Seniorenkino: Der Vorname

  Dienstag, 03. September 2019 - 15:30 bis - 22:15
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Ein mehr als ungewöhnlicher Vorname ist Auslöser eines Familienstreits, der im Lauf eines Abendessens immer extremer wird. Basierend auf dem gleichnamigen französischen Film haben Sönke Wortmann und seine vier Hauptdarsteller viel Spaß, sich in „Der Vorname“ allerlei Bosheiten an den Kopf zu werfen, mit denen Scheinheiligkeiten und Vorurteile entlarvt werden.

Eintritt: 5,00 €

Frankreich 2017
Kinostart: 18. Oktober 2018
91 Minuten
FSK: ab 6; f

Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Claudius Pläging 
Remake von "Der Vorname" (Frankreich 2012 von Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte)
Kamera: Jo Heim
Musik: Helmut Zerlett
Schnitt: Martin Wolf
FBW: Prädikat besonders wertvoll  

Darsteller:
Florian David Fitz (Thomas Böttcher) · Christoph Maria Herbst (Stephan Berger) · Caroline Peters (Elisabeth Berger-Böttcher) · Justus von Dohnanyi (René König) · Janina Uhse (Anna) · Iris Berben (Dorothea Böttcher) · Serkan Kaya (Pizzabote) 

Wikipedia, alle Daten zum Film auf Filmportal.de

Kritiken:
Kritik von Birgit Roschy im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Marius Nobach im Filmdienst (2 von 5 Sternen)
Kritik von Michael Meyns auf Programmkino.de
Kritik von Wolfgang Nierlin in der Filmgazette
Kritik von Tim Niendorf in der FAZ
Kritik von Philipp Bovermann in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Matthias Dell in der Zeit
Kritik von Hanns-Georg Rodek in der Welt
Kritik von Eugen Zentner auf Kino-Zeit.de
Kritik von Holer Heiland auf Kunst und Film
  
Trailer (117 Sekunden):


ausführliche Kritik Filmdienst
„Namen sind Schall und Rauch.“ Die sich auf Goethe berufende Redensart darf in einem deutschen Film natürlich nicht fehlen, der sich mit dem Wesen von Namen und ihrem möglichen Einfluss auf den Charakter stellt. Sie fließt gleich zu Beginn von Sönke Wortmanns „Der Vorname“ aus dem Off durch die Bonner Gymnasiallehrerin Elisabeth ein. Die Pädagogin scheint hart im Nehmen, was gewöhnungsbedürftige Namen angeht. Den sperrigen Doppelnamen Berger-Böttcher hat sie jedenfalls genauso bereitwillig angenommen, wie sie den Plan ihres Ehemannes Stephan mitgetragen hat, ihre beiden Kinder Caius und Antigone zu nennen.


Ansonsten ist Originalität nicht die markanteste Eigenschaft von Stephan, der als Professor der Neueren deutschen Literatur eher die Klassiker pflegt und gerne auf Prinzipien herumreitet. Für Thomas, den Freund aus Kindertagen und Elisabeths Bruder, hat Stephan stets den passenden Kniff parat, um dessen Mangel an Bildung bloßzustellen. Sei es unmittelbar durch Wissensfragen oder indirekt durch die „Bildungsbürgertapete“ seines Hauses am Rhein – die sorgsam zusammengestellte Wand aus Büchern, die Stephan allesamt mehrfach gelesen haben will.

Thomas hat dem Schwager sein gut laufendes Immobiliengeschäft entgegenzusetzen und an diesem Abend Neuigkeiten über seinen noch ungeborenen Sohn. Nach langem Raten im Familienkreis verkündet er seinen Gastgebern, sein Kind „Adolf“ nennen zu wollen. Eine Provokation, gegen die Stephan einige Einwände hat, die in der Folge ebenso auf den Tisch kommen wie andere unausgesprochene Ressentiments, Geheimnisse, Tadel, Spott und Häme, woran sich auch Familienfreund René und die mit Verspätung dazustoßende Kindsmutter Anna beteiligen.

Einiges ist anders in der deutschen Neuverfilmung des Theaterstücks von Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte, das die beiden Autoren im Jahr 2012 selbst fürs Kino adaptiert haben. So entfällt etwa der im Original wichtige Streit um den Unterschied zwischen den Namen „Adolphe“ als Hommage an den französischen Romanklassiker von Benjamin Constant und „Adolf“ mit seiner unvermeidlichen Referenz auf Hitler. Bei Wortmann zielt der Disput zwischen Thomas und Stephan von Anfang an in eine politische Richtung. Stephans moralischer Überheblichkeit, dass eine solche Idee in Zeiten brennender Asylbewerberheime und dem Wachsen rechter Parteien ein politisches Signal schlimmster Sorte sei, hält Thomas entgegen, dass sein Sohn gerade wegen des Namens ein positives Gegenmodell sein werde. Der befleckte Vorname sei sogar „ein erster Schritt, um den Mythos Hitler zu besiegen“. Ein Mythos, den vor allem Menschen wie Stephan mit ihren Berührungsängsten am Leben erhalten würden.

Es sind diese verbalen Scharmützel mit ihren absurden Übertreibungen, die das Theaterstück auch auf deutschen Bühnen zum Dauerbrenner gemacht haben und den Reiz einer deutschen Kinoversion erklären. Die gesellschaftsrelevanten Ansätze des Stoffs werden bei Wortmann allerdings auf Phrasen reduziert, die sich bald im Eintopf der Beleidigungen und (dezenten) Tabubrüche auflösen, sobald die Frage nach dem Kindernamen erst mal aus dem Fokus verschwunden ist.

Ähnlich wie in seiner ebenfalls nach einer erfolgreichen Theatervorlage entstandenen Komödie „Frau Müller muss weg kann man die präsentierte Gesellschaft schlicht nicht ernst nehmen. Verantwortlich dafür ist vor allem die mangelnde Chemie zwischen den Darstellern: Während Christoph Maria Herbst als Stephan, Florian David Fitz in der Rolle des Thomas und Caroline Peters als Elisabeth jeweils ihr eigenes Stück zu spielen scheinen, in dem sie gnadenlos überziehen, erweisen sich Janina Uhse als Anna und Iris Berben in einem überflüssigen Gastauftritt durch ihr fades Spiel sogar als veritable Störfaktoren. Lediglich Justus von Dohnányi vermag seiner Rolle als konfliktscheuer Klarinettist René Konturen zu geben und Leben und Wärme einzuhauchen, was angesichts des Timing-Defizits um ihn herum durchaus eine Leistung ist.

Ganz kann freilich auch Wortmanns vertändelte Version die Stärken der Vorlage nicht auslöschen, sodass zwischendurch vereinzelte Pointen immer wieder zünden. Doch die fehlende Verdichtung und der träge Fluss der Handlung machen Wortmanns „Der Vorname“ zur eher zähen Erfahrung, insbesondere im Vergleich mit der französischen Verfilmung, die sich 20 Minuten mehr Zeit nahm, aber ungleich spritziger und kurzweiliger wirkt. Eines der schlagenden Argumente in „Der Vorname“ lässt sich eben nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Mehrfach-Verfilmungen anwenden: Der Name allein sagt noch nichts über Wesen und Qualitäten des Einzelnen aus.

Eine Kritik von Marius Nobach