Das Ende der Wahrheit

  Mittwoch, 26. Juni 2019 - 19:30 bis - 21:05
Treffer: 51
Der Tod seiner Freundin bei einem angeblichen Terroranschlag auf ein Café bringt einen BND-Mitarbeiter (Ronald Zehrfeld) auf die Spur dubioser Machenschaften, in die auch sein eigener Dienstgeber verwickelt ist. Der komplexe Politthriller entwirft eine schwer durchschaubare Gemengelage aus ökonomischen Interessen, geopolitischen Strategien, Machtkalkül und Korrumpierbarkeit als Spiegel der dissonanten Gegenwart. -
mit Ronald Zehrfeld, Alexander Fehling, Axel Prahl

Eintritt: 5,00 €

Deutschland 2019
Kinostart: 9. Mai 2019
105 Minuten
FSK: ab 16; f

Regie/Drehbuch: Philipp Leinemann
Kamera: Christian Stangassinger
Musik: Sebastian Fillenberg
Schnitt: Max Fey 

Deutscher Filmpreis für Alexander Fehling als "Bester männlicher Nebendarsteller" für seine Rolle in "Das Ende der Wahrheit"

Darsteller:
Ronald Zehrfeld (Martin Behrens) · Alexander Fehling (Patrick Lemke) · Claudia Michelsen (Aline Schilling) · Antje Traue (Aurice Köhler) · Axel Prahl (Joachim Rauhweiler) · August Zirner (Stefan Grünhagen) · Katharina Lorenz (Lucia Wendlandt) · Thomas Loibl (Tobias Gruber) · Alireza Bayram (Mansoud Behzad) · Walter Kreye (Benjamin Vossmeier) · Norman Hacker (Michael Sachner) · Thomas Thieme (Hubert Ahlshorn)

FilmhomepageWikipedia

Kritiken:
Kritik von Anke Westphal im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Ulrich Kriest im Filmdienst (2 von 5 Sternen)
Kritik von Michael Meyns auf Programmkino.de
  
Trailer (99 Sekunden):


ausführliche Kritik Filmdienst
Politthriller um einen BND-Mann, der bei den Ermittlungen zum Tod seiner Freundin während eines angeblichen Terroranschlags dubiosen Machenschaften des eigenen Geheimdienstes auf die Spur kommt.

Martin Behrens arbeitet beim Bundesnachrichtendienst als Experte für Zentralasien. Der von Ronald Zehrfeld gespielte BND-Mann spricht die einschlägigen Sprachen und kennt Gegend und Mentalität der Menschen aus mehreren, allerdings nicht immer erfolgreichen Einsätzen. Als vermeintlicher Übersetzer nutzt er die Gelegenheit, einen Asylbewerber unter Druck zu setzen, weil er an wichtige Information kommen will. Dem Mann im Gegenzug pauschal eine Aufenthaltsgenehmigung zu versprechen, ist ebenso Teil seines Jobs wie der Umstand, dass die erpressten Informationen zu einem tödlichen US-Drohnenangriff auf den Miliz-Chef Al-Bahiri führen.

Später sieht man, wie der dann doch abgeschobene Informant zum Protagonisten eines Enthauptungsvideos wird. Und noch etwas später wird klar, dass es der Geheimdienst der (fiktiven) Region Zahiristan gewesen ist, der sich mit Hilfe fremder Dienste Al-Bahiris auf elegante Weise entledigt hat. Behrens hat offenkundig einen Job, bei dem aus übergeordneten Gründen ohne Skrupel über Leichen gegangen wird.

Eine gefährliche Affäre

Andererseits, so verlangt es das Genre des Politthrillers, das Regisseur Philipp Leinemann als Nachfolger seines SEK-Thrillers Wir waren Könige gewählt hat, braucht es einen Protagonisten mit glaubhaftem Aufklärungsimpuls. Deshalb (und nur deshalb) hat Behrens eine Affäre mit der Journalistin Aurice Köhler (Antje Traue). Für die Reporterin könnte es vielleicht noch Sinn machen, dass sie mit einem BND-Mann anbandelt, für Geheimdienstler stellt es eine grobe Verletzung der Sicherheitsstandards dar. Bei einer Pressekonferenz fällt Köhler dann auch nicht nur durch kritische Fragen auf, sondern auch durch den kaum kaschierten Kontakt zu Behrens, was nicht unbemerkt bleibt und Behrens unmissverständlicher Kritik aussetzt.

Die Journalistin ist offenbar an einer großen Geschichte dran, die von der Verstrickung des BND mit der Waffenlobby handelt, und steht im Begriff, einen wichtigen Informanten zu treffen. Kurz darauf zählt Köhler zu den Opfern eines Terrorüberfalls auf ein arabisches Café in München. Behrens, der sich urplötzlich vom Geheimdienstmann zum Privatermittler wandelt, erkennt, dass Köhlers Verletzungen auf eine Hinrichtung schließen lassen und der Mord als Terroranschlag „inszeniert“ wurde.

Eingedenk der Schauspieler-Persona von Ronald Zehrfeld, der in den „Dengler“-Fernsehkrimis als aufrechter Privatermittler auch immer eher zufällig „großen Geschichten“ auf die Schliche kommt, nimmt „Am Ende der Wahrheit“ diese Genre-Interferenz gerne mit, um die plötzliche Distanz des BND-Mitarbeiters zu seiner eigenen Firma zu plausibilisieren. Aus „moralischen“ Gründen, versteht sich.

Schlecht sitzende Anzüge

Fehlt noch: das Gegenspiel. Hier erweist sich das Gelände als etwas unübersichtlich. Welche Rolle spielt der Tod Al-Bahiris? Welche Rolle spielt Zahiristan geopolitisch? Ist der Münchner Anschlag ein islamistischer Vergeltungsschlag für die Ermordung von Al-Bahiri? Wer will aus welchen Gründen die Aufhebung des internationalen Waffenembargos gegen das diktatorische Regime in Zahiristan? Welche Rolle spielen die Geheimdienste? Und die Waffenlobby? Behrens ermittelt auf eigene Faust und sieht sich im eigenen Haus isoliert, nicht zuletzt durch den jungen, sehr arroganten Bürokraten Patrick Lemke, der Behrens’ Expertise und Eigensinn äußerst reserviert begegnet. Lemke wird von Alexander Fehling gespielt, der seiner Figur eine gebrochene Körperlichkeit verpasst. Lemke hängt gewissermaßen in seinen schlecht sitzenden Anzügen und macht sich erst gegen Ende etwas gerader. Beim BND werden offenbar von verschiedenen Akteuren unterschiedliche Süppchen gekocht, und nicht immer weiß die linke Hand, was warum die rechte gerade so treibt.

Die Crux des Films besteht darin, dass das Geschehen einerseits recht undurchschaubar ist, andererseits Behrens und nicht zuletzt auch die Kamera permanent Indizien sammeln, die sich auf unterschiedlichen Ebenen zu einem vielleicht komplizierten, aber durchaus stimmigen Bild aus ökonomischen Interessen, geopolitischen Strategien, abgründigen Schachzügen, Machtkalkül und Korrumpierbarkeit zusammensetzen lassen. Dass man dies alles gewissermaßen in Handarbeit herstellen soll, ist für einen Politthriller etwas misslich, weil eigentlich „old school“.

Tendenz zum Trivialen

Denn es gibt hier durchaus Instanzen, etwa Behrens oder der filmische Diskurs, die eine stimmige Narration der Aufklärung anbieten können. Während italienische (etwa Die Macht und ihr Preis), französische (Der Richter, den sie Sheriff nannten) oder US-amerikanische (Zeuge einer Verschwörung) Genre-Klassiker der 1960er- und 1970er-Jahre und auch ein paar neuere deutsche Filme (Unter dir die Stadt) wussten oder ahnten, dass es in dieser Narration nicht nur Momente des Widerstrebenden und Unaufgelösten geben muss, damit die Weltordnung für den Zuschauer produktiv beschädigt bleibt, wählt Leinemann eher die versöhnlich-kleinbürgerliche Variante, die Behrens sogar als „last man standing“ seine kleine, gemeine, sehr persönliche Rache gönnt und ihm Druckmittel an die Hand gibt, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Dieser Tendenz zum Trivialen ist auch mit noch so spektakulären und drastischen Bildern von Terroranschlägen und Polizeieinsätzen nicht beizukommen.

Eine Kritik von Ulrich Kriest