonja Hartl auf Kino-Zeit.de
Kritik von Olga Baruk auf critic.de
Kritik von Antje Wessels

Interview von Wenke Husmann mit Regisseurin Nora Fingscheidt in der Zeit
Interview von Kirsten Taylor mit Regisseurin Nora Fingscheidt im Filmdienst
Interview von Jenni Zylka mit Regisseurin Nora Fingscheidt in der taz
Interview von Andreas Busche mit Regisseurin Nora Fingscheidt im Tagesspiegel

Trailer (122 Sekunden):



Featurette – Hintergründe – mit PROF. DR. MENNO BAUMANN, Professor für Intensivpädagogik, Fliedner-Fachhochschule
(5 Minuten):

Filmkritik von Pfarrer Christian Engels, Leiter des Filmkulturellen Zentrums im Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik (5 Minuten):

Interview mit Nora Fingscheidt zum Film "Systemsprenger" (7 Minuten):


Helena Zengel: System Crasher interview (Systemsprenger) interview at Berlin Film Festival 2019 (12 Minuten):



Interview mit Helena Zengel (5 Minuten):


"Systemsprenger": Oscar-Kandidat aus dem Norden | Kulturjournal | NDR (5 Minuten):


FilmFestSpezial Arthouse-Filmmagazin Filmkritik und Interview mit Regisseurin Nora Fingscheidt (7 Minuten):


"Systemsprenger" – Berlinale Nighttalk mit Nora Fingscheidt & Albrecht Schuch – Silberner Bär (10 Minuten):


FAZ – „Systemsprenger“ auf der Berlinale (2 Minuten):

ausführliche Kritik Filmdienst
Kraftvolles Regiedebüt um ein neunjähriges Mädchen, das sich radikal allen Verhaltensnormen verweigert und trotz aller Bemühungen von Helfern und Pädagogen in einen Teufelskreis zu geraten droht. Statt auf ein Sozialdrama setzt der sorgfältig recherchierte Film auf eine starke affektive Anteilnahme der Zuschauer.

Ein Bündel Kabel klebt am Körper der kleinen Benni, die durch ihre Löwenmähne hindurch die Psychiaterin fixiert, die sie gerade behandelt. Doch die Ärzte der Einrichtung sind weniger daran interessiert zu verstehen, was dem ungestümen Mädchen fehlen könnte, als daran, seine unbändige Kraft medikamentös auf ein sozial verträgliches Maß herunterzuregulieren. Denn Benni, die eigentlich Bernadette heißt, diesen Namen aber entschieden „zu tussig“ findet, ist mehr als das, was man üblicherweise einen „Wildfang“ nennt. Mit gerade mal neun Jahren ist sie aufgrund ihrer Wut- und Gewaltausbrüche durchs Netz beinahe jeder Institution gefallen und zu einem Fall geworden, der in der Kinder- und Jugendhilfe als „Systemsprenger“ bezeichnet wird.

Dass hinter Bennis unberechenbarem Verhalten eine schwere frühkindliche Traumatisierung steckt, ist den Behörden bekannt. Trotzdem sind die meisten Pädagogen, die sich um ihre Reintegration bemühen, angesichts ihres Verhaltens hilflos, auch weil sie psychoanalytisch nicht ausgebildet sind. Ohne die Dynamik interpersoneller Gewalterfahrung zu verstehen, nehmen sie die Aggression des Kindes persönlich und missdeuten sie als Ungezogenheit. Ein schmerzhaftes Versagen von Kommunikation tut sich auf. So versuchen die Betreuer immer wieder, Benni durch Disziplinierungsmaßnahmen in die Schranken zu weisen – womit sie deren Aggressionen nur noch verschlimmern. Die wenigen spezialisierten Therapieplätze sind belegt, und für eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie ist das Mädchen noch zu jung.

Institutionelle Teufelskreise

Die Regisseurin Nora Fingscheidt hat für das Drehbuch zu ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm viele Jahre in sozialen Einrichtungen recherchiert und die Erfahrungen der Mitarbeiter aufgegriffen. Ihre sensible Herangehensweise ist weder anklagend noch urteilend, sondern ein kraftvolles Plädoyer für das Verständnis der betroffenen Kinder. Besonders deutlich wird dabei der Einfluss fehlender Bindungen auf die psychische Entwicklung des Mädchens. Benni wandert von Pflegefamilien in Heime und wieder zurück in Notaufnahmestationen des Jugendamts. Dabei entsteht ein Teufelskreis, denn ihr unbehandeltes Trauma verunmöglicht es, Vertrauen in soziale Beziehungen zu fassen, die Benni so dringend bräuchte, um eine innere Stabilität zu finden.

Die verzweifelte Sozialarbeiterin Frau Bafané engagiert schließlich einen Anti-Gewalt-Trainer, der normalerweise mit älteren, straffällig gewordenen Jugendlichen zusammenarbeitet. Als Micha (Albrecht Schuch) Zeuge eines Ausbruchs von Benni wird, der wieder einmal eine Zwangssedierung zur Folge hat, spiegeln sich auf seinem Gesicht tiefe Emotionen. Man spürt, dass der erfahrene Boxkämpfer weiß, was das Mädchen durchmacht, weil ihm selbst traumatische Erfahrungen innewohnen.

Nichts außer dem bloßen Leben

Mit ruhiger Bestimmtheit setzt ihr Micha Grenzen, begegnet Benni dabei jedoch immer auf Augenhöhe. Es gelingt ihm, bei den Behörden eine experimentelle Einzelbehandlung durchzusetzen, in der er Benni mit in eine entlegene Hütte im Wald nimmt. Die Ruhe der Umgebung und die Präsenz eines empathischen Gegenübers ermöglichen dem Mädchen zum ersten Mal die Erforschung der eigenen Gefühlswelt. Schon nach kurzer Zeit zeigen sich erstaunliche Fortschritte, die jedoch nicht von Dauer sind, da Micha die Ressourcen für eine längere Betreuung fehlen. Bennis zaghafte Versuche sich zu öffnen, werden erneut von einer Zurückweisung bedroht, die sie nicht verkraften kann.

„Systemsprenger“ ist zu keinem Zeitpunkt ein nüchternes Sozialdrama, wie man es von einem deutschen Film vielleiht erwartet würde. Stattdessen wird das Publikum auf einer affektiven Ebene in den Film involviert, wie es auf so tiefgreifende Weise im Kino selten zu erleben ist. Ein Großteil verdankt sich dem außergewöhnlichen Spiel von Helena Zengel, die Benni mit einer derartigen Intensität verkörpert, dass jede Distanz zur Leinwand förmlich zerspringt. Albrecht Schuch markiert durch seine zurückgenommene und eindringliche Mimik einen nicht minder kraftvollen Gegenpol.

Schnelle Schnitte und dynamische Kameraeinstellungen lassen die Zuschauer auch physisch in Bennis Erleben eintauchen und machen ihre innere Getriebenheit erfahrbar, eine Haltlosigkeit, die berührt und betroffen macht. Auch über die beiden Sozialarbeiter, die für die Verletzlichkeit des Kindes einen Sensus haben, entsteht eine stellenweise kaum aushaltbare Nähe, weil man nicht umhinkommt, sich mit ihnen wirksame Hilfe zu wünschen – wohlwissend, dass diese sich nicht realisieren kann, weil das Sozialsystem andere Prioritäten setzt.

Eine unbändige, uneingelöste Sehnsucht

Für die starke Wirkung des Films ist die tonale Ebene von großer Bedeutung. Bennis verzweifelte Schreie aktivieren instinktiv primäre Erfahrung, wie sie wohl jeder Mensch im Angewiesensein auf die eigene Mutter kennt. Die ebenso unbändige wie uneingelöste Sehnsucht, die das Mädchen immer wieder zu der Frau zurücktreibt, die ihm nicht viel mehr als das bloße Leben geschenkt hat, ist ein schmerzhafter wie auch wahrhaftiger Moment der Geschichte. Er lässt sich kaum besser zusammenfassen als mit den Worten Nina Simones, die mit rauer Melodik über den Abspann klingen: „Ain’t Got No – I Got Life“.

Eine Kritik von Silvia Bahl