Roma – Oscar 2019 (Bester fremdsprachiger Film, Beste Regie, Beste Kamera)

  Mittwoch, 03. April 2019 - 19:30 bis - 21:45

Videokritik von Verena Lueken für die FAZ (203 Sekunden):



Eintritt: 5,00 €

Mexiko 2018
Der Film "Roma" ist in Spanisch mit deutschen Untertiteln und in schwarz-weiß.
Kinostart: 6. Dezember 2018 (bzw. unklar, weil er da nur für ein paar Tage in einer Handvoll Kinos lief)
135 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie/Drehbuch/Kamera/Produktion/Schnitt: Alfonso Cuarón

Darsteller:
Yalitza Aparicio (Cleo) · Marina de Tavira (Sra. Sofía) · Marco Graf (Pepe) · Daniela Demesa (Sofi) · Carlos Peralta (Paco) · Nancy García (Adela) · Diego Cortina Autrey (Toño) · Verónica García (Sra. Teresa) · Andy Cortés (Ignacio) · Fernando Grediaga (Sr. Antonio)

Auszeichungen
IMDB: 178 Filmpreise plus 173 Nominierungen
WIKIPEDIA (Auszug)

WIKIPEDIA

Kritiken:
Kritik von Barbara Schweizerhof im Filmmagazin EPD (4 von 5 Sternen)
Kritik von Felicitas Kleiner im Filmdienst (5 von 5 Sternen)

Kritik von Ijoma Mangold in der Zeit
Kritik von Verena Lueken in der FAZ
Kritik von Annett Scheffel in der Süddeutschen Zeitung
Kritik von Christina Peitz im Tagesspiegel 
Kritik von Hans-Georg Rodek in der Welt
Kritik von Beatrice Behne auf Kino-Zeit.de
Kritik von Lukas Foerster auf Perlentaucher
Kritik von Eva-Christina Meier in der taz
Kritik von Katja Nicodemus auf NDR Kultur 
Kritik von Anna Wollner für mdr Kultur
Kritik von Rüdiger Suchsland auf artechock
Kritik von Bettina Dunkel auf BR24
Kritik von Murièle Weber im Filmbulletin
Kritik von Bert Rebhandl für den Wiener Standard

Interview von Partick Heidmann mit Regisseur Alfonso Cuarón für die Stuttgarter Zeitung
Interview von Andreas Borcholte mit Regisseur Alfonso Cuarón im Spiegel

Trailer (123 Sekunden):


Videokritik von Verena Lueken für die FAZ (203 Sekunden):

Interview mit Regisseur Alfonso Cuarón (154 Sekunden):

ausführliche Kritik Filmdienst  
Fiktionalisierter Rückblick des Filmemachers Alfonso Cuarón auf seine Kindheit in Mexiko City während der frühen 1970er-Jahre. In luziden Schwarz-weiß-Bildern entfaltet sich ein fesselndes Zeitbild, das durch seine Bild- und Tongestaltung ebenso fasziniert wie durch seine sensiblen Figuren.

Mit geschlossenen Augen auf einem Bein stehen – das sieht nicht nach einem großen Kunststück aus. Wenn man es selbst probiert, merkt man aber schnell, wie schwierig es ist. Dementsprechend ist es ein elendes Schwanken und Stolpern, als eine Klasse von Martial-Arts-Schülern versucht, ihrem Meister diese scheinbar so simple Übung nachzumachen. Nur eine steht am Rande des Feldes, auf dem die Schüler trainieren, wie eines Eins: Cleo, ein Hausmädchen aus dem nahen Mexiko City, das eigentlich nur zu Besuch ist, um seinen Ex-Freund zu sehen, ruht in sich wie ein Baum.

Diese kleine Szene ist einer jener Momente in Alfonso Cuaróns „Roma“, in denen der Realismus ins Magische spielt und die Protagonistin etwas Überlebensgroßes ausstrahlt, sozusagen von der Liebe verklärt, mit der Cuarón sie betrachtet. Im Vergleich zu Cuaróns Hollywood-Filmen („Gravity“, „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“) erzählt „Roma“ eine sehr bescheidene Geschichte. Gedreht in Mexiko City und benannt nach jenem Stadtteil der Metropole, in dem der Regisseur aufwuchs, entfaltet der Film einen fiktionalisierten Rückblick auf die Kindheit des Filmemachers in den 1970er-Jahren, mit einem sehr genauen Blick auf die sozialen Verhältnisse. Aber „Roma“ ist auch eine Liebeserklärung, eine Hommage an die Frauen, die Cuarón aufgezogen haben, vor allem aber das indigene Hausmädchen, das im Film Cleo heißt und von der Laiendarstellerin Yalitza Aparicio verkörpert wird.

Der Moment, in dem die junge Frau mit geschlossenen Augen auf einem Bein steht, markiert das, worum es Cuarón mit diesem Film geht: die Feier einer Lebensleistung, die unscheinbar und leicht zu übersehen ist, aber den größten Respekt verdient. Zusammen mit einer Freundin arbeitet Cleo für eine wohlhabende Mittelstandsfamilie, die Cuaróns eigener Familie angelehnt ist, und hilft deren Mutter Sofia, ihre vier Kinder zu erziehen. „Roma“ taucht in den Alltag dieses häuslichen Lebens ein und verfolgt, wie über den Graben, der Angestellte und Arbeitgeberin trennt und der auch ein Graben zwischen der indigenen und der spanischstämmigen Bevölkerung des Landes ist, hinweg Cleo und Sofia im Lauf der Handlung ähnliche Schicksalsschläge treffen: Cleo wird von ihrem Freund schwanger und daraufhin prompt sitzengelassen; Sofias Mann, ein Arzt, verlässt seine Familie von einem auf den anderen Tag.

Und das in politisch schwierigen Zeiten: Die familiären Tragödien der Frauen überschneiden sich mit der Phase der Studentenproteste in der mexikanischen Hauptstadt, die demokratische Reformen in dem autoritär regierten Land einfordern, und mit dem brutalen Gegenschlag einer von der Regierung gestützten paramilitärischen Gruppe, der als „Corpus Christi Massaker“ (1971) in die mexikanische Geschichte eingegangen ist. Cuarón verquickt diesen zeitgeschichtlichen Hintergrund in einer ebenso meisterhaften wie markerschütternden Sequenz direkt mit Cleos Geschichte, indem der Zeitpunkt, an dem bei dem schwangeren Hausmädchen die Wehen einsetzen, mit der gewaltsamen Eskalation in der mexikanischen Hauptstadt zusammenfällt und das Ende politischer Hoffnung mit dem verbindet, was Cleo zustößt.

Ausgestattet wurde „Roma“ von dem mexikanischen Production Designer Eugenio Caballero, der seine Kunst unter anderem schon in Guillermo del Toros „Pans Labyrinth“ demonstrierte; das Mexiko City der 1970er-Jahre und Cuaróns Elternhaus werden ungemein sinnlich zum Leben erweckt. Cuarón hat den Film in luzidem Schwarz-weiß gedreht. Zusammen mit dem exzellenten Sound-Design resultiert daraus ein Film, der durch seine schiere Poesie für sich einnimmt: Die Textur der Gegenstände, das Licht- und Schattenspiel im Innenhof und in den Räumen fordern von der Titelsequenz an ähnlich viel Aufmerksamkeit wie das Auf und Ab im Leben der Menschen, die sich darin bewegen. Ein Zeitbild voller Schönheit, in dem gelegentlich auch ein frecher Sinn für Humor aufblitzt – etwa wenn der Vater in dem Augenblick, als er zum ersten Mal im Film auftaucht, zunächst nur durch seinen protzigen Ford in Szene gesetzt wird, der für die häusliche Einfahrt viel zu breit ist.

„Roma“ ist aber auch ein Zeitbild, das nichts beschönigt. Sofia und Cleo mögen den Katastrophen, die sie treffen, zwar dadurch begegnen, dass sie sich solidarisieren und umso fester zusammenhalten, doch die unsichtbare soziale Grenze, die zwischen ihnen besteht, wird nie ganz überwunden, was der Film trotz aller Poetik sehr deutlich und illusionslos festhält.

Eine Kritik von Felicitas Kleiner